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Mit Büchern hat Elke Heidenreich ihr Glück gefunden – und sie teilt es mit uns. Als Autorin beschert sie uns regelmäßig wunderbaren Lesestoff wie jüngst im Sensationserfolg „Altern“, einem beflügelnden Essay über ihre Lebenskunst. Ihre Devise: „Entflammbar bleiben!“ So wurde aus der enthusiastischen Leserin eine legendäre Literaturvermittlerin, deren leidenschaftlichen Empfehlungen ein Millionenpublikum vertraut. Nun vereint sie in ihrem persönlichsten Buch „Ach, eine Fanfare!“ ihre bewegendsten Lektüreerinnerungen.
Was steckt hinter Ihrem „Talent zum Glück“, das Sie immer wieder feststellen?
Angeblich hat ja Voltaire gesagt, dass es für die Gesundheit förderlicher sei, glücklich zu sein – also habe er beschlossen, glücklich zu sein. Man kann das nicht wirklich beschließen, denke ich. Aber es gibt immer mehrere Möglichkeiten im Leben, ganz schwarz ist es doch fast nie – und ich habe mich aus tiefen Tälern immer wieder rauswurschteln können. Das muss man aber auch wollen. Vielleicht ist das dann ein Talent zum Glück?
Wann und wie haben Sie einst das Lesen als Lebenselixier entdeckt?
Sobald ich als Kind lesen konnte. Meine Kindheit fiel ja in die Nachkriegszeit, zerstörte Städte, beschädigte Häuser und enge Wohnungen mit ausgebombten Familien. Ein Kind störte immer nur und wurde rumgeschubst. Da habe ich das stille Lesen als Rettung entdeckt.
Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie zu den „Liebesbekenntnissen“ in Ihrem neuen Buch angeregt?
Die Begegnungen mit Schriftstellern – entweder persönlich wie etwa bei Christian Friedrich Delius, Tomi Ungerer, Dieter Forte oder Ruth Klüger, aber auch das heftige Erschüttertwerden bei der Lektüre der Gedichte etwa von Benn oder Dylan Thomas. Oder der Witz von Dorothy Parker, der Mut der Beauvoir oder der Vicky Baum, das alles hat mich immer angeregt und mein Leben beeinflusst. Mit diesen Texten möchte ich mich dafür bedanken.
„Die Schönheit von Sprache kann glücklich machen.“
Sie spannen den Bogen von Ihrer Jugend bis jetzt – in einer Art Autobiografie anhand Ihrer wichtigsten Lektüren. Was möchten Sie mit uns Leser:innen teilen?
Ich wäre Ihnen dankbar, wenn ich die dämlichen Genderpunkte: nicht sehen müsste. Aber nun gut, das geht hoffentlich auch irgendwann wieder vorbei. Wie schon in meinem Buch „Hier geht‘s lang“ möchte ich die Leser davon überzeugen, dass das Lesen ein Weg zum Glück ist. Literatur ist natürlich nicht dazu da, uns glücklich zu machen oder Lebenshilfe zu geben, aber wunderbarerweise tut sie es trotzdem. Die Lektüre starker Texte kann Kraft und Mut geben, und die Schönheit von Sprache kann glücklich machen, das habe ich selbst immer wieder erfahren und das möchte ich weitergeben.
Sie schöpfen aus der literarischen Vielfalt von Poesie und Prosa – einschließlich Tagebüchern. Welche Entdeckungen möchten Sie ermöglichen?
Ach, ich bin eigentlich nicht mehr so missionarisch unterwegs wie früher. Ich will niemanden belehren, es ist eher mein eigenes Dankeschön, das ich den Autoren mit Texten aus rund 40 Jahren hier sage – wenn dabei jemand den wunderbaren Ennio Flaiano oder den unterschätzten, großartigen Dieter Forte für sich entdeckt – umso besser.
„… auch ich bin immer auf der Suche.“
Was macht das Gottfried-Benn-Zitat „Ach, eine Fanfare!“ zum perfekten Titel für Ihr Buch?
Benn ersehnt in diesem Gedicht eine Fanfare, die laut ertönt und ihm sagt, wo es langgeht, bzw. „wo aller Töne Grund“. Wie er war und bin auch ich danach immer auf der Suche.
Sie schreiben: „Nie vorher, nie nachher hat mich etwas so tief erreicht“ wie die Gedichte von Gottfried Benn. Was hat Sie an seiner Lyrik komplett überwältigt?
