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Poesie und Musikalität prägen die Sprachkunst von Nadine Schneider. Seit ihrem mehrfach preisgekrönten Debütroman „Drei Kilometer“ erkundet sie existenzielle Fragen, die ihren Ursprung in der Geschichte ihrer aus dem rumänischen Banat stammenden Familie haben: Was treibt Menschen zur Flucht aus der Heimat ins Ungewisse? Welche Sehnsüchte sind mit gekappten Wurzeln verbunden? Nun übertrifft sich Nadine Schneider selbst – in „Das gute Leben“, ihrem großen Mütter-Töchter-Roman über vier Generationen.
In Ihren wunderbaren Naturschilderungen wirken die Weinstöcke wie Wahrzeichen. Was symbolisieren sie und wo haben sie ihre Wurzeln in Ihrer Familiengeschichte?
Mit dem Weinstock konnte ich gut ausloten, welche Beziehung meine Figuren jeweils zu ihrer Vergangenheit und dem, was sie Zuhause nennen, haben. Er ist im Roman ein wichtiges motivisches Verbindungselement zwischen Rumänien und Deutschland: Für die in Rumänien zurückbleibende Urgroßmutter ist der Weinstock so etwas wie ein Vermächtnis. Sie will unbedingt ihrer Tochter Anni und der Urenkelin Christina einen Trieb mitgeben, in der Hoffnung, dass er auch in Deutschland wächst. Sie selbst will ja nicht dauerhaft nach Deutschland kommen, und der Weinstock ist fast etwas wie ein Stellvertreter: Ich selbst komme nicht, aber ich gebe euch etwas von mir, etwas, das für mich Bedeutung hat. Anni wehrt dieses Geschenk natürlich ab – sie will keinen Weinstock, sie will einfach nur ihre Mutter bei sich haben. Die Urgroßmutter aber setzt sich durch: Sie bleibt in Rumänien, und die Trauben wachsen über ihren Tod hinaus in einem Garten in Deutschland. Für Christina sind die Trauben schließlich das letzte Verbindungselement zu Annis Herkunftsland, und sie wird den Gedanken nicht los, dass sie es irgendwie schaffen muss, sie mitzunehmen, bevor sie Annis Haus verkauft.
„Sie ist der Grundton, der allem Erfundenen unterlegt ist.“
Welchen Anteil hat Ihre eigene Familiengeschichte als literarische Inspirationsquelle für Sie?
Ohne meine Familiengeschichte gäbe es meine Bücher, so wie sie sind, nicht. Ich hatte zwar nie das Interesse oder das Bedürfnis, sehr nah an meiner Familiengeschichte zu schreiben oder mir Erzähltes konkret zu verarbeiten, aber meine Familiengeschichte schwingt trotzdem in meiner Literatur mit. Sie ist der Grundton, der allem Erfundenen unterlegt ist.
Aus welchem Ideenkeim ist Ihr neuer Roman „Das gute Leben“ entstanden?
Ich habe den Roman mit Anni begonnen. Ihre Stimme war als Erstes da. Die erste Szene, die ich vor Augen hatte, war die, als Anni in Wien ihren Vater besuchen will, den sie seit über zwanzig Jahren nicht gesehen hat. In der Szene beobachtet Anni ihren Vater von Weitem in seinem Garten. Sie müsste nur die Straße überqueren, um ihn ansprechen zu können. Aber sie schafft es nicht. Sie hat das Gefühl, durch eine unüberwindliche Barriere von ihm und von seiner Welt getrennt zu sein, und geht zunächst unverrichteter Dinge wieder fort. Dieses Gefühl, an einer Schwelle zu stehen, hat mich durch den Roman begleitet. Annis Stimme, die von Anfang an sehr stark und präsent war, hatte die Kraft, mich durch den ganzen Arbeitsprozess zu ziehen.
„Arbeit … das war ein regelrechtes Versprechen.“
Bei der Familiengeschichte konzentrieren Sie sich auf vier Frauen von der Urgroßmutter bis zur Enkelin. Warum haben Sie diesen weiblichen Fokus gewählt?
