Auch als Hörbuch auf Hugendubel.de erhältlich.
Dr. med. Carsten Lekutat kennen viele aus der Sendung „Hauptsache gesund“ im MDR, als Gesundheitsexperte beim ARD-Mittagsmagazin oder als Autor. Aus seiner Feder stammen u. a. die Erfolgstitel „Der Vital-Code“ und „Schlank für Faule“. Hauptberuflich ist der Facharzt für Allgemeinmedizin Leiter des Berliner HIT, dem Hausarztzentrum in Tegel. In seiner täglichen Praxis ist er immer öfter mit einem Symptom konfrontiert, das die Betroffenen auf Dauer massiv auslaugt: bleierne Müdigkeit. In seinem neuen Gesundheitsratgeber zeigt er, was die Ursachen sein können und wie sich diese aufdecken lassen.
Was verbreitet sich immer mehr und warum bezeichnen Sie diese Entwicklung als „unsichtbaren Schatten“?
Chronische Müdigkeit hat sich in Deutschland längst zu einer Art Volkskrankheit entwickelt, die über reinen Schlafmangel weit hinausgeht. Ich nenne sie den „unsichtbaren Schatten“, weil sie sich schleichend über das gesamte Leben legt und uns Freude und Energie raubt, ohne dass man sie von außen immer sofort sieht. Viele Betroffene funktionieren nach außen hin perfekt, brennen innerlich aber leise aus. Es ist ein leiser, zermürbender Gegner, der oft durch unsere moderne Lebensrealität – permanente Erreichbarkeit und gesellschaftlichen Druck – genährt wird.
Viele betroffene Leser:innen dürften schon einige Arztbesuche hinter sich haben – ohne eine deutliche Verbesserung zu spüren. Woran kann das liegen?
Das liegt oft daran, dass Standard-Laborwerte trügen können. Viele Patienten erhalten nach einer Odyssee durch Arztpraxen die frustrierende Diagnose: „Medizinisch ist alles in Ordnung“. Doch die klassische Medizin sucht oft nur nach lichterloh brennenden Feuern. Subtile Signale – ich nenne sie den Vital-Code – wie stille Entzündungen (Silent Inflammation), eine Insulinresistenz oder eine versteckte Schilddrüsenunterfunktion werden dabei leicht übersehen. Diese Störungen sind zwar körperlich, entziehen sich aber oft den routinemäßigen Untersuchungen.
„Ein Kompass aus dem Energieloch.“
Wie möchten Sie Leser:innen mit Ihrem neuen Buch weiterhelfen?
Ich möchte den Menschen den Schlüssel geben, diese unsichtbaren Prozesse in ihrem Körper endlich zu verstehen. Mein Buch soll ein Kompass aus dem Energieloch sein. Es geht weg vom reaktiven „Notarzt-Modus“ hin zur proaktiven, selbstbestimmten Gestaltung der eigenen Gesundheit. Ich möchte Mut machen: Chronische Müdigkeit ist kein unabwendbares Schicksal. Mit dem richtigen Wissen und meinen „Micro-Preps“ – kleinen, aber wirkungsvollen Schritten – lässt sich die Kontrolle über die eigene Energie zurückgewinnen.
Um den eigenen Zustand besser einschätzen zu können, haben Sie einen Müdigkeitstest entwickelt. Was kann diese Eigendiagnose ans Licht bringen?
Der Test hilft dabei, den ganz persönlichen Müdigkeitstyp einzuordnen. Denn wir sind nicht einfach nur „müde“: Wir sind vielleicht „entzündungs-müde“ (rot), „hormon-müde“ (blau), „mangel-müde“ (gelb) oder „stress-müde“ (grün). Der Test dient als Wegweiser durch den Dschungel der Möglichkeiten, damit man nicht länger im Nebel stochert, sondern gezielt dort ansetzt, wo der Kern der eigenen Erschöpfung liegt.
„Hormone sind die Dirigenten unseres Lebens.“
Wer auf der Suche nach möglichen Ursachen von Erschöpfung ist, stößt in Ihrem Buch unter anderem auf das „Orchester der Hormone“. Ist das für Frauen wie Männer gleichermaßen relevant?
Absolut! Hormone sind die Dirigenten unseres Lebens und betreffen uns alle, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Bei Frauen sind es oft die Schwankungen von Östrogen und Progesteron, besonders in der Perimenopause. Bei Männern ist es der schleichende Testosteronabfall in der Andropause. In beiden Fällen sind die Sexualhormone Allrounder, die sogar unsere zelluläre Energieproduktion in den Mitochondrien beeinflussen. Wenn der Dirigent aus dem Takt gerät, leidet die Lebensenergie bei beiden Geschlechtern.
