© Joachim Liebe; Montage: in medias res

Schlüsseldatum des 20. Jahrhunderts

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Das Jahr 1979 gilt als „das Schlüsseldatum des 20. Jahr­hunderts“ (Peter Sloterdijk) und wird als der „Beginn der multi­polaren Welt von heute“ (Claus Leggewie) bezeichnet. Monat für Monat reihte sich ein drama­tisches Ereignis an das andere. Prof. Frank Bösch, u.a. Direktor des Zentrums für Zeit­historische Forschung in Potsdam, greift 10 Themen­felder heraus und nimmt die Leser auf eine faszi­nierende Weltreise mit.

© Joachim Liebe

1979 waren Sie gerade mal neun Jahre alt. Erinnern Sie sich noch, was Sie damals bewegte?
Vor allem der damals dramatische Wintereinbruch mit meterhohem Schnee. Für uns Kinder ein Spaß, aber weltweit verstärkte dies die Panikkäufe angesichts der erneuten Ölkrise.

Wer oder was hat Ihr Interesse an Geschichte geweckt?
Mein Vater ist beruflich sehr viel gereist und war 1979 etwa auch im Iran, was sicher meinen Blick für globale Ereignisse schärfte. Prägend waren zudem die geschichtspolitischen Debatten der 1980er Jahre und die Maueröffnung 1989.

Wie würden Sie Ihr Selbstverständnis als Historiker auf den Punkt bringen? Worin sehen Sie Ihre Hauptaufgabe?
Das Staunen über die Andersartigkeit früherer Zeiten, die zu erklären auch die Urteilskraft über gegenwärtige Fragen schärfen kann. Als Wissenschaftler will ich neue Erkenntnisse ermitteln, die aktuelle Relevanz haben können, aber nicht direkte Handlungsanleitungen ergeben.

Aus welchem Grund haben Sie 1979 als Bezugspunkt gewählt?
Mich interessierten Ausgangspunkte für aktuelle Herausforderungen und Paradigmen, wie Neoliberalismus und Globalisierung, Energieprobleme und Ökologie oder Islamismus und Flüchtlingsdebatten. Dabei fiel mir auf, dass viele dieser Fragen mit globalen Ereignissen verbunden sind, die 1979 stattfanden, von der islamischen Revolution über die Aufnahme der Boat People bis zu Margaret Thatchers Wahl.

Sie zitieren den Politikwissenschaftler Claus Leggewie, der 1979 als „Beginn der multipolaren Welt“ bezeichnet. Wie ist das zu verstehen und wie wirkt es sich aus?
1979 gilt als erneuter Höhepunkt des Kalten Krieges, besonders durch den Nato-Doppelbeschluss und den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan. Zugleich löste sich aber die bipolare Ordnung schrittweise auf: China steigt zu einer neuen Großmacht auf, der Nahe Osten wird nicht nur im Iran zu einer Region mit eigenen Logiken und sowohl die UdSSR und die USA verlieren an globalem Einfluss.

„Globale Stunde Null?“

Der Internetaktivist Julian Assange geht soweit, 1979 als das „Jahr Null“ unserer modernen Zeit zu bezeichnen. Würden Sie beipflichten?
1979 war in Teilen der Welt ein „Jahr Null“, etwa in Iran, Afghanistan, Nicaragua oder China. Aber dennoch ist es natürlich keine globale „Stunde Null“.

Mit welchem Erkenntnisinteresse haben Sie sich an die Arbeit an Ihrem Buch gemacht?
Neben der Geschichte der Gegenwart war es mein wichtigstes Anliegen, globale Entwicklungen mit Veränderungen in Deutschland zu verbinden. Also die Frage, wie globaler Wandel mit der Bundesrepublik, aber oft auch mit der DDR verwoben ist.

Nach welchen Kriterien haben Sie aus der Vielzahl an markanten Ereignissen die Themen für Ihr Buch ausgewählt?
Jedes der zehn Ereignisse sollte damals bereits als global relevanter Einschnitt angesehen worden sein und für ein bis heute relevantes Problem oder Paradigma stehen.

Die Staaten und Kulturen, in denen sich die Schlüsselereignisse von 1979 abspielten, sind sehr verschieden. Dennoch: Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den von Ihnen untersuchten Umbruchszenarien?
Alle sind Reaktionen auf Krisendiskurse, aus denen sich dann Pfadwechsel entfalten. Sie haben zwar eine Vorgeschichte, stehen jedoch für einen dynamischen Wandel, dessen Richtung offen ist. Oft richten sie sich gegen die liberalen Reformen der 1970er Jahre.

Im Epilog zu Ihrem Buch verwenden Sie bildhafte Vergleiche. Welche „Flutwellen“, die 1979 ihren Ursprung hatten, wirken sich heute am gravierendsten aus?
Schwer zu entscheiden. Sicher der Glaube an den Markt und die politische Macht der Religion, aber auch die Serie „Holocaust“. Der Atom-Unfall bei Harrisburg etwa war ein erster Beleg, dass AKWs nicht sicher sind und eine Energiewende nötig ist.

Sie schildern eben nicht nur die große Politik, sondern auch die Wiederspiegelung im Alltag, z.B. dass es in China plötzlich auch Coca-Cola zu kaufen gab. Was ist das Interessante am Alltäglichen?
Globale Perspektiven und erst recht die Globalisierung werden erst greifbar, wenn wir den Alltag und Handlungen einzelner Akteure betrachten. Gerade in China änderte sich der Alltag 1979 radikal: Nicht mehr Volkskommunen strukturierten das Leben ohne Privatbesitz, sondern nun auch eigene Leistungen. Coca-Cola war in China das Symbol dafür, dass der westliche Kapitalismus einzog, auch wenn sie erst kaum wer kaufen konnte.

