Selters oder Champagner? Jedenfalls hatte Nina Ruge allen Grund, ihren 70. Geburtstag gebührend zu feiern. Besonders, weil sie eigentlich viel jünger ist – vom biologischen Alter her. Die Erklärung: Healthy Longevity. Was wir schon jetzt tun können, um bis ins hohe Alter gesund und vital zu bleiben, vermittelt die Bestsellerautorin nun in „Alles wird gut, aber nicht von alleine!“. Und sie startet als Herausgeberin die Reihe „The Power of Prevention“ rund um das große Zukunftsthema Vorbeugung.

Aus Ihrem 70. Geburtstag im Sommer 2026 haben Sie kein Geheimnis gemacht. Verraten Sie uns auch Ihr biologisches Alter und den Dreh dabei?
Huh! Hier sprechen Sie gleich ein sensibles Thema an! Das biologische Alter lässt sich nur dann einigermaßen zuverlässig messen, wenn wir viele verschiedene Biomarker zugrunde legen. Das heißt: Die so angesagte „epigenetische Uhr“ ist hier ein Marker, der aber tatsächlich nicht so richtig viel aussagen kann – für sich gesehen. Per epigenetischer Uhr gemessen, war ich beim letzten Test biologisch 11 Jahre jünger als mein chronologisches Alter. Tja. Leider nur ein Hinweis und nur einer von vielen Biomarkern, aber gefiel mir natürlich. Es bräuchte einige Biomarker mehr, um genauere Angaben zum biologischen Alter zu machen …

Wie lautet Ihre Kernbotschaft zum gesunden, vitalen Leben bis ins hohe Alter?
Die Longevity-Pyramide! Sie ist mein Lieblings-Slide in meinen Vorträgen. Den Sockel bilden die Lebensstilfaktoren Ernährung, Bewegung, Schlaf, mentale Resilienz. Was da für wen die optimale „Programmierung“ sein könnte, dazu wissen wir heute unendlich viel – und wir können vieles messen! Die zweite Ebene: alles, was wir dem Körper zuführen können: Nahrungsergänzung, Impfungen, Hormonersatztherapie etc. Und oben, an der Spitze, sind die Zukunftstherapien. Hier finden wir die Hoffnungsträger, die ‚„Abnehmspritze“ und das Diabetesmedikament Metformin zum Beispiel … Der Rahmen um diese Pyramide wird leicht übersehen: Lebenslange Diagnostik! Blutchecks, MRT und Mammografie, Koloskopie,

„Ich helfe bei der Orientierung in diesem Cowboymarkt.“

Gerade in der digitalen Welt lauern Angebote, die mit Vorsicht zu genießen sind. Was hilft uns, Fake von Fakten zu unterscheiden?
Das ist nicht einfach und erfordert digitale Kompetenz. Mein Anliegen ist es in erster Linie, Übersetzerin zu sein: die komplexe Materie verständlich aufzubereiten, um eine Grundlage für individuelle Entscheidungen zu bauen. Und dann habe ich mich zum „Bullshitfilter“ ernannt: Ich helfe bei der Orientierung in diesem Cowboymarkt, indem ich ausschließlich seriöse, wissenschaftlich fundierte Empfehlungen gebe. Viele überzogene Hoffnungen zerstöre ich leider dabei. Doch es bleibt sehr viel übrig, was jede/r Einzelne für sich und sein/ihr gesundes Älterwerden tun kann!

Zur Einstimmung versetzen Sie uns Leser:innen an Ihren Lotussee. Zu welcher Erkenntnis sind Sie an diesem paradiesischen Ort gelangt?
Mein Lotussee ist heute mein 1.000-Quadratmeter-Sinnbild des „Circle of Life“. Lotus erdet uns. Lotus holt uns – auch die, die uns schon heute den Floh von Unsterblichkeit ins Ohr setzen wollen – zur Essenz alles Menschlichen zurück.

