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Wo andere aufhören, bringt Uwe Neumahr nun erstmals Licht ins Dunkel: Wie schon für seinen Bestseller „Das Schloss der Schriftsteller“ ist er auch für „Die Buchhandlung der Exilanten“ seiner Rechercheleidenschaft gefolgt und hat bisher unbeachtetes Archivmaterial entdeckt. So lässt er nicht nur die Glanzzeit der legendären Buchhändlerinnen Sylvia Beach und Adrienne Monnier in den 1920er Jahren lebendig werden, sondern ihre ganze Geschichte – auch das heroische Kapitel nach dem Epochenbruch 1940. Filmreif erzählte Kulturgeschichte!
Was brachte Sie auf die Idee, die Geschichte der zwei berühmtesten Buchhändlerinnen von Paris neu zu erzählen?
Die beiden haben mich schon während des Studiums fasziniert. Ich bin hauptberuflich für eine Literaturagentur tätig, die über Jahrzehnte auch in Paris ansässig war. Wir vertreten bis heute Werke von Henry Miller und John Dos Passos für den deutschen Markt, zwei Schriftsteller, die während ihres Aufenthalts in Paris gerne in „Shakespeare and Company“ verkehrten. Neugierig geworden, las ich schließlich Sylvia Beachs Autobiografie und auch andere Bücher zum Thema. Dabei fiel mir auf, dass diese Monografien fast immer mit der deutschen Besatzung von Paris 1940 enden, als würde auch das Leben der beiden Buchhändlerinnen zu diesem Zeitpunkt zu Ende gehen. Ich fragte mich, was geschah in den dramatischen Jahren nach 1940 und begab mich auf die Suche in Archiven.
Was ist das Besondere oder sogar Einzigartige an Ihrer Hommage an Adrienne Monnier und Sylvia Beach?
Dass ich einen unbekannten und, wie ich finde, überaus faszinierenden Aspekt ihres Lebens beschreibe, der weit über ihr Wirken für die Literatur hinausgeht: Ihren heldenhaften Einsatz zur Rettung deutsch-jüdischer Exilanten vor den Nazis.
„Buchhandlungen – Orte der Zuflucht und des Widerstands.“
Der Untertitel verweist auf eine große Zäsur: „Paris 1940“. Warum und wie prägt dieser Wendepunkt Ihr Erzählkonzept?
Die deutsche Besatzung von Paris 1940 änderte alles. Aus den beiden Buchhandlungen, die einst Veranstaltungsorte, Ideenplattformen und Anlaufstellen einer literarischen Elite gewesen waren, wurden Orte der Zuflucht und des Widerstands. Plötzlich ging es nicht mehr um die Qualität von Büchern oder die Unterstützung von Autoren, sondern um die Rettung von Menschenleben.
Wann war die Glanzzeit der beiden Buchhändlerinnen und wie kam ihnen der Zeitgeist der „années folles“, also der verrückten Jahre, entgegen?
Die literarische Glanzzeit waren die Zwanzigerjahre, als Sylvia Beach James Joyces „Ulysses“ veröffentlichte, Hemingway die Rue de l’Odéon zu seiner zweiten Heimat machte und bei Adrienne Monnier das who is who der künstlerisch-intellektuellen Avantgarde verkehrte, von Simone de Beauvoir über Pablo Picasso bis zu André Gide. Die années folles waren, vergleichbar mit den wilden Zwanzigern in Berlin, eine Zeit der künstlerischen und persönlichen Freiheit, somit das genaue Gegenteil dessen, was in Paris ab Sommer 1940 geschah. Die Zeit kam mir insofern entgegen, als sie den größtmöglichen Kontrast zum Hauptthema meines Buches bildet, dem Überlebenskampf während der Besatzung.
Was verband die beiden Buchhändlerinnen?
Neben ihrem Humor, ihrem Einsatz für den Feminismus und ihrer geistigen Offenheit – die Liebe. Die Liebe zur modernen Literatur, die Liebe zu Kunstschaffenden und natürlich die Liebe füreinander.
„Adrienne Monnier fühlte sich dem Unanimismus verpflichtet.“
In einem Brief schrieb Adrienne Monnier: „Wie Sie sehen werden, bin ich weder Mann noch Frau, sondern eine Buchhandlung.“ Was steckt hinter diesem Bekenntnis?
