Endlich ist die berühmteste Schafherde der Welt zurück! Großer Auftritt für Miss Maple, Mopple the Whale, Sir Ritchfield & Co. Jede Menge wollsträubender Abenteuer erleben sie als Starcast neben Hugh Jackman und Emma Thompson im Kinohit „Glennkill“, vor allem aber in Neuausgaben der Bestseller „Glennkill“ und „Garou“ und als Krönung in „Widdersehen“, dem neuen Coup von Schafskrimi-Erfinderin Leonie Swann. Mit Wollensstärke glückt ihr ein wunderbarer Mix aus Spannung, Situationskomik und Wortwitz.

Was beflügelte Sie zum lang ersehnten „Widdersehen“ mit den Schafen von Glennkill?
Verschiedene Dinge. Da sind einmal meine Leser, die nie aufgehört haben, hartnäckig nach neuen Abenteuern mit Miss Maple, Mopple und dem Rest der Herde zu fragen. Lange habe ich gezögert, doch dann wurde mir klar, dass mir die Schafe auch selbst ein wenig fehlen. Das hatte einerseits mit dem Film zu tun, zum anderen aber auch damit, dass es letztes Jahr eine Neuauflage der englischen Ausgaben von „Glennkill“ und „Garou“ gab und ich stark in die Übersetzung eingebunden war. Dabei ist mir wieder einmal aufgegangen, wie sehr mir diese Herde am Herzen liegt und wieviel Potential sie hat. Ich habe also tief Luft geholt und die Zeitreise zurück nach Glennkill gewagt. Und siehe da: Widdersehen macht Freude – zumindest mir hat die Begegnung mit den Schafen wieder enorm Spaß gemacht.

„Schafe sind hervorragende Team-Player.“

Wie haben Sie einst das Potenzial von Schafen als Krimi-Helden erkannt?
Auf den ersten Blick ist das Konzept vom „Schafskrimi“ ein eher absurder Gedanke. Aber eben nur auf den ersten Blick. Wer genauer hinsieht, erkennt schnell: Schafe haben viele Eigenschaften, um die sie jeder menschliche Detektiv beneiden würde. Einmal sind sie extrem unauffällige Ermittler, die sich in Wolle gehüllt bis auf wenige Schritte an die Verdächtigen herangrasen können. Niemand traut ihnen etwas zu, dabei können sie vieles riechen, das Menschennasen verborgen bleibt, und sind hervorragende Teamplayer. Die größte Stärke der Herde ist aber ihre Neugier und ihr Wille, allen Rätseln entschlossen und (fast) vorurteilsfrei auf den Grund zu gehen.

Was hat es Ihnen von Anfang an wichtig gemacht, beim Schreiben Ihrer Krimis Schafexpert:innen zu befragen?
Mir war es wichtig, zu zeigen, dass meine Schafe trotz aller kriminalistischer Begabung Tiere sind – nicht bloß Menschen im Schafspelz. Sie sind anders als wir – in ihrer Wahrnehmung, ihren Erfahrungen und vor allem ihren Prioritäten. Meine Hoffnung war, den Lesern nicht nur einen spannenden Krimi zu liefern, sondern auch einen kleinen Einblick in eine andere Welt zu gewähren, sie an Wesen heranzuführen, die uns zwar in vieler Hinsicht ähnlich sind, aber irgendwie auch fundamental fremd. Um diese Gratwanderung zwischen Wiedererkennen (bzw. Widdererkennen) und Überraschung möglichst graziös hinzubekommen, brauchte ich eine gute Vorstellung vom Schafsalltag und davon, welches Verhaltensspektrum Schafe zeigen – daher die Recherche.
Doch manchmal kommt einem das Leben sogar zuvor: In „Widdersehen“ gibt es eine Szene, in der die Herde einen Supermarkt unsicher macht. Ich hatte meine Zweifel – wie realistisch ist es, dass Schafe einfach so in ein fremdes Gebäude traben? Dann passierte die Sache mit den Penny-Schafen, und ich konnte auch diese Frage abhaken.

„Schafe lesen Menschen viel besser …“

Wie die „Glennkill“-Herde in „Garou“ hat es auch Sie selbst nach Frankreich verschlagen. Wie war Ihr Praktikum unter Schafen? Was waren Ihre interessantesten Erlebnisse und Erkenntnisse?
Um eines klarzustellen: Ich habe kein Schafspraktikum gemacht, sondern ein Schäferpraktikum (oder zumindest einen kleinen Schnupperkurs). Für den Schafsberuf würde ich vermutlich viel zu wenig Wolle mitbringen. Bei der Arbeit mit Schafen war für mich immer wieder überraschend, wie viel die Tiere von einem mitbekommen und wie wichtig es ist, bei Begegnungen Ruhe auszustrahlen – Schafe lesen Menschen viel besser, als man annehmen möchte, und jede Unruhe und Nervosität überträgt sich sofort. Emotional war natürlich das Füttern der Flaschenlämmer ein besonderes Highlight.

