Was kann Heimat heute für uns sein? Sind Zugehörigkeit und Freiheit ein ewiger Widerspruch? Oder vereinbar? Wie viel Verwurzelung brauchen wir, um offen für die Welt zu sein? Universelle Fragen, die Hannah Häffner tief bewegen. Ganz am Puls unserer Zeit spürt die Autorin diesen großen Themen in ihrem Roman „Die Riesinnen“ nach: ein nuancenreiches Porträt der drei Riessberger-Frauen Liese, Cora und Eva, die sich in ihrem Schwarzwalddorf behaupten und die sich die Freiheit nehmen, ihre Träume zu leben …

Ihr Roman beginnt mit einem „Gewitter, das es ernst meint“. Inwiefern ist dieses Naturereignis eine Ouvertüre für das ungebändigte Wesen und die Schicksale Ihrer Protagonistinnen?
Dieses Gewitter steht unbedingt für die Kraft und das Unbändige der Riesinnen. Es zeigt direkt, mit wem man es hier zu tun hat, was in diesen Frauen steckt.

Wer sind die unkonventionellen Titelheldinnen Ihres Romans?
Die Heldinnen sind Liese, Cora und Eva, drei Frauen aus drei Generationen einer Familie.

Was macht diese drei unangepassten Frauen besonders?
Dass sie, jede auf ihre Art, nicht hineinpassen wollen in ihr Dorf, und doch eine starke Bindung zu ihrer Heimat haben.

Welcher Ihrer Romanfiguren haben Sie am meisten von Ihren eigenen Erfahrungen mitgegeben?
Meinen eigenen Erfahrungen am nächsten ist sicher die Geschichte von Eva, da wir aus derselben Generation kommen. Es war aber auch, gerade wegen der Unterschiede, sehr spannend, sich in Liese und Cora hineinzuversetzen.

„Drei verschiedene Stimmen für drei Generationen.“

Warum spannen Sie den Bogen über drei Generationen?
Ich fand es spannend zu erzählen, wie die drei Frauen aus ihrer jeweiligen Zeit heraus agieren, wie sie geprägt werden durch ihre Verhältnisse. Und auch sprachlich war es reizvoll, drei verschiedene Stimmen für drei Generationen zu entwickeln.

Welche Herausforderungen und Chancen im Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern loten Sie aus?
Die Tatsache, dass man oftmals nicht wirklich miteinander kann, aber auch nicht ohne einander. Dass aus dieser Reibung eine stärkere Bindung erwachsen kann, die Orientierung und Halt bietet.

Inwiefern sind Liese, Cora und Eva Kinder ihrer jeweiligen Zeit?
Liese muss sich den Verhältnissen fügen, doch sie tut es mit hocherhobenem Kopf. Cora kann ausbrechen, aber nicht, ohne einen gewissen Preis zu zahlen. Und Eva hat all die Freiheiten, die Kinder ihrer Generation haben, doch damit einher geht auch eine gewisse Verlorenheit.

„Wenn ich nicht dazugehöre – wer bin ich dann?

Was interessiert Sie an der Situation Ihrer Protagonistinnen als Außenseiterinnen im Dorf Wittenmoos?
Ich glaube, das berührt eine Urangst in uns. In uns Menschen ist es angelegt, als Teil einer Gruppe zu funktionieren. Wenn ich nicht dazugehöre, was macht das mit mir? Wer bin ich dann? Diese Fragen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, fand ich sehr reizvoll.

Welche Themen oder Fragen beschäftigen Sie in Ihrem Roman am meisten?
Das zentrale Thema ist sicher das Thema Heimat – geben mir meine Wurzeln Halt oder halten sie mich zurück? Kann ich mir einfach eine neue Heimat suchen oder bleibe ich der alten immer verbunden, auch wenn ich das vielleicht gar nicht will?

Welchen Sehnsüchten und Zerreißproben spüren Sie nach?
Diesem Widerspruch aus der Sehnsucht nach Freiheit und Losgelöstheit und dem Wunsch, irgendwo verortet zu sein, dazuzugehören. Er lässt sich vermutlich nicht auflösen, aber aushalten.

„Widerspenstige Schönheit und eine beeindruckende Kraft …“

Das Heimatdorf der „Riesinnen“ haben Sie im Schwarzwald eingebettet. Was fasziniert und inspiriert Sie an dieser Landschaft?
Dass sie nicht lieblich ist, dass sie diese sperrige, widerspenstige Schönheit und eine beeindruckende Kraft hat. Damit passt der Schwarzwald perfekt zu den Riesinnen.

Worauf kam es Ihnen bei der Erschaffung des Schwarzwalddorfs Wittenmoos an?
Dass es ein Dorf ist, das sinnbildlich für Dörfer überall stehen kann, für den Drang, sie zu verlassen, und den Sog, dorthin zurückzukehren.

Stimmt der Leseeindruck, dass der Wald eine heimliche Hauptrolle hat?
Absolut. Der Wald hat für jede der Riesinnen eine große Bedeutung, spielt aber auch für sich genommen eine zentrale Rolle.

Als Cora nach dem Abitur aufbricht, um die Welt zu entdecken, entwickelt sich die Reise anders als erträumt. Wie verändert sie das und ist es wirklich ein Scheitern?
Coras Rückkehr ist für sie in dem Moment ein Scheitern, aber sie gewinnt bald die Deutungshoheit über ihr Leben zurück. Mir war wichtig, dass Cora hieraus Stärke gewinnt, ohne dass Härte daraus wird.

Wodurch wachsen die drei so unterschiedlichen Frauenpersönlichkeiten zusammen?
Das Band ist von Anfang an da – die Riesinnen müssen sich nur seiner Belastbarkeit bewusstwerden. Es wird noch gestärkt durch alles, was die drei Frauen gemeinsam durchmachen.

„In den stillen Dingen, in den kleinen Dingen.“

Woran zeigt sich die tiefe Verbundenheit von Liese, Cora und Eva am deutlichsten?
In den stillen Dingen, in den kleinen Dingen. In einer Tür, die immer offensteht. In dieser Selbstverständlichkeit, mit der sie füreinander da sind.

Welche Rolle spielen eigentlich die Männer im Leben Ihrer drei Protagonistinnen?
Eigentlich gar keine so kleine. Die Riesinnen machen die Männer einfach nur nicht zum Zentrum ihrer Welt – und nicht zum Angelpunkt ihrer Entscheidungen.

Liese, Cora und Eva schaffen viel mehr, als ihnen die übrigen Dorfbewohner:innen zutrauen – und auch sie selbst. Was ist das Imponierende und Ermutigende an den drei Frauen?
Dass sie nicht immer alles schaffen oder auf alles eine Antwort haben. Sie scheitern auch, oder wissen nicht weiter. Aber immer auf ihre eigene Weise, nach ihren eigenen Regeln.

Welche Lebensmaxime oder Erkenntnis Ihrer Heldinnen spricht Ihnen am meisten aus dem Herzen?
Dass Dinge, die so sind, wie sie sein sollen, ihren eigenen Schmerz haben. Dieser Gedanke hat beim Schreiben viel in mir ausgelöst.