Besondere Entdeckungen sind mit Meike Winnemuth sicher – ob auf Weltreise in ihrem Bestseller „Das große Los“, beim Erden und Über-sich-selbst-Hinauswachsen in „Bin im Garten“ oder nun mehr denn je bei ihrem aktuellen Leseglück-Projekt. Der Titel „Eine Seite noch“ ist eine glatte Untertreibung. Schließlich geht es um eine Sucht, die nach immer mehr Stoff verlangt – Lesestoff, der überrascht und das Leben um eine Nummer größer macht: Persönliches, Berührendes, Kurioses und Wissenschaftliches rund um unser aller Leidenschaft – das Lesen.

Gehören die Bücherstapel rund um Ihren Sessel zu einer Lese-Challenge oder ist das der Normalzustand bei Ihnen?
Absoluter Normalzustand. Ich lese meist mehrere Bücher parallel und liebe das Gefühl, in einem Meer von Möglichkeiten zu schwimmen und mal in dieses, mal in jenes Buch abtauchen zu können, ohne mich aus der stabilen Rückenlage erheben zu müssen.

„… das Gefühl: ‚Ich könnte‘, und zwar jederzeit.“

Ihre Selbstdiagnose lautet: „Lustvolles Aus-dem-Ruder-Laufen meiner Bücherleidenschaft“. Luxus oder Lebensphilosophie?
Beides, schätze ich, denn Bücher sind ja nun wirklich nicht billig. Trotzdem sind sie Grundnahrungsmittel für mich, ich würde nie an ihnen sparen. Ich mag das Gefühl, dass meine Regale eine Überfülle von Büchern bergen, die ich vielleicht nie zu lesen schaffe. Muss ich aber auch nicht. Es geht um das Gefühl „Ich könnte“, und zwar jederzeit.

Wie jedes Ihrer großen Projekte ist auch „Eine Seite noch“ ein Selbstversuch. Was wollten Sie erleben, erlesen und herausfinden – über sich selbst und andere Leseenthusiast:innen?
Dass ich das Lesen liebe, war mir vorher schon klar, nicht aber, warum das so ist. Dem wollte ich auf die Schliche kommen, durch Selbstbeobachtung und Gespräche mit vielen anderen Lesenden. Denn Lesen ist ja schon lange keine einsame Tätigkeit mehr, der Austausch mit anderen – ob in Buchclubs, bei Lesungen, Silent Reading oder bei Bookstagram – ist inzwischen Teil meines Vergnügens geworden.

„Ich bin großer Fan … der systematischen Selbstüberraschung.“

Für Ihr Auswahlprinzip haben Sie sogar einen eigenen Begriff geprägt. Wie lautet er und zu welchem Lektürespektrum hat das geführt?
Ich bin großer Fan des Zufallsprinzips und der systematischen Selbstüberraschung. Eine Weile habe ich das Spiel mit mir selbst gespielt, jeden Monat ein Buch aus dem Schaufenster meines Buchhändlers zu kaufen, unbesehen – was zu vielen Aha-Erlebnissen führte. Erstaunlich, wofür ich mich alles interessiere, ohne es vorher zu ahnen … Was ich außerdem fast jeden Tag mache: irgendein Buch aus dem Regal ziehen, es irgendwo aufschlagen und für fünf Minuten zu lesen beginnen. Auch hier passieren immer wieder die schönsten Überraschungen.

Inwiefern haben Sie sich mit der Bibel angefreundet und welche Rolle spielen Ihre Gespräche mit der Regionalbischöfin Julia Helmke?
Ich bin vor fast fünfzig Jahren aus der Kirche ausgetreten, dafür gibt es viele Gründe. Julia ist eine Nachbarin meines Gartenhauses an der Ostsee, ich war neugierig, wie es wohl ist, wenn man wieder und wieder dasselbe Buch liest. Was gibt es da zu entdecken, auch nach der hundertsten Lektüre? Nach unserem Gespräch habe ich mir eine Bibel bestellt – ob wir uns angefreundet haben, wird sich herausstellen.

