© Felix Amsel

Ankommen im

Projekt „Garten“

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Gewagt und gewonnen: So kennen wir Meike Winnemuth, die 500.000 € im Quiz abräumte, klug investierte und die Erfahrungen ihrer Weltreise in dem Bestseller „Das große Los“ teilte. Jetzt verblüfft sie mit einem weiteren Selbstversuch, der die meisten Leser überraschen dürfte – sich für die Autorin aber fast logisch anfühlt. Ihre Sehnsucht: fester Boden unter den Füßen und endlich zuhause sein.

© Felix Amsel

Unverkennbar, dass Sie ein Faible für Selbstversuche haben. Da schrecken Sie anscheinend vor ziemlich nichts zurück. Welches Experiment war – Ihrer eigenen Einschätzung nach – das größte Wagnis? In welcher Situation mussten Sie am meisten über den eigenen Schatten springen?
Das ist ja der Witz: Ich springe nie über meinen eigenen Schatten, sondern folge immer ganz kindlich meinen jeweiligen Interessen oder Fragestellungen. Die verändern sich natürlich im Lauf des Lebens.

Auf Reisen waren Sie stilbewusst mit einer echten Reepschläger-Mütze vom Hamburger Mützenmacher Eisenberg unterwegs – einer Kopfbedeckung, die durch Helmut Schmidt bekannt wurde. Was ist nun die Krönung Ihres Gartenoutfits? Kultige Gummistiefel?
Gummistiefel von Aigle, kombiniert mit einem Herrenschlafanzug des britischen Kaufhauses Marks & Spencer. Denn am liebsten gehe ich gleich nach dem Aufwachen in den Garten und muss mir dann vor dem Zähneputzen meine verdreckten Pfoten schrubben, denn natürlich kann ich es nicht lassen, irgendwas zu zupfen.

Bei Meike Winnemuth denken wohl die meisten Leser immer noch zuerst an Ihren Weltreise-Bestseller – und staunen nicht schlecht, dass Sie nun das Gegenteil machen. Wie kam es vom Ankerlichten zum Wurzelnschlagen?
Von einem Garten hatte ich schon immer geträumt, richtig akut wurde es aber ausgerechnet während meiner Weltreise. Vermutlich will man immer das, was man nicht hat … Abgesehen davon finde ich es ganz normal, dass man widersprüchliche Sehnsüchte in sich trägt. Die wenigsten gehen denen aber konsequent nach, man hält sich eher an das urdeutsche „Entweder oder“ als an das viel menschenfreundlichere „Sowohl als auch“. Ich halt es da mit Walt Whitman: “Do I contradict myself? Very well then I contradict myself, (I am large, I contain multitudes.)“

Was Ihren Garten anbelangt, kann man von Liebe auf den ersten Blick sprechen, oder? Typisch für Sie?
Sehr typisch für mich. Die wichtigsten Entscheidungen meines Lebens habe ich blitzartig aus dem Bauch heraus getroffen. Alles, worüber ich ausführlich nachgedacht habe, erwies sich eher als Flop.

„Heimat muss man machen!“

Mit welchem Plan sind Sie angetreten?
Der Plan war, sich ein Jahr lang ganz auf einen überschaubaren Ort einzulassen, ihn zu begreifen und zu gestalten. Ich war auf der Suche nach einem Ort zum Ankommen, nach einem Gefühl der Zugehörigkeit. Und den muss man sich, davon bin ich überzeugt, selbst schaffen. Heimat muss man machen.

Nicht nur von der Ostseenähe her kann man sagen, dass Sie ziemlich ins kalte Wasser gesprungen sind. Wie würden Sie Ihre Startvoraussetzungen beschreiben?
Meine Startvoraussetzung: Enthusiasmus gepaart mit Ahnungslosigkeit. Ich hatte noch nie zuvor einen Garten, sondern lediglich Balkons und Dachterrassen. Da kann man zwar auch schon einiges lernen, aber es ist was völlig anderes, in echter Erde zu gärtnern – zumal ich einen extrem schweren, lehmigen Boden habe.

