Premiere eines Dreamteams: Arne Dahl und Jonas Moström, Schwedens Stars der Spannungsliteratur, haben sich viel vorgenommen mit ihrer Thriller-Trilogie – und brillieren von Anbeginn. Der furiose Auftakt: „Doppelspiel“. Der Held: ein Bestsellerautor, der fürchten muss, alles zu verlieren – und in der verzweifelten Hoffnung auf geniale Einfälle viel riskiert. Auch seine Seele? Und noch mehr Tote, als die Realität seine Fiktion einholt? Ein überwältigend genialer, unheimlicher Masterplan und grandiose erzählerische Raffinesse!

Was schätzen Sie so sehr aneinander, dass Sie ein gemeinsames Krimi-Großprojekt gestartet haben?
AD: Im Wesentlichen sind wir gute Freunde. Wir haben viele Mittagessen und Spaziergänge in Stockholm miteinander verbracht und dabei über persönliche Dinge gesprochen, aber natürlich hauptsächlich über Bücher und Krimis. Als Autoren sind wir ein bisschen unterschiedlich, daher hat es eine Weile gedauert, bis wir an einem Punkt angelangt waren, an dem es interessant wurde, gemeinsam etwas zu schreiben – dem Punkt, an dem wir erkannt haben, dass wir über alles reden, ohne jegliches Konkurrenzdenken arbeiten und die spezifischen Fähigkeiten des anderen nutzen können.

„Doppelspiel“, der Auftaktband Ihrer Trilogie, wirkt wie ein ziemlich extremes literarisches Abenteuer. Was treibt Sie bei diesem Wagnis an?
JM: Es ist eigentlich ganz einfach: Wir wollten uns nicht eingeschränkt fühlen. Das Buch handelt von einem einsamen Schriftsteller, der unter einer Schreibblockade leidet. Das ist für jeden Autor lebensbedrohlich – und das ganze Buch ist im Grunde genommen ein Weg, um eine Schreibblockade zu vermeiden, nämlich durch literarische Freiheit. Schränke Dich nicht selbst ein! Als sich dies mit größeren Fragen zur Kreativität zu verflechten begann, wie „Wer hat die Kontrolle über Kreativität und das Erzählen von Geschichten?“ und „Wann wird das demokratische Recht auf freie Meinungsäußerung politisch eingeschränkt?“, wurde das Projekt wirklich interessant. Außerdem war es eine Möglichkeit, der Einsamkeit des Schreibens zu entkommen.

„Eine Feier der Freiheit der Kreativität und Meinungsäußerung.“

Die deutsche Ausgabe hat den Titel „Doppelspiel“. Was ist für Sie die Kernbotschaft?
AD: Ich denke, es ist eine Feier der Freiheit der Kreativität und Meinungsäußerung – aber auch eine Warnung, dass diese Freiheit von außen und innen bedroht ist.
JM: Die Kernidee ist, dass Kreativität die stärkste Kraft ist, über die wir als Menschen verfügen – und dass sie sowohl für Gutes als auch für Böses eingesetzt werden kann. Ich interessiere mich auch dafür, wie „wahre Fiktion“ als Fake News fungieren kann und wie leicht sich diese Grenzen verschieben lassen.

Für die schwedische Originalausgabe haben Sie den Titel „Skaparen“ gewählt: „Schöpfer“. Warum?
JM: Wir haben diesen Titel gewählt, weil der Protagonist, der Schriftsteller Tom Borg, seine eigene Fiktion, seine eigene Realität und letztendlich genau das Buch erschafft, das die Leser:innen lesen. Das schien uns die ehrlichste Beschreibung dessen zu sein, worum es in der Geschichte wirklich geht.
AD: Während des Schreibens kam mir ein sehr interessanter Gedanke: Wer ist eigentlich der Schöpfer dieses Buches?

