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Als Kulturjournalistin ist die Pragerin Alice Horáčková Weltbürgerin mit tschechischen und deutschen Wurzeln. Ihre Liebe zur Literatur führt sie immer wieder nach Deutschland – auch als preisgekrönte Autorin. In Berlin wurde die Idee zu ihrem neuen Roman geboren, auf der Frankfurter Buchmesse hat sie das Meisterwerk vorgestellt: „Geteiltes Haus“, eine Sudetenland-Saga, ist inspiriert von der Geschichte ihrer eigenen weitverzweigten Familie, die sie bei ihren Recherchen neu kennengelernt hat. Auch Ungeahntes hat sie dabei ans Licht gebracht …
Als Kulturjournalistin haben Sie Größen wie Elfriede Jelinek, Hans Magnus Enzensberger und Peter Handke interviewt. Wann und wie haben Sie die deutschsprachige Literatur für sich entdeckt?
Als Kind liebte ich „Emil und die Detektive“ von Erich Kästner. In der Oberstufe entdeckte ich Franz Kafka. Ich las „Der Prozess“, „Das Schloss“, „Die Verwandlung“ und „Brief an meinen Vater“ sogar in den Pausen, bis die Lehrerin erstaunt rief: „Das kannst du doch nicht verstehen!“ Aber Kafka verstand ich schon von Hause aus: die Unentschlossenheit, die ewigen Sorgen und das Gefühl, nicht dorthin zu gehören, wo man eigentlich hingehört … Und dann später in Berlin begleitete mich Bertolt Brecht, seine Gedichte und Theaterstücke, die wir in exzellenten vierstündigen Seminaren an der Freien Universität Wort für Wort diskutierten.
Was ist Ihr Roman „Geteiltes Haus“ für Sie? Sudetenland-Saga, Familiengeschichte, Bergdorf-Chronik oder Riesengebirge-Hommage?
Von allem etwas. Als ich mit dem Schreiben begann, lautete der Arbeitstitel „Familienroman“. Mir gefällt aber auch der Begriff „Dorfroman“: Erstens werden sie heutzutage nicht mehr so oft geschrieben, und zweitens ist das Bergdorf für mich der Schlüssel zur Mentalität meiner Figuren. Die Menschen dort spähen auf die Teller, in die Geldbörsen und Betten der anderen, aber sie helfen einander, wenn sie im Schnee feststecken.
„Berlin gab mir den Mut, mich nicht entmutigen zu lassen.“
Was war der Auslöser für Ihre Spurensuche nach der eigenen Familiengeschichte?
Berlin. Ich war 28 Jahre alt, meine Großeltern waren bereits gestorben, und meine Stipendiatenfreunde fragten mich: „Wie hast du Deutsch gelernt? Hast du deutsche Verwandte?“ Ich schämte mich, dass ich so gut wie nichts über meine Familie wusste. Als ich dann Weihnachten in Benetzko verbrachte, hatte ich viele Fragen. Berlin gab mir den Mut, mich nicht entmutigen zu lassen.
„Geteiltes Haus“ widmen Sie Ihrem Vater und Ihrem Onkel. Welchen Anteil haben die beiden an der Entstehung Ihres Romans?
Ohne sie wäre das Buch nie entstanden. Aber es war nicht leicht, Fragen zu stellen. Mein Vater ist ein verschlossener Mensch und erinnert sich nicht gern an etwas. Aber mein Onkel, der jüngere Bruder meines Vaters, hat mir sehr geholfen. Auch er war anfangs etwas zurückhaltend und wunderte sich, warum mein Vater mir bislang so wenig erzählt hatte. Oft sagte er: „Frag ihn doch einfach!“ Und so pendelte ich zwischen den beiden hin und her und versuchte, die Zusammenhänge zu verstehen. Mein Onkel holte aus verschiedenen Verstecken Familienfotos hervor, die ich zum ersten Mal in meinem Leben sah. Auf jenen Bildern, auf denen mein Großvater Uniform trug, waren die Abzeichen der Wehrmacht herausgeschnitten.
„… brodelte es schon vorher?“
Sie spannen einen Bogen von der k. u. k.-Monarchie bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Welchen Zäsuren und Umbrüchen in der Geschichte des Sudetenlands gilt Ihr Hauptinteresse und warum?