Das kann ich in ein paar Sätzen hier nicht sagen. Es sind ja auch zum Teil sperrige Gedichte, die sich nicht sofort erschließen, noch dazu war Benn wegen seiner Haltung im Nationalsozialismus eine durchaus umstrittene Figur. Aber die Kraft seiner Bilder, die unglaublich melancholische Schönheit seiner Sprache hat mich mit fünfzehn, sechzehn Jahren bis ins Mark erschüttert und nie wieder verlassen. Ich habe die meisten seiner Gedichte damals einmal abgeschrieben, um sie auswendig zu lernen – ich kann sie bis heute, sie begleiten mich jeden Tag durch mein Leben- zum Beispiel dieses hier:
An der Schwelle hast du wohl gestanden,
doch die Schwelle überschreiten – nein,
denn in meinem Haus kann man nicht landen,
in dem Haus muß man geboren sein.
Sieht den Wanderer kommen, sieht ihn halten,
wenn ihn dürstet, wird ein Trank geschänkt,
aber einer nur, dann sind die alten
Schlösser wieder vor- und eingehängt.
„Ich trenne Werk und Mensch.“
Liebe macht eben nicht unbedingt blind, wie Ihre Benn-Hommage zeigt. Was löste ein Schaudern bei Ihnen aus und welchen Status hat Benn heute für Sie?
Ein Schaudern seine Texte im Dritten Reich, die er später sehr bereut hat. Wagner war Antisemit und hat erschütternd große Musik geschrieben. Goethe hat Todesurteile unterschrieben. Ich trenne Werk und Mensch. Benns Gedichte bleiben große Kunstwerke.
Was trieb Sie einst an, den Rucksack zu packen und auf den Spuren von Dylan Thomas durch Wales zu reisen?
Auch hier: die Schönheit seiner Sprache, die Wucht seiner Bilder. Wenn ich sowas lese, habe ich das dringende Bedürfnis, dem, der das geschrieben hat, nahe zu sein. Ich wollte sehen, wo er gelebt, geschrieben hat, wollte die Stadt Swansea sehen, die er in „Under Milkwood“ als Llareggub so unfassbar dicht beschrieben hat, und es war wunderschön, auf seinen Spuren zu wandern – und in seinen Kneipen Unmengen Bier zu trinken!
„Anaïs Nin hat mich Tagebuchschreiben gelehrt.“
Was ist das Einzigartige an Anaïs Nin und ihrem Gesamtkunstwerk aus Lebensstil und Literatur?
Anaïs Nins Tagebücher habe ich gelesen, als ich noch jung war. Mich hat ihre Unabhängigkeit beeindruckt, ihre Liebesfähigkeit, ihre Ehrlichkeit im Tagebuch. Sie hat mich Tagebuchschreiben gelehrt. Vor keinem banalen Gedanken Angst haben, authentisch bleiben, alles aufschreiben, um sich später zu erinnern, wer man war.
Warum lohnt es sich – gerade in unserer Gegenwart –, im Tagebuch-Kosmos von Anaïs Nin zu versinken? Wie kann sie uns inspirieren, die Realität zu bewältigen?
Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob uns die mädchenhafte Zartheit gepaart mit versteckter Kraft von Anaïs Nin heute noch erreicht. Damals war das wichtig für mich, und darum habe ich vor mehr als 40 Jahren darüber geschrieben.
„Simone de Beauvoir war eine sehr wichtige Wegbegleiterin auf dem Weg zur Emanzipation.“
Was macht Simone de Beauvoir bis heute zum lebendigen Vorbild und was ist das Spannende an ihrem Balanceakt zwischen ihrer transatlantischen Liebe und der Arbeit an ihrem Hauptwerk „Das andere Geschlecht“?
Simone de Beauvoir war ganz wichtig für uns Frauen in den 70er, 80er Jahren. Mittlerweile verblasst ihr Stern etwas, und sowohl ihr Standardwerk „Das andere Geschlecht“ wie der dicke Schinken über „Das Alter“ sind zu Teilen heute überholt. Aber die Kernaussagen stimmen ja immer noch, und sie war eine sehr wichtige Wegbegleiterin auf dem Weg zur Emanzipation. Sie hat auch Freiheit und Stärke vorgelebt: keine feste Bindung wie Ehe, sondern eine durch Respekt und Arbeit, mit Sartre. Und trotzdem konnte sie sich geradezu kindisch und leidenschaftlich verlieben wie eben in Nelson Algren. Das hat mich damals interessiert und zu diesem Vortrag inspiriert, den ich in Hamburg 1999 gehalten habe.
Was stimmt Sie noch immer froh darüber, dass Sie einst mit Ruth Klüger von einer Preisverleihung in die Kneipe geflohen sind?
