© Andreas Sibler

WECKRUF Ernährung

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FIT DANK SUPERFOOD, Sirtuin oder Spermidin? Schlank durch Light-Produkte oder Low-Carb? Protein-Power aus Insekten-Burgern? Je sensationeller die Versprechen, desto mehr leuchten bei Ernährungs-Doc Dr. Matthias Riedl die Alarmlämpchen. Der Grund: Die immer schneller wechselnden Food-Trends haben vor allem einen Effekt: Konfusion. Kaum einer kennt sich mehr aus … Viele essen genau das Falsche. Deshalb sorgt Deutschlands führender Ernährungsmediziner nun in seinem neuen Buch für Orientierung, was uns wirklich guttut.

© Andreas Sibler

​Welche Beobachtungen alarmieren Sie gegenwärtig am meisten?
Erstens: Die zunehmende Zahl an Übergewichtigen, insbesondere unter den Kindern und Jugendlichen. Etwa jedes siebte Kind hierzulande ist zu dick oder sogar fettleibig – sie sind die kranken Erwachsenen von morgen. Zweitens: Das ungeheure Ausmaß gesundheitsgefährdender Fertigprodukte in den Supermärkten, wie etwa billige Schrottbackwaren. Drittens: Das mangelnde Wissen vieler Fachärzte, etwa aus dem Bereich Gastroenterologie und Orthopädie, über die Wirkmacht der Ernährungstherapie. Patienten müssen extrem lange, schmerzhafte Irrwege gehen, bis sie endlich die richtige Behandlung erhalten – daran hat sich in den vergangenen zehn Jahren viel zu wenig geändert.

Um die Vermittlung von Wissen über Ernährung haben Sie sich schon mehrfach mit Ihren Bestsellern verdient gemacht. Warum nun unbedingt noch ein weiterer Ratgeber?
Immer wieder richten Menschen konkrete Fragen an mich, von denen sich viele wiederholen. Diese wollte ich einmal gesammelt beantworten. Denn allen Ratgebern zum Trotz: In Sachen Ernährungswissen leben wir in einem Entwicklungsland.

„Abends zwei, drei Fragen querbeet lesen …“

Was ist das Besondere an Ihrem neuen Buch?
Die spezielle Verbindung aus Wissenschaft und Praxis habe ich so sonst noch nirgendwo gesehen. Ich beschreibe den Forschungsstand hinter den Fakten, breche diesen aber runter auf die Frage, was all die Erkenntnisse für unseren Alltag konkret bedeuten, was sie uns praktisch bringen. Und das auf möglichst spannende Weise! Einige Testleser haben mir berichtet, dass das Buch auf ihrem Nachttisch liegt und sie abends Antworten auf zwei, drei Fragen querbeet lesen – wie Kurzgeschichten. Ein schöneres Kompliment kann ich mir als Autor und Mediziner nicht wünschen: Die Leute fühlen sich unterhalten, informiert und das Wissen kann sich über Nacht festigen – perfekt!

Welcher Anspruch steht hinter Ihrem neuen Ratgeber? Was dürfen sich Leser erwarten?
100 kurze, fundierte Wissenskonzentrate, die ein für alle Mal Klarheit schaffen im Dickicht all der – mitunter windigen – Ratschläge zur gesunden Ernährung. Wer sie gelesen hat, sitzt nie wieder vermeintlichen Experten auf, die in Wahrheit keine sind – sondern ist kundiger Ernährungsberater in eigener Sache. Wählt also souverän die richtigen Lebensmittel aus und hat Lust darauf, sich gesünder zu ernähren. Das kann ich garantieren.

Wie haben Sie die 100 Fragen ausgewählt?
Etwa drei Viertel davon stammen von Patienten, Lesern und TV-Zuschauern: Ihre Fragen habe ich über Jahre gesammelt – und nun jene beantwortet, die am häufigsten auftauchten. Die restlichen Fragen habe ich danach ausgesucht, was mir als Mediziner besonders wichtig ist. Etwa: „Warum sollte jeder von uns mehr Ballaststoffe essen?“ oder: „Wieso sind Omega-3-Fettsäuren so wichtig?“. Danach erkundigt sich kaum jemand – dabei sind beide Antworten unabdingbar für eine artgerechte Ernährung.