Sie beobachten immer wieder: „Ich schwimme in Energie, aber ich komme nicht ran.“ Wie bringt einen diese Feststellung der Problemlösung näher?
Dieser Satz beschreibt perfekt das Paradoxon der Insulinresistenz. Der Körper hat eigentlich genug „Treibstoff“ in Form von Zucker im Blut, aber die Zellen machen dicht. Die Energie kommt also nicht dort an, wo sie gebraucht wird – in den Zellkraftwerken. Wenn man das versteht, erkennt man, dass man nicht „mehr essen“ muss, sondern die Empfindlichkeit der Zellen wieder verbessern muss – etwa durch Bewegung oder die richtige Nahrungsauswahl.
„Sie sind nicht allein mit Ihrem Problem …“
Sie schildern auch konkrete Fallbeispiele. Warum ist Ihnen das wichtig?
Weil die Medizin selbst faszinierend genug ist und keine erfundenen Geschichten braucht. Miriams Geschichte zum Beispiel zeigt eindrücklich, dass das, was wie ein Burn-out aussieht, in Wahrheit ein komplexes hormonell-entzündliches Puzzle sein kann. Fallbeispiele machen deutlich: Sie sind nicht allein mit Ihrem Problem, und es gibt reale Wege zurück zu Vitalität und Lebensfreude.
Wie haben Sie die weiterführenden Tipps in Ihrem Buch zusammengestellt? Wem helfen diese Zusatzangebote weiter?
Die Tipps basieren auf neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und meiner langjährigen praktischen Erfahrung. Sie helfen jedem, der bereit ist, Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen. Besonders spannend sind die digitalen Schnittstellen im Buch: Über Schnell-Codes gelangt man zu Online-Inhalten wie einem Rechner für Entzündungswerte oder Videos, die komplexe Prozesse visuell erklären.
„Medizin ist oft ein Puzzlespiel.“
Eindruck, man müsse wie Dr. House detektivisch vorgehen und Punkt für Punkt alles für sich selbst prüfen. Stimmt das?
Ja, genau das ist es! Medizin ist oft ein Puzzlespiel, bei dem jedes kleine Indiz zählt. Man muss zum Sherlock Holmes seiner eigenen Biologie werden. Chronische Müdigkeit ist vielschichtig, und einfache Antworten greifen selten. Aber diese detektivische Arbeit lohnt sich, weil sie uns erlaubt, die wahren Ursachen zu finden und nicht nur Symptome zu bekämpfen.
Sie stärken Leser:innen mit der Aussage: „Ihre Müdigkeit ist kein Hirngespinst.“ Wie wichtig ist unsere Psyche bei der Problemsuche?
Die Psyche spielt eine immense Rolle, aber oft anders, als man denkt. Stress aktiviert den Kampf-oder-Flucht-Modus, der für Dauerbelastung nicht gemacht ist und unsere Energiereserven plündert. Wichtig ist mir aber die Befreiung: Wenn Hormone verrücktspielen oder Entzündungen den Körper auszehren, ist das keine Charakterschwäche, sondern eine ernsthafte Störung. Man muss aufhören, sich selbst die Schuld zu geben.
Eine wichtige Ermutigung lautet: „Kleine Schritte, große Wirkung“. Zielt das darauf ab, dass wir uns auf dem Weg zu mehr Vitalität nicht erneut unter Stress setzen sollen?
Ganz genau. Jede nachhaltige Veränderung erfordert Kraft. Wenn wir uns zu viel auf einmal vornehmen, erzeugen wir nur neuen Stress. Meine „Micro-Preps“ sind bewusst kleine Häppchen – wie ein zehnminütiger Spaziergang oder der Verzicht auf Blaulicht am Abend. Diese summieren sich und führen zu einer kumulativen Verbesserung, ohne das System zu sprengen.
Wie bereitet man sich auf den Besuch bei Hausärzt:innen vor und wie vermittelt man die über den eigenen Zustand gewonnenen Erkenntnisse am besten?
Information ist alles. Ich empfehle, ein Energie-Tagebuch zu führen, um Muster zu erkennen. Im Buch biete ich zudem eine Checkliste und Übersichten über wichtige Laborparameter an. Wenn man seinen Arzt gezielt auf Werte wie das freie T3, Reverse T3 oder den NLR-Wert anspricht, begegnet man ihm auf Augenhöhe und kann gemeinsam eine präzisere Diagnostik einleiten.