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Jede Menge Bücher in ihrem Elternhaus, bei Tanten und Onkeln, die alle mit ansteckender Begeisterung lesen, und Exkursionen zu den atemberaubendsten Wundern der Natur: Diese lebendigen Erinnerungen an ihre Kindheit in Singapur begleiten und inspirieren Tara Menon bis heute. Nach ihrem Studium in New York teilt sie ihre Faszination nun an der Harvard University als Juniorprofessorin für englische Literatur, in Essays und Rezensionen, z. B. in der „New York Times“ und in ihrem funkelnd ideenreichen Debütroman: „Unter Wasser“, eine Geschichte über Freundschaft und Verlust.
Was inspirierte Sie zu Ihrem Debütroman?
Als ich als Teenager in Singapur lebte, verlor eine meiner engsten Freundinnen eine ihrer besten Freundinnen aus ihrer Heimat durch einen plötzlichen Tod. Ich hatte das verstorbene Mädchen nie kennengelernt, aber es brach mir das Herz, meine Freundin mit diesem Verlust kämpfen zu sehen. Ich verstand schnell, dass es für bestimmte Arten von Trauer – zum Beispiel den Verlust eines Elternteils, Großelternteils oder Geschwisters – ein festes Schema gab, aber dass es weder klare Parameter für die Trauer um einen Freund noch viele kulturelle Darstellungen dieser Art von Verlust gab. Die Leute schienen zu denken, dass man darüber relativ schnell hinwegkommen könnte, vielleicht sogar sollte. Ich fand das seltsam. Meine Freundschaften, insbesondere mit Frauen, gehören zu den wichtigsten Beziehungen in meinem Leben. Ich habe den Roman zum Teil geschrieben, weil ich die Vorstellung ernst nehmen wollte, dass die Trauer um einen Freund sowohl verheerend als auch dauerhaft sein kann.
Kompliment zu Ihrem genialen Romantitel! Inwiefern umfasst „Unter Wasser“ die wesentlichen Höhen und Tiefen der Geschichte?
„Unter Wasser“ spielt meinem Gefühl nach mit mehreren Bedeutungen. Es erinnert an die Mangrovenbäche, Korallenriffe und die See, in denen Arielle und Marissa schwimmen, schnorcheln und tauchen; es ruft die in der Klimadiskussion vorherrschende Vorstellung wach, dass bedeutende Teile der bewohnten Erde bald unter Wasser stehen werden; es erinnert daran, dass nach dem Tsunami 2004 und dem Hurrikan Sandy große Landstriche in Südostasien, der Karibik und im Osten der Vereinigten Staaten wochen- oder sogar monatelang unter Wasser standen; und es deutet auf die erdrückende Kraft der Trauer hin.
„Die Geschichte zweier Freundinnen.“
Wie würden Sie den Plot in zwei bis drei Sätzen zusammenfassen?
In gewisser Weise finde ich, dass das Buch kaum eine Handlung hat. Wenn ich versuche, den Roman kurz zu beschreiben, sage ich normalerweise: „Under Water“ ist die Geschichte zweier Freundinnen – Marissa und Arielle –, die auf einer idyllischen Insel in Thailand aufwachsen, wo sie zusammen mit Meeresbiologen mit Mantarochen schwimmen. Die Mädchen sind beieinander, als 2004 der Tsunami zuschlägt, und werden durch die Welle voneinander getrennt. Das Buch begleitet Marissa acht Jahre später, am Vorabend des Hurrikans Sandy, als sie durch New York spaziert und über ihre Kindheit und die Freundin nachdenkt, die sie verloren hat.
Als Hauptschauplätze haben Sie New York und eine winzige thailändische Insel gewählt. Aus welchen persönlichen oder literarischen Gründen haben Sie sich für diese Settings entschieden?
Ich habe einen Großteil meiner Kindheit in Thailand verbracht und zehn Jahre lang in New York gelebt. Ich finde, dass beide Orte, so unterschiedlich sie auch sein mögen, voller natürlicher Schönheit sind, und das wollte ich unbedingt in meinem Buch einfangen. Gleichzeitig wollte ich zeigen, wie diese Schönheit sowohl durch die alltägliche Gewalt der Natur (wie einen Rotschwanzbussard, der vor den Augen einer Menschenmenge im Central Park eine Taube zerlegt und verschlingt) als auch durch vom Menschen verursachte Zerstörung wie Umweltverschmutzung oder Wilderei gestört wird – eine Art von Zerstörung, die unsichtbar sein kann, wenn man nicht genau hinschaut.
„Ihre Verbindung ist sowohl intellektuell als auch emotional.“
In welchem Moment zeigt sich die tiefe Verbundenheit und Vertrautheit zwischen Marissa und Arielle am schönsten?