Wie Bücher sind auch Begegnungen mit anderen Buchbegeisterten für Überraschungen gut. Wer oder was hat Sie in letzter Zeit am nachhaltigsten ins Staunen versetzt?
Eine der größten Überraschungen war für mich, dass mein Strandkorbvermieter Roger ganze dreimal „Krieg und Frieden“ gelesen hat. Darüber haben wir uns natürlich ausführlich unterhalten, nachdem ich mich endlich auch herangewagt hatte. Spannend fand ich, wie unterschiedlich unsere Lektüren waren – und wie groß trotzdem oder gerade deshalb unser beider Liebe zu dem Buch.

„Lesen – was nicht unbedingt dem eigenen Beuteschema entspricht.“

Sie bringen die Sommer-Challenge der New York Times ins Spiel. Was gefällt Ihnen daran?
An Challenges gefällt mir ganz allgemein, dass man mal Bücher liest, die nicht unbedingt dem eigenen Beuteschema entsprechen. Also beispielsweise andere Genres, in meinem Fall: Romantasy. Aber Spiel ist das entscheidende Wort hier, es soll auf jeden Fall ein Spaß sein, kein mit zusammengebissenen Zähnen absolviertes weiteres To-do.

Ihr Buch hat es in sich, was Inspirationsquellen anbelangt: vom Podcast bis zu Influencer:innen. Wer oder was sind Ihre drei Favoriten?
Puh, schwer zu sagen, es gibt einfach zu viele. Ich höre regelmäßig den NDR-Podcast eat.READ.sleep, bei dem man sich ein bisschen wie am Küchentisch der Moderatoren fühlt. Dann mag ich die Gespräche von Dora Heldt und dem Literarischen Nerd gern und natürlich die tolle ehemalige ocelot-Buchhändlerin Maria-Christina Piwowarski.

In der Hamburger Traditionsbuchhandlung Felix Jud waren Sie bei einem Vortrag über Dua Lipa und ihren Buchclub. Ist der Funke übergesprungen?
Dua Lipa ist nicht nur ein globaler Popstar, sondern auch eine manische Leserin und großartige Autoren-Interviewerin mit fabelhaftem Buchgeschmack. Den Empfehlungen ihres Buchclubs Service95 kann man blind vertrauen, auch wenn man (wie ich) nicht unbedingt Fan ihrer Musik ist.

Der Kanon erfreut sich seit Goethes Zeiten enormer Popularität. Inwiefern ist Ihr Buch der Gegenentwurf zum Kanon?
Ich werde immer ein bisschen bockig, wenn es um das Wort „muss“ geht, erst recht beim Lesen. Dies und jenes muss man gelesen haben, muss man kennen … Nee, muss man nicht. Kanons sind gute Anregungen, aber kein ehernes Gesetz. Das gilt für jede Liste, jede Auswahl und übrigens auch jeden Literaturpreis – wie kann ein Buch je objektiv das beste sein?

„Bücher verbinden über alle Grenzen hinweg.“

Noch weiter als in Ihrem Weltreise-Bestseller „Das große Los“ kommen Sie in Ihrem neuen Buch herum. Welche Gedankenreisen beim Lesen waren für Sie die tollsten Horizonterweiterungen?
Ich war verblüfft und gerührt, wie nahe ich mich einer japanischen Hofdame aus dem Jahr 1000 n. Chr. fühlen konnte oder einem schwulen Kriegsfotografen aus Sri Lanka. Bücher verbinden mit bis eben noch wildfremden Menschen (ob fiktiven oder tatsächlich lebenden) über alle Grenzen hinweg, zeitlich wie räumlich. Und das ist immer wieder ein Wunder.