Adrienne Monnier fühlte sich dem Unanimismus verpflichtet, einer philosophischen Strömung, die das Leben des Einzelnen als Teil einer Gruppenseele betrachtet und als geschlossene Einheit zu erfassen sucht. Für Unanimisten spielt deshalb auch die Geschlechtertrennung „Mann/Frau“ keine Rolle. Letztlich bedeutet die Aufhebung dieser Gegensätze Freiheit. Und wo kann man sich freier fühlen als in einer Buchhandlung mit ihrem enormen Angebot? Für Adrienne Monnier war eine Buchhandlung ein Idealort. Sie identifizierte sich mit ihrem „Haus der Bücherfreunde“.
Was machte die benachbarten Buchhandlungen von Adrienne Monnier und Sylvia Beach in der Rue de l’Odéon zu einzigartigen kulturellen Zentren?
Die Aufgeschlossenheit, die Fähigkeiten, Interessen und einzigartigen menschlichen Qualitäten der beiden Inhaberinnen.
„Sylvia Beach machte ,Shakespeare and Company‘ zur Geburtsstätte avantgardistischer Literatur“
Wie avancierte Sylvia Beachs Buchhandlung „Shakespeare and Company“ zum beliebten Avantgarde-Treffpunkt?
Sie verstand es, den Vertretern der „Lost Generation“ – amerikanischen Schriftstellern um Ernest Hemingway, John Dos Passos oder F. Scott Fitzgerald, die Paris als freiwilliges Exil gewählt hatten – in ihrer Buchhandlung eine Heimat zu bieten. Sylvia Beach machte „Shakespeare and Company“ nicht nur zu einer literarischen Oase im Herzen der Stadt, sondern auch zu einem Gemeinschaftszentrum, einem Ort des Geistes und zur Geburtsstätte avantgardistischer Literatur. James Joyce schlug sie völlig überraschend vor, seinen Roman „Ulysses“ zu veröffentlichen, nachdem sich wegen seiner obszönen Passagen kein Verlag getraut hatte, das Buch zu publizieren.
„Allein unter Männern“ lautet eine Ihrer Kapitelüberschriften. Was zeichnet Adrienne Monnier und Sylvia Beach als Pionierinnen weiblicher Selbstbestimmung und -entfaltung aus?
Eine Pioniertat war es bereits, als Frau im Paris der Zwanzigerjahre eine Buchhandlung zu eröffnen. Dass „Shakespeare and Company“, ein Ein-Frau-Unternehmen, schließlich auch zum Verlag wurde und Adrienne Monnier eine Literaturzeitschrift herausgab, war ebenfalls ungewöhnlich. Die Literaturwelt war sowohl im Handel als auch in der künstlerischen Ausübung Männersache. Doch Adrienne Monnier und Sylvia Beach kümmerten sich nicht darum und verwirklichten ihre Ideale. Sie trugen ihre Haare kurz als Zeichen der Emanzipation und traten offen für Frauenrechte ein.
Was machte Adrienne Monnier und Sylvia Beach auch in ihrem Privatleben zu Pionierinnen?
Auch wenn Paris in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die sexuell freizügigste Hauptstadt Europas war und Homosexuelle aus der ganzen Welt in die Seine-Metropole kamen, ging das Maß an Freiheit nie so weit, dass man sich offen zu einer nonkonformen Sexualität bekennen durfte. Adrienne Monnier und Sylvia Beach aber lebten zusammen und jeder wusste, dass sie ein Paar waren.
„Geistesfreiheit zwischen Buchdeckeln gab es nicht mehr …“
Was waren die größten Veränderungen, die 1940 durch die deutsche Okkupation Frankreichs über zwei Buchhändlerinnen hereinbrachen?
Geistesfreiheit zwischen Buchdeckeln gab es nicht mehr, Schrift wurde normiert und deutscher Kontrolle unterworfen, unliebsame Bücher aus den Buchhandlungen verbannt. Um zu überleben, musste Adrienne Monnier den Forderungen der Deutschen nachkommen. Es schmerzte sie zutiefst, die ihr wichtigen Bücher aus den Regalen zu nehmen und nun politisch Unverfängliches wie Kochbücher oder Übersetzungen deutscher Trivialromane anzubieten. Sylvia Beachs englischsprachige Buchhandlung galt als besonders verdächtig, weil die deutschen Zensoren englischsprachige Bücher nur schwer kontrollieren konnten. Sie stand unter Beobachtung der Gestapo.
