© Susanne Schleyer

Schachzug mit Chuzpe

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OB LESEBÜHNE im legendären „Kaffee Burger“, „Wurst und Wahn“-Essay oder Romanbestseller: Literarisch ist der hauptberufliche Psychiater Jakob Hein mit allen Wassern gewaschen. Regelmäßig sorgt er für Überraschungen – genau wie der Titelheld in seinem neuesten Meisterwerk. „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ wirkt wie kühnste Fantasie, beruht jedoch auf historischen Fakten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, der vor 100 Jahren endete.

© Susanne Schleyer

Wie würden Sie Ihr Selbstverständnis als Schriftsteller skizzieren?
Ich versuche, alles mit Spaß zu machen, mich selbst zu überraschen. Und wenn ich Glück habe, kommt etwas von dieser Freude an der Sache auch bei meinen Lesern an.

Auf Ihrer Homepage gibt es das Stichwort „Pardauz“. Was bedeutet dieser lustige Begriff?
Das ist ein alter Begriff, den man aktuell wohl mit „oops!“ übersetzen würde. Früher sagte man auch „Hoppla“ oder „Potzblitz“.

Wer „Pardauz“ anklickt, entdeckt Ihr „Sammelalbum alter Jugendsprache“. Was hat es damit auf sich?
In der Hinsicht bin ich wie ein Weinliebhaber, ich liebe vor allem die alten Jahrgänge der Jugendsprache. Ich schätze sehr, wie die Sehnsucht nach Nonkonformität und Anderssein in diesen Begriffen zu spüren ist und doch genau diese Begriffe von der Zeit eingefangen wurden.

Als Autor sind Sie nicht so leicht dingfest zu machen, denn Ihr Werk umfasst ein breites Spektrum an Tonlagen und Themen: vom eher melancholischen Roman „Herr Jensen steigt aus“ bis zum satirisch angehauchten Essay „Wurst und Wahn“. Wonach entscheiden Sie über Stoff und Stil?
Form follows function. Der Text in einem Buch über einen Eigenbrötler muss einen bestimmten spröden Ton treffen. Hingegen sollen in einem Buch über das Wirrwarr des Ersten Weltkrieges viele verschiedene Stimmen zu hören sein.

Es gibt eine eindrucksvolle Tradition von Medizinern, die zugleich bedeutende Schriftsteller waren beziehungsweise sind, z.B. Büchner, Benn, Döblin oder in unserer Zeit Uwe Tellkamp. Welche Wechselwirkungen erkennen Sie bei sich als Arzt und Autor?In beiden Berufen ist es von Vorteil, sich für Menschen zu interessieren.

 

„Jeder Mensch
schreibt seine eigene
Biografie

Wie wirken Ihre Erfahrungen als Psychiater auf Sie als Schriftsteller?
Ich glaube der prägendste Einfluss meiner ärztlichen Arbeit ist die Knappheit meines Schreibens. Als Arzt ist man immer bemüht, in schriftlichen Darlegungen knapp auf den Punkt zu kommen. Gemeinsam mit den Lesern meiner Bücher bedauere ich oft, dass meine Bücher recht kurz sind. Aber wenn alles gesagt ist, was soll ich dann noch schreiben?

Wann und wie wurde Ihnen bewusst, dass Ihr Vater Christoph Hein ein ziemlich bedeutender Schriftsteller ist? Wie wirkte das auf Sie und Ihre Zukunftsplanung?
Ich war Grundschüler, als mein Vater international erfolgreich zu werden begann. Mit meiner Zukunftsplanung hatte das vor allem insofern zu tun, als ich davon ausging, selbst nie Schriftsteller zu werden.

Und wie gestaltet sich der Austausch zwischen den Schriftstellern Jakob und Christoph Hein? Besprechen Sie miteinander Ihre aktuellen Projekte, an denen Sie gerade arbeiten?
Wenn einer von uns ein Buch fertiggestellt hat, gibt er es dem anderen zu lesen. Als Lektoren missbrauchen wir einander nicht.

Das Ende des Ersten Weltkriegs 1918 ist nun 2018 zum 100-jährigen Jubiläum ein großes Thema. Was macht diesen Themenkomplex für Sie interessant?
Auf die Geschichte des Romans bin ich zufällig gestoßen. Sie hat mich von der ersten Sekunde an fasziniert und diese Faszination hat im Lauf meiner Recherchen eher zugenommen. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Deutschland den Dschihad auslösen wollte?

Ihren neuen Roman könnte man leicht für eine herrlich schräge Erfindung halten. Aber das wäre nur die halbe Wahrheit, oder?
„Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ beruht gerade in ihrem Kern auf historischen, leicht nachprüfbaren Fakten.

