Nordlicht Dora Heldt ist nicht nur in List auf Sylt geboren, sondern sie verbringt bis heute ihre Ferien auf der Insel. Hier – im Haus ihrer Großmutter, deren Namen sie als Pseudonym gewählt hat – schreibt sie zudem einen Großteil ihrer Bestseller: Romane wie „Kein Wort zu Papa“ oder „Wind aus West mit starken Böen“ und ihre Syltkrimis mit perfekt dosierter Situationskomik und den originellsten Seniordetektiv:innen weit und breit: Nach „Böse Leute“ und „Wir sind die Guten“ ermittelt das Quartett um Karl Sönnigsen nun im Finale „Zwischen Gut und Böse“.

Welche besonderen Heimatgefühle verbinden Sie mit Sylt?
Sylt ist für mich nicht nur Geburtsort, sondern auch der einzige Platz, an dem ich in allen Lebensphasen war. Mein Vater war bei der Bundeswehr, deshalb sind wir oft umgezogen, waren aber in allen Ferien bei meiner Großmutter, die immer dort lebte. Deshalb habe ich eher ein Großmutterhaus als ein Elternhaus gehabt. Wobei meine Eltern auch vor über dreißig Jahren wieder auf die Insel gezogen sind. Meine Mutter lebt immer noch in diesem Haus, das ich deshalb mein ganzes Leben lang kenne.

„Der spannende Unterschied zwischen Trubel und Einsamkeit.“

Was macht Sylt zur unerschöpflichen Inspirationsquelle für Sie?
Es ist zwar nicht die einzige Inspirationsquelle, aber ich kenne dort die schönen Orte. Und es gibt diesen spannenden Unterschied zwischen Trubel und Einsamkeit. Im Sommer und zu hoch frequentierten Zeiten kann man dort alles beobachten, was die Menschheit ausmacht. Alle Typen und Charaktere auf einem beschränkten Raum. Und in der Nebensaison hat man am Strand das Gefühl, man ist allein mit dem Meer.

Ihr Schreibdomizil liegt im Norden von Sylt. Was lieben Sie an der Gegend?
Das Wissen, dass die Natur immer stärker ist als der Mensch. Das Wasser läuft auf und wieder ab, Sturm kommt und geht, mal ist Wellengang, mal ist das Meer ruhig, es ist egal, wie sehr die Welt durchdreht, das Meer bleibt unbeeindruckt.

Was zieht Sie an die Nordsee?
Das Meer, das Licht, der Geruch, die Weite. Ich mag es, wenn man bis zum Horizont blicken kann und das Einzige, was sich bewegt, ist vielleicht mal eine Möwe, ein Segelschiff oder mit Glück ein kleiner Schweinswal.

„Ungenauigkeiten finde ich als Leserin bei realen Orten ärgerlich.“

Am Ellenbogen liegt auch der bevorzugte Angelplatz Ihrer Syltkrimi-Protagonisten Karl Sönningsen und Onno Thiele. Wie genau müssen Sie Ihre Schauplätze kennen?
Wenn man einen Roman schreibt, der in einem fiktiven Ort irgendwo an einer Küste spielt, kann man alles machen. Wenn die Schauplätze aber benannt werden, dann muss alles stimmen. Ich kenne alle Plätze, die ich mir für die Geschichte aussuche, trotzdem fahre ich nochmal hin, um genau zu überprüfen, wo genau das Schaf zu Schaden kommen könnte. Oder wie lange Karl für einen Weg braucht. Oder wo die beste Stelle zum Makrelenangeln ist. Ungenauigkeiten finde ich als Leserin bei realen Orten ärgerlich.

In Ihren Syltkrimis ermittelt ein ungewöhnliches Quartett. Welche Temperamente und Talente haben Sie vereint?
Karl ist natürlich als ehemaliger Polizeichef versiert, was Ermittlungsarbeit angeht, wobei er in manchen Dingen schon sehr übertreibt. Dagegen steht Onno Thieles Pragmatismus. Inge und Charlotte haben nicht nur ein sehr gutes Netzwerk, sie haben auch einen weiblichen Instinkt und sehr viel Empathie. Und interessieren sich für alles. Um nicht zu sagen, sie sind sehr neugierig. Und haben überhaupt keine Scheu, jeden alles zu fragen.

Der pensionierte Polizeichef Karl Sönnigsen ist als Ordnungshüter im Dauereinsatz. Fluch oder Segen?
Für ihn selbst vielleicht ein Segen, weil er etwas zu tun hat, für alle anderen ein Fluch. Es ist schon nervig, wenn jemand alles und jeden wegen kleiner Verstöße maßregelt oder anzeigt.

