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Ein Ausnahmetalent, viele Facetten: Die US-Autorin Liz Moore wurde bei uns durch „Long Bright River“ und „Der Gott des Waldes“ als Meisterin des literarischen Thrillers bekannt. Ihre besondere Stärke: enormes Einfühlungsvermögen in die unterschiedlichsten Charaktere und Milieus. Dadurch zeichnet sich auch ihr US-Bestseller „Heft“ (Gewicht, Schwere) aus. Dieses psychologisch subtile, tief berührende Kammerspiel ist nun erstmals auf Deutsch erschienen – unter dem ebenfalls sehr treffenden Titel „Der andere Arthur“.
Für die amerikanische Originalausgabe Ihres Romans haben Sie den Titel „Heft“ gewählt. Warum? Auf welche der Bedeutungen kommt es Ihnen besonders an?
„Heft“ ist ein wirklich ungewöhnliches Wort im Englischen, weil es so viele Bedeutungen hat, und eine davon ist Gewicht. Aber ich glaube, üblicherweise wird es eher im Sinne einer emotionalen Schwere oder Last verwendet, und mir hat das Wort gefallen, weil es sich auf so viele Figuren im Buch bezieht. Die Figur des Arthur trägt natürlich viel körperliches Gewicht. Die Figur des Kel trägt viel emotionale Last und die Bürde einer Mutter, die auf zweierlei Art sehr krank ist: einerseits durch ihre diagnostizierte Erkrankung, Lupus, andererseits durch ihre Sucht nach Alkohol und verschreibungspflichtigen Medikamenten.
„Der andere Arthur“ („Heft“) beginnt mit einem mutigen Geständnis. Was macht die Lebensbeichte des Titelhelden zum perfekten Auftakt?
Die erste Zeile lautet: „Das Erste, was ich Ihnen sagen muss, ist, dass ich kolossal fett bin“, und entstand auf sehr eigenartige Weise. Ich hatte das Buch ursprünglich in der dritten Person geschrieben und es wollte einfach nicht funktionieren; ich merkte, dass ich zu weit von den Figuren entfernt schrieb. Ich konnte ihre Geschichte nicht auf fesselnde Art erzählen, und außerdem hatte Arthur als Fast-Einsiedler niemanden, mit dem er in seinem Haus sprechen konnte, so dass seine Szenen sehr langweilig wirkten.
Also überlegte ich, mit wem er in seinen Gedanken sprechen würde, und die Antwort war zum Teil nur: mit sich selbst. Aber ich dachte auch: Vielleicht hatte er eine frühere Verbindung, die ihm sehr wichtig gewesen war und der er all die Jahre nachgehangen hatte. Natürlich ist es die Verbindung zu Charlene, einer ehemaligen Schülerin von ihm, die wir als Kels Mutter kennen.
Aber der Ton des Geständnisses kommt daher, dass Arthur zunächst hinter sich bringen möchte, was er als den schockierendsten Teil seiner eigenen Erfahrung empfindet. Er will es zuerst aussprechen, um dann zu anderen Themen übergehen zu können. Und es ist fast eine Art Test für Charlene. Wenn sie diese erste Offenbarung übersteht, dann können sie sich vielleicht so wiederfinden, wie er es sich erhofft.
„Arthur Opp ist ein ehemaliger Englischprofessor.“
Wer ist der 58-jährige Arthur Opp, der hier mehr als je zuvor in seinem Leben über sich preisgibt?
Arthur Opp ist ein ehemaliger Englischprofessor. In gewisser Weise ist er privilegiert aufgewachsen – als Sohn eines sehr prominenten Architekten in einem ziemlich prächtigen Haus in Park Slope, Brooklyn. Doch seine Mutter starb, als er noch ein junger Mann war, und seinem Vater ist er im Grunde entfremdet. Auch seine engste Freundin Marty ist vor einiger Zeit gestorben, und so ist er zu Beginn des Romans völlig allein.
Die Jahre, die dem Beginn des Romans vorausgehen – ja sogar die Jahrzehnte davor – waren für Arthur sehr, sehr still. Erst mit dem Eintreffen eines Briefes seiner ehemaligen Schülerin und früheren Brieffreundin Charlene ist er zum ersten Mal gezwungen, in irgendeiner Weise aktiv zu werden.
Ihr zweiter Protagonist ist Arthur „Kel“ Keller. Wie würden Sie den 17-Jährigen vorstellen?
Ich würde Kel, ähnlich wie Arthur, als privilegiert beschreiben, zumindest zeigt er viele äußere Anzeichen von Erfolg. Er ist sehr sportlich, gutaussehend und beliebt an seiner High School, doch er verbirgt einige Geheimnisse.
Eines davon ist, dass er aus einfachen Verhältnissen stammt. Seine Mutter ist sehr intelligent und hat versucht, sich selbst weiterzubilden, doch aus verschiedenen Gründen war ihr das verwehrt. Deshalb hat sie ihre Aufmerksamkeit auf ihren Sohn Kel konzentriert – sie möchte, dass er ein besseres Leben hat als sie selbst. Teil ihrer Strategie war, ihn an derjenigen Schule anzumelden, an der sie Sekretärin war, bevor sie krank wurde.
