Bestsellerautorin, Reisejournalistin und bekennendes Landei mit Hof samt Ferienwohnungen, Pferden und etlichen weiteren Tieren in der Voralpenidylle: Respekt vor der Energie, dem Esprit und den Erfolgen von Nicola Förg. Ob im Leben oder in der Literatur – sie hat einen ausgeprägten Spürsinn für die malerischsten Fleckchen der Erde, aber auch für brisante Themen. Beides kommt ihren Büchern zugute. Ebenso wie ihre Leidenschaft für äußerst genaue Recherchen. Die aktuellsten Beispiele: „Schroffe Klippen“, der 17. Irmi-Mangold-Krimi, und das umfassende Handbuch mit lebendigem „Landwissen“.

Was macht Ihre Heimatregion im Voralpenland für Sie als Autorin zum idealen Krimirevier?
Von außen betrachtet, ist das eine Idylle. Wiesen, Kapellen, die hübschen Dörfer mit den Balkonen, die unter der Geranienpracht schier abzustürzen drohen. Innen aber ist da bis heute viel Enge in den Köpfen, viel Ungesagtes und Unaufgearbeitetes in den Familien. Und darin liegt eben auch der Stoff, aus dem die Morde sind. Ich bin ja nicht die Frau für Massenmörder, Psychopathen oder internationale Verbrechen. Mich interessieren die Abgründe in Menschen, die man eher subtil wahrnimmt.

Sie bezeichnen sich als „Landei durch und durch“. Was steckt hinter diesem Bekenntnis?
Ich war und bin ein Trampel. Ich vernichte jede Strumpfhose binnen Sekunden, ich bin keine urbane Shopping Queen. Am wohlsten fühle ich mich in einer Arbeitshose – mit Flexbund – und festen Schuhen. Ich miste Ställe aus, fälle Bäume – bin natürlich im Besitz eines Motorsägen-Derf-Scheins. Ich bewege mich viel zwischen Tieren – Pferde, Katzen, Hunde – und verdammt viel Haarigem, vor allem nun in der Fellwechselzeit. Anders gesagt: Schöner Wohnen mit weißer Designercouch is nich!

Was lieben Sie am Leben im 950-Seelen-Örtchen Prem im Pfaffenwinkel?
Lage! Lage! Lage! Wir haben hier Platz, eine gewichtige Stille, sehen die Milchstraße! Hier, wo Oberbayern mit dem Allgäu flirtet, liegt für mich eine der schönsten Landschaften Europas, weil diese Kombination aus Bergen am Horizont und den Seen davor unikal ist. Es gibt Almen und Gasthöfe zum Einkehren; in unserem Restleben werden wir all die Radlrouten nicht mehr abfahren können. Für mich, das Landei, ist der Rhythmus zwischen konzentrierter Arbeit am PC und Entspannung draußen extrem wichtig.

„Irmi … eine Identifikationsfigur von nebenan.“

Ihre Krimiermittlerin ist Irmi Mangold. Was für ein Mensch ist sie?
Sie ist nicht mein Alter Ego, falls man das annehmen möchte. Ihre Lebensumstände, ihre Sozialisation sind sehr anders als meine. Sie stammt aus der Landwirtschaft, ist bodenständig und klar. Anders als viele Ermittlerinnen in TV-Formaten ist sie weder drogenabhängig noch Psychopathin, was nicht heißt, dass sie nicht auch Probleme hat: mit dem Alter, mit dem Gewicht, in Liebesdingen – sie ist eine Identifikationsfigur von nebenan. All ihre Energie floss in den Beruf, sie kocht ungern, bastelt nicht, hat keinen grünen Daumen und reist selten. Und nun, als Pensionärin, ist da eine gewisse Leere.

Irmi nennt ihr Lebensmodell auf einem Bauernhof „Alte-Mädels-WG“. Was hat es damit auf sich?
Irmi hat ihr ganzes Leben auf dem elterlichen Hof verbracht, hat mit ihrem Bruder zusammengewohnt, der sich aber recht spätberufen in eine zupackende Ungarin verliebt, diese geheiratet hat und tatsächlich mit ihr nach Ungarn gezogen ist. Etwas, was sich Irmi bei ihrem verwurzelten, etwas bärbeißigen Bruder nie hätte vorstellen können. Sie selbst hat eine kurze, gescheiterte Ehe hinter sich, hatte dann eine Beziehung zu einem verheirateten Mann, hat versucht, mit dem aktuellen Lebensgefährten zusammenzuziehen … aber ein schickes Haus im Wohngebiet war eben nicht ihr Lebensumfeld. Drum ist sie zurück auf den Hof und hat in Luise, einer erdigen Niederbayerin, eine geniale Mitbewohnerin gefunden. Und zwei Frauen Mitte sechzig nennen das eben Alte-Mädels-WG!