Ob man ein mit Elan begonnenes Projekt langfristig durchhält, hängt nicht zuletzt vom Aufwand und der Alltagstauglichkeit ab. Wie ist es damit bei Ihren Empfehlungen bestellt?
It’s up to you! So viele Alltagsempfehlungen lassen sich einfach einbauen – es braucht halt Wissen, Bewusstheit und ein bisschen Konsequenz dazu. Eine Dankbarkeits- und eine Atemübung am Morgen, dann jeweils wechselnde Sporteinheiten (Kraft und Ausdauer), gemüsebasierte Ernährung, kein Zucker, keine hochverarbeiteten Lebensmittel – lebenslange Diagnostik, auch mit Hilfe von Wearables, und individuell zusammengestellte Nahrungsergänzung – dazu regelmäßige Updates, was Forschung und Medizin Neues zutage gebracht haben … Ninas staYoung-Podcast hören 😅– und die Bücher aus der neuen Edition „Power of Prevention“ lesen!

„Es ist nie zu früh und nie zu spät.“

Wer gesund altern will, tut gut daran, sich früh einen gesunden Lebensstil anzugewöhnen. Wann am besten?
Es ist nie zu früh und nie zu spät. Klar: Je früher, desto besser, also am besten im Mutterbauch!

Was hätten Sie selbst gern früher gewusst?
Wie sehr uns Zucker auf Dauer aus dem Stoffwechsel-Gleis wirft. Ich verzichte seit 25 Jahren darauf – besser wäre gewesen, ich hätte schon früher angefangen! Und die Bedeutung von Ballaststoffen war mir nicht wirklich klar. Zum Glück habe ich einiges schon früh richtig gemacht – das hängt sicher auch mit meinem Biologie-Studium an der TU Braunschweig zusammen.

Welche ersten Schritte empfehlen Sie Longevity-Starter:innen?
Sich informieren! Lesen! Es müssen ja nicht – unbedingt 😅– meine Bücher sein, mein Podcast. Doch ohne den Rahmen zu kennen, wird das mit dem Verständnis und folglich mit der Praxis schwer. Also, ein bisschen sollte man schon wissen über die Alterungsprozesse unserer Zellen, unserer Organe, unseres Stoffwechsels. Dann zieht man die richtigen Schlussfolgerungen viel leichter. Ich empfehle die Langlebigkeits-Pyramide!

„Der individuelle genetische Risikoscore kann sehr motivieren …“

Welche Gesundheitswerte sollte jede/r im Blick haben und regelmäßig kontrollieren (lassen)?
Das ist individuell verschieden und natürlich altersabhängig. Für jede/n ist es gut, sich ein wenig den „Gesundheits-Spiegel“ vorzuhalten, indem man einen Tracker, ein Wearable trägt. Ab einem gewissen Alter – oft erst ab 40, 45 gehört der Blutdruck-Tracker dazu. Ich persönlich halte viel von Gentests, wenn bestimmte Krebsarten wie Darmkrebs, Brustkrebs oder auch Schlaganfall, Herzinfarkt in der Familie vorgekommen sind. Der individuelle genetische Risikoscore kann sehr motivieren, Herz/Kreislauf zu trainieren oder bestimmte Diagnostik regelmäßig zu machen …

Was halten Sie von Blutdrucksenkern, die ja sehr viele Deutsche regelmäßig einnehmen?
Ein Segen! Nehme ich auch! Ich habe erst durch meinen Blutdruck-Tracker erkannt, dass mein Blutdruck langsam, aber stetig stieg, auch nachts. Bluthochdruck ist ein stiller Killer! Oft bringen Sport, gesunde Ernährung ein wenig Senkung, aber im Normalfall sind Blutdrucksenker nötig, weil unsere Gefäße im Alter versteifen – und das passiert bei jedem. Allein durch Lebensstil lässt sich das oft nicht verhindern.

Sie sind bekennender Fan von Wearables. Was ist das und welche nutzen Sie selbst?
Ich schaue mir vor allem den Blutdruck an (extra Tracker), dann Puls (besonders beim Sport), Ruheherzfrequenz, Herzfrequenzvariabilität, Atemfrequenz. Die Schlafdaten sind mit Vorsicht zu genießen, zeigen aber Trends an.