Packt Sie beim Blick aufs Meer nicht doch manchmal das Fernweh? Oder wie ergeht es Ihnen, wenn Sie mit Ihrem Foxterrier Fiete am Strand entlangspazieren?
Kein Fernweh, sondern pure Dankbarkeit, jeden Tag als erstes am Meer entlangzulaufen. Abgesehen davon: Mein Fernweh ist ja bedient worden, der Garten ist schließlich kein Knast. Ich war auf eine zweiwöchige Kreuzfahrt auf der MS Europa eingeladen, um an Bord zu lesen. Es ging einmal rund um die Ostsee, und der Törn entpuppte sich – mein berühmtes Glück mal wieder – als Gartenreise.

„Ein Haus auf Rädern – der absolute Traum!“

In Ihrem ersten Gartenjahr haben Sie den Frühling eingeläutet mit einer Großaktion einschließlich Minibagger. Vom Stapel gelaufen ist ein rollendes Gewächshaus. Was hat es damit auf sich und was ist das Tolle daran?
Der Minibagger musste ran, um den Rasen für meine Hochbeete abzuschälen, die ich aus alten Europalettenaufsätzen gebaut habe. Es arbeitet sich leichter, wenn zwischen den Beeten Rindenmulch liegt. Das rollende Gewächshaus ist eine Holzkiste auf Rädern, die ich bei einem dänischen Auktionshaus ersteigert habe. Das Wunderbare daran ist, dass man das Häuschen immer dorthin schieben kann, wo man es haben will, in die Sonne oder in den Schatten. Ein Haus auf Rädern – das ist ein absoluter Traum für Nomaden wie mich.

In Ihrer Gartentagebuch-Notiz vom 24. März schreiben Sie – die bekennende Entrümplerin – dass Sie begonnen haben, auf Verdacht Sachen aufzuheben. Was bewährt sich?
Viel Alltagsmüll lässt sich im Garten oder auf dem Balkon zweitverwerten. Aus Klopapierrollen und Eierkartons kann man kompostierbare Aussaattöpfe basteln, aus Obst-Plastikschalen aus dem Supermarkt Mini-Gewächshäuser für Sämlinge.

Ihre beste Entdeckung, die Sie der „Man-weiß-ja-nie-Strategie“ verdanken?
Dass selbstgemachter sloe gin aus Schlehen in aufbewahrten schönen Flaschen gleich doppelt so gut schmeckt.

Schnee am Gründonnerstag oder strömender Regen, wenn man sich gerade zum Grasmähen durchgerungen hat. Welkt da nicht alle Euphorie? Wie halten Sie sich um Himmels willen bei Laune, wenn Sie alles auf die Gartenkarte setzen und dann das Wetter nicht mitspielt?
Wer sagt, dass ich mich immer bei Laune halte? Ich habe oft geflucht wie ein Bierkutscher. Nützt nur nichts. Die Natur hat immer das Sagen – und das ist eine nützliche Lektion für effektivitätsgetriebene Großstadtmenschen wie mich.

Sie räumen ein, das Klagen sei die gärtnerische Grundhaltung. Na dann bitte, geben Sie Ihrem Bedürfnis ungeniert nach und sagen Sie, was Ihnen zu schaffen macht.
Die verdammten Schnecken. Die verdammten Rapsglanzkäfer. Die verdammten Kohlweißlingsraupen. Der verdammte (aber nette) Maulwurf. Die verdammte Trockenheit. Der verdammte Lehmboden. Ich könnte stundenlang so weitermachen.

Anscheinend haben Sie bei Regenwetter die Zeit genutzt und Bücher anderer Garten-Gurus gelesen. Welcher Philosophie konnten Sie am meisten abgewinnen?
Mein Lieblingsguru ist Charles Dowding, weil seine Philosophie meinen Hang zur Faulheit bedient. Er sagt: bloß nicht umgraben, das bringt nur das Bodenleben durcheinander und befördert Unkraut nach oben. Stattdessen eine fette Ladung Kompost aufs Beet, da hinein pflanzen, zurücklehnen.

