© Annika Fußwinkel

Fremd im eigenen Seelenhaus

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Mit Abgründen kennt Jürgen Domian sich aus. Über zwei Jahrzehnte hat er in seiner nächtlichen Talksendung „Domian“ mit Menschen über das gesprochen, was sie am meisten bewegt. Aber er kennt Krisen auch aus eigener Erfahrung. Nietzsche ist ihm nicht nur zum „wichtigen Wegbegleiter geworden, sondern vielleicht sogar zum Lebensretter.“ Überdies entdeckte er Lappland, als spirituellen Rückzugsort sowie als Schauplatz seines neuen Romans: In „Dämonen“ taucht Domian tief ein in seine Lebensthemen Tod und Stille.

Würden Sie sagen, Sie haben Ihr seelisches Gleichgewicht gefunden?
Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was genau „seelisches Gleichgewicht“ meint. Ich empfinde Leben grundsätzlich als schwierig. Jeder Tag ist eine neue Herausforderung. Wie gehe ich adäquat mit den eigenen Unzulänglichkeiten um? Wie mit den Unzulänglichkeiten anderer Menschen? Und überall lauert die Versuchung, die Verblendung, die Verführung. Aber jeder Tag ist auch ein kleines neues Leben. Man kann immer wieder neu beginnen. Das empfinde ich als tröstlich.

Sie haben neben Germanistik auch Philosophie studiert. Welche wichtigen Antworten haben Sie dabei oder später bei philosophischen Lektüren auf Ihre existenziellen Fragen bekommen?
In meinen frühen Jahren war Nietzsche ein wichtiger Wegbegleiter für mich. Vielleicht war er sogar mein Lebensretter. Als ich mit Mitte zwanzig schwer an Bulimie erkrankte, keinen Glauben mehr hatte und vor dem Scherbenhaufen meines alten Wertekanons stand, gab es eigentlich nur noch zwei Möglichkeiten: sterben – oder das Leben radial verändern. Dass ich ohne Therapie aus der Erkrankung herausgekommen bin, habe ich Nietzsches Rigorosität zu verdanken, die mich damals ungemein angesprochen hat. Im Zarathustra lesen wir: Und erst, wenn er sich von sich selber abwendet, wird er über seinen eignen Schatten springen – und, wahrlich hinein in seine Sonne.

Der Tod ist für Sie ein Lebensthema. Wie kam es dazu und was genau beschäftigt Sie so intensiv? Wie leben Sie damit?
Das Thema Tod begleitet mich seit meiner Kindheit. Ohne konkreten Anlass. Irgendwann wurde mir schlagartig klar, dass auch ich sterben muss. Ich hatte danach immer Angst, am Abend ins Bett zu gehen, denn es hätte ja sein können, dass ich am nächsten Morgen nicht mehr aufwache. Später während meiner Zeit als gläubiger Christ war die Angst verschwunden, denn mir wurde der Tod ja erklärt. Nach meinem Glaubensverlust ging es dann wieder los. Der Tod war allgegenwärtig, ebenso die große Angst vor ihm. Erst durch meine intensive Beschäftigung mit dem Zen-Buddhismus habe ich mich endlich mit ihm versöhnt. Die Angst ist weg. Ich fürchte aber nach wie vor ein qualvolles Sterben.

Sie haben mit der Idee eines Zweitwohnsitzes gespielt: Berlin oder Lappland. Haben sich Ihre Überlegungen inzwischen konkretisiert?
Berlin ist bereits eingefädelt. Diese Stadt ist eigentlich meine Heimat. Ich komme aus einer Flüchtlingsfamilie. Ein Teil der Familie lebte nach dem Krieg in Berlin. So oft es ging, war ich mit meinen Eltern dort. Lappland ist ein Sehnsuchtsort von mir. Die Einsamkeit, die Stille, die Wildnis, all das ist großartig.

Wie haben Sie Lappland für sich entdeckt?
Ich habe Lappland zufällig – während einer Skandinavien-Reise – entdeckt. Es war die ganz große Liebe auf den ersten Blick. Jedes Jahr bin ich mindestens zwei Mal dort. Meistens allein. Ich ziehe mich dort völlig zurück. Ich wohne in einer Hütte tief im Wald, schweige, wandere, halte Exerzitien. Es ist immer eine spirituelle Zeit.

Nun haben Sie Berlin und Lappland zu literarischen Schauplätzen gemacht. Was war dafür ausschlaggebend?
Es sind die wichtigsten Orte meines Lebens.

„Lappland ist
mein Sehnsuchtsort“

Jürgen Domian

Hansen, die Hauptfigur Ihres Romans, ist so alt wie Sie: Er wird am 21. Dezember 60. Wie ergeht es Ihnen angesichts dieses Geburtstags?
Das ist zwiespältig. Noch bin ich nicht so weit, dass ich die Vergänglichkeit mit großer Gelassenheit sehen kann. Ich erlebe es in meinem Umfeld, wie beschwerlich Älterwerden und Altsein sein kann.

Haben Sie Hansen außer dem gemeinsamen Geburtstag und der Lappland-Begeisterung noch weitere Gemeinsamkeiten mitgegeben?
Jede Form der Literatur ist biographisch. Der Trivialroman ebenso wie die Hochliteratur. Was wären die Werke von Thomas Mann ohne Thomas Manns Biografie? Es gäbe weder den „Zauberberg“ noch den „Tod in Venedig“. Wo genau sich die Biografie mit der Fiktion berührt, kann ich selbst gar nicht sagen. Beim Schreiben machen ich mir darüber keine Gedanken.