Ich wollte unbedingt nur aus der Perspektive von Frauen erzählen. Mein ursprünglicher Plan war, die Männer gar nicht zu erwähnen, aber sie spielen ja jetzt doch die ein oder andere Rolle. Besonders die weibliche Perspektive auf die Zeit des Wirtschaftswunders war mir wichtig. Gerade bei Quelle waren es ja diese vielen Packerinnen, die aus Gemeinden in einem Umkreis von bis zu 200 Kilometern rund um Nürnberg mit Quelle-Bussen jeden Tag zu ihrer Arbeit gefahren wurden und dieses Wirtschaftswunder am Laufen hielten. Da hat mich interessiert, welchen Stellenwert denn eine solche Arbeit für eine Frau Ende der Sechziger und insbesondere für jemanden wie Anni hatte. Für Anni, die sich eine vollkommen neue Existenz aufbauen muss, war das nicht einfach nur Arbeit, die Geld ins Haus bringt – das war ein regelrechtes Versprechen, endlich ganz und gar in eine neue Gesellschaft integriert zu werden.
Was interessiert Sie am Beziehungsgeflecht zwischen den Frauen am meisten?
Das Ungesagte. Das, was sie nicht imstande sind, einander mitzuteilen.
„… anzukommen, nicht aufzufallen und sich anzupassen.“
Welche erzählerischen Möglichkeiten sind für Sie ausschlaggebend, zwischen den Perspektiven von Anni Hoffmann und ihrer Enkelin Christina zu wechseln?
Dadurch konnte ich zum einen den erzählerischen Horizont weiten und mir zum anderen die Geschichte einer Auswanderung aus zwei völlig unterschiedlichen Perspektiven anschauen: aus Annis Perspektive, die vorwärtskommen, sich von ihren Wurzeln lösen und neue schlagen will. Und aus Christinas Perspektive, die sich jetzt fragt, was Annis Ziel, um jeden Preis in einer neuen Gesellschaft anzukommen, nicht aufzufallen und sich anzupassen, eigentlich mit ihr selbst gemacht hat. Wie sehr hat sie Annis Narrative verinnerlicht? Wie sehr glaubt sie noch selbst daran, dass Fleiß, Anpassung und Selbstaufgabe belohnt werden und zu einem gelungenen Leben führen?
Christina ist – wie Sie selbst – in Deutschland geboren. Welche Gemeinsamkeiten hat sie sonst noch mit Ihnen und wer ist sie?
Mit Christina teile ich ein wenig das Gefühl, eine Art Sackgasse für die Migrationsgeschichte meiner Familie zu sein: Die Erfahrung, in einem anderen Land, in einer Diktatur aufzuwachsen, an Orten, die es in der Art, wie sie meine Großeltern und Eltern noch erlebt haben, gar nicht mehr gibt, die Erfahrung der Mehrsprachigkeit – das alles teile ich nicht mehr mit meiner Familie. Ich kann mich diesen Erfahrungen nur noch durch Erzählen nähern.
„Die Leere, die Annis Tod hinterlassen hat …“
Am Anfang erbt Christina das Haus und den Garten ihrer Großmutter Anni. Was wird dabei für sie zur Herausforderung?
Die Leere, die Annis Tod hinterlassen hat, die aber gleichzeitig angefüllt ist mit Gegenständen und Erinnerungen, die Christina irgendwie zu entschlüsseln versucht. Sie versucht, Anni und die Beziehung zu ihr über das gemeinsame Zuhause zu verstehen und sich in Erinnerung zu holen, und merkt aber, dass sie das komplett verrückt macht, weil ihr das Haus natürlich keine Antworten gibt.
Anni Hoffmann entwickelt sich zur Hauptfigur im Roman. Was ist das Interessante an ihr?
Ich persönlich fand an Anni alles interessant. Es ist mir beim Schreiben nicht einmal gelungen, sie vollständig zu enträtseln, sie hatte bis zum Schluss ihre Geheimnisse vor mir. Besonders habe ich ihren Mut bewundert: Sie verlässt ganz allein als gerade mal 22-Jährige ihre Mutter und ihr Zuhause, um ein neues ungewisses Leben in Deutschland anzufangen. Sie zieht ihr Kind alleine groß, sie beginnt eine für sie wichtige Arbeit. Der, wie ich finde, größte Mut ist, als sie sich an einem schwierigen Punkt für das Bleiben entscheidet: Als sie nicht mehr kann, als sie nach knapp fünf Jahren in Deutschland vollkommen erschöpft ist vom Ankommen, Alleinsein, Arbeiten, Kind-Großziehen, Fremdsein, hat sie auch den Mut zu bleiben. Sie telefoniert zwar mit ihrer Mutter und sagt ihr, dass sie zurück nach Hause will, aber am Ende bleibt sie doch, und das finde ich enorm mutig. Neben diesem ganzen Mutigsein hat Anni aber auch enorm viele Ängste, vor allem Verlustängste, die ihre Tochter und Enkeltochter Jahre später manchmal völlig irrational finden. Aber ich denke, wenn man so viel Mut wie Anni aufbringen muss, kriegt man die Angst, alles wieder zu verlieren, gratis mit dazu.