Mich interessieren weniger die Wendepunkte als vielmehr die Prozesse. Was machte meine Vorfahren zu fanatischen Deutschen oder zu Pragmatikern, die vom Krieg profitierten? Und warum blieb jemand in der Familie trotz allem „anders“? Warum wandten sich Nachbarn in einem kleinen Dorf, die sich bis dahin gegenseitig geholfen hatten, plötzlich gegeneinander und verfassten Denunziationen? Ist die Ideologie schuld, oder brodelte es schon vorher? Und welche Rolle spielen kleine Missstände und Ressentiments, die menschliche Natur, dabei? Deshalb habe ich mich bis zur Monarchie und der Ersten Republik zurückgearbeitet. Dafür waren die Chroniken der Gemeinden, Schulen und Pfarreien sehr hilfreich.
Inwiefern bringt der Titel „Geteiltes Haus“ die komplexe Geschichte auf den Punkt?
Meine Familie war und ist gespalten. Nicht nur räumlich, sondern auch durch unterschiedliche Überzeugungen und Erinnerungen. Mein Urgroßvater wurde nach dem Krieg vertrieben, während sein Sohn, mein Großvater, in der Tschechoslowakei bleiben konnte. Sie hielten Kontakt, schickten sich Pakete, stritten aber auch darüber, was geschehen war und warum. Ich verstand das alles erst viel später, vor allem durch meine Recherchen – in meiner Familie wurden diese Dinge nicht besprochen. Und es gibt immer noch unterschiedliche Versionen auf beiden Seiten der Grenze. Zum Beispiel darüber, wie einer meiner Verwandten am Ende des Krieges starb. Hat er Selbstmord mit Zyankali begangen oder wurde er von den Tschechen zu Tode geprügelt? Man könnte sagen, dass es diese Spannungen und die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Vergangenheit waren, die in mir den Wunsch weckten, alles aufzuschreiben.
Der Romanschauplatz Benetzko ist für sie ein persönlicher Erinnerungsort – an „die glücklichsten Momente meiner Kindheit“. Was haben Sie in dem Bergdorf Besonderes erlebt und wie hat es Sie geprägt?
Ich bin in Prag geboren, fühle mich aber in Benetzko zu Hause. Dort habe ich Skifahren und Langlaufen gelernt, habe Blaubeeren gepflückt und Pilze gesammelt. Wir haben dort unsere Sommerferien als große Familie verbracht, mit meinem Großvater, meiner Großmutter, meinem Onkel, meiner Tante und deren Kindern. Ich habe dort Klavier gespielt; mein Großvater war ein hervorragender Musiker. Doch nicht alles war idyllisch. Mein Großvater war streng und hat uns oft ausgeschimpft. Erst nach seinem Tod habe ich verstanden, was seinen Charakter geprägt hat.
„Sie tratschten auch gern mal übereinander …“
In „Geteiltes Haus“ lassen Sie ein Großaufgebot an Kindern und Erwachsenen, Tschechen und Deutschen und weiteren Dorfbewohner:innen lebendig werden. Was hat Sie bei der Erschaffung Ihrer Romanfiguren geleitet?
Ich ließ mich von den dramatischen Schicksalen meiner Verwandten inspirieren, aber auch von meinen eigenen Erlebnissen im Dorf. Unsere Küche war immer voller Leute, die zum Plaudern oder „pobejt“ vorbeikamen, wie man im Riesengebirge sagte. Sie tratschten auch gern mal übereinander, und irgendwann stellte ich fest, dass meine fiktiven Figuren ganz ähnlich tratschen …
Was macht Nationalitäten und Identitäten zum großen Thema für Sie?
Ich stamme aus einer Familie, die für die Deutschen wenig deutsch und für die Tschechen nicht besonders tschechisch war. Mein Großvater besuchte sowohl tschechische als auch deutsche Schulen und begriff gar nicht, wo der Unterschied war. Mich hat bei einer Lesung mal ein alter Zeitzeuge gefragt: „Und zu wem stehst du eher: den Deutschen oder den Tschechen?“ Ich weiß nie, was ich dann antworten soll. Wenn ich mit Deutschen zusammen bin, stimme ich ihnen zu, und wenn ich mit Tschechen zusammen bin, ihnen … Ich glaube, am Ende bin ich objektiv.
Warum haben Sie Zdenka und Anežka als Hauptfiguren auserkoren? Was verkörpern die ungleichen Freundinnen?
Für mich ist es eine Polyphonie. Von meinen Figuren mag ich die am liebsten, die ich am besten schreibe. Das heißt nicht, dass sie positiv sein müssen. Die Frauen im Roman bilden ein Gegengewicht zu den ehrgeizigen Männern: Sie sind vielleicht bodenständiger, vor allem an Beziehungen und der Familie interessiert, lassen sich aber gleichzeitig nicht so leicht von Ideologien beeinflussen. Sie sind skeptischer und man könnte sogar sagen menschlicher. Andererseits verharren sie oft in einer passiven Rolle.
