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Albträume 

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Mit Segen und Fluch erfüllter Träume kennt sich Alex North bestens aus. Seine kühnsten Hoffnungen wurden übertroffen durch den internationalen Erfolg seines Debüts „Der Kinderflüsterer“. Und was passieren kann, wenn böse Wünsche wahr werden, schildert der englische Autor in seinem neuen Thriller „Der Schattenmörder“. Ein Meisterstück der Spannungsliteratur über die ebenso faszinierenden wie furchteinflößenden Möglichkeiten der Trauminkubation, über Manipulation und Mord unter Freunden!

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Ein großes Thema bei Ihnen sind Träume. Für Sie scheint sich einer erfüllt zu haben durch Ihr Debüt „Der Kinderflüsterer“. Inwiefern?
Ja, man kann wohl sagen, dass sich durch den Erfolg des „Kinderflüsterers“ für mich ein Traum erfüllt hat. Die weltweite Reaktion war erstaunlich und machte mich ganz bescheiden und demütig. Ich bin all den Verlegern, Kritikern und Lesern, denen das Buch gefallen hat und die zu seinem Erfolg beigetragen haben, unglaublich dankbar. Wenn man ein Buch schreibt, träumt man vielleicht von ein paar Leuten, die es entdecken und denen es gefällt. Ehrlich gesagt, was mit dem „Kinderflüsterer“ passierte, übertraf meine kühnsten