Welche Trends sind zurzeit am spannendsten und vielversprechendsten?
Biomarker-Analytik – um den Gesundheitszustand offenzulegen – und daraus abgeleitete Empfehlungen für Lebensstil und evtl. auch Nahrungsergänzung. Neue Diagnostik – auch bildgebende Verfahren. Die Forschung an den Inkretin-Hormonen, also an der Abnehmspritze …

„Impfung trainiert nicht nur unser angeborenes Immunsystem …“

Beim Thema Impfung gehen die Meinungen spätestens seit Corona auseinander. Welche Impfungen halten Sie für wichtig?
Ich erzähle jeder/m, der/die es hören will: Impfung trainiert nicht nur unser angeborenes Immunsystem (das z. B. Krebszellen killen kann) – sondern schützt uns vor extremen Alterungsschüben im Alter, z. B. durch Gürtelrose, Pneumokokken, RSV oder auch Influenza.

Je mehr Lebensjahre, desto mehr Menschen verlieren an Sehkraft. Makuladegeneration ist ein Angstgegner. Was kann man tun?
Frühzeitig regelmäßig checken! Vor allen der Graue Star ist weit verbreitet und kann die Sehkraft so stark einschränken, dass sogar kognitive Probleme Richtung Demenz getriggert werden könnten – und die OP ist heute extrem professionell! Altersbedingte Makuladegeneration ist nicht so gut heilbar, dennoch ist es wichtig, sie früh zu erkennen. Es gibt einige hilfreiche Therapien!

Das Thema gesundes Altern wird zunehmend komplexer. Wie schaffen Sie es, sich stets auf dem aktuellsten Stand zu halten?
Niemand in diesem Feld kann von sich behaupten, einen kompletten Überblick zu behalten. Es wird derzeit auf 14 riesigen Felden geforscht, den „Hallmarks of Aging“. Was mir sehr hilft, ist KI – die sortiert mir aus den vielen Newslettern das für mich Wichtige heraus. Und Kongresse online zu verfolgen, ist für mich ein Vergnügen!

„Was nicht von seriöser Stelle getestet ist, wird nicht empfohlen.“

Wie gehen Sie mit Innovationen um?
Was nicht von seriöser Stelle, also von den Zulassungsbehörden getestet ist, wird nicht empfohlen. Persönlich kann man sich natürlich durchaus neugierig verhalten. Einige Supplements teste ich schon seit langem, z. B. NMN oder NR als NAD+Vorläufer, Fisetin, Urolithin A, Taurin, AKG und einiges mehr.

Was ist das wichtigste Longevity-Zukunftsthema?
KI – der digitale Zwilling! Seriöse Biomarker auf einfache Weise messen und dann von einem KI-Assistenten beraten werden – zu Lebensstil etc. Der Arzt, die Ärztin (die hoffentlich in Präventionsmedizin ausgebildet sind) muss aber immer das letzte Wort haben!

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„Zehn wichtige Themen – zehn Top-Expert:innen.“

Um Vorbeugung noch mehr zu fördern, sind Sie nun auch Herausgeberin der neuen Reihe „The Power of Prevention“. Was erwartet die Leser:innen?
Das riesige Feld der „Preventive Healthcare“ – wie ich „Healthy Longevity“ gerne bezeichne – ist so groß geworden, dass einzelne Werke völlig überfrachtet wären. Deshalb die Edition mit zunächst zehn Bänden: Zehn wichtige Themen – zehn Top-Expert:innen – und Input zu jedem auch von mir. Hormonersatztherapie zum Beispiel als Schutz vor einigen Alterskrankheiten für die Frau – Dr. Jörg Puchta verfasst den ersten Band der Reihe. Dann Stressmanagement von Prof. Alfred und Florian Wolf. Mitochondriengesundheit – ein super spannendes Thema von Dr. Wolfgang Brysch. Und dann Tracker – was messen sie, was können sie und was können sie nicht von Dr. Lutz Graumann. Die Vorworte schreibt die international anerkannte Geromedizinerin Prof. Andrea Maier von der National University in Singapur. Von ihr ist auch ein ganzer Band zum Thema: Welche Diagnostik, welche Therapien sind heute zuverlässig zu empfehlen?