© Eva Lindblad

SCHWE­­DEN­­KRI­­MI
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STIEG LARSSON & CO. waren gestern, die neuen Stars der skandinavischen Spannungsliteratur heißen Mons Kallentoft und Markus Lutteman. Neben ihren internationalen Solokarrieren machen sie nun gemeinsame Sache. Die beiden fesseln immer mehr Leser mit ihren Thrillern um Zack Herry, den unberechenbarsten Ermittler Stockholms. Was der furiose Start – ein Nummer-1-Bestseller – versprach, hält der druckfrische zweite Band der Reihe. Mons Kallentoft ließ sich von uns in die Karten schauen.

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Wie wurden Markus Lutteman und Sie zum Duo?

Ich hatte schon länger die Idee, eine Buchreihe zu schreiben, die auf einem Mythos basiert – einen modernen Herakles. Und ich hatte Lust, mit einem anderen Autor zusammenzuarbeiten und mich von seinen Ideen inspirieren zu lassen. Vor Markus hatte ich immer großen Respekt und daher habe ich ihn kontaktiert. Gemeinsam haben wir uns dazu gebracht, wirklich dichte und spannende Geschichten zu schreiben. Das Spannungselement kann besser aufgebaut werden, wenn zwei Personen daran beteiligt sind.

Wie funktioniert Ihre Teamarbeit?

Ich selbst lebe auf Mallorca, Markus im ländlichen Schweden. Wir haben viel geskypt. Grundsätzlich bin ich verantwortlich für die Handlung und die Idee im großen Ganzen. Markus und ich schreiben zusammen, er entwirft ein erstes Konzept und von da an übernehme ich. Es ist eine sehr enge Zusammenarbeit.

Schweden hat eine legendäre Krimikultur. Wo ordnen Sie sich da ein? Wie wichtig ist Ihnen die sozialkritische Ausrichtung?

Von Literatur, die lediglich eine politische Agenda hat, halte ich nicht besonders viel. Ich finde, dass Literatur ein Mittel sein sollte, um Fragen zu stellen, die nirgends sonst gestellt werden können. Dadurch sollen Antworten gefunden werden, selbst wenn diese sehr unangenehm sein können.

Ihr Protagonist Zack Herry dürfte in mehrfacher Hinsicht ein Ausnahmefall bei der schwedischen Polizei sein. Was sehen Sie in ihm? Worauf kommt es Ihnen bei diesem Charakter besonders an?

Zack ist für mich ein ebenso komplexer Charakter wie alle anderen Menschen. Gut und böse, schwach und stark und alles dazwischen. Er ist ein klassischer Held, der jeden Tag helfen will. Die größte Herausforderung besteht darin, ihn glaubhaft zu machen und die Leser mit seinem Schicksal zu berühren. Dafür muss er ebenfalls eine schwache und verletzliche Seite haben.

„Hel­den wer­den aus Tra­gö­dien geboren“

In einer begeisterten Besprechung in „Le monde“ wurde Ihr Held Zack Herry als „cooler Mix aus Lisbeth Salander und Harry Hole“ bezeichnet. Wie zutreffend finden sie diesen Vergleich?

An sich würde ich zustimmen, aber Zack ist komplexer als Lisbeth Salander und Harry Hole. Ich habe bei Zack versucht, die Seele eines Mannes noch tiefer und realer abzubilden. Ich sehe mich selbst als einen Schriftstellertyp, der seine Kunst in einer sehr konzeptionellen Art und Weise angeht.

Zack ist nicht gerade der geborene Gesetzeshüter. Würden Sie sagen, dass er im Polizeidienst dennoch seine Berufung findet?

Der Polizist ist derjenige, der die Gesellschaft zusammenhält. Die Person, die bereit ist, alles zu tun, was nötig ist, um Anstand und Gerechtigkeit zu bewahren – sogar, wenn es bedeutet, selbst das Gesetz zu brechen. Bei uns allen gibt es Zeiten, in denen wir uns diese Person in unserem Leben wünschen würden – die eine Person, die bereit dazu ist, die Drecksarbeit zu erledigen, die niemand machen will. Man sollte darüber nicht zu moralisch denken – manchmal muss man dem Teufel mit dem Teufel begegnen.

Nach der spektakulären Befreiung misshandelter Kinder wird Zack in den Zeitungen als „Polizeiheld“ gefeiert. Was macht für Sie – losgelöst vom klassischen Heldenbild – echte Helden aus?