Und was war die wichtigste Horizonterweiterung für die Glennkill-Schafe in „Garou“?
Am Anfang von „Glennkill“ sind alle Schafe sehr auf ihre Weide fixiert und es gibt wenig Neugier auf die große, weite Welt dort draußen – vor allem, weil den Schafen dafür jede Vorstellung fehlt.
Durch das Wanderschafleben in Frankreich sind sie kühner und selbstbewusster geworden, so dass einer kleinen, wolligen Odyssee in „Widdersehen“ nichts mehr entgegensteht.
Und natürlich erweitert auch die Begegnung mit den respektlosen und durchgeknallten Ziegen auf der Nachbarweide den Schafshorizont ungemein.

„Der Fluss hat sich verändert – und man selbst auch.“

Ihrem neuen Schafskrimi „Widdersehen“ stellen Sie ein Zitat von Heraklit voran. Weshalb? Worauf soll es Leser:innen einstimmen?
Ich habe lange gezögert, mich wieder nach Glennkill zu wagen. Es ist wie die Rückkehr an einen geliebten Urlaubsort oder eine Stadt, der man sich sehr verbunden fühlt: In der Erinnerung sieht alles rosig und wundervoll aus, die Realität hingegen hat ihre Ecken und Kanten – da gibt es viel Enttäuschungspotenzial. Ich denke, darum geht es (unter anderem) auch bei Heraklit. Alles verändert sich ständig. Nichts bleibt gleich. Deswegen kann man nicht zweimal in denselben Fluss steigen: Der Fluss hat sich verändert – und man selbst auch.
Schließlich habe ich mich dafür entschieden, diese Beobachtung ein wenig zu einem der Themen des Buches zu machen. Es geht nicht darum, noch einmal dasselbe zu erleben, zu erzählen, zu lesen, sondern darum, die Veränderung anzunehmen, in den Moment einzutauchen und den Fluss der Dinge zu genießen. Nachdem ich so meine Erwartungshaltung angepasst hatte, war die Rückkehr nach Glennkill für mich eine Entdeckungsreise – und ein Vergnügen.

Welche Schafe aus der Stammherde bekommen in „Widdersehen“ besonders wichtige Rollen oder sogar die Chance, über sich hinauszuwachsen?
Ein Schaf, das in diesem Buch besonders über sich hinauswächst, ist der Publikumsliebling Mopple the Whale (auch persönlich eines meiner Lieblingsschafe). Dann gibt es Madouc, „Schaf auf Probe“, die als einzige Ziege erst ihre Rolle in der Herde finden muss. Ich vermute, dass diesmal vielen auch Sir Ritchfield besonders ans Herz wachsen wird. Außerdem können sich Leser auf eine neue Figur freuen: das kluge, runde Lamm.

„Madouc erfindet einfach die Welt, in der sie leben möchte.“

Zur Herde gesellt sich seit „Garou“ die kleine Madouc – als „Schaf auf Probe“. Was hat es damit auf sich und wie sorgt Madouc für frischen Wind?
Während die Schafe ständig um Logik, Verstehen, Konsistenz ringen, erfindet Madouc einfach die Welt, in der sie leben möchte. Sie macht ihre eigenen Regeln und bricht sie dann wieder nach Lust und Laune. Das sorgt in der Herde für viel Kopfschütteln und Ohrenschlackern. Gleichzeitig erleben die Schafe aber auch, wie befreiend Madoucs Freigeistigkeit sein kann, und merken, dass manchmal ein wenig Verrücktheit im Umgang mit der komischen Welt dort draußen genau das Richtige ist.

Normalerweise gilt für die Geschöpfe in Ihren Romanen „nomen est omen“. Warum machen Sie in „Widdersehen“ bei den drei Neuschafen Ausnahmen und nennen sie nur Eins, Zwei und Drei?
Nun, der Großteil der Herde hat die Namen noch von dem alten Schäfer George erhalten. George war bekanntlich jemand, der sich für Bücher interessierte und daher auch ein Repertoire kreativer und literarisch inspirierter Namensideen mitbrachte. Eins, Zwei und Drei hingegen haben ihre Namen vom Metzger bekommen, der sich dem Thema offensichtlich deutlich weniger einfallsreich angenähert hat.