In Neumünster sind Sie zu Ihren Wurzeln zurückgekehrt. Was macht Ihre Grundschule von einst zu einer Art Schicksalsort – für Sie früher und für die Kinder von jetzt?
Ich habe an der Grundschule das Lesen gelernt und – viel wichtiger – lieben gelernt, nämlich in der kleinen Schülerbibliothek, die ich damals quasi leergelesen habe. In die bin ich nach sechzig Jahren zurückgekehrt, um zu sehen, wie die Kinder von heute ins Leseleben starten. Was ich großartig finde: An Schleswig-Holsteiner Grundschulen startet jeder Schultag mit einer zwanzigminütigen Lesezeit. So ein Ritual könnte man übrigens auch als Erwachsener ins Leben integrieren…

In der Schulbücherei haben Sie „Grimpel“ von Clement Freud wiederentdeckt. Was lieben Sie bis heute an dieser Kindergeschichte?
Anarchischer Spaß hoch zwei.

„In Thomas Mann muss man hineinaltern, fürchte ich.“

Bei Thomas Mann legen Sie immer wieder Zwischenstopps ein. Warum löst er bei Ihnen gemischte Gefühle aus und lässt Sie trotzdem nicht los?
Weil er zweifellos ein Genie war und genauso zweifellos ein arger Stiesel. Aber ich muss ja keine Sympathien für einen Autor hegen, um sein Werk zu bewundern. Und das tue ich, je älter ich werde, desto mehr. In Thomas Mann muss man hineinaltern, fürchte ich.

Worauf freuen Sie sich als Wahl-Lübeckerin und Leserin, wenn die Thomas-Mann-Jubiläumsparty nun anlässlich der 125 Jahre „Buddenbrooks“ weitergeht?
Ganz prinzipiell entzückt mich, dass die Lübecker in einen derartigen Feierrausch geraten, wenn es um Thomas Mann geht – das begann ja schon 2024 mit 100 Jahren „Zauberberg“. Am lustigsten fand ich, dass es zu seinem 100. Geburtstag im letzten Jahr sogar eine Thomas-Mann-Playmobilfigur gab, mit Stock und Hut und Schnauzbart.

„Bei jedem Lesen entdecke ich etwas Neues.“

Bei einer leidenschaftlichen Entdeckerin wie Ihnen erstaunt es umso mehr, dass Sie Virginia Woolfs „Mrs. Dalloway“ schon vier Mal gelesen haben. Was macht diese Lektüre immer aufs Neue lohnend?
Die Tatsache, dass ich bei jeder Lektüre eine andere war, in einer jeweils anderen Lebensphase steckte. Mit 22 war ich zu jung für den Roman, ich habe lediglich die literarische Meisterschaft bewundert, nicht aber das Thema der verpassten Gelegenheiten und des ungelebten Lebens zutiefst mitempfinden können – das ging erst dreißig Jahre später. Bei jedem Lesen entdecke ich etwas Neues, wie das bei den meisten wirklich großen Büchern passiert.

Gegen Ende Ihres Buches zitieren Sie aus Mary Olivers Gedicht „Sometimes“. Könnte es als Motto Ihres Buches gelten? Was lieben Sie daran?
Ich hatte tatsächlich überlegt, es dem Buch als Motto voranzustellen:

„Instructions for living a life:
Pay attention.
Be astonished.
Tell about it.“

Das scheint mir ein fundamental guter Ratschlag fürs Lesen wie fürs Leben zu sein: Beides gewinnt immens durch Aufmerksamkeit und Staunen. Und dadurch, dieses Staunen zu teilen.

„Wieviel reicher ist mein Leben durch Bücher geworden!“

Was macht für Sie den Sinn und Zauber des Lesens aus?
Dass man ein Leben in XL leben darf, indem man an Gedanken, Gefühlen und Erlebnissen teilhaben kann, die nicht die eigenen sind. Die man sich aber zu eigen machen kann. Wie viel reicher ist mein Leben durch Bücher geworden! Und diese Geschenke stehen nun wirklich für jede und jeden bereit, ob im Buchladen oder der nächsten Stadtbibliothek.