Kel ist also, schlicht gesagt, ein armes Kind an einer reichen Schule, das sich verstellt, um dazuzugehören, sich aber eigentlich nirgends richtig zugehörig fühlt. Gleichzeitig trägt er das große Geheimnis, dass er zuhause eine sehr kranke Mutter hat. Er wurde also schon von klein auf erwachsen gemacht und musste früh Verantwortung übernehmen.
„… beide Figuren fungierten als Spiegel und Kontrast zueinander.“
Sie erzählen abwechselnd aus der Sicht der grundverschiedenen Außenseiter Arthur und Kel. Worauf kommt es Ihnen bei diesem Perspektivenwechsel an?
Die Idee zum Wechsel der Perspektiven kam mir ebenfalls erst später beim Schreiben. Zunächst glaubte ich, das Buch würde nur aus Arthurs Sicht erzählt werden, aber oft merke ich beim Schreiben eines Romans, dass ich einen anderen Ansatz brauche, damit meine Hauptfigur aktiv wird.
Kel hatte ich tatsächlich bereits in einem anderen, gescheiterten Roman entwickelt. Ich schrieb damals einen Roman über ein Jungeninternat, den ich nie veröffentlicht und nie beendet habe, und Kel war eine der Figuren – allerdings unter einem anderen Namen. Ich mochte ihn sehr und empfand ihn als Charakter so ziemlich als das genaue Gegenteil von Arthur.
Also dachte ich mir, rein als Gedankenexperiment: Was, wenn ich diese Figur aus dem gescheiterten Roman rette, sie herausnehme und in diesen Roman, „Der andere Arthur“, einfüge, bei dem ich gerade ein wenig ins Stocken geraten bin – einfach nur, um zu sehen, was passiert? Wie hängen diese Figuren zusammen?
Und von da an, als ich begann, aus abwechselnden Perspektiven zu erzählen, nahm der Roman wirklich Fahrt auf. Beide Figuren bekamen mehr Handlungsspielraum, und sie fungierten als Spiegel und Kontrast zueinander.
Kel ist ein außergewöhnliches Baseball-Talent. Wie kommt es, dass Sie sich so hervorragend mit diesem Sport auskennen?
Baseball. Ich weiß immer noch nichts über Baseball. Es war reine Recherche. Ich habe Baseball gewählt, weil es für mich ganz typisch amerikanisch ist. Es gibt in den Vereinigten Staaten eine lange Tradition und viel Romantik rund um Väter und Söhne und den Baseball-Sport. Zum Beispiel, wenn man im Hinterhof mit seinem Vater den Ball wirft – das gehört zum Bild des weißen Lattenzauns und des Fourth of July. Es ist einfach sehr romantisiert.
Und ich bin überzeugt: Jungen, die Baseball spielen und keinen Vater haben, spüren die Abwesenheit ihres Vaters in diesem Sport besonders stark. Ich hatte das Glück, dass ein guten Freund meines Mannes Minor-League-Baseball gespielt hat, kurzzeitig auch in einer Major-League-Mannschaft, und jetzt als College-Baseball-Trainer arbeitet. Er kennt außerdem viele Leute, die Scouts im Baseball sind. Ich konnte ihn also mehrfach interviewen, um die ganze Terminologie korrekt zu lernen, und das war unglaublich hilfreich. Er wird im Vorwort ausdrücklich erwähnt.
„Charlene hat in ihrem Leben viel Trauma und Verlassenheit erfahren.“
Die dritte Hauptfigur ist Charlene Turner, Arthurs frühere Studentin und Kels Mutter. Was ist für Sie das Bewegende an diesem Frauenschicksal?
Ich bin immer daran interessiert, Figuren zu schreiben, die kompliziert sind und nicht gleich auf den ersten Blick sympathisch wirken. Ich glaube, viele Leser:innen waren sehr wütend auf Charlene, weil sie ihren Sohn gewissermaßen im Stich gelassen hat. Aber ich möchte Charlene ein wenig mit Nachsicht betrachten, denn sie hat wirklich mit psychischen und körperlichen Erkrankungen zu kämpfen und in ihrem Leben viel Trauma und Verlassenheit erfahren.
Und ich will nichts über das Buch verraten, aber meine Sicht auf Charlene ist, dass sie auf jede mögliche Weise versucht, ihrem Sohn die Chancen zu eröffnen, die sie selbst nicht hatte.
Sie bringt ihn auf diese Schule, die sie als deutlich besser einschätzt als seine Nachbarschaftsschule. Sie schreibt Arthur, um Hilfe zu erbitten, weil sie denkt, dass Kel wirklich aufs College gehen sollte. Sie bemüht sich, trotz all der Hindernisse in ihrem Leben. Deshalb hasse ich Charlene nicht. Ich habe Verständnis für Charlene und hoffe, dass es den Leser:innen ebenso geht.
Was ist die wesentliche Gemeinsamkeit Ihrer grundverschiedenen Protagonist:innen?