„Jetzt ist er nur noch Pensionär.“

Karl hat nicht mal mehr am Makrelenangeln Freude. Was fehlt ihm und was interessiert Sie an dieser Problemlage?
Er war als Polizeichef sehr zufrieden. Er war wichtig, man hat ihn erkannt, er hatte etwas zu sagen, das war sein Leben. Jetzt ist er nur noch Pensionär und hat plötzlich seine Bedeutung verloren. Und er sucht nach neuen Aufgaben, die im Moment nur darin bestehen, seinem Nachfolger zu zeigen, dass er seinen Job besser konnte. Das ist für viele Menschen ein Thema, die in Rente gehen und sich vorher zu sehr über ihren Beruf definiert haben. Und Karl ist ein sehr gutes Beispiel für die Schwierigkeit, loslassen zu können.

Karl betrachtet seinen Nachfolger im Polizeirevier Westerland als Erzfeind. Warum hat er sich so auf Polizeiobermeister Peter Runge eingeschossen?
Hauptsächlich, weil Runge sein Nachfolger ist. Karl hatte gedacht, dass er wenigstens ab und zu nochmal ins Revier schauen könnte, um bei der einen oder anderen Sache zu helfen. Dass Runge ihm das als Zivilist untersagt hat, konnte Karl kaum fassen. Und außerdem stammt Peter Runge von der Ostsee, was ihn in Karls Augen für die Nordseekönigin Sylt disqualifiziert.

Nicht zuletzt geht Karl mit sich selbst ins Gericht, weil ihm im Polizeidienst einst ein Fehler unterlaufen ist. Was lastet auf seinem Gewissen? Wie sind die Aussichten für Bewährung oder Wiedergutmachung?
Er hat vor einigen Jahren sein Pflichtgefühl über Empathie gestellt und jemanden in eine Polizeikontrolle geschickt, obwohl er das auch anders und mit weniger Schaden hätte lösen können. Onno war damals dagegen gewesen und nun braucht dieser Mensch Hilfe. Karl ist sofort dazu bereit, weil er die Geschichte von damals wieder gutmachen möchte. Wie die Aussichten dafür sind, das muss der geehrte Leser lesen.

Richtig in seinem Element ist Karl, als er die „SOKO Schaf“ einberuft. Welche Herausforderung erwartet das Ermittler:innenquartett?
Naja, einen Unfall ohne Augenzeugen aufzuklären, bei dem ein Schaf getötet wird, das stellt auch diese Ermittlertruppe vor eine Herausforderung. Zumal Onno den Schafsmord nicht als echten Kriminalfall empfindet. Erst, als klar wird, dass das Schaf nur der Anfang war, läuft die SOKO zu Hochform auf.

„Zwischen Gut und Böse“ hat etwas von Grauzone und Geheimnis, vielleicht auch von Entscheidung. Wie meinen Sie den Titel?
Karl kommt zum ersten Mal an den Punkt, an dem nicht mal er genau sagen kann, wer die Guten und wer die Bösen sind. Und das stellt ihn vor eine echte Gewissensfrage.

Welche Blicke hinter die Kulissen fanden Sie beim Recherchieren besonders aufschlussreich?
Vielleicht die Frage, warum manche Leute, die viel Geld haben, glauben, dass für sie andere Regeln gelten.

Viel mehr als der Sylter Glamour scheinen Sie im aktuellen Fall die kleinen Leute zu interessieren, die sich gerade mal so über Wasser halten können. Warum?
Weil das auf Sylt seit Jahren ein immer größeres Thema wird. Nicht nur auf Sylt, das ist zunehmend ein Problem in allen Orten, in denen Gäste für viel Geld Urlaub machen und die Einheimischen trotzdem nur normale Gehälter verdienen. Es gibt viel Ungerechtigkeitsempfinden, natürlich auch Neid, aber auch eine gewisse Ignoranz für dieses Thema. Und das ist nicht gut.

Sind Sie Romantikerin? Was brachte Sie auf die Idee zu der zarten Liebesgeschichte, die sich zwischen zwei Menschen auf der Schattenseite des Lebens anbahnt?
Ja, vielleicht bin ich ganz tief im Inneren romantisch. Aber eine kleine Liebesgeschichte inmitten von Kriminalfällen und bösen Leuten zeigt doch, dass das Leben trotz allem sehr schön sein kann.

Inwiefern wollen Sie in „Zwischen Gut und Böse“ für ausgleichende Gerechtigkeit sorgen? Ist vielleicht auch der eine oder andere Rachegedanke dabei gewesen?
Rache hatte ich nicht im Sinn. Aber vielleicht einen kleinen pädagogischen Ansatz und die Hoffnung, dass ein ungehobelter, breitbeiniger Tourist diesen Krimi liest und für einen Moment denkt, dass er sich vielleicht doch besser benehmen sollte. Aber vielleicht ist das auch nur ein frommer Wunsch und an dieser Stelle falsche Romantik.

Welche Ihrer Romanfiguren spricht Ihnen am meisten aus dem Herzen?
Eigentlich mag ich alle. Vielleicht macht mir Karls verschrobene und selbstgefällige Art ein bisschen mehr Spaß. Er neigt wie ich zum Klugscheißen. Und darf sagen, was er denkt. Ich nehme mich da ein bisschen mehr zusammen.