„Spannend: Wie beeinflusst das Mikrobiom im Darm unsere Gesundheit?“

In Ihrem Buch steckt noch mal richtig viel Arbeit. Auf welcher Basis beruhen Ihre Ausführungen?
Ich habe als Mediziner die aktuelle Ernährungsforschung natürlich stets im Blick. Das wissenschaftliche Hintergrundrauschen des Buches bilden daher mehr als tausend Studien. Auf etwa 200 beziehe ich mich ganz konkret. Besonders aufrüttelnd: die Erkenntnis, in welch hohem Umfang Eltern die Folgen der eigenen ungesunden Ernährung über epigenetische Mechanismen an ihre Kinder weitergeben – und damit deren Disposition für Übergewicht und Stoffwechselstörungen verstärken. Auch spannend: Die Forschungen zur Frage, wie das Mikrobiom im Darm unsere Gesundheit beeinflusst – und zwar nicht nur die physische, auch die psychische. So konnten Forscher etwa zeigen: Das Mikrobiom von Depressiven unterscheidet sich extrem von dem Gesunder. Es wird also immer offenbarer: Eine darmfreundliche Ernährung ist in ihrer Bedeutung für uns kaum zu überschätzen.

Als Vorgeschmack würden wir gern wissen, was zu Unrecht ein schlechtes Image hat und was zu Unrecht ein gutes?
Fett! Gesunde Fettsäuren, etwa in Lein- und Walnussöl sowie Nüssen, sind echte Gesund-Garanten. Vollkornbrot dagegen sollten wir – wie alles Kohlenhydratreiche – eher sparsam genießen, um den Zuckerstoffwechsel zu entlasten. Zwar ist Vollkorn gesünder als Toast. Mehr als zwei Scheiben sollten sich aber nur jene Menschen gönnen, die sehr schwer arbeiten oder sich sehr viel bewegen.

 

„Top-Nahrungsmittel: Hülsenfrüchte!“

Apropos Nährstoffe: Was ist eigentlich vom Hype um Heuschrecken zu halten?
Nährstofftechnisch bilden Insekten eine gute Alternative zu Fisch und Fleisch. Wären sie aber Massenware, bräuchten wir für Trendprodukte wie Nudeln aus Insektenmehl Tiere aus industrieller Zucht. Die aber schadet dem Klima, es drohen Keimbelastungen der Waren – zudem verlieren mit jedem professionellen Insekten-Produzenten jene Menschen ihre Existenzgrundlage, die Tiere in freier Wildbahn sammeln und verkaufen. Das echte Nahrungsmittel der Zukunft bilden für mich daher Hülsenfrüchte! Auch sie liefern wertvolle Proteine – sind dabei aber deutlich klimafreundlicher als Fleisch und Fisch.

Ernährungsmythen nehmen Sie gründlich unter die Lupe. Wie sind Sie bei Ihrem Trend-Check vorgegangen?
Ganz einfach: Die Studienlage prüfen – und die Erkenntnisse mit meiner Praxiserfahrung abgleichen. Widersprüche ergaben sich dabei interessanterweise nie.

Welches aktuelle Topthema ist besonders spannend oder vielversprechend in der Forschung?
Spermidin! Diese chemisch sehr komplexe körpereigene Substanz steckt beispielsweise auch in Weizenkeimen – und ist ein mutmaßlicher Alleskönner: Sie erhält die Funktion der Kraftwerke unserer Zellen, wirkt antientzündlich, kann vor kardiovaskulären Krankheiten schützen, die Herzalterung sowie Demenz verzögern – und insgesamt das Sterberisiko senken. Bislang stammen die meisten Erkenntnisse aus Tierstudien. Inwieweit sie sich beim Menschen bestätigen, muss sich noch zeigen: Ich erwarte die zukünftigen Studien meiner Kollegen mit Spannung!

„Cheat Days stören die Appetitregulation.“

Verführerisch klingen „Cheat Days“. Was hat es damit auf sich und wo ist der Haken?
Das Versprechen: Wer 6 Tage lang gesund isst und dann einen Tag sündigt, nimmt leichter ab. Klingt gut, funktioniert aber nicht! Denn: Cheat Days stören die Appetitregulation – wir essen sehr viel mehr, als uns guttut. Dazu fährt unser Blutzucker über den gesamten Sündentag hinweg Achterbahn. Die Folge: Der Körper bremst die Fettverbrennung – und noch am Tag danach, wenn wir eigentlich wieder gesund essen wollen, quält uns ein Heißhunger, den wir bei artgerechter Ernährung nie verspüren würden. Kurz: Cheat Days machen eine Ernährungsumstellung noch schwerer, als sie für die meisten eh schon ist.

Sie bieten einen extra Infokasten unter dem schönen Motto „Richtig sündigen“. Wie sündigt denn ein Ernährungsmediziner wie Sie?
Geplant! Etwa einmal im Monat erfasst mich der Jieper nach Erdnussflips. Ich kaufe mir dann so eine kleine XS-Tüte mit etwa 30 Gramm – das ist gerade noch ok und reicht mir auch. Bei Schokolade setzt meine Selbstdisziplin leider komplett aus. Daher kaufe ich nur noch selten eine Tafel mit 85 Prozent Kakaoanteil und lagere diese dann im Tiefkühlfach. Am Wochenende gönne ich mir zum Kaffee ein Stück: Die Zeit, die es braucht, bis das Stück auf der Zunge geschmolzen ist, genügt, um meine Lust auf Süßes zu stillen.

Angesagt ist auch „intuitive Ernährung“, also auf das eigene Bauchgefühl hören. Warum trauen Sie dem nicht?
Ich traue dem nicht nur nicht – ich halte diese Empfehlung für Körperverletzung! Intuitiv ernähren konnten sich unsere Ahnen in der Savanne, die umgeben waren von natürlichen, nährstoffreichen Lebensmitteln. Wer aber in unserem modernen Lebensumfeld der Supermärkte und Imbisse auf sein Bauchgefühl hört, greift zu Gebäck, Chips und Süßkram. Denn die Evolution hat uns darauf geprägt, hemmungslos zuzuschlagen, wenn Hochkalorisches verfügbar ist. Früher sicherte dies unser Überleben – heute, in der Überflussgesellschaft, führt es uns vorzeitig ins Grab.

Welche Modeerscheinung erscheint Ihnen am verhängnisvollsten?
Vegane Fertigprodukte aus isolierten Proteinen und Fertigdrinks, die alle nötigen Nährstoffe liefern sollen – das ist überteuerte, schädliche Astronautenkost! Ähnlich unerträglich: jede neue Promi-Diät, wie aktuell die Sirtfood-Variante. Sie alle führen umstandslos in die Jo-Jo-Falle!

Etwas sorgenvoll blicken Sie auf Ihre Geschlechtsgenossen. Warum?
Männer kommen meist nur auf Druck ihrer Frau in meine Praxis – und dann ist es meist auch noch sie, die klar formuliert, woran es dem Gatten fehlt. Männer beschäftigen sich häufig ungern mit ihrer Gesundheit und noch weniger gern mit ihrer Ernährung. Sie wollen sich ihr tägliches T-Bone-Steak nicht vom Teller nehmen lassen. Doch wer das nicht tut, stirbt früher – Fakt!

„Übergewicht ist die häufigste Ursache für Impotenz!“

Mit welcher männlichen Gesundheitsfrage oder -problematik sind Sie am häufigsten konfrontiert?
Männer lassen sich oft erst dann durchchecken, wenn es im Bett nicht mehr läuft: Übergewicht ist die häufigste Ursache für Impotenz! Diese sollte kein Mann auf die leichte Schulter nehmen – sie bildet meist das erste Anzeichen einer drohenden Herzerkrankung infolge schlechter Ernährung. Und die ist bei Männern extrem verbreitet: Sie essen im Schnitt noch weniger Gemüse als Frauen, dafür mehr Wurst und Fleisch – und konsumieren mehr Alkohol. All das erhöht das Adipositas-Risiko, schädigt die Gefäße und erhöht die Wahrscheinlichkeit, an Zivilisationskrankheiten wie Diabetes und Krebs zu erkranken.

Bei Ernährungsumstellung befürchten viele eine Radikalkur. Zu Recht?
Eine Diät ist radikal – eine Ernährungsumstellung das Gegenteil: Es geht darum, sich mit kleinen Veränderungen an eine gesündere Lebensweise heranzutasten. Wer das tut – im besten Fall professionell begleitet –, muss seinen Alltag so wenig umstellen, dass er es kaum bemerkt. Die Effekte aber sind drastisch: Meine Patienten spüren bald kein Verlangen mehr nach Ungesundem – und fühlen sich fitter und zufriedener!

Ihr Buch endet mit den fünf Regeln. Verraten Sie uns bitte wenigstens zwei Ihrer fünf Faustregeln?
Wie oben schon angedeutet: Mehr Ballaststoffe essen – viele davon stecken in Hülsenfrüchten und Kohl. Und die Versorgung mit Omega-3-Fettsäuren sichern – etwa über Lein- und Walnussöl, fetten Fisch oder Algen.

„Franzbrötchen – da kann ich schwer widerstehen …“

Ihr Wahlspruch lautet bekanntermaßen: artgerechte Ernährung. Veranschaulichen Sie uns das doch bitte mal am eigenen Beispiel. Was steht heute auf Ihrem Speiseplan?
Zum Frühstück gab es Grüntee, Quark mit Beeren und einen Esslöffel Leinöl. Mittags habe ich ein mitgebrachtes Vollkornbrot mit Heringssalat gegessen, nachmittags einen zuckerfreien Espresso getrunken. Auf der Heimfahrt hat mir meine Notfall-Dose mit Bio-Möhren, Apfelschnitzen und Mandeln gegen den Heißhunger geholfen – und gleich mache ich mir noch eine mediterrane Gemüsepfanne mit einem großen Stück gebratenen Tofu. Ein guter Tag! Morgen hingegen werden meine Assistentinnen wie jeden Mittwoch Franzbrötchen mitbringen. Da kann ich schwer widerstehen – ein halbes dieser typischen Hamburger Teilchen muss sein.