„Irmi … hat sich schon in Band 16 aus der Komfortzone herausbewegt.“

Das heißt auch, Irmi hat sich vom 1. bis zum aktuellen 17. Band entwickelt und verändert?
Sie ist in 15 Bänden jedes Jahr ein Jahr älter geworden. Irmi Mangold ist mit 50 in die Serie eingestiegen, war also in Band 15 65 Jahre alt. Und als bayerische Staatsbeamtin wäre sie eigentlich schon mit 62 in Pension gegangen. Da sie – wie erwähnt – keine Hobbys hat, hab ich sie sanft gestupst: Sie hat sich schon in Band 16 aus der Komfortzone herausbewegt, ist da bereits nicht mehr Teil ihres ehemaligen Teams und ermittelt auf eigene Faust. Das hat Vorteile und Nachteile – sie kann semilegale Dinge tun, hat aber keinen Zugriff mehr auf Daten, die man als Polizistin abrufen kann. Aus der Komfortzone herauszutreten, heißt auch, dass sie reisen muss.

Warum braucht Irmi frischen Wind in Irland? Warum ist die grüne Insel ideal für sie?
Das habe ich ihr zugemutet. Ich kenne Irland seit Langem, ich bin ja generell ein Fan von nordischen, kalten Regionen. Und für die wenig gereiste Irmi gibt es da viel zu erspüren und zu fühlen. Denn auch sie hadert damit, dass es in solch epischen Landschaften doch eigentlich weniger Verbrechen geben müsste. Und das ist ja nicht unähnlich zu ihrer Heimat im Werdenfels. Da leben eben trotz der ikonischen Natur nicht nur freundliche Menschen …

„Der nordwestliche Zipfel Irlands ist spektakulär.“

Ihr Credo lautet: „Ich muss am Tatort gewesen sein.“ Wo und wie haben Sie die Settings für „Schroffe Klippen“ aufgespürt?
Ich war natürlich vor Ort. Früher schon öfter und im Herbst 2024 dann ganz dezidiert für die Recherche. Der nordwestliche Zipfel Irlands ist spektakulär, auch mal fast gewalttätig in seinen schnellen Wetterumschwüngen.

Warum gehört die Auseinandersetzung mit brisanten Themen für Sie unbedingt in Krimis? Welche Missstände beschäftigen Sie dieses Mal?
Der Krimi war und ist ein sehr gutes Genre, um Themen zu transportieren. Ich bin kein Fan von Slapstick und Klamauk in Krimis, Humor darf sein, aber lieber in Form von subtilen, lakonischen Dialogen. Und inmitten der Geschichte, die den Leser dann packt, wo er miträtseln kann, versuche ich elegant ein gesellschaftsrelevantes Thema oder ein Naturschutzthema einzuflechten. Im aktuellen Band geht es um die bittere Art und Weise, wie Greyhounds entsorgt werden, wenn sie auf der Rennbahn nicht schnell genug sind. Es geht auch um den Wandel in Irland, denn auch in einem Land mit großer Herzlichkeit mehren sich Stimmen, dass das Boot nun voll sei. Und nicht zuletzt hat die Ansiedlung multinationaler (Pharma-)Konzerne tief in die Gesellschaft eingegriffen – daraus entsteht viel Grund zu morden …

„… ein bisschen die Puppenspielerin, die an den Fäden zieht.“

Unfall oder Mord: Was war für Sie selbst das Spannende, als Sie die Fährten im Fall der tot an der Steilküste aufgefundenen Anja legten? Es fehlt ja nicht an Verdächtigen?
Es geht immer darum, falsche Fährten so auszulegen, dass beim Publikum das Pendel immer wieder ausschwingt: Der war es, die ist verdächtig … Und dann kommt die Erkenntnis, dass wieder eine Spur ins Leere läuft. Da ist man als Autorin ein bisschen die Puppenspielerin, die an den Fäden zieht. Und die Lösung am Ende ist – hoffentlich – überraschend. Oft sind die Täter eben gebeutelte, gezeichnete Menschen, für die ich immer auch Verständnis habe.

