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Zu ihrem Ritual, den Tag in Ruhe bei einer Tasse Tee mit Blick in den Garten zu begrüßen, kommt Florence Knapp zurzeit kaum. Aber dafür entdeckt die Londonerin nun neue Seiten an sich. Beispielsweise, dass sie in ihrem Element ist, wenn sie mit ihren Leser:innen spricht oder auf Bühnen im Rampenlicht steht, um ihren gefeierten Debütroman vorzustellen: „Die Namen“ über drei Versionen eines Lebens voller Möglichkeiten. Ein Meisterstück, das die schon lange als Kunsthandwerkerin kreative Autorin nach derselben Methode erschaffen hat wie ihre prächtigen Quilts.
Warum finden Sie das Bild von Eva Navarro perfekt für das Cover Ihres Debütromans?
Ich war begeistert, als mein Verleger Eva Navarros wunderschöne Kunstwerke für mein Cover vorschlug – ihre Arbeiten strahlen so viel Wärme und Textur aus. Und ich finde es toll, dass Eva sich dafür entscheidet, das Gesicht der Personen in ihren Gemälden nicht zu zeigen, so dass die Betrachter:innen sich ihre eigene Geschichte dazu vorstellen können. Für „Die Namen“, wo wir drei Versionen des Lebens eines Jungen sehen, finde ich diese Mehrdeutigkeit super – ich schaue mir diesen jungen Mann oft an und habe das Gefühl, dass er in einem Moment das selbstbewusste Auftreten von Bear hat, im nächsten die Unsicherheit von Julian und in einem anderen die Prahlerei eines jüngeren Gordon. Die deutsche Ausgabe zeigt auch eine Sonne, die zu betonen scheint, dass „Die Namen“ zwar einige schwierige Themen behandelt, aber letztendlich eine hoffnungsvolle Geschichte ist.
„Ein Roman im Stil von ‚Was wäre, wenn…‘“
Wie würden Sie Ihren Debütroman „Die Namen“ in zwei bis drei Sätzen zusammenfassen?
„Die Namen“ ist ein Roman im Stil von „Was wäre, wenn…“, der sich damit befasst, wie der Name, den eine Person erhält, den Verlauf des betreffenden Lebens beeinflussen kann. Er beginnt mit einer Mutter, die vor der Entscheidung steht, wie sie ihren Sohn nennen soll, und wir verfolgen jede Version des Lebens dieses Kindes – ob Bear, Julian oder Gordon – über einen Zeitraum von fünfunddreißig Jahren, um zu sehen, wie diese eine Entscheidung unzählige Möglichkeiten eröffnet.
Was brachte Sie auf die Idee, den Einfluss von Vornamen auf Lebenswege zu erkunden?
Ich war schon immer fasziniert von den Dingen und Einflüssen, die uns prägen und zu dem machen, was wir sind – und ein Name, der uns bei der Geburt gegeben wird und uns dann durch das Leben begleitet, scheint das Potenzial zu haben, einen tiefgreifenden Einfluss darauf zu nehmen. Entweder aufgrund der Assoziationen, die bereits mit ihm verbunden sind, denen, die wir selbst mit ihm verbinden oder denen, die ihm von anderen zugeschrieben werden.
Sie haben die Namen aller Romanfiguren mit Bedacht gewählt. Warum haben Sie Ihre Protagonistin Cora, vom lateinischen „cor“ für „Herz“ abgeleitet, genannt?
Ich bin mir nicht sicher, wie gut sich meine Bedeutung ins Deutsche übersetzen lässt, aber als Mutter des Jungen steht Cora im Mittelpunkt meiner Geschichte, und daher erschien mir diese Formulierung angemessen.
„Assoziationen, die wir mit einem Namen verbinden.“
Warum musste Coras Ehemann Gordon heißen und was verkörpert er für Sie?
