© Julia Baier

Zwei Opfer, eine Tatwaffe, kein Motiv …

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CHARLOTTE LINK schildert Englands Landschaften und Alltagsleben so atmosphärisch, dass man glauben könnte, die Autorin sei in London, Leeds oder Liverpool großgeworden. In Wirklichkeit ist sie – mit 30 Millionen Auflage – Deutschlands erfolgreichste Autorin und schreibt ihre psychologisch subtilen Kriminalromane mit Blick über die Dächer Wiesbadens. Seit ihrem Debüt 1985 reiht sie einen Bestseller an den anderen. Fesselnde Seelenforschung verspricht nun der dritte Fall für Kate Linville und Caleb Hale an der malerischen Küste von Yorkshire.

© Julia Baier

Seit Ihrem 1985 erschienenen Debütroman „Cromwells Traum oder Die schöne Helena“ ist England das Zentrum Ihres literarischen Werks. Und wie wurde eine Lebensliebe daraus?
Liebe kann man nicht erklären. Ich hatte immer diese Sehnsucht nach England. Daher spielte dort mein erstes Buch. Und viele Weitere auch.

Was macht England zur unerschöpflichen Inspirationsquelle für Sie?
Die Menschen, die Landschaft, die Sprache.

Ihren ersten Roman haben Sie mit 16 zu schreiben begonnen und nach dem Abitur veröffentlicht. Was beflügelte Sie als Teenager, gut 800 Seiten über englische Geschichte im 17. Jahrhundert zu Papier zu bringen?
Meine Leidenschaft für das Schreiben. Meine Leidenschaft für Geschichte. Meine Leidenschaft für England.

Ihr Erfolgsdebüt hat Sie keineswegs übermütig gemacht, sondern Sie haben erst einmal Rechtswissenschaft studiert. Was waren Ihre Beweggründe?
Ich dachte nicht, dass man vom Schreiben würde leben können und wollte daher zusätzlich einen „richtigen“ Beruf. Interessant war natürlich das Strafrecht. Ich machte ein Praktikum bei einem Staatsanwalt und war entschlossen, selbst diesen Beruf zu ergreifen.

„Schuld hat so viele Facetten!“

Sehen Sie vielleicht sogar eine Schnittmenge oder Parallelen zwischen Ihren juristischen Interessen und dem Schreiben von Kriminalromanen?
Die Frage nach der Schuld in ihrer ganzen Komplexität verbindet beide Bereiche. Im Strafrecht prüft man den Sachverhalt auf seine Tatbestandsmäßigkeit hin, auf die Rechtswidrigkeit und dann auf die Schuldhaftigkeit. Man sollte meinen, Rechtswidrigkeit bedingt Schuldhaftigkeit. Aber so einfach ist es eben nicht. Schuld hat so viele Facetten. An der Stelle wurde es für mich in der Uni besonders interessant. Und genauso ist es bei den Fällen in meinen Büchern.

Was interessiert Sie beim Recherchieren und Schreiben am meisten?
Die Figuren. Viel mehr als der Kriminalfall. Ihre Untiefen auszuloten – das ist die Faszination.

In vielen Leserkommentaren zu Ihren Kriminalromanen wird Ihre Figurenzeichnung hervorgehoben. Haben Sie dabei Vorbilder aus dem wirklichen Leben vor Augen?
Manchmal gibt es Vorbilder aus dem wirklichen Leben für meine Figuren, aber ich verändere sie. Es hat sich noch niemand wiedererkannt. Es ist mir wichtig, komplexe Persönlichkeiten zu zeichnen, keine eindimensionalen Klischeefiguren. Menschen, die viele Möglichkeiten in sich tragen und das Potential zu Entwicklungen haben, wobei die Veränderung zum Guten wie zum Schlechten stattfinden kann. Und dann sehe ich, was passiert, was die Geschehnisse, in die ich sie gestellt habe, mit ihnen machen.

„Die Vertuschung eines Kindsmordes …“

 

Was war die Grundidee oder der Auslöser für „Ohne Schuld“?
Die Vertuschung eines Kindsmordes. Das war die Grundidee. Und vor allem das Motiv dafür: Überforderung und Depressionen bei der Mutter. Mit wie vielen Erwartungen von Seiten der Gesellschaft müssen Mütter leben. Für vieles haben Menschen Verständnis, aber kaum dafür, dass eine Frau ihr Kind nicht annehmen kann. Ein Tabuthema. Und dennoch ist es keineswegs selten. Kaum eine Frau würde jedoch wagen, darüber zu sprechen.

Ihre weibliche Hauptfigur im inzwischen dritten Fall ist Kate Linville, eine hervorragende Ermittlerin, aber …
… sie leidet unter einem erheblichen Mangel an Selbstwertgefühl. Im Job ist sie großartig, stellt aber ihr Licht viel zu sehr unter den Scheffel.

In vielen Leserkommentaren zu Ihren Kriminalromanen wird Ihre Figurenzeichnung hervorgehoben. Haben Sie dabei Vorbilder aus dem wirklichen Leben vor Augen?
Manchmal gibt es Vorbilder aus dem wirklichen Leben für meine Figuren, aber ich verändere sie. Es hat sich noch niemand wiedererkannt. Es ist mir wichtig, komplexe Persönlichkeiten zu zeichnen, keine eindimensionalen Klischeefiguren. Menschen, die viele Möglichkeiten in sich tragen und das Potential zu Entwicklungen haben, wobei die Veränderung zum Guten wie zum Schlechten stattfinden kann. Und dann sehe ich, was passiert, was die Geschehnisse, in die ich sie gestellt habe, mit ihnen machen.