Naja, ihr Buch „weiter leben“ hat uns ja alle zutiefst beeindruckt – diese nüchterne und niemals larmoyante Beschreibung einer Kindheit in gleich drei verschiedenen KZs! Klüger hatte sich mich als Laudatorin gewünscht, als sie einen Preis überreicht bekam, wir kannten uns vorher gar nicht. Die Freundschaft zwischen uns entstand in den ersten Minuten und wir haben einen wunderbaren Abend miteinander verbracht. Sie war damals noch Professorin in Amerika und hat mich an ihre Uni eingeladen, ich hätte mein in den 60ern wegen einer schweren Krankheit abgebrochenes Studium bei ihr fertigmachen können. Aber dazu hatte ich nicht mehr den Mut. Wir blieben aber bis zu ihrem Tod in Kontakt.
„Mein ‚Dichter Delius‘ – ich liebe seine Bücher.“
Welche Erfahrungen teilen Sie mit Friedrich Christian Delius und was beeindruckt und berührt Sie an seiner Haltung als Autor? Wodurch bietet der „Dichter Delius“, wie Sie ihn nennen, Orientierung?
Mein „Dichter Delius“ hat in all seinen Büchern eine bewundernswert klare politische und zutiefst menschliche Haltung gezeigt, klug, unbeirrt demokratisch, trotzdem mit einem gewissen Witz. Ich liebe seine Bücher, und ich mochte ihn, der ein sehr leiser, sehr feiner Mann war, wahnsinnig gern – uns verband auch viel: beide Pastorenkinder, ich in Korbach geboren, er in Korbach aufgewachsen – wir waren mal zusammen in Korbach und haben uns alles angeguckt, und wir waren fast auf den Tag gleich alt – er 13. Februar 1943, ich 15. Februar 1943.
Warum liegt Ihnen die Wiederentdeckung von Ennio Flaiano so am Herzen und was bedeutet er Ihnen persönlich als Romancier und Tagebuchschreiber?
Ennio Flaiano war ja der bedeutendste Drehbuchschreiber für die Filme von Fellini, dieses unnachahmliche Romgefühl – das kam von ihm. Und ich mochte seine bissigen Zeitungskolumnen und seine Glossen sehr gern, aber vor allem seinen ersten Roman, „Tempo di uccidere“, „Alles hat seine Zeit“, 1946 geschrieben unter dem Eindruck des fürchterlichen Kolonialkrieges, den Italien in Nordafrika geführt und den er miterlebt hat. Als ich dann gebeten wurde, für die Manesse-Ausgabe dieses so wichtigen und erschütternden Buches ein Nachwort zu schreiben, habe ich das sehr gern getan. Vielleicht hilft das, ihn in Erinnerung zu behalten – übrigens war es Flaiano, der für aufdringliche Reporter das Wort „paparazzo“ erfunden hat.
„Ach, mein Tomi! Ein Künstler durch und durch …“
Krönendes Finale ist Ihr Liebesbekenntnis zu Tomi Ungerer. Was machte Ihre tiefe Verbundenheit aus?
Ach, mein Tomi! Wie der lachen konnte! Und spotten! Und immer alles über den Haufen warf, was man vorher für eine Lesung, einen Auftritt oder ein Interview besprochen hatte! Er war großzügig, unberechenbar, witzig, ein Künstler durch und durch, ein großer Freund, er war wie ein immer wärmender Ofen für mich, ich habe ihn sehr, sehr beweint und tue das noch. Mein Tomi. Er schrieb mir viele Briefe, immer in drei Sprachen, immer mit Zeichnungen – das fehlt, das fehlt. Wenn solche Freunde gehen, ist man langsam selber bereit, auch zu gehen. Solche Verluste tun so weh, das will man nicht mehr oft erleben.
„Sein Anfangsherz voller Begeisterung nie verlieren.“
Ihre Devise lautet: „Entflammbar bleiben!“ Wie meinen Sie das konkret und was hat Sie zuletzt am meisten begeistert und beglückt?
Mich beglückt immer wieder die Begegnung mit Autoren, mit Texten, mit Geschichten, die Begegnung mit Musik, mit all dem Schönen, das wir in all dem Schrecklichen doch auch haben. Erschütterbar bleiben, sein Anfangsherz voller Begeisterung nie verlieren, das ist mir wichtig. Ich leide wirklich unter einem bräsig und besserwisserisch gewordenen Mäkel-Feuilleton oder einem Buchscharfrichter wie Denis Scheck, Leute, denen jede Freude abhandengekommen ist, da wird hämisch nur noch Scheitern zelebriert. Das ist überhaupt nicht mein Ding. Wohin soll uns das bitte bringen? Ich wünsche mir mehr Begeisterung und Dankbarkeit für das, was die Künstler uns schenken.