Im Prolog fühlt sich ein gewisser James Flock unter Schafen plötzlich wie im Paradies. Was finden Sie selbst an Irland himmlisch?
Himmlisch ist vielleicht etwas zu viel gesagt, aber ich liebe schroffe, keltische Landschaften – nicht nur in Irland, sondern auch in Schottland und Wales. Ich genieße die Kargheit, die satten, klaren Farben, das temperamentvolle Wetter – und natürlich ist die Schafsdichte erfreulich hoch.

„Für mich ist James Flock auf alle Fälle ein schwarzes Schaf.“

Sehen Sie James Flock als Wolf im Schafspelz, oder geht er als schwarzes Schaf auf Bewährung durch?
Für mich ist James Flock auf alle Fälle ein schwarzes Schaf – oder zumindest ein schwarzes Schaf auf Probe. Sicher, er ist in einem rauen Umfeld aufgewachsen, und viele seiner Handlungen sind alles andere als moralisch, doch als er den Schafen begegnet, zeigt er sofort Empathie und ist sogar bereit, seine eigene Sicherheit hintanzustellen.

Beth aus „Glennkill“ ist fast nicht wiederzuerkennen. Von welcher Mission ist sie nun beseelt?
Ich denke, Beth, wie wir sie in „Glennkill“ kennenlernen, ist sehr stark auf George fixiert. Religion ist für sie immer auch ein Anlass gewesen, seine Nähe zu suchen, vorgeblich, um ihn zu bekehren. Nun ist dieser Anker weggebrochen, und Beth muss ihr ganzes Leben neu erfinden. Dabei trifft sie einige sehr zweifelhafte Entscheidungen, und ihr Souvenirshop ist nur die Spitze des Eisbergs.

„Blöken hingegen wird oft überbewertet.“

Lässt sich mit Wollidarität und Wollenskraft die Welt verändern? Und die Demähkratie retten?
Das sind natürlich große Fragen, die eine einfache Schafskrimi-Autorin wie ich vermutlich nur bedingt beantworten kann. Aber vielleicht geht es wie so oft gar nicht nur um Antworten, sondern darum, Fragen erst einmal überhaupt zu stellen und möglichst unvoreingenommen über Themen nachzudenken.
Empathie ist dabei immer ein großer Fokus für mich – Empathie mit meinen Schafshelden, aber auch mit weniger positiven Figuren. Ich finde, dass Ausflüge ins Bewusstsein verschiedenster Romanfiguren zu den spannendsten Abenteuern des Lesens gehören – und zu den wichtigsten. Die Kunst, neue Standpunkte einzunehmen, ist unabdinglich, wenn man sein Gegenüber (sei es Mensch, Schaf oder Ziege) verstehen will. Und Verständnis – intellektuell, aber auch emotional – ist der Anfang vieler guter Dinge wie Wollidarität und Wollensstärke. Ohne Wollen geht überhaupt wenig. Blöken hingegen wird oft überbewertet.

Worauf kommt es Ihnen beim Mix aus Situationskomik und Spannung an? Welchen Anteil hat Realsatire dabei?
Für mich gehören Situationskomik und Spannung eigentlich ganz natürlich zusammen. Wer angespannt ist, ist besonders empfänglich für die schrägeren Seiten des Lebens.
Humor entsteht dann fast von alleine, vor allem dann, wenn man den Standort wechselt, sich überraschen lässt, Dinge plötzlich aus einem anderen Blickwinkel zu sehen bekommt. Das passt ganz hervorragend zum Krimithema. Spannung und Komik verstärken sich gegenseitig.
Mit dem Begriff „Realsatire“ wäre ich hingegen ein wenig vorsichtig. Für mich hat das oft einen Beigeschmack von Besserwissen und Auslachen. Das kann zwar auch auf den ersten Blick lustig sein, aber man bleibt dabei auf seinem eigenen Standpunkt kleben. Realsatire führt nur selten weiter, deswegen finde ich das Konzept nicht so attraktiv.

„Die Herde merkt, dass Grasen nicht alles ist …“

„Glennkill“ ist nicht zuletzt eine wunderbare Hommage ans Geschichtenerzählen und Vorlesen. Gilt das auch für „Widdersehen“?
Der Einfluss von Geschichten ist in „Widdersehen“ vielleicht ein bisschen indirekter, weil die Schafe sehr früh ihre Vorleseschäferin Rebecca verlieren und sich auf die Suche nach ihr machen müssen. Aber gerade diese Abwesenheit von Geschichten lässt tief blicken: Die Herde merkt, dass Grasen nicht alles ist und dass die abendliche Lektüre still und heimlich längst ein wichtiger Teil ihres Lebens geworden ist. Geschichten erklären ihnen die Welt. Sie sind unverzichtbar, wenn es darum geht, die mysteriöse Existenz der Menschen – und auch ihre eigene – ein bisschen besser zu verstehen.