Hansen hat eine genaue Vorstellung von seinem baldigen Ende, ja er hat sogar eine komplette Inszenierung seines Sterbens im Kopf. Sie haben in eigener Sache von „Himmelsbestattung“ gesprochen. Was hat es damit auf sich und was macht Ihnen diese Vorstellung sympathisch?
Hansen geht davon aus, dass sein nackter Leichnam im Schnee schnell von Wildtieren, zum Beispiel von Wölfen, gefunden – und eben gefressen wird. Und ihm gefällt das. Mir auch! Den eigenen toten Körper als Energiespender für ein lebendes Wesen, ein Wildtier, zur Verfügung zu stellen, ist doch wunderbar. Es ist der Kreislauf der Natur.

Hansen glaubt nicht an ein spätes Glück. Und Sie?
Was ist Glück? Für mich nicht ein rauschhaftes Erleben, sondern eine stille Einkehr. In diesem Sinne glaube ich fest an das späte Glück.

Hansen verbindet eine – für seine Verhältnisse – enge Beziehung mit seinem Sohn Philipp. Wer von den beiden ist Ihnen näher, was die großen Lebensfragen anbelangt? Oder verkörpern die beiden die verschiedenen Seelen in Ihrer Brust?
Philipp ist mir näher. Der frühe Hansen auf keinen Fall. Aber Hansen erlebt ja eine Entwicklung. Am Ende fühlt er eine tiefe Nähe zu seinem Sohn. In ihren Herzen vereinen sich Hansen und Philipp.

Hansen hat schon früh die Sinnfrage für sich beantwortet. Glauben Sie selbst, dass es darauf überhaupt eine endgültige Antwort gibt?
Vielleicht ist die Sinnfrage eine Erfindung des Menschen?! Wir wollen immer alles mit Vernunft und Ratio erklären und verstehen. Mit Ratio allerdings kann man den großen Fragen unserer Existenz nicht begegnen. Man wird immer scheitern oder man wird trivial.

Sein bisheriger Freundes- und Bekanntenkreis bietet Hansen keine Perspektive mehr. Fremd bis befremdet fühlt er sich da, aber keiner will etwas bemerken. Ist da ein leiser Aufschrei gegen Gleichgültigkeit oder gegen das Um-sich-selbst-Kreisen im bildungsbürgerlichen Umfeld?
Absolut! Das habe ich all zu oft erlebt. Der Bildungsbürger oder der Zeitgeistkonsument machen es sich in ihrer Selbstgewissheit allzu bequem oder – um es mit Nietzsche auszudrücken – wenden sich nie von sich selber ab. Das ist öde und für den, der andere Perspektiven sucht, mehr als langweilig.

Sie bringen mit Hansen die Option Suizid ins Spiel. Und es wird in Ihrem Roman über das selbstbestimmte Sterben diskutiert. Was liegt Ihnen selbst dabei am Herzen?
Ich trete für die Legalisierung des assistierten Suizids ein. Ich möchte als Schwerstkranker die Option haben, die Gnade des Todes zu erfahren, wann ich es will. Ich möchte meinem Arzt sagen können: Jetzt ist es genug, bitte helfen Sie mir zu sterben. Darüber hinaus liegt mir daran, grundsätzlich der Stigmatisierung der Selbsttötung entgegenzuwirken. Es gibt Lebenskonstellationen, aus denen heraus ein Mensch sich für den Suizid entscheidet, obwohl er seelisch und körperlich kerngesund ist. Und diese Entscheidung ist legitim. Es gilt, sie zu respektieren. Man muss nicht leben, nur weil man lebt.

Warum lassen Sie denn die Dämonen ausgerechnet im Wald über den Baumverehrer Hansen hereinbrechen?
Das Böse ist oftmals da, wo man es am wenigsten erwartet. Im übrigen ist der Lieblingsort der Dämonen die Stille. Dort kann der Mensch ihnen nicht mehr entfliehen. Jesus ging in die Stille der Wüste und begegnete dort dem Teufel.

Hansen war einmal ein begeisterter Leser. Welchen Stellenwert haben Bücher und das Lesen für Sie selbst?
Ich habe erst mit 18 Jahren mein erstes Buch gelesen. Danach wusste ich, dass Lesen meine Lebensbeschäftigung werden wird. Ich lese allerdings nie zur Unterhaltung. Und wenn ich in Lappland bin, lese ich gar nicht. Lesen und Kontemplation passen nicht zusammen.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Lektüren von Hansen und Philipp ausgewählt?
Ich schreibe intuitiv. Ein Freund von mir ist Maler. Wenn ich ihn fragen würde, nach welchen Kriterien hast du diese Farbe ausgewählt, wäre er sicher ratlos. Beim Schreiben versinke ich ganz und gar in der fiktiven Realität. Ich habe ein Thema, ich habe Figuren. Assoziationsketten führen mich zu den Gedanken, die ich schließlich zu Papier bringe.

Und welche Bedeutung hat das Schreiben für Sie?
Schreiben ist fast immer ein Versuch der Lebensbewältigung. Ja, auch Meditation und Selbsttherapie. Ich glaube, ein völlig in sich ruhender Mensch schreibt nicht – oder nicht mehr. Ein Buddha schreibt keine Romane.