Wer sind Ihre großen Gartenvorbilder? Und Ihre Lieblingsplätze unter den berühmten Gärten?
Die großen Gärten in England und Holland will ich mir in den nächsten Jahren noch angucken. Sissinghurst ist mir zu schnieke, glaube ich. Ich mag die wilden Gräser- und Staudenpflanzungen von Piet Oudolf. Bei mir bleibt Abgeblühtes auch stehen bis zum Frühjahr, dann erst nehme ich die Sense.

Jeder steht früher oder später vor der Frage, welches Equipment sich empfiehlt. Ihre Erfahrung? Was hat sich bei Ihnen als unverzichtbar erwiesen? Was ist Schnickschnack, auf den man getrost verzichten kann?
Unverzichtbar: die Wiedehopfhaue, ein zweischneidiges, martialisch aussehendes Gerät, mit dem man alles kurz und klein hauen kann, aber auch astreine Pflanzlöcher in problematischen Boden bekommt. Geht hundertmal schneller als mit diesen niedlichen Schäufelchen. Ganz schlimm finde ich so geblümtes Frauenwerkzeug. Das verbiegt sich ja schon beim Angucken.

Wie kommunikativ oder förderlich fürs Nachbarschaftsklima ist das Gärtnern?
Gärtner bilden eine große, glückliche Gemeinschaft, die Saaten und Setzlinge tauscht. Ich habe von meinen Nachbarn Christrosen, Mohn, Akelei und Herbstanemonen geschenkt bekommen, umgekehrt haben sie von mir gekeimte Saatkartoffeln und Tomatensetzlinge erhalten. Aber wichtiger noch ist die Großzügigkeit, was Rat und Tat angeht.

„Vergleiche machen nur unglücklich.“

Und Neid auf Nachbars Garten? Sind Sie darüber erhaben?
Aber nein. Natürlich frage ich mich, warum bei Frau Schröder 50 Meter weiter der Mohn wächst und bei mir nicht. Aber jeder Garten hat sein eigenes Mikroklima, Vergleiche machen nur unglücklich.

Wer bisher im Vorbeigehen Tomaten im Supermarkt oder beim Bauern des Vertrauens mitgenommen hat, lernt bei Ihnen das Staunen. Was hat Sie ermutigt, so aufs Ganze zu gehen? Wie hat es geklappt und welche Tomatensorten waren dann tatsächlich optisch und geschmacklich die Offenbarungen?
Ich finde es ja sinnlos, etwas anzubauen, das man genauso gut im Supermarkt kaufen kann. Deshalb habe ich mit blauen und roten Kartoffeln herumgespielt und mit zehn verschiedenen Tomatensorten, von kleinen gelben birnenförmigen bis zu grün-gelb gestreiften. Tomaten sind echte Diven, die ständig gegossen, gedüngt, hochgebunden und ausgegeizt werden müssen, aber der Geschmack macht alles wett. Ich liebe die dunkelviolette „Black Plum“ und die kleine gelbe „Dattelwein“ am meisten. Kann man direkt vom Strauch essen, so süß sind sie.

„Selbstversorgung heißt auch Selbstfürsorge!“

Sie streuen immer mal wieder ein, welche Snacks oder Mahlzeiten Sie sich aus ihren Eigenanbau-Produkten zubereiten, z.B. Salat aus jungem Mangold, indischem Blattsenf und Tatsoi oder Linguine mit Radieschenblatt-Pesto … Wie hat das Gärtnern Ihre Koch- und Essgewohnheiten beeinflusst? Wie sieht Ihr Status als Selbstversorgerin aus?
Ich habe immer gern gekocht, aber dann eher für sechs bis zwölf Leute, drunter habe ich es nicht gemacht. Für mich allein zu kochen war mir immer zu aufwändig. Dank des eigenen Gemüses aber habe ich mir erstmals Zeit genommen dafür, auch das eine gute Lektion. Selbstversorgung heißt auch Selbstfürsorge: sich selbst was Gutes tun.