Kate Linville ist als Ermittlerin in ihrem Element, Feierabend oder Ferien hingegen sind für sie keineswegs erfreuliche Aussichten, sondern eher furchteinflößend. Ein hoffnungsloser Fall von Einsamkeit?
Hoffnungslos vielleicht nicht. Aber sie ist privat schon sehr einsam. Und scheitert bislang bei jedem Versuch, das zu ändern.

Bei einer Institution wie Scotland Yard zu kündigen, kommt einem normalerweise nicht in den Sinn. Kate schon. Warum erscheint es ihr als das Beste?
Sie wird dort nicht gesehen. Was vor allem mit ihrer Zurückgenommenheit zu tun hat. Sie braucht tatsächlich einen Neuanfang.

Warum muss es für Kate Linville ausgerechnet Scarborough sein?
Weil es hier Detective Chief Inspector Caleb Hale gibt. Ihr neuer Vorgesetzter. Der wie kein anderer an ihre Fähigkeiten als Ermittlerin glaubt.

„Kate ist vertraut mit der Mentalität.“

 

Verbindet Kate mit Scarborough auch persönliches?
Scarborough ist ihre Heimat. Sie kennt die Gegend, sie ist vertraut mit der Mentalität der Menschen. Nordengland ist rau, die sozialen Gefälle sind groß. Kate ist damit aufgewachsen. Sie weiß Bescheid.

Wie entdecken Sie eigentlich die perfekten Schauplätze?
Scarborough ist ein Beispiel. Ich war 1995 zusammen mit einer Freundin im Auto auf dem Weg in die Yorkshire Dales, um für „Das Haus der Schwestern“ zu recherchieren. Wir verfuhren uns hoffnungslos, landeten am späten Abend in der mir bis dahin unbekannten Stadt Scarborough und übernachteten dort, weil wir nicht weiterwussten. Wir blieben zwei Tage, und ich fand heraus, dass diese Stadt ein großartiger Schauplatz für einen Roman wäre.

Ein großes Thema in Ihren Büchern – auch im aktuellen – sind Familien. Im Sinne von Tolstois „Anna Karenina“ die vielen Variationen von Unglück beziehungsweise Zerreißproben und Zusammenhalt?
Ja, die Unausweichlichkeit von Familie ist interessant. Freunde, Bekannte, manchmal sogar Kollegen können wir aussuchen, niemals aber unsere Familie. Die Verkettung im Glück wie im Unglück finde ich interessant.

„Gibt es völlig ausweglose Situationen?“

 

In „Ohne Schuld“ geraten viele Romanfiguren in ausweglose Situationen. Gibt es kein Entrinnen?
Die Frage ist, gibt es völlig ausweglose Situationen? Oder empfinden Menschen sie unter Umständen nur so – dann jedoch in einer Intensität, die sie unzugänglich für jede andere mögliche Perspektive macht? Und: Wie verhalten sich Menschen überhaupt, wenn sie mit dem Rücken zur Wand stehen? Sehr unterschiedlich, und warum? Dieser Frage bin ich anhand verschiedener Personen und Situationen nachgegangen.

In eine Sackgasse ist nicht zuletzt Detective Chief Inspector Caleb Hale geraten. Wie würden Sie seine Lage bilanzieren?
Sein Problem ist der Alkohol. So lapidar. Kommt er da raus, hat er wieder Boden unter den Füßen.

Welche Prognose wagen Sie für das Duo Caleb und Kate?
Caleb ist deutlich näher am Untergang, zumindest wenn er sein Alkoholproblem nicht in den Griff bekommt. Kate wird nicht untergehen. Sie glaubt zwar nicht an ihre eigene Stärke, aber sie hat sie.

Sie schildern das Geschehen nicht nur aus der Sicht der Ermittler, sondern aus weiteren Perspektiven. Welche Überzeugung steht dahinter?
Jede Szene verändert sich, sobald man die Perspektive wechselt. Drei Menschen schildern einen Vorgang, und Sie haben drei unterschiedliche Schilderungen – zumindest was Gewichtungen, Schwerpunkte angeht. Manchmal ist sogar der Ablauf ein anderer. Das hat immer mit dem Innenleben der Personen zu tun. Und jeder hat für sich das Recht, einen Vorgang auf seine Weise zu sehen. Ich als Autorin versuche mich mit den verschiedenen Perspektiven vertraut zu machen und ihnen gerecht zu werden.

„Vor allem interessante, komplexe Figuren!“

 

 

Auf die Frage nach Ihrer Erfolgsformel antworten Sie stets, dass Sie keine haben. Deshalb würden wir Sie ersatzweise fragen, wie Sie Ihren Anspruch als Autorin an sich selbst auf den Punkt bringen würden und was nach Ihrer Überzeugung einen guten Kriminalroman auszeichnet?
Spannende Handlung, unerwartete Wendungen. Vor allem aber interessante und komplexe Figuren.