Parshad Esmaeili erlebt gerade die Premiumversion ihrer Träume. Ob auf Social Media oder live: Als Comedienne kommt sie ganz groß raus – einschließlich Auszeichnungen wie dem Deutschen Radiopreis. 2026 ist ihr Jahr. Sie hat ihre bisher größte Solotour und ihre erste eigene TV-Gameshow „Neo Match up“ gestartet. Vor allem aber hat sie ihr erstes Buch geschrieben: „Papa weg, Mama müde, ich laut“. Es erzählt ihre persönliche Geschichte – und zugleich das Grundgefühl einer ganzen Generation: Einsamkeit. Und es erzählt von Heilung …

Was weckte in Ihnen die Idee, aus Ihrem Leben ein Buch zu machen?
In meinem Leben gab es bisher unzählige Trigger-Momente, die mich an das kaputte Familienporträt oder an die Einsamkeit in meinem Herzen erinnert haben. Zum Beispiel gab es letztes Jahr im Sommer in Berlin eine Situation, die ich definitiv zu einem der absoluten Schlüsselmomente zählen würde, der mich letztendlich zu dem Entschluss gebracht hat, mich dem Schreibprozess zu widmen.
Nach aufregenden Drehtagen, an denen jeder Funke an Dopamin aus mir herausgesaugt wurde – was nun mal nach dauerhaftem Entertainen passiert –, bin ich eines Mittags durch einen Park spaziert. Dort ist, wie in einem Film, ein kleines Mädchen auf ihren Vater zugerannt, der sie dann aufgefangen und hochgehoben hat. Es waren genau diese Momente, die mich für mehrere Tage, wenn nicht sogar Wochen, völlig aus der Bahn geworfen haben. Funktionieren konnte ich ja, aber es hat sich so angefühlt, als würde ich nur noch weitere Dinge in die dunkle Abstellkammer in der untersten Etage meines Unterbewusstseins werfen. Für mich war letztes Jahr klar, dass es Zeit wird, sich dem Ganzen zu stellen. Den vielen Gesichtern meiner Einsamkeit, die ihre Wurzeln bereits in meiner Kindheit geschlagen haben.

„Ich will ehrlich sein. Kein Gefake.“

Sie schildern Ihre Erlebnisse absolut ungeschminkt. Warum ist Ihnen das wichtig?
Ich will ehrlich sein. Kein Gefake. Kein Gelaber. Kein Getue. Sondern das, was ich gefühlt habe. Das, was das Kind in mir gefühlt hat.

Was hat Sie bei Ihrem Buchkonzept geleitet?
Ohne meine wundervolle Lektorin und Freundin Doreen hätte ich diesen Entstehungsprozess niemals überstehen oder gar überhaupt einen roten Leitfaden finden können. Als Formatentwicklerin bin ich es gewohnt, Inhalte zu kreieren, die von einer Zuschauerschaft mit einer kurzen Aufmerksamkeitsspanne konsumiert werden. Dazu zähle auch ich. Gar kein Vorwurf.
Beim Entstehungsprozess meines Buches lernte ich das szenische Schreiben – in einer Situation zu bleiben und alles wirklich detailliert zu beschreiben. Eine intensive Reise, denn dabei habe ich meine Vergangenheit noch einmal ganz anders realisiert und wahrgenommen. Doreen hat mir sehr oft geholfen und mich bei der Hand genommen, vor allem an Tagen, an denen ich vor diesem riesigen Wollknäuel aus Schmerz fast den Überblick verloren habe. Wo mache ich weiter? Was erklärt mein jetziges Ich? Was ist überhaupt das nächste Kapitel?

