© Stephan Pick

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Alles ist anders. Ziemlich gewöhnungsbedürftig, findet Satirekünstler Bastian Bielendorfer. Obwohl er als Lehrerkind ja eigentlich der geborene Überlebenskünstler ist, wie sein legendärer Karrierestart 2010 bei „Wer wird Millionär“ und seine Bestseller zeigen. Aber sogar für ihn ist die Pandemie eine echte Herausforderung – ein großes globales Experiment! Wie er versucht, es zu meistern, schildert er in seinem Corona-Tagebuch.

© Stephan Pick

Was war das Start- beziehungsweise Alarmsignal für Ihr neues Buch?
Als ich am 12. März in Berlin bei „Nuhr im Ersten“ zu Gast war. Es waren trotz langer Warteliste nur halb so viele Zuschauer gekommen, man spürte, dass Corona plötzlich durch die Fensterspalten und Türritzen in unser Leben gesickert ist.

Bei Ihren Lehrerkind-Bestsellern konnten Sie aus der eigenen Vergangenheit schöpfen. Wie war es im Gegensatz dazu, nun mitten aus einer Art Live-Experiment mit ungewissem Ausgang zu schreiben?
Ich hatte das Gefühl, dass ich – wie wir alle – unfreiwillig Zeuge einer globalen Katastrophe werde, wie ich sie in meiner Lebenszeit noch nicht erlebt habe: Ich wollte das Ganze mit meinem eigenen, augenzwinkernden Blick auf die Welt festhalten.

„ … wie ein Aufprall auf eine unsichtbare Mauer.“

Was hat Sie seit Mitte März am meisten aus der Bahn bzw. Alltagsroutine katapultiert?
Das plötzliche Vakuum. Ich bin sonst 150 Tage im Jahr auf Tour und auf der Bühne, das war ab dem 12. März plötzlich vorbei. Manchmal kann sich das Ausbleiben von Fahrtwind wirklich wie der Aufprall auf eine unsichtbare Mauer anfühlen.

Während des Lockdowns war Ihr Lebensmittelpunkt eine 4er-WG. Wie war die Besetzung?
Meine Frau, ich, der Hund und Schwiegermutter :-)) Meine Schwiegermutter war zu Besuch, als der Lockdown einsetzte, und ist dann geblieben, weil wir sie in der Situation nicht allein lassen wollten. Sie ist sehr lieb, allerdings auch extrem ordnungsliebend – was dazu führte, dass sie in der Zeit des Lockdowns unsere Wohnung phantomrenoviert hat. Danach waren alle Lebensmittel in unserem Kühlschrank in so viele Lagen Frischhaltefolie eingeschlagen, dass es aussah, als hätte Christo unseren Käse verhüllt.

„Klopapierkrieg? Komplett absurd.“

Und was hat Sie in der Corona-Zeit am heftigsten irritiert?
Die Klopapierkriege und die Hefekrise. Dass Deutsche sich wirklich um Toilettenpapier und Backhefe prügeln würden, weil sie abends unbedingt zuhause noch ein Paderborner Landbrot backen müssen, fand ich komplett absurd.

Sie bezeichnen Corona als eine Art Brennglas. Was kommt verstärkt zum Vorschein?
Es fördert zwei Seiten in uns zutage. Entweder unseren Egoismus oder unsere Solidarität. Es ist unsere Wahl, ob wir der alten Dame im Stockwerk unter uns Hilfe anbieten oder sie an der Supermarktkasse zur Seite schieben, wenn es um die letzte Rolle Klopapier geht.

Was hat Sie im Ausnahmezustand am meisten an sich selbst überrascht?
Meine Fähigkeit, mich wieder positiv zu langweilen. Ich habe in den letzten Jahren so viel gearbeitet, dass ich das Gefühl goldener, samtiger Langeweile nicht mehr kannte.

Nach welcher Normalität sehnen Sie sich am meisten?
Endlich wieder Kultur. Theater. Kino. Comedy. 6 Monate liegt das bereits auf Eis. Die gesamte Unterhaltungsbranche zerbricht langsam.

Sie widmen „Die große Pause“ Ihren Eltern. Was liegt Ihnen dabei besonders am Herzen?
Ich liebe meine Eltern sehr. Und ich schreibe im Buch auch das erste Mal darüber, dass meine Mutter schon 2018 an Krebs verstorben ist. Das Buch ist auch ein Andenken an sie.

Auf jeden Fall ist Ihr Buch eine Liebeserklärung an Ihre Großeltern. Was verkörperten Ihr Chemiker-Opa und ihre Gulasch-Oma für Sie?
Geborgenheit. Ich hatte wahnsinnig liebenswerte Großeltern. Sie waren immer ein warmer Punkt im Universum für mich. Mein Opa hat mir als Kind mal gesagt „Was kümmert es den Mond, wenn ihn der Hund anbellt?“ Das habe ich bei allen unschönen Erfahrungen, die ich in der Schule mit Mobbing gemacht habe, immer im Ohr gehabt.

Das Wort lebenslänglich kam in mehreren Ihrer Buchtitel vor. Beim aktuellen haken wir nach: Woran werden wir uns wohl gewöhnen müssen?
Ich glaube, dass dieses Gefühl der Sicherheit, der Unbesiegbarkeit einer Wirtschaftsmacht stark gebröckelt ist, als es die Regierung nicht geschafft hat innerhalb von 2 Monaten Masken für 82 Millionen Bundesbürger zu beschaffen. Es wird schwer sein, den Abstand, den wir uns zwangsweise angewöhnen mussten, wieder zu vergessen.

Wer sind Ihre bisherigen Helden der Corona-Zeit?
So simpel es klingt, die Menschen, die unser Land in dieser Zeit am Laufen gehalten haben. Die Krankenschwester mit den 2 Kindern, die trotz eines jämmerlichen Lohns jeden Tag kranke Menschen betreut hat, immer in der Gefahr der Ansteckung. Die unterbezahlten Paketboten, die eine Zeit lang 3 Schichten in einen Tag quetschen mussten, damit die Leute überhaupt noch Waren kaufen konnten.

Wie lauten Ihre 5 Favoriten für das Unwort des Jahres 2020?
Kontaktlos. Maskenpflicht. Corona-Kritiker. Verschwörungstheoretiker. Desinfektionsmittel.

Wie wirksam sind Ihr Psychologiestudium und die Satire als Lebenshilfe?
Es hilft manchmal vielleicht, selbst einer Katastrophe wie Corona Seiten abzugewinnen, die zum Nachdenken und vielleicht auch Schmunzeln anregen.

„… dass wir uns in Angst verlieren.“

Was ist im Moment Ihre größte Sorge – in eigener Sache und um den Rest der Welt?
Dass wir uns in Angst verlieren. Corona sollte nicht den Abstand zwischen uns verstärken, sondern den Blick darauf lenken, dass wir alle in einem Boot sitzen. Über Kulturen, Sprachen und Verdienstgrenzen hinweg.

Und Ihre größte Hoffnung?
Dass wir irgendwann kein „neues Normal“ mehr haben, sondern wieder frei in unseren Köpfen und unserem Handeln sind. Dass wir aus der Verletzlichkeit, die wir als Menschheit durch ein winziges Virus gespürt haben, lernen.