Warum nennen Sie die Zeit nach 1940 „heroisches Kapitel“?
Adrienne Monniers und Sylvia Beachs Einsatz für verfolgte jüdische Mitbürger war heldenhaft. Sylvia Beach wurde dafür von der Gestapo verfolgt und kam schließlich in ein deutsches Internierungslager. Adrienne Monnier vertrieb Untergrundpublikationen, unterstützte Jean-Paul Sartres Widerstandsgruppe, arrangierte eine Scheinehe für Gisèle Freund und war unermüdlich in ihrer Hilfe für Walter Benjamin und Siegfried Kracauer. „Das Haus der Bücherfreunde“ machte sie zu einer Arche Noah in Zeiten des Kriegs. Dabei handelte sie unter Lebensgefahr und hätte jederzeit deportiert werden können.
Die Gleichgesinnten um Adrienne und Sylvia verband – neben dem Hang zum Hedonismus – die Sehnsucht nach einem neuen Humanismus. Hatte das nun unter deutscher Besatzung im Krieg noch Bestand?
Die Künstler und Gefährten, die Adrienne Monnier und Sylvia Beach unter dem Namen „Potassons“ um sich scharten, waren allesamt Pazifisten. Der Pazifismus aber musste an Hitlers Brutalität scheitern. Dennoch leisteten die „Potassons“ unbewaffneten Widerstand und halfen, wo sie konnten. Ihre humanistische Haltung gaben sie nie auf.
In welchen Situationen zeigt sich am eindrucksvollsten, was in Adrienne Monnier und Sylvia Beach steckt?
In Situationen, in denen sie ihren Mut und ihre Entschlossenheit unter Beweis stellten. Als Adrienne Monnier hörte, dass Walter Benjamin als „feindlicher Ausländer“ in ein französisches Lager deportiert wurde, intervenierte sie sofort beim französischen Außenministerium, um seine Freilassung zu erwirken. Sie setzte buchstäblich alle Hebel in Bewegung. Sylvia Beach versteckte unter Lebensgefahr jüdische Kinder in ihrer Wohnung und gab Widerstandkämpfern Asyl.
Welche Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg haben die beiden am intensivsten geprägt?
Sylvia Beach wurde in ein deutsches Internierungslager deportiert. Viele Menschen, denen sie dort begegnete, wurden später in Auschwitz oder anderen Konzentrationslagern ermordet. Dass der Aufenthalt im Internierungslager Vittel eine traumatische Erfahrung für sie war, ist offensichtlich. Adrienne Monniers Tragik bestand in gewisser Weise darin, dass sie die Deutschen und die deutsche Kultur seit jeher liebte, zumal sie auch viele deutsch-jüdische Freunde hatte. Wie so viele wollte sie lange nicht wahrhaben, zu welch unfassbaren Verbrechen die Nazis fähig waren. Die Realität, der sie begegnete, war zutiefst verstörend und desillusionierend.
„Ich persönlich empfinde ihr Handeln und ihren Einsatz für Menschenrechte als vorbildlich.“
Was haben Sie beim Schreiben – trotz der Dramatik – als Hoffnungsfunken und Ermutigungen empfunden?
Auch wenn unsere Zeit heute – zumindest in Deutschland und Frankreich – in keiner Weise mit den Schrecken vergleichbar ist, die Adrienne Monnier und Sylvia Beach während des Krieges und der Besatzung erleben mussten, sehen wir leider wieder ein Erstarken totalitärer Bestrebungen weltweit, Angriffskriege werden geführt, Versuche unternommen, zu kolonisieren oder das Recht des Stärkeren durchzusetzen. Oft und zu Recht wird einflussreichen Politikern ein Mangel an „moralischem Kompass“ vorgeworfen. Man kann, glaube ich, sagen, dass die beiden Buchhändlerinnen über einen moralischen Kompass in dunklen Zeiten verfügten. Ich persönlich empfinde ihr Handeln und ihren Einsatz für Menschenrechte als vorbildlich. Es war ein Privileg, ihre unveröffentlichten Schriften lesen und sich mit ihnen beschäftigen zu dürfen.