Hier ist eine Passage aus dem Buch, die meiner Meinung nach ihre Verbindung am besten beschreibt:
Am Fuß des Hügels, vor dem steilen Teil des Anstiegs, bleiben wir stehen und spähen in die rot-gelben Fallen einer fleischfressenden Kannenpflanze: Nepenthes suratensis. Drei schwarze Insekten wurden in der klebrigen Flüssigkeit verewigt. Sophie hat uns letzte Woche beim Frühstück erklärt, dass das griechische Wort Nepenthe wörtlich ohne (ne) Kummer (penthe) bedeutet, aber dass man es besser als „das, was Kummer vertreibt“ übersetzt. Mein Vater, der alles mitangehört hatte, erzählte uns die Geschichte von Pentheus, jenem Mann des Schmerzes, der von seiner Mutter und seinen Tanten in Stücke gerissen wird. In der Odyssee, so fügte er hinzu, bekomme Helena Nepenthes geschenkt, ein Zaubermittel, das jedes Leid durch Vergessen kuriere.
„Wenn es Nepenthes gäbe“, sagt Arielle und streicht über die untere Seite der roten Kanne, „würdest du es dann nehmen?“
„Nein“, sage ich, ohne zu zögern. „Und du?“
Sie antwortet nicht. Wir sind auf halbem Weg den Hügel hinauf, bevor sie weiterspricht. „Glaubst du, dein Vater würde es nehmen?“
„Keine Ahnung.“ Ich sehe sie an, aber sie schaut an mir vorbei.
„Ich glaube, meine Mutter würde es tun.“
Am liebsten würde ich sie in den Arm nehmen, aber ich weiß, es würde sie nur zum Weinen bringen.
Ihre Verbindung ist sowohl intellektuell als auch emotional. Sie unterhalten sich ständig über so viele Dinge, aber sie brauchen auch nicht zu reden, um zu wissen, wie sich die andere fühlt.
„Sie entscheiden sich dafür, einander so nah zu sein.“
Den Vergleich „wie Schwestern“ findet Marissa nicht passend für sich und Arielle. Warum nicht?
Ich denke, sie sind Freundinnen im wahrsten und tiefsten Sinne des Wortes. Sie verstehen sich vollkommen, sie lieben sich, sie bringen sich gegenseitig zum Lachen. Was ich betonen wollte, als ich sagte, dass sie nicht „wie Schwestern“ sind, ist das Element der Wahl, das wir in unseren Freundschaften, aber nicht in der Familie haben. Sie entscheiden sich dafür, einander so nah zu sein, und treffen diese Entscheidung nicht nur einmal, sondern immer wieder.
Eine Hauptrolle hat – neben Marissa und Arielle – auch die Natur. Was möchten Sie in Ihrem Roman zeigen?
Ich habe die beiden spektakulären Naturkatastrophen – den Tsunami von 2004 und den Hurrikan Sandy – ans Ende des Buches verschoben, damit im Vorfeld das in den Vordergrund rückt, was Rob Nixon als „langsame Gewalt“ bezeichnet hat, also Schäden, die allmählich und meist unbemerkt entstehen, wie das Bleichen eines Korallenriffs oder die Einführung einer invasiven Schildkrötenart in einen Teich im Central Park.
Ich wollte die Aufmerksamkeit auf die vielen Arten sang- und klangloser Verluste lenken, die derzeit überall um uns herum stattfinden, anstatt eine Fantasie über eine apokalyptische Zukunft zu schreiben, die vielleicht eintreten wird oder auch nicht. Wie die Trauer um einen Freund bleibt so viel Zerstörung in der Natur unbeachtet, und doch haben beide Arten von Verlust erschütternde Auswirkungen.
„Seit ich mich erinnern kann, bin ich fasziniert von der Natur.“
Wie Marissa und Arielle gemeinsam die Natur erkunden, beschreiben Sie so anschaulich und lebendig, als wären Sie dabei gewesen. Wann und wie wurde Ihre eigene Liebe zur Natur geweckt?
Als Kind, das in einer Großstadt lebte, hatte ich das große Glück, sowohl mit meiner Schule als auch mit meiner Familie oft an Orte von atemberaubender natürlicher Schönheit zu reisen – nicht nur nach Thailand, sondern auch an die Strände und in die Regenwälder von Borneo, zu den Riffen Australiens, in die Dschungel Südindiens und in die Savannen Südafrikas. Seit ich mich erinnern kann, bin ich fasziniert von der Natur. Aber das Meer hat mich immer mehr in seinen Bann gezogen als jeder andere Ort. Meine Lehrer in der Grundschule zeigten unserer Klasse manchmal Dokumentarfilme von David Attenborough, die mich sehr geprägt haben – sie halfen mir, die komplexen Systeme der Natur zu verstehen. Aber auch Sachbücher über die Natur inspirieren mich sehr: alle Werke von Rachel Carson, aber auch „Other Minds“ von Peter Godfrey-Smith, „The Book of Eels“ von Patrick Svensson und die Art von Longform-Journalismus, der in Naturmagazinen erscheint.