„Zdenkas Geschichte basiert auf der wahren Geschichte meiner Urgroßmutter.“
Zdenka bringt als ledige Frau Arnošt zur Welt. Worum geht es Ihnen bei seinem Schicksal und wie stark ist er durch Ihren Großvater väterlicherseits inspiriert?
Zdenkas Geschichte basiert auf der wahren Geschichte meiner Urgroßmutter. Mein Großvater wurde unehelich geboren und wuchs bei Fremden auf, bevor er zu seiner Mutter zurückkehren konnte. Ich versuchte, mir das vorzustellen, und im Nachhinein tat er mir leid. Warum musste sie ihn wegschicken? Auf Druck ihres zukünftigen Ehemanns, eines Deutschen, der ihr misstraute? Oder willigte sie ein, weil sie sich mehr Freiheit wünschte? Konnte sie den Klatsch der Nachbarn nicht mehr ertragen? Da bleibt viel Raum für Spekulationen und Fantasie.
Haben Zdenka und Anežka eigentlich nur die Wahl zwischen dem größeren und dem kleineren Übel? Oder verstehen Sie Ihren Roman auch als Geschichte weiblicher Selbstbehauptung?
Ja, es ist auch eine Geschichte der Emanzipation, oder vielmehr des Versuchs dazu. Zdenka ist eine eigensinnige Frau, die mehr will als andere. Sie hat viele Bewunderer und sehnt sich nach Freiheit, doch wie Anežka wählt sie den falschen Partner. Das war damals völlig normal. Es sind zwei Mädchen, zwei Freundinnen aus demselben Ort, die ihre Träume haben, sich aber unter dem Einfluss von Zeit und ihren Familien immer weiter von sich selbst entfernen.
Ein Schlüsselbegriff ist „Identitätenwechsel“. Was verstehen Sie darunter und welche Ihrer Romanfiguren würden Sie als Beispiel nennen?
Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es möglich ist, die eigene Identität von Grund auf zu verändern. Mein Großvater (ähnlich der Romanfigur Arnošt) hat es versucht: Er änderte seinen Namen zweimal, um sich besser an seine Umgebung anzupassen. Doch selbst heute, nach achtzig Jahren, fragen mich die Leute im Dorf: „Und wusstest du, dass euer ursprünglicher Name ein anderer war?“
Sie scheuen Trauriges und Tragisches nicht, arbeiten aber gleichzeitig mit Ironie. Wie wichtig ist Ihnen Humor und in welcher Tradition sehen Sie sich dabei?
Als ich klein war, erzählte meine Mutter uns vor dem Schlafengehen immer die seltsamsten Geschichten aus ihrer Heimatstadt. Wer sich unglücklich verliebt hatte, wer wie gestorben, wem welches Unrecht widerfahren war. Es waren lebhafte, ereignisreiche Geschichten. Oft betonte sie das Absurde, Komische. Ich glaube, all das hat mich als Schriftstellerin beeinflusst. Ich mag Bohumil Hrabal, und Humor ist mir beim Schreiben wichtig. Deshalb lese ich auf meinen Lesereisen gern ein Kapitel darüber, wie die Tschechen bei einer spiritistischen Séance den Geist Heydrichs heraufbeschwören – und erst am Ende merken, dass sie mit dem deutschen Geist doch Deutsch sprechen müssen!
„Warum hat das so lange gedauert?“
Wie hat die Arbeit an Ihrem Roman Ihr Bild von Ihrer weitverzweigten Familie und Ihr Miteinander verändert?
Dank des Romans entdeckte ich meine Familie. Ich lernte Verwandte beiderseits der Grenze kennen, von deren Existenz ich nichts gewusst hatte. Nach 1945 gab es in Benetzko nur noch wenige Haushalte meiner weitverzweigten tschechisch-deutschen Familie. Der Kontakt brach ab und versiegte später ganz. Als das Buch erschien, rief mich ein Chronist aus Tanvald an: „Wussten Sie, dass sich einige Ihrer Verwandten bei mir gemeldet haben? Hier habe ich die Telefonnummer.“
Und so finde ich immer wieder neue, entfernte Cousins und Cousinen – und ich bin noch lange nicht fertig. Eine von ihnen sah ich diesen Frühling zum ersten Mal. Sie ist fast achtzig. Sie umarmte mich und sagte: „Warum hat das so lange gedauert?“