Sie sprechen nicht von „Gartenarbeit“. Wie nennen Sie es, nachdem Sie u.a. 2.200 Kilo Mutterboden-Kompost-Gemisch umgeschaufelt haben?
Ich nenne es Gärtnern, weil es auch viel mit Nachdenken zu tun hat, mit Planung und mit Träumen. Klar muss man manchmal große Erdmassen bewegen, gerade am Anfang, aber es ist auch Gehirnsport. Schach mit Blumen.

Ihre Lieblingstätigkeiten im Garten? Was mögen Sie jeweils daran?
Mit der Wiedehopfhaue Rasen vernichten und neue Beete anlegen. Rasen ist so ziemlich das aufwendigste und pflegeintensivste Grün der Welt. Bei mir werden am Ende nur Rasenwege zwischen den Beeten übrigbleiben, das ist wenigstens der Plan.

Sie haben das Reisen eben nicht komplett aufgegeben, sondern waren in London, auf der „Chelsea Flower Show“. Fast ein Ritual für Sie, oder? Was macht für Sie die Faszination dieser Gartenschau aus?
Zu sehen, was die gartenverrücktesten Menschen des Planeten mit nahezu unbegrenzten finanziellen Mitteln und unbegrenztem Wahnsinn auf die Beine stellen. Man sollte sich das nicht zum Vorbild nehmen, aber ich gehe ja auch nicht ins Museum, um das Malen zu lernen.

Welche Reise- und Ausflugstipps haben Sie für gartenbegeisterte Leser?
Auf jeden Fall lohnt sich der Tag des offenen Gartens, der immer Mitte Juni stattfindet. An dem Tag öffnen Hobbygärtner in ganz Deutschland ihre Tore, das ist immer ein großer Spaß und sehr lehrreich. Termine findet man im Internet, das ist von Region zu Region verschieden.

„Nicht alles auf einen Haufen pflanzen“

Was war die größte Herausforderung im ersten Gartenjahr?
Zurückhaltung. Entscheidungen zu treffen und nicht alles, was man schön findet, auf einen Haufen zu pflanzen.

Was war die bisher wichtigste Gartenlektion für Sie?
Dass Pflanzen unglaublich viel Dämlichkeit verzeihen. Man kann fast alles falsch machen, sie wachsen trotzdem.

Was war die größte Veränderung zwischen Meike Winnemuth am Anfang und am Ende des Gartenjahrs?
Meine beste Freundin sagt, ich sei gnädiger geworden. Ich hoffe, es stimmt. Nachsichtiger, geduldiger, dankbarer.

Sie haben in der Erdbeersaison Geburtstag. Was tischen Sie Ihren Gästen auf?
Na raten Sie mal … Ich serviere „Mieze Schindler“, eine alte Sorte aus der DDR, die man nirgendwo je kaufen können wird, weil sie viel zu empfindlich für Lagerung und Transport ist. Aber der Geschmack!

In der Notiz zum 2. Juni verraten Sie, dass Sie gerade das genaue Hinsehen lernen. Was hat sich dabei am meisten bewährt?
Ich habe auf meinem Tisch eine Sammlung von winzigen Vasen, in jeder steckt eine Blume aus dem Garten, fast jeden Tag kommt etwas Neues hinzu. Denn so schön das große Ganze ist, so wichtig ist, den kleinen Blümchen einfach mal in Ruhe ins Gesicht zu sehen. Und zu erkennen, was für ein unglaublich vielfältiger Kosmos sich da auftut. Auf was für Ideen die Natur da gekommen ist!

Und nun? Wie vereinen bzw. verteilen Sie Garten und Job?
Mein Job ist gottlob ortsunabhängig, ich brauche ja nur ein Laptop und ein WLAN. So habe ich es schon im letzten Jahr gehalten und so wird es weitergehen: morgens buddeln, nachmittags schreiben. Oder je nach Wetterlage auch umgekehrt.