Im Englischen ist Gordon ein sehr traditioneller Name, der oft über Generationen hinweg weitergegeben wird. Seine offizielle Bedeutung ist „großer Hügel“, was für mich etwas Unbewegliches und Bedrohliches ausdrückt. Ich interessiere mich aber auch für die weniger formalen Assoziationen, die wir mit einem Namen verbinden. Eingangs erfahren wir, dass seine Frau den Namen nie gemocht hat – für sie beginnt er mit einem splitternden Klang, der sie an zerbrochene Bonbons denken lässt, und endet dann mit einem dumpfen Schlag, als würde jemand eine Sporttasche auf den Boden werfen. Gordon.
Mit welchem Dreh bringen Sie die bei jedem der drei Vornamen unterschiedlichen schicksalhaften Entwicklungen ins Rollen?
Die Reaktion von Coras Ehemann, als er erfährt, wie sie ihren Sohn genannt hat, löst drei sehr unterschiedliche Lebensversionen aus.
Welche unterschiedlichen Versionen eines Lebens verkörpern Bear, Julian und Gordon?
In einer Version des Lebens dieses Jungen wird er nach seinem dominanten Vater benannt. Ich habe mich für Gordon entschieden, weil es mir angemessen traditionell erscheint, und ich mir schnell vorstellen konnte, wie ein kleiner Junge sich zu einer Flasche Gin hingezogen fühlen könnte, die seinen eigenen Namen trägt. In einer weiteren Version wollte ich einen Namen, der überlebensgroß wirkt, um zu erkunden, was geschehen könnte, wenn dieser Junge die Möglichkeit hätte, sich mit diesem Namen zu entfalten und zu entscheiden, wer er werden möchte – wie seine ältere Schwester sagt, ist Bear ein Name, der sanft und kuschelig oder mutig und stark sein kann. Vielleicht beides. Und dann ist da noch Julian. Zumindest auf den ersten Blick bewegt sich der Name zwischen diesen beiden. Er bedeutet „Himmelsvater“ und ist vordergründig eine Hommage an den Vater, aber in Wirklichkeit wird er in der Hoffnung gegeben, er möge seinen geplagten irdischen Vater übertreffen.
Die Ehe mit Gordon ist für Cora ein Martyrium. Was war für Sie der Auslöser, häusliche Gewalt zu thematisieren?
In meinem eigenen Leben vermitteln mir Nachrichten zwar Fakten, aber oft verspüre ich beim Lesen von Romanen das tiefste Gefühl von Empathie und kann mich besser in die Lage anderer Menschen hineinversetzen. Bei „Die Namen“ habe ich dies auch durch das Schreiben erfahren. Mir waren bereits viele praktische Gründe bekannt, warum eine Frau in einer missbräuchlichen Beziehung bleiben könnte, aber indem ich Cora und ihre Kinder begleitete, konnte ich diese Situation intuitiver verstehen, so dass in meinem Kopf kein Platz mehr für quälende Fragen blieb wie „Aber sie könnte doch …?“ oder „Aber würde sie nicht …?“.
„Ihr Ehemann übt vielfältige Formen der Kontrolle aus.“
Für Cora kommt es nicht in Frage, sich Hilfe zu suchen. Was hält sie davon ab?
Ihr Ehemann übt vielfältige Formen der Kontrolle aus, sei es, indem er sie sozial isoliert, ihr die finanzielle Unabhängigkeit nimmt, ihre geistige Gesundheit in Frage stellt oder – was vielleicht am erschreckendsten ist – ihr mit dem Entzug des Sorgerechts für ihre Kinder droht.
Sie beleuchten neben den Folgen von Gewalt auch die Überlebensstrategien von Cora und ihren Kindern. Was berührt Sie dabei am stärksten?
Eines der Dinge, die ich in der Literatur besonders schätze, ist das Gefühl, dass Menschen scheinbar Unüberwindbares überstehen können. Und ich hoffe, dass wir bei Bear, Julian und Gordon sehen, dass jeder von ihnen, unabhängig von seiner Erziehung, als Erwachsener die Möglichkeit hat, seine eigene Persönlichkeit zu entwickeln.