Ich denke, sowohl Arthur als auch Kel sind auf zwei unterschiedliche Weisen sehr allein in der Welt. Arthur ist buchstäblich allein. Er hat niemanden in seinem Zuhause; er verlässt sein Haus nicht. Kel hingegen ist in dem Sinne allein, dass er eine Lüge lebt, während er in der Schule ist. Er tut dort jeden Tag so, als wäre er jemand anderes.
Zu Hause wiederum bemüht er sich sehr, eine Verbindung zu seiner Mutter aufzubauen, um sie zu retten – doch für ihn ist sie wirklich verloren. An einem Punkt habe ich sogar überlegt, den Roman „Everyone’s Sons“ zu nennen, was die Idee aufgreift, dass es Menschen in der Gesellschaft gibt, die so einsam sind, dass sie gleichzeitig niemandes Kind und jedermanns Verantwortung sind. Ich denke, sowohl Kel als auch Arthur gehören zu diesem Typus von Figuren.
„Durchbrechen von Suchtzyklen und familiärer Traumata.“
Was ist entscheidend, dass sich für Arthur und Kel Chancen zum Neuanfang eröffnen?
In all meinen Büchern schreibe ich viel über Sucht und darüber, wie Figuren von etwas abhängig sein können – wie im Fall von Charlene, die alkoholabhängig ist, oder vom Essen, wie im Fall von Arthur, der unter zwanghaftem Essen leidet.
Ich denke, das Durchbrechen von Suchtzyklen und von Zyklen familiärer Traumata sind Themen, die in all meinen Büchern immer wieder auftauchen. Und ich glaube, dass sowohl Kel als auch Arthur lernen müssen, sich auf andere zu verlassen, anstatt völlig isoliert zu bleiben.
Beide sind sehr stolz und wollen nicht um Hilfe bitten, aber im Laufe des Romans sind sie doch dazu gezwungen – und auch dazu, sich in unterschiedlicher Weise auf Andere zu verlassen. Ich denke, das ist auch ihre Chance auf einen Neuanfang.
Ich werde die letzte Zeile des Buches in diesem Interview nicht verraten, weil ich nichts vorwegnehmen möchte, aber ich kann Ihnen versichern, dass sie dieses Thema ebenfalls sehr deutlich aufgreift.
Was ist Ihr Anspruch als Autorin für ein gelungenes Roman-Ende?
Ich unterrichte Kreatives Schreiben an einer Universität namens Temple in den Vereinigten Staaten, und in meinen Kursen sprechen wir viel über Roman-Enden. Ich denke, das Wichtigste ist, dass ein Ende nicht den Eindruck erwecken sollte, alles, was gesagt wurde, sei nun endgültig und abgeschlossen. Wie im Leben sollte es immer die Möglichkeit für weitere Entwicklungen geben.
Damit meine ich nicht, dass ich unbedingt eine Fortsetzung von „Der andere Arthur“ oder irgendeinem meiner Bücher schreiben möchte, sondern dass ich mir gerne vorstelle, dass die Figuren auch über die letzte Seite hinaus noch ein Leben haben. Und genau das war auch meine Absicht, als ich das Ende von „Der andere Arthur“ schrieb.
„Man braucht Leidenschaft, um eine nachhaltige Karriere in irgendeiner Kunst zu machen.“
Welcher Ihrer Romane hat Ihr eigenes Leben am meisten verändert und wodurch?
Mein allererstes veröffentlichtes Buch war eine Sammlung miteinander verknüpfter Kurzgeschichten über die Musikindustrie. Damals war ich eher eine Amateurmusikerin, die Auftritte in New York spielte, und ich dachte nicht, dass ich einmal Romanautorin werden würde. Letztlich schrieb ich jedoch Kurzgeschichten über mein Leben und die Menschen, die ich damals kannte.
Allein die Tatsache, dass „Der andere Arthur“ veröffentlicht wurde, veränderte mein Leben, weil ich mich danach wirklich auf das Schreiben von Belletristik konzentrierte und nicht mehr auf die Musik. Und ich bin sehr froh, dass ich das getan habe, denn obwohl ich Musik liebte, hatte ich für sie nie die intensive Leidenschaft, die ich für das Schreiben von Romanen empfinde – und ich glaube wirklich, dass man diese Leidenschaft braucht, um eine nachhaltige Karriere in irgendeiner Kunst zu machen.
Dann würde ich sagen, dass „Long Bright River“ ein weiteres Buch war, das mein Leben veränderte. Zwar hatte ich vorher bereits drei Romane veröffentlicht, aber in den USA hatten sie jeweils nur eine vergleichsweise kleine Leserschaft erreicht. Mit „Long Bright River“ gab es jedoch eine Art Genrewechsel für mich. Es war mein erstes Buch, das als Mystery vermarktet wurde, und es hatte ein deutlich größeres Publikum.
Allein die Tatsache, dass „Long Bright River“ eine zahlreichere Leserschaft erreichte, veränderte mein Leben, weil es mir als Romanautorin mehr Türen öffnete. Es machte mich außerdem eher bereit, formal mit Genres zu experimentieren – was ich dann auch bei „Der Gott des Waldes“ tat, der bisher vielleicht das größte Publikum erreicht hat.