Was war und ist für Sie das Spannendste beim Entwickeln des Masterplans?
AD: Die Herausforderung, eine sehr interne Autorenfrage über eine Schreibblockade in etwas Allgemeines und wirklich Spannendes zu verwandeln.
JM: Das Spannendste war es, eine gemeinsame Erzählstimme zu finden – zwei verschiedene Ideen zu einer Geschichte zu verschmelzen und so nahtlos zu schreiben, dass die Leser:innen unser doppeltes Spiel nie bemerken.

„Olivia Woolf und Nazrin Halabi bilden ein großartiges Team.“

Nordic Noir hat ikonische Figuren wie Wallander und Lisbeth Salander hervorgebracht. Welche Ihrer Held:innen aus „Doppelspiel“ haben für Sie das größte Potenzial oder das interessanteste Profil?
AD: Das ist ganz eindeutig Olivia Woolf, die Polizistin, die für die Verfolgung des Schriftstellers Tom Borg zuständig ist. Sie leidet nicht nur unter Chimärismus – was bedeutet, dass sie zwei DNA-Sätze hat, was sich in einem blauen und einem grünen Auge äußert –, sondern übt auch (ganz heimlich) außerhalb des Gesetzes Gerechtigkeit aus. Zusammen mit ihrer engsten Kollegin, Freundin und Partnerin Nazrin Halabi bildet sie ein großartiges Team mit einer ganz besonderen Beziehung.

Wie Sie selbst ist Ihr Protagonist Tom Borg ein gefeierter Schriftsteller. Ist er eine Art Alter Ego von Ihnen beiden?
JM: Ja und nein. Er ist allerdings etwas erfolgreicher als wir.

Was macht Tom Borg für Sie zur idealen Hauptfigur?
AD: Wir wissen genau, wie sein Alltag aussieht, wir kennen die Welt des Schreibens und Verlegens, die er täglich atmet. Aber wir haben auch viel Raum gelassen, den die Leser:innen selbst ausfüllen können. Wir haben ihn zu einem Schelmenhelden gemacht, wie Candide, der ein sehr behütetes Leben führt und nach und nach immer mehr mit den harten Realitäten der Welt vertraut wird. Das ist im Grunde die Geschichte.

Inwiefern ist der Megaerfolg von Tom Borgs Nordic-Noir-Trilogie und vor allem das Finale „Big Bang Blues“ für ihn sowohl Fluch als auch Segen?
JM: Wenn man mit einem bestimmten Buch einen wirklich großen Erfolg hat, kann es sehr beängstigend sein, das nächste zu schreiben. Der Segen ist natürlich der weltweite Ruf und das viele Geld. Der Fluch ist, weiter schreiben zu müssen.

„ Man muss sich seinen Ängsten stellen.“

Tom Borg wird von der Schreckensvorstellung vieler Autor:innen heimgesucht: einer hartnäckigen Schreibblockade. Warum tun Sie ihm das an?
AD: Um es selbst zu vermeiden.
JM: Man muss sich seinen Ängsten stellen, um sie überwinden zu können.

Welchen eigenen Dämonen und Ängsten stellen Sie sich in „Doppelspiel“?
AD: Dem bereits erwähnten Dämon der Schreibblockade – besonders natürlich, wenn der Druck zu schreiben durch Erpressung und politischen Druck verstärkt wird, der auch die Menschen betrifft, die einem am meisten am Herzen liegen.

Toms wohl bester Freund ist Lennart Stagnelius. Was macht ihn besonders?
JM: Das Besondere daran ist die in der realen Welt unmögliche Freundschaft zwischen einem gefeierten Vertreter der gehobenen Kultur und einem Vertreter der einfachen Populärkultur. Lennart musste ein Gegenpol zu Tom sein: Er schreibt nicht nur sehr langsam (fünf Wörter pro Tag) und ist sehr gebildet, sondern ist auch eine sehr originelle Figur mit vielen spezifischen Charakterzügen und Marotten. Es hat viel Spaß gemacht, ihn zu erschaffen. Tom war eher ein leerer Raum, der von den Leser:innen gefüllt werden muss.

