Daniela Kunkel hat schon im Kindergarten angefangen, Geschichten zu zeichnen und zum Glück nicht mehr aufgehört. Die studierte Sozialpädagogin und Illustratorin – eine perfekte Kombination – arbeitete einige Jahre mit Kindern und Jugendlichen. Aus ihrer Feder stammt „Das kleine WIR“, dessen Geschichten zum Klassiker avancierten. Das Besondere: Das WIR vermittelt spielerisch Kompetenzen, die überall da, wo Menschen zusammenkommen, superwichtig sind!

Hatten Sie selbst als Kind ein Lieblingsvorlesebuch?
Ja, es war eine Sammlung von Gute-Nacht-Geschichten, unter anderem illustriert von Richard Scarry. Ich habe mich damals schon in die Illustrationen verliebt.

Wie kam „Das kleine WIR“ in Ihr Leben?
Soziale Themen haben mich schon immer interessiert und nach meinem Studium der Sozialpädagogik habe ich in einer Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie gearbeitet. Dort fehlte Material für meine Gruppe zur „Stärkung der sozialen Kompetenzen“. Das hört sich furchtbar sperrig an. Stark heruntergebrochen geht es dabei darum, die Fähigkeit zu stärken, eigene Bedürfnisse zum Ausdruck zu bringen, sich aber auch in andere hineinversetzen zu können und auf deren Bedürfnisse im eigenen Handeln Rücksicht zu nehmen. Das ist ein sehr komplexer Prozess und mir fehlte dafür ein freundlicher, spielerischer und ressourcenorientierter Rahmen.
Zeitgleich brauchte ich noch ein Thema für meine Bachelorarbeit im Illustrationsstudium. Ich erinnerte mich an eine Idee aus früheren Semestern („Das kleine Uns“) – und so kam eins zum anderen und „Das kleine WIR“ war geboren.

Optisch hat „Das kleine WIR“ etwas Kuscheliges, Zotteliges, aber auch Vertrauenswürdiges an sich. Wie ist diese Figur entstanden?
Die Figur stand ziemlich schnell. In erster Linie sollte es sympathisch sein, kuschelig, und der Fokus sollte auf dem Wachsen liegen – da lag das Grün nahe. Die Blumen auf seinem Kopf eignen sich wunderbar als feine Antennen, weil auch sie gepflegt und gegossen werden wollen.

„Das WIR ist nicht nachtragend …“

Vor allem die inneren Werte von „Das kleine WIR“ sind interessant. Wie würden Sie seinen Charakter knapp beschreiben?
„Das kleine WIR“ ist quirlig, neugierig und hat einen sehr wohlwollenden Blick. Manchmal scheint es vielleicht ein bisschen naiv, aber das ist sein stets offenes Herz: Das WIR ist nicht nachtragend und bietet viele neue Chancen. Ob wir sie ergreifen, liegt dann an uns.

Vor allem liebt „Das kleine WIR“ offenbar junge Menschen. Stößt das auf Gegenliebe?
Ich glaube, ja. Ich habe schon wunderbarste Fanpost bekommen! Aber ich bekomme auch Rückmeldungen von Erwachsenen, die schreiben, dass sie das Buch berührt hat. Der erste Band wurde zum Beispiel schon oft zu Hochzeiten verschenkt.
Denn auch wir Erwachsene dürfen uns um unser WIR kümmern. Auch für uns ist es kostbar, das vergessen wir schnell.

„*klick*, und alle Puzzleteile fügen sich zusammen.“

Wie ist Ihr Arbeitsprozess mit „Das kleine WIR“: Entwickeln Sie erst die Geschichte und dann die Bilder oder umgekehrt?
Beides läuft gleichzeitig ab und ist phasenweise ziemlich chaotisch. (Ganz liebe Grüße an meine tollen, geduldigen Lektorinnen.) Irgendwann macht es dann *klick*, und alle Puzzleteile fügen sich zusammen. Ab da geht alles ziemlich schnell.

In einem früheren Interview haben Sie einmal erläutert, dass Sie mit „Das kleine WIR“ ein verbindendes Element entwickeln wollten. Was war Ihr Ansatz?
Mein ursprünglicher Ansatz war, das Klima in einer Gruppe sichtbar zu machen – eine Art Barometer, als Reflexionsgrundlage und spielerische Motivation.

Das Erlernen von Sozialkompetenzen ist nicht leicht. Wie hilft „Das kleine WIR“ dabei?
Das stimmt, es ist ein sehr komplexer Prozess, den wir oft unterschätzen.
„Das kleine WIR“ gibt Orientierung und Sicherheit. Wenn alle schauen, dass es dem WIR gut geht, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ein positives Gruppenklima herrscht. Ein positives Gruppenklima macht es z. B. leichter, sich zu öffnen und fördert Empathiefähigkeit. Kränkelt das WIR, können alle zusammen überlegen, woran es liegt und wie man es wieder aufpäppeln kann. Allein das kann dann schon wieder verbinden.

„Die Superkraft des kleinen WIR: Es kann sehr gut verzeihen.“

In manchen der Geschichten verschwindet „Das kleine WIR“ nach einem speziellen Vorfall. Kann dennoch alles wieder gut werden?
Ja, das ist eine Superkraft des kleinen WIR: Es kann sehr gut verzeihen.

Die Beschäftigung mit „Das kleine WIR“ erfordert von Kindern Einfühlungsvermögen, denn man kann es im normalen Leben nicht sehen – nur fühlen. Was macht das mit den jungen Fans?
Ja, das stimmt. Ich merke immer wieder, dass ich die Kinder selbst unterschätzt habe. Sie haben sehr feine Antennen und entwickeln schnell ein Gefühl für das WIR. Und es zu fühlen, ist der allerwichtigste Schritt.

Wenn wir richtig rechnen, wird „Das kleine WIR“ in diesem Jahr 10! Wie wird das WIR seinen Geburtstag begehen?
Da ist es sich nicht so sicher. Es steht nicht so gerne im Mittelpunkt und so wird es sich vielleicht auch einfach in seinem Herzhaus mit einer Tasse Tee gemütlich machen.

„Mein Herz schlägt für Kinderbücher.“

Das Zusammenleben unter uns Menschen erfordert ein Leben lang Rücksichtnahme, Respekt, Empathie. Spielen Sie mit dem Gedanken, „Das kleine WIR“ auch mal in die Erwachsenenwelt einzuführen?
Mein Herz schlägt für Kinderbücher. Und besonders bei Bilderbüchern liest glücklicherweise das ein oder andere erwachsene Kind mit. 🙂