Was macht für Marissa und Arielle – und vielleicht ja auch für Sie selbst – die Mantarochen am faszinierendsten unter den Meeresbewohnern?
Mantas sind beeindruckende Lebewesen – atemberaubend schön, riesig, neugierig, verspielt und hochintelligent. (Sie haben das größte Gehirn aller Fische!) Forscher, die eng mit ihnen zusammenarbeiten, sprechen oft von ihren ausgeprägten Persönlichkeiten. Was mich dazu bewogen hat, Mantas in den Mittelpunkt des Romans zu stellen, war eine Forschungsarbeit, die zeigte, dass Mantas Freundschaften mit anderen Mantas schließen und dass weibliche Mantas dazu viel eher neigen. Mir gefiel die Vorstellung, dass die weiblichen Mantas in diesem Buch ebenso wie Arielle und Marissa dauerhafte Freundschaften pflegen.
„Ich war erschüttert von der Diskrepanz …“
Sie spannen einen Bogen zwischen zwei katastrophalen Naturereignissen. Warum haben Sie sich für den Tsunami am Indischen Ozean 2004 und den Hurrikan Sandy in den USA 2012 als Bezugspunkte und Erzählgerüst entschieden?
Der Tsunami von 2004 ereignete sich am zweiten Weihnachtsfeiertag, dem Tag nach Weihnachten. Meine Familie fuhr normalerweise in den Ferien nach Thailand, aber aus irgendeinem Grund taten wir das in diesem Jahr nicht. Der Tsunami kostete eine Viertelmillion Menschen das Leben; Schulkameraden in Singapur verloren Geschwister oder Eltern. Seitdem verfolgt mich der Tsunami in meinen Gedanken. Als 2012 der Hurrikan Sandy zuschlug, war ich Doktorandin an der NYU. In meiner Wohnung in der Upper West Side fiel nie der Strom aus, die Vorlesungen wurden abgesagt, wir hatten jeden erdenklichen Komfort. Für uns fühlte es sich an wie Urlaub. Nach dem Sturm half ich ehrenamtlich dabei, Grundnahrungsmittel an Bewohner der oberen Stockwerke von Sozialwohnungen in Chinatown zu verteilen. Ich sah die Nationalgarde in Panzern durch die Straßen von Manhattan rollen. Ich war erschüttert von der Diskrepanz zwischen dem Leben ohne Strom in der Innenstadt und dem Brunch-Spaß in der Upper East Side, und ich dachte über die unterschiedlichen Reaktionen (sowohl materiell als auch emotional) auf Krisen auf der ganzen Welt nach.
Inwiefern reißt der Tsunami 2004 nicht nur Arielle, sondern in gewisser Weise auch Marissa aus dem Leben?
Schon auf den ersten Seiten des Romans wird deutlich, dass Marissa sich von dem Schock dieses Tages noch nicht erholt hat. Die Marissa, die wir in den New-York-Kapiteln kennenlernen, wirkt etwas abgestumpft, sie scheint irgendwie losgelöst von ihrem Umfeld zu sein. Ihre Erinnerungen an ihr Leben in Thailand sind in leuchtenden Farben gehalten, während ihr reales Leben in gedämpften Tönen abläuft.
„Ich betrachte die Literatur der Trauer als eine Tradition …“
Wenigstens ein bisschen Trost findet Marissa in „Trauer-Literatur“. Was hat es damit auf sich und welche dieser Werke würden Sie Leser:innen besonders ans Herz legen?
Ich betrachte die Literatur der Trauer als eine Tradition des Schreibens, die Genres, Zeiten und Orte übergreift und Trauer und Verlust zu ihren zentralen Themen macht. Tennysons „In Memoriam“ spielt in dem Roman eine wichtige Rolle und ist eines der schönsten Gedichte, die ich kenne. Aber ich würde auch empfehlen: Thomas Hardys Trauergedichte über seine Frau; Joan Didions Memoiren „The Year of Magical Thinking“ und „Blue Nights“ über ihren Mann und ihre Tochter; C.S. Lewis’ Memoiren „A Grief Observed“ über seine Frau; Sonali Deraniyagalas erhabene und erschütternde Memoiren über den Verlust ihrer Familie durch den Tsunami; Helen Macdonalds „H is for Hawk“ und Max Porters „Grief is a Thing with Feathers“. Ich könnte noch weitermachen, aber ich belasse es dabei.
Welche Chance(n) hat Marissa, einen Weg zurück ins Leben zu finden?
Ich denke, dass die letzten Absätze des Buches die Leser:innen dazu auffordern, über diese Frage nachzudenken.