„Anni war Zeugin von Deportationen, Enteignungen, Verfolgung …“
Anni stammt aus dem rumänischen Banat. Was ist das für eine Welt, aus der sie Mitte der 1960er Jahre flieht?
Um die großen Auswanderungswellen der deutschen Minderheit aus Rumänien zu begreifen, muss man sich auch vor Augen führen, dass sich Rumänien im 20. Jahrhundert in einer ununterbrochenen Abfolge verschiedener autoritärer Systeme befand: von der Monarchie über die Militärdiktatur bis zum Stalinismus. Als Anni aus Rumänien flieht, ist gerade Nicolae Ceaușescu an die Macht gekommen. Das heißt, Anni hat ihr bisheriges Leben lang nichts anderes als die Mechanismen der Autokratie gekannt, sie war Zeugin von Deportationen, Enteignungen, Verfolgung und Unterdrückung. Als sie mit 22 Jahren schwanger wird, ist ihr sofort klar, dass ihr Kind auf keinen Fall in Rumänien zur Welt kommen soll.
Wie prägt die Flucht Annis Leben und womit ringt sie am meisten?
Nach ihrer Ankunft in der Bundesrepublik fühlt sich Anni einsam und fremd, und vor allem hat sie das Gefühl, in der neuen Gesellschaft keine Rolle zu spielen. Sie glaubt allerdings ganz unbedingt an das Narrativ der Leistungsgesellschaft: Wenn ich nur fleißig genug bin, wenn ich mich anstrenge und anpasse, kann ich einen Aufstieg schaffen. Leider führt der feste Glaube an dieses Narrativ auch dazu, dass Anni als Person verschwindet. Die Anpassung um jeden Preis bedeutet, dass Anni sehr leise und vorsichtig wird und sich irgendwann selbst gar nicht mehr erkennt.
„Frauen sind es, die Erstaunliches in ihrem Leben geleistet haben.“
Anni verschlägt es nach Nürnberg. Welche (autobiografischen oder literarischen) Gründe hatten Sie dafür?
Wenn man wie ich in Nürnberg geboren und aufgewachsen ist, hat man fast zwangsläufig irgendwelche Berührungspunkte mit dem Quelle-Unternehmen, das hier in Nürnberg ein großes Versandzentrum hatte. Sowohl meine Großmutter als auch meine Mutter haben eine Zeit lang für Quelle gearbeitet. Die Themen „Quelle“ und „Grete Schickedanz“ geisterten mir schon zu Beginn der Arbeit an dem Roman ständig im Kopf herum, ich wusste sehr früh, dass sie zu dieser Geschichte gehören werden. Besonders interessiert hat mich dabei, dass sowohl Anni als auch Grete Schickedanz Frauen sind, die Erstaunliches in ihrem Leben geleistet haben – mit dem großen Unterschied, dass Grete Schickedanz einen Platz in der Erinnerungskultur hat, wohingegen eine Geschichte wie die von Anni im kollektiven Gedächtnis im Prinzip keine Rolle spielt.
Wie wendet sich das Blatt für Anni, als sie Arbeit findet?
Dass Anni ihre Arbeit bei Quelle aufnimmt, ist zunächst eine Art Rettung. Sie bewirbt sich zu einem Zeitpunkt bei Quelle, an dem sie von ihrem neuen Leben in Deutschland vollkommen desillusioniert ist. Sie fühlt sich fremd und einsam und hat das Gefühl, regelrecht verschwunden zu sein. Mit der Arbeit verbindet sie die starke Hoffnung, endlich ganz und gar in Deutschland anzukommen und integriert zu sein.
„Ich habe Anni so gut es ging begleitet.“
Was wird aus Annis Jugendtraum vom guten Leben? Wie erfüllt oder verwandelt sich ihre Vorstellung davon?
Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht, ich könnte es – wie Christina und Helene es nach Annis Tod versuchen – nur vermuten. Ich habe Anni so gut es ging begleitet, habe sie mir „erschrieben“, aber es gibt einfach auch Dinge, die meine Figuren für sich behalten, die ich nicht restlos erklären kann und will.