© Barbara Ellen Volkmer

For­scher­geist
   & Frau­en­mut

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KAMILLENKUR, KRÄUTERSCHNAPS oder Kampferspiritus? Herkömmliche Heilmethoden und Hausmittel versagen, als die Cholera 1831 über Berlin hereinbricht. Hochbetrieb an der Charité, Berlins bedeutendster Institution für medizinische Forschung und Fortschritt – und der Hauptschauplatz des aktuellen historischen Romans von Ulrike Schweikert. In Schwäbisch Hall mit den traditionsreichen Theaterfestspielen großgeworden, versteht sie es auch selbst meisterhaft, die spannendsten Kapitel der Vergangenheit lebendig werden zu lassen.

© Barbara Ellen Volkmer

Ihre Geburtsstadt Schwäbisch Hall ist nicht zuletzt für die traditionsreichen Festspiele in malerischer historischer Kulisse bekannt. Welche Erinnerungen verbinden Sie damit?

Schon als Kind hätte ich gern bei den Salzsiedern in ihren farbenprächtigen historischen Gewändern mitgemacht, doch damals wurden nur Nachfahren der Salzsiederfamilien aufgenommen. So konnte ich nur zu den Aufführungen gehen und zusehen. Die Tradition der Stadt war dadurch immer sehr präsent für mich.

Vor Ihrer Karriere als Autorin haben Sie erst einmal in unterschiedlichsten Bereichen Erfahrungen gesammelt, von der Banklehre bis zum Geologiestudium. Verlorene Zeit oder wertvolle Erfahrungen?

Wertvolle Erfahrungen! Vor allem das Geologiestudium in Stuttgart war eine spannende Zeit. Ich habe viele Exkursionen und Kartierungen rund um die Welt gemacht und mit einem Diplom der Vulkanologie in Kiel abgeschlossen. Und auch mein Studium der Journalistik in Hohenheim hat mir viele neue Erfahrungen gebracht. Die Arbeit bei der Bank war nichts für mich. Geologie war mein Traum, den ich mir dann erfüllte. Das Schreiben kam irgendwie dazwischen. Damit hätte ich nicht gerechnet.

Nicht einfach den konventionellen Lebensweg gehen, sondern den für sich ganz persönlich richtigen Weg finden: Ist das nicht auch das große Thema für Ihre Romanfrauen?

Ja, das ist das große Thema, das uns alle betrifft. Wer träumt nicht davon?

Als Autorin historischer Romane bringen Sie viele Jahre und etliche Bücher an Erfahrung mit. Mit welchem Anspruch machen Sie sich ans Schreiben?

Ich möchte meine Leser/innen von der ersten bis zur letzten Seite fesseln. Sie sollen mit meinen Figuren mitleben und ganz nebenbei spannende Dinge aus der Historie, in diesem Fall der Medizingeschichte, lernen.

„Ich lie­be Fi­gu­ren,
die aus ih­rem Um­feld heraus­stechen!“

Und welche Ausgangsidee hatte „Die Charité“?

Ich fand die Geschichte der Medizin schon immer spannend und habe einen Teil bereits in „Die Hexe und die Heilige“ aufgegriffen. Die Charité ist geradezu das Sinnbild der Entwicklung in der Medizin.

Sie haben mit Martha, Elisabeth und Ludovica drei Frauengestalten erschaffen, die erst einmal ziemlich unterschiedlich wirken. Sehen Sie Gemeinsamkeiten?

Ich liebe Figuren, die aus ihrem Umfeld herausstechen und die sich gegen ihr Schicksal auflehnen. Alle drei sind nicht bereit, das für sie vorgesehene Leben zu akzeptieren. Auf ihre Art sind sie alle Kämpferinnen, die ihren eigenen Weg gehen.

Martha Vogelsang ist Hebamme. Was macht die Tätigkeit einer Hebamme für einen historischen Roman besonders ergiebig?

Wenn es um Medizin und Frauen in der Geschichte geht, dann sind Hebammen die Ersten, die sich ein großes Wissen in diesem Gebiet aneignen konnten, und die Einzigen, die neben den männlichen Ärzten akzeptiert wurden.

Für die Krankenwärterin und spätere Diakonisse Elisabeth gibt es kein konkretes historisches Vorbild. Was war Ihnen an dieser Romanfigur wichtig?

Die Krankenpflege ist auch heute noch ein Frauenberuf. Die Diakonissen haben unser Bild der Krankenschwester geprägt, doch über diese Frauen wurden keine Biografien geschrieben. Mir ist es aber wichtig, dass eine Pflegerin neben den Ärzten ein Gesicht und eine Stimme bekommt.

Zu den interessantesten historischen Gestalten in Ihrem Roman gehört Dr. Dieffenbach. Was für ein Image hatte er zu seinen Lebzeiten?

Ich glaube, ich hätte ihn gemocht. Er war so engagiert. Die Berliner haben ihn verehrt. Er hat vor allem die plastische Medizin vorangebracht. Unzählige Klumpfüße, Schiefhälse, Hasenscharten und Gaumenspalten hat er operiert und auch neue Nasen geformt. Und das in einer Zeit, als man noch keine Narkose kannte! Dieffenbach ist mein Held.

Welche Ihrer Romanfiguren sind Ihnen besonders ans Herz gewachsen?

Martha, die Hebamme, die in der Charité zur Totenfrau wurde, ist besonders spannend und anrührend, wie sie für die Zukunft ihres Sohnes kämpft und er zu Dieffenbachs erstem Patienten einer Schieloperation wird.

Berlin anno 1831 – das war der absolute Ausnahmezustand beziehungsweise Notstand durch die Cholera: Die Chance für Ihre Heldinnen zu zeigen, was in ihnen steckt? Oder nur noch mehr Widrigkeiten?

Beides. Zumindest für Elisabeth und Martha, deren Lebensweg sich in dieser Zeit entscheidend verändert.

Während der Arbeit an Ihrem Roman haben Sie ein paar Mal das Weite gesucht. Um Abstand zum Schreiben zu gewinnen und richtig abzuschalten?

Mein Mann arbeitet viel im Ausland, daher ist es uns wichtig, zumindest ein paar Mal im Jahr intensiv Zeit miteinander zu verbringen. Für mich auch eine Gelegenheit, den Kopf für neue Ideen frei zu bekommen. Wir wollen zusammen neue Länder erfahren, wie bei unserer Reittour durch die Bergwelt der Anden.

Was sind heute die drei wichtigsten Dinge in Ihrer Hausapotheke?

Am Wundbrand sind früher viele Menschen gestorben. Deshalb unbedingt Jodtinktur oder ähnliches! Ansonsten mein Asthmaspray und Ibuprofen, um Migräneanfälle sofort zu unterdrücken.