Wer oder was weckt Hoffnung auf Trost und Heilung?
Die Beschäftigung mit handwerklichen Tätigkeiten wie Gartenarbeit oder Goldschmieden bietet einigen meiner Figuren die Möglichkeit zur Heilung.
„… auch die scheinbar harmlosen Begebenheiten.“
Worauf kommt es Ihnen bei der Erzählstruktur an? Warum haben Sie einen Sieben-Jahre-Takt von 1987 bis 2022 gewählt?
Von Anfang an war mir klar, dass ich den Leser:innen eine klare Struktur bieten musste, wenn ich ihnen zumuten wollte, diese drei Erzählstränge im Kopf zu behalten. Es gibt die Vorstellung, dass sich der Körper in Siebenjahreszyklen erneuert, also habe ich diese Zahl für die Zeitsprünge verwendet. Und von dort aus habe ich das Leben jedes einzelnen Jungen noch einmal besucht. Diese Struktur ermöglichte es mir, mich auf die Momente zu konzentrieren, die für meine Figuren besonders prägend waren. Damit meine ich nicht immer die großen Ereignisse, wie zum Beispiel den Tod eines Elternteils. Sondern auch die scheinbar harmlosen Begebenheiten, die sich in der Psyche festsetzen und sie tiefgreifend beeinflussen.
Bear findet seine Berufung als Archäologe – bei Ausgrabungen rund um den Globus. Ein Weg der Selbstfindung? Oder Flucht vor sich selbst?
Ich denke, ein bisschen von beidem. Es gibt eine Szene, in der wir Bear als Kleinkind mit seiner viel älteren Schwester sehen – sie bringt ihn dazu, seine Hände wie Pfoten zu heben und zu sagen: „Ich bin Bear und ich bin wild und ich bin frei!“ Ihre Absicht ist gut, da ihre eigene Kindheit durch ihren Vater eingeschränkt war, mit dem sie nicht mehr zusammenleben. Aber auf einer gewissen Ebene verinnerlicht Bear dies und glaubt, dass es seine Aufgabe in der Welt ist, Abenteuer zu erleben, und erst als Erwachsener erkennt er, dass er auch jemand sein kann, der gerne Wurzeln schlägt.
Julian nutzt sein kreatives Talent als Gold- und Silberschmied. Wie bringt ihn die Arbeit im Atelierhaus in der alten Schokoladenfabrik künstlerisch und persönlich weiter?
Nach einem traumatischen Ereignis in seiner frühen Kindheit befürchtet Julians Großmutter, dass er das Leben nur in Grautönen wahrnimmt, anstatt sich auf all seine Farben einzulassen. Als er jedoch als Teenager die Goldschmiedekunst entdeckt, scheint sich dies zu ändern. Und als Erwachsener, als Julian ein Atelier in der Old Chocolate Factory bezieht, entdeckt er, dass es auch die Möglichkeit gibt, sein Leben mit Gleichgesinnten zu teilen.
„Bear, Julian und Gordon können letztendlich frei entscheiden.“
Stimmt der Leseeindruck, dass Sie auf das Licht am Ende des Tunnels zuschreiben?
Ja, auf jeden Fall. Obwohl mein Buch die vielen äußeren Faktoren untersucht, die das Leben dieser Jungen prägen, hoffe ich, dass die Botschaft rüberkommt, dass mit dem Erwachsenwerden auch Autonomie einhergeht und dass Bear, Julian und Gordon letztendlich frei entscheiden können, wer sie in dieser Welt sein wollen und wie sie das Leben anderer Menschen beeinflussen. Dass ihr ganzes Leben nicht von ihrer Erziehung bestimmt wird, empfinde ich als zutiefst hoffnungsvoll.