Sie gelten als profunder Kenner der Mediengeschichte und machen sich um die Erforschung verdient, ob durch Etablierung im Universitätsbereich oder durch einzelne Studien. Was spricht dafür, das Thema Medien kontinuierlich und genau im Blick zu haben?
Medien strukturieren nicht nur unsere Wahrnehmung von der Welt, sondern werden oft zu Akteuren, die Geschichte beeinflussen. Diese Medialität von Geschichte und die prägende Kraft von Öffentlichkeiten versuche ich auch in diesem Buch zu zeigen.

An welchem Beispiel lässt sich die bedeutende Rolle der Medien am deutlichsten aufzeigen?
Medien und Journalisten trugen etwa maßgeblich dazu bei, dass 1979 Boat People aus Vietnam aufgenommen wurden oder mit der Serie „Holocaust“ der Judenmord neu aus der Opferperspektive ins Bewusstsein der Welt geriet. Große Reformer in dem Jahr, wie Khomeini, Papst Johannes Paul II., Thatcher oder Deng Xiaoping, wurden durch ihre Medienpräsenz zu charismatischen Figuren. Ferne Länder wie Nicaragua wurden durch Medien zu Sehnsuchtsorten, in die viele zur solidarischen Hilfe reisten.

Blicken wir aufs 1. Kapitel Ihres Buches: Was wäre Khomeini gewesen ohne all die Journalisten, die mit ihm ins Flugzeug stiegen, um ihn aus dem Exil in Paris zurück nach Teheran zu begleiten? Was wäre aus seiner Revolution geworden?
Die Weltpresse baute Khomeini im Paris Exil 1978/79 zum zentralen Gegenspieler des Schahs auf, was in den Iran zurück wirkte. Die Bilder der Demonstrationen gaben der Revolution und dem Machtwechsel Kraft und Legitimität. Umgekehrt diskreditierten die Aufnahmen von der Gewalt die neu aufgebaute islamische Republik, was über die Medien zu anti-islamischen Stereotypen führte.

Am Zentrum für Zeithistorische Forschung haben Sie den Radius erweitert auf die Computerisierung und Digitalisierung. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse, die inzwischen gewonnen wurden?
Mein Forschungsteam hat ermittelt, wie die Einführung von Computern in Ost- und Westdeutschland seit den 1950er Jahren die Lebenswelt veränderte. Viele gesellschaftliche Reformen wären ohne diese nicht möglich gewesen. Viele Probleme unserer heutigen Computerwelt traten bereits vor 50 Jahren auf.

Und welche international relevanten Ereignisse wären ohne digitale Medien undenkbar gewesen?
Die in meinem Buch behandelten Ereignisse geschehen noch alle analog, auch wenn vorher etwa 1969 die Mondladung ein globales Ereignis mit Computerhilfe bescherte. In den 1970er Jahren bewirkten vernetzte Computer eher einen strukturellen Wandel: Bei der Polizeifahndung, im Bankenwesen, Rentenreformen oder der eigensinnigen Aneignung durch Hacker. 1979 entstand übrigens auch das „usenet“ in den USA, die erste Form eines offenen Internet-Forums. Aber das war damals noch kein großes Ereignis und fand daher leider keine Berücksichtigung in meinem Buch.

Wie hat sich denn Ihre intensive Beschäftigung mit Medien und mit Öffentlichkeitswirksamkeit auf Sie selbst, auch als Autor, ausgewirkt?
Für Medien sind Medien und deren Geschichte eigentlich kein interessantes Thema. Hier ist das Interesse fast immer auf die „Realgeschichte“ ausgerichtet, da Strukturen der Öffentlichkeit als zu komplexe Meta-Reflexion gelten. Diese Forschungen fanden eher in der Fachwissenschaft Aufmerksamkeit.

Ab 1979 war verstärkt die Rede von Pluralismus und Vielfalt. Das klingt positiv – im Gegensatz zur neueren Entwicklung, die im Herbst 2018 auf dem letzten „Deutschen Historikertag“ das große Thema war: „Gespaltene Gesellschaft“.
Das Thema „Gespaltene Gesellschaft“ korrespondiert ja durchaus mit den Themen in meinem neuen Buch. Die öffentlich erstarkten Religionen schaffen ja nicht nur neue Gemeinschaften, sondern spalten auch; Neoliberalismus und Ökologie schufen neue gesellschaftliche Spannungslinien; und eine Serie wie Holocaust schuf eine breite einigende Betroffenheit über die Vergangenheit, aber eben auch neue Abwehrreaktionen gegen die NS-Zeit.

Wie lässt sich die Vielfalt retten?
Die verstärkte globale Öffentlichkeit förderte in den 1970er Jahren ein Gefühl von Vielfalt. Viele fassen das nach 1979 im Anschluss an Lyotard als „Postmoderne“ auf. Das Problem vieler Umbrüche von 1979 ist, dass sie neue gegensätzliche Gewissheiten aufbringen, die nicht die Akzeptanz von Vielfalt erlauben wollen. Vielfalt ist nur in Demokratien erreichbar, die es zu verteidigen gilt.

Angenommen, man würde Sie um einen Vorschlag bitten: Wer oder was verdient ihrer Überzeugung nach schon lange mal Aufmerksamkeit durch ein „Internationales Jahr“?
Politische Gefangene und Folteropfer. Verschiedene Beispiele zeigen, dass es möglich ist, durch Öffentlichkeit derartigen Opfern von staatlicher Repression zu helfen. Angesichts neuer autoritärer Regime ist diese Hilfe nötig.