Wer sind die wichtigsten Menschen, die Irmi in Irland kennenlernt?
Da ist natürlich Malcolm, der schottische Germanistikstudent, den sie schon im 16. Fall kennengelernt hat und der ein kongenialer Partner ist. Er ist noch keine dreißig, er ist besser bei Internetrecherchen und Social Media, was ja nicht so Irmis Ding ist. Da ist Anja, die Tote, deren Teenagertochter verschwunden ist. Anjas Lebensstil, als digitale Nomadin mit den Kindern am Strand zu leben, diese Kinder aus dem deutschen Schulsystem herauszunehmen, das wirft in Irmi viele Fragen auf. Und dann Babsi: Luises Tochter, die ein Bed & Breakfast und ein Café betreibt. Ein Ort, ziemlich remote und bezaubernd. Luise hat nie viel über ihre Tochter gesprochen, auch hier gibt es emotionale Brüche …

„Ein Seelenlied!“

Und Babsi betreibt das „Songbird Café“. Was macht es zu einem magischen Ort?
Babsi legt für jeden neuen Gast in ihrem Café ein Lied von einer Vinylplatte auf, die ihrer Meinung nach zu ihm passt. Ein Seelenlied! Sie spielt nur Rock- und Popmusik der 70er- bis 90er-Jahre – und berührt die Menschen damit auf eine ganz magische Weise. Auch Irmi!

Um welches Herzensanliegen geht es in Ihrem ebenfalls neuen Buch „Landwissen“?
Das Projekt geistert in meinem Kopf schon länger herum, auch weil ich mich als Journalistin und Schriftstellerin seit rund 20 Jahren mit Tier- und Naturthemen beschäftige und feststellen musste, dass vieles, was meiner Generation von ihren Eltern und Großeltern mit auf den Weg gegeben wurde, heute nicht mehr gilt. Damals hatte man mehr Allgemeinwissen und auch ein Mehr an Respekt für Tiere und Pflanzen. Auf unserem Familienhof beherbergen wir seit 15 Jahren Menschen, die Stille und Naturnähe suchen, also salopp gesagt: „eh schon die Guten“. Aber selbst in dieser Zielgruppe gibt es viel Unwissen. Wir geben gerne die „Erklärbären“ in Naturdingen und haben da viele Aha-Erlebnisse generiert. Als letztes Frühjahr ein zertifizierter Waldpädagoge, ein ganz reizender Mensch zudem, völlig verblüfft war, dass Wiesen einem Betretungsverbot unterliegen, war das dann das endgültige „Go“ für mich, die Aha-Erlebnisse zu einem Buch zusammenzuführen.

„Wissen ist Macht und macht etwas mit einem.“

Ist Ihr „Knigge“ – wie schon einst das Original des Freiherrn – ein Plädoyer für mehr Achtsamkeit und Rücksicht auf andere Lebewesen?
Ich sehe das Wort „Knigge“ etwas ambivalent. Es ist ein plakatives Wort auf einem Buch, aber ich möchte es nicht als Benimmbuch mit erhobenem Zeigefinger verstanden wissen. Wissen ist Macht und macht etwas mit einem. Ich erzähle von Tieren und Lebensräumen und möchte mit Halbwissen aufräumen und damit, dass man heute nur noch das erfährt, was einem der Algorithmus aufs Handy spielt. Wer „Landwissen!“ gelesen hat, kann zumindest dann nicht mehr sagen: Das habe ich nicht gewusst! Und es ist sicher so, dass man nur etwas schützen will, das man kennt und mag. Deshalb versuche ich in meinen Krimis und nun im „Landwissen!“ ein paar Menschen mehr auf meine Seite zu ziehen: auf die des Respekts für alle Geschöpfe und Pflanzen. Auch für die, die nicht putzig sind oder die man nicht streicheln kann.

Zu den interessantesten Biotopen im Alpenraum gehören Almen. Welche Tipps geben Sie Wander:innen und Ausflügler:innen mit auf den Weg?
Vor allem: auf den beschilderten Wegen zu bleiben! Wildtiere und Pflanzen stehen unter einem enormen Druck, weil jeder und jede mit den unterschiedlichsten Geräten und Ansprüchen immer weiter in deren Lebensräume eindringt! Und womöglich auch noch nachts, der einzigen Zeit, wo Tiere noch etwas Ruhe haben. Der Mensch ist ein tagaktives Säugetier, das sich nachts erholen soll – so einfach ist das!