Für die Suche nach Inspiration bekommt Tom den Rat: Stürz’ dich kopfüber ins Leben. Wie gehen Sie selbst vor? Ungehemmt wie Tom?
AD: Leider ist es Lennart, der Tom rät, sein zurückgezogenes, geschütztes, privilegiertes Leben aufzugeben, um seine Kreativität wiederzufinden. Tom beschließt, sich direkt in die Realität zu stürzen – und wird hart zurückgeworfen. Wir sind hoffentlich etwas erfahrener als Menschen und Schriftsteller und müssen uns nicht kopfüber in die Gefahren der Welt stürzen, um kreativ zu werden.

Nachdem Tom hautnah Zeuge eines Mordes wurde, beginnt für ihn selbst ein turbulentes Überlebenstraining. Was verlangt es ihm ab und was holt es aus ihm heraus?
AD: Es zeigt, dass er erwachsen werden muss. Bis zu einem gewissen Grad tut er das auch – indem er seltsame Entscheidungen trifft und aus seinen Fehlern lernt. Und indem er Verantwortung für sein Handeln übernimmt. Er muss erkennen, was für ein privilegiertes Leben er geführt hat, und er muss sich seinen Gefühlen nähern.

Tom gerät als Hauptverdächtiger ins Visier der Polizei. Warum wird ihm vor allem Kriminalkommissarin Olivia Woolf gefährlich?
JM: Aus mehreren Gründen. Sie steht bereits mit beiden Beinen fest im Leben, was sie zu einem erfahreneren, erfüllteren Menschen macht – und auch klüger als ihn, so dass sie ihm Schritt für Schritt näherkommt. Zudem sind ihre Teenager-Kinder ebenfalls ein Paar, so dass Tom auf vielen verschiedenen Ebenen fliehen muss.

„Schach – der König unter den Spielen.“

Wie sehr Tom in Bedrängnis gerät, zeigt sich nicht zuletzt an Verfolgern mit Schachfiguren-Tattoos. Warum haben Sie sich bei diesen geheimnisvollen Andeutungen für Schach-Symbole entschieden?
AD: Schach ist nach wie vor das komplexeste Spiel der Welt, der König unter den Spielen. Tom sieht sich einem Gegner gegenüber, der viel besser Schach spielt als er, lebende Schachfiguren drängen ihn immer mehr in die Enge, und das Spiel nähert sich mit großen Schritten dem Ende. (Unsere eigenen Spielstärken sind nicht der Rede wert …)

Was verkörpert für Sie der Mann mit dem Schachstatus Großmeister und dem hängenden Augenlid?
JM: Den perfekten Spion.

Es geht um weit mehr als um die Aufklärung immer weiterer Morde. Was braut sich da zusammen? Welcher Keim wird für die Trilogie gelegt?
AD: Was sich hier abzeichnet, ist etwas viel Größeres und Mächtigeres, als Tom jemals erwartet hätte, als er seinen ersten Schritt aus der Sicherheit herauswagte, die ihn umgab. Diese Geschichte wird in Band 2 fortgesetzt – und neue, seltsame Höhen erreichen.

„Fiktion ist die Lüge, durch die wir die Wahrheit sagen.“

Lennart kann in nahezu jeder Lage lässig ein passendes Zitat beisteuern. Wie haben Sie diesen Leseschatz zusammengestellt und welche literarische Anspielung sagt am meisten über „Doppelspiel“ oder Ihre ganze Trilogie? Der „Faust“?
AD: Wir schöpfen nur aus unserem eigenen Fundus. Langjähriges Lesen liefert die Hinweise für gute Zitate. Viele Dinge aus „Faust“ würden absolut gut passen (es stimmt, dass er unser engster Begleiter ist), aber das Zitat von Camus in „Doppelspiel“ ist sowohl einfach als auch zutiefst wahr: „Fiktion ist die Lüge, durch die wir die Wahrheit sagen.“

Inwiefern ist „Doppelspiel“ ein Spiel mit dem Feuer?
JM: Die Erkenntnis von Faust oder Frankenstein: Um die nächste Stufe zu erreichen, musst du möglicherweise deine Seele verkaufen.