Die Medien verkaufen Geschichten besser, wenn sie schwarz oder weiß sind. Deshalb kreieren sie dieses Bild von Zack. Unser Geist konnte mit komplexen Verhältnissen noch nie gut umgehen und heute ist es sogar noch schwerer für uns. Die Helden in der Literatur jedoch können auch weiterhin komplex gestaltet werden, weil sich die Leser länger und intimer mit ihnen auseinander setzen können und sie auf einer anderen Ebene berühren können als etwas, das man in den sozialen Medien verfolgen kann.

Bei der Charakterisierung beschränken Sie sich keineswegs auf Zack, sondern Sie statten alle Figuren mit einer persönlichen Geschichte aus, mit einem individuellen Weltbild, Werten und Eigenheiten – auch die Nebenrollen. Wieso ist Ihnen das so wichtig?

Wie Mies van der Rohe sagte: Gott steckt im Detail. Das bedeutet für mich, ein erhabenes Gefühl zu erwecken, das nur zustande kommt, wenn man sich um jedes noch so kleine Detail kümmert. Dabei spielen die Charaktere die bedeutendste Rolle – da kann man nicht schummeln.

Sie versetzen Ihre Leser mitten in die Polizeiarbeit, einschließlich Teambesprechungen. Woher haben Sie Ihre genauen Kenntnisse?

Ganz am Anfang meiner Karriere stand ich in Kontakt mit der Polizei, heute nicht mehr. Ich fokussiere mich einfach darauf, die Geschichte glaubhaft zu schreiben – und denke, dass es auch so gelingt.

„Neben mir sieht Mi­­chel Houelle­­­becq wie ein Glücks­­bär­­chen aus“

Zacks Kollege Niklas Svensson ist mit Leib und Seele Vater. Seinen drei Kindern liest er aus einem Monsterbuch vor, in dem behauptet wird, dass das Böse allein durch Güte vertrieben werden kann. Wie optimistisch sind Sie da?

Das sind die Worte einer meiner Figuren – selbst könnte ich so etwas nicht von mir geben. Ich selbst bin ein Misanthrop, sogar Zyniker. Neben mir sieht Michel Houellebecq wie ein Glücksbärchen aus. Es gibt Situationen, in denen man sich in Gefahr begeben muss, um so sein eigenes Leben und das seiner Lieben zu schützen.

Und Ihre Lektionen für Ihre Kinder?

Ich versuche, meinen Kindern ein Gefühl von Freiheit zu vermitteln. Sie sollen Verantwortung gegenüber dem Planeten und anderen Personen lernen, aber auch auf sich selbst aufpassen können und verstehen, dass Klugheit wichtig ist und man für ein gutes Leben extrem hart arbeiten muss.

Sie schreiben sehr detailgenau und mit fast filmischer Anschaulichkeit. Wie gelingt Ihnen das?

Manchmal gehe ich zu bestimmten Schauplätzen und versuche die Welt mit den Augen eines Malers zu betrachten. Dabei konzentriere ich mich mehr auf die Seele der Dinge als auf deren Gestalt und Farben. Es bedarf jahrelanger Übung, bis man die Realität durch den literarischen Filter lebhaft abbilden kann. Aber für unser neues Buch ist Markus tatsächlich einen Schornstein hochgeklettert.

Und wie versetzen Sie sich in die Stimmung, um die Szenen mit dem kostümierten Killer zu schreiben?

Durch das Schreiben kann man in jede erdenkliche Stimmungslage kommen – man muss sich nur trauen. Es kann erschreckend sein zu realisieren, zu was wir fähig sind. Deshalb lassen sich die wenigsten darauf ein. Ich persönlich brauche Stille zum Schreiben.

Wie hat sich Ihr Blick auf Stockholm durch die Arbeit an Ihrer Krimireihe um Zack und seine Kollegen verändert? Welche Ecken oder Gegenden und Milieus haben Sie neu erschlossen?

Bevor ich angefangen habe diese Reihe zu schreiben, bin ich nach Mallorca gezogen. Aber zuvor habe ich zwanzig Jahre in Stockholm gelebt. Die düsteren Seiten Stockholms habe ich eher durch die Bücher kennengelernt. Beispielsweise wie hart es die Einwanderer in den Vorstädten haben, dort wo die Kriminalität beheimatet ist und die Jugendlichen Probleme haben, eine Existenz jenseits dessen aufzubauen.

Was macht Stockholm für Sie zum perfekten Krimisetting?

Stockholm eignet sich gut, weil es düster und gleichzeitig sehr modern und einfach geschnitten ist. Die Stadt weist heute viele Kontraste auf, die Markus und ich für die Geschichten um Zack entdeckten und nutzen können.