Wo bewegen Sie sich zwischen überlieferten Fakten und Fiktion?
Die Fiktion musste mir überall da helfen, wo die Historiker nur kurze Sätze liefern. Die spannende Bahnfahrt von Berlin nach Konstantinopel, durch Freundes- und Feindesland ist dem Historiker nur ein paar Sätze wert, aber natürlich eine tolle Story, die die Fantasie fast schon von selbst ausmalt.

Der Titelheld Leutnant Stern scheint durch ein historisches Vorbild inspiriert zu sein. Wie haben Sie ihn entdeckt?
Ich stieß auf Stern und seine Memoiren im Verlauf meiner Recherchen. Zuerst dachte ich, er sei nur irgendein Journalist, der diese historische Reise begleitete, um dann positiv darüber zu schreiben. Ich war beglückt und fasziniert zu erfahren, dass er einer der wesentlichen Organisatoren dieser tolldreisten Aktion gewesen war.

In welchen Punkten spricht Ihnen Ihr Romanheld Stern aus dem Herzen?
Gemeinsam mit Stern konnte ich lernen, dass die Welt viel komplizierter ist, als wir uns das an unseren Schreibtischen vielleicht ausmalen. Jeder Mensch hat seine Vorstellungen und in der Realität müssen diese Vorstellungen miteinander abgestimmt werden.

Stern steht nicht zuletzt vor der Herausforderung, die zahllosen Vorschriften der preußischen Bürokratie auszutricksen. Was ging Ihnen da durch den Kopf?
Ich lebe gewissermaßen seit langem in Preußen und konnte mir darum die praktischen Punkte sehr gut vorstellen. Mir war es wichtig zu zeigen, dass die Geschichte nicht nur aus großen Feldherren und ihren kühnen Entscheidungen besteht, sondern dass es manchmal darum geht, wer die Fahrkarte von A nach B bezahlt.

Sie schildern die Ereignisse und die Wahrnehmung aus mehreren Perspektiven. Worauf kommt es Ihnen dabei an?
Ich wollte zeigen, wie viele Blickwinkel es auf eine Situation geben kann: Da ist der junge Offizier, der seinem Land helfen will, da ist der Berber, den das Schicksal in einen europäischen Krieg verschlagen hat, und die Putzfrau, die in einem Kriegsgefangenenlager für Muslime sauber macht.

Stern, Dieckhoff und Tassaout haben es durch ihre jeweilige Herkunft und Religion nicht eben leicht. Worin besteht das Dilemma?
Jeder Mensch schreibt seine eigene Biografie und doch hat das seine Grenzen. Jeder Mensch hat seine Beschränkungen, aber wenn man von diesen weiß, hat man auch die Chance, die eigenen Grenzen zumindest zu verschieben.

Welche Fragen haben Sie am meisten beschäftigt?
Ich war beeindruckt davon, wie tief die Wurzeln des deutsch-muslimischen Verhältnis im Allgemeinen und die des deutsch-türkischen Verhältnisses im Speziellen gehen. Unsere Annahmen über andere sind nur Annahmen und unsere Vorstellungen von Lösungen berücksichtigen oft nicht, dass derandere auch seine Vorstellungen hat. Dass der Krieg eines der schlimmsten Übel auf dieser Welt ist, hat mich nicht überrascht, ist mir aber beim Schreiben des Romans nochmal deutlicher geworden.

Nicht nur Stern hat sich auf die Reise gemacht, sondern auch Sie selbst. Wohin hat es Sie verschlagen und wie haben Sie die Horizonterweiterung erlebt?
Ich habe noch nie einen historischen Roman geschrieben. Die Arbeit daran hat mich beglückt und klüger gemacht. Es hat mich in schöne Bibliotheken und verkramte Antiquariate verschlagen, das war sehr schön!

Wem verdanken Sie die aufschlussreichsten Entdeckungen und Erkenntnisse bei Ihren Recherchen?
Einerseits Prof. Vieweger, der mich bei einem Besuch in Jerusalem auf die historischen Bezüge zwischen Deutschland und dem Orient aufmerksam machte und andererseits der Arabistin Frau Sfaxi, die mir sehr weiterhalf, was die wahren Biografien marokkanischer Soldaten betraf.

Beim Lesen kommen die unterschiedlichsten Assoziationen auf, z.B. zu Lubitschs legendärem Film „Sein oder Nichtsein“ oder Benignis „Das Leben ist schön“. Welches Stimmungsspektrum hatten Sie beim Schreiben?
Ich habe mich gefreut, wenn meinen Helden etwas geglückt ist und war traurig, wenn bei ihnen etwas schief lief. Aber vor allem habe ich fassungslos auf dieses ungeheure Chaos des Krieges geschaut.