Welche Erinnerungen hätten Sie lange Zeit am liebsten wie mit einem Neuralyzer aus „Men in Black“ gelöscht?
Jede unangenehme Situation mit dem Joker, den ich im Buch thematisiere. Das war für mich als Kind immer wieder mehr als unaushaltbar. Ständig auf der Hut zu sein. Ich habe immer mit weiteren Besuchen des Jokers gerechnet. Bereits ab dem sechsten Lebensjahr. Dennoch ließ ich es mir oft nicht anmerken. Ich wollte stark sein und fing an, mir selbst vorzuspielen, dass ich eines Tages dieses verdammte Familienporträt mit Vater, Mutter und Bruder zusammen lächelnd auf der Couch, umrandet von einem wunderschönen Bilderrahmen auf meinem Nachttisch stehen haben würde.

„… eine mir nicht bekannte Nummer.“

Als Intro erzählen Sie eine SOS-Situation, in die Sie am 25. Mai 2025 gerieten. Warum?
Ein unerwarteter Anruf meines Vaters. Und das nach nur ein paar Calls mit dem Verlag. Calls, in denen wir darüber grübelten, was denn der perfekte bzw. natürlichste Einstieg in dieses Buch wäre. Und als hätte uns das Universum, oder an was man auch glauben mag, zugehört: das plötzliche Aufleuchten meines Handydisplays mit einer mir nicht bekannten Nummer. Als ich seine Stimme erkannt habe, überkam mich ein kalter Schauer.

Sie bezeichnen sich als „Papakind ohne Papa“. Wie meinen Sie das?
Mein Vater war mein größter Held. Anders kannte ich das auch gar nicht. Vermutlich, weil ich so beeinflusst war von all den Serien und Filmen, die ich damals gerne geschaut habe. Die Stütze der Familie – der Familienvater. Die stabile Säule, der Tapfere und der Starke. Ich habe ihn fast schon vergöttert, und er gab mir das Gefühl, fast schon unsterblich zu sein. Ihn stolz zu machen, sei es zum Beispiel mit guten Noten, war fast schon mein Lebenssinn. In seinen Armen hätte meinetwegen die Welt untergehen können. Doch eines Tages realisierte ich, dass mein allergrößter Held der allergrößte Albtraum werden konnte – und das binnen Sekunden. Und irgendwann habe ich verstanden, dass ich ihn nicht retten kann und dass jeder weitere Funken an Kontakt sowohl mich mental gefährdet als auch meiner Familie schadet. Mit gerade mal 12 Jahren habe ich eigenständig, ohne Einfluss von außen, den Kontakt zu meinem größten Helden abgebrochen. Doch der Stempel ein Papakind zu sein – der ließ sich nie wirklich entfernen. Und das hat viele Jahre sehr wehgetan.

„Das war Kunst für mich.“

Wann und wie ist das „Entertainerin-Ich“ in Ihnen erwacht?
Das „Entertainerin-Ich“ bzw. das Entertainen an sich ist definitiv etwas, das ich von meiner Familie abgeguckt habe. In all der Finsternis, die über der Geschichte meiner Familie lastet, haben meine Liebsten es trotzdem geschafft, sich gegenseitig zum Lachen zu bringen – und das hat mich schon immer beeindruckt. Es ist kein Wunder, dass sich Tragödie und Komödie reimen. Ein Zusammenspiel, das meiner Meinung nach absolut Sinn macht.
So war es mein Onkel, der uns im Wohnzimmer unterhalten und dabei den lauten Fernseher im Hintergrund völlig übertönt hat. Auf der Grundlage – nicht zu vergessen –, dass er und alle, die da vor ihm saßen und ihm gespannt zugehört haben, von ihrem Zuhause geflüchtet sind und Sehnsucht verspüren nach einem Land, dass sich in eine Hölle verwandelt hatte. Während schwere Schicksalsschläge auf ihren Herzen lasteten. Und on top mussten sie sich in einer Gesellschaft durchboxen, von der sie einfach nicht gesehen wurden. Und trotz all dem ließen sie den Kopf nicht hängen und lachten lautstark zusammen über irgendwelche lustigen Familiengeschichten von damals. Das war Kunst für mich. Und ist es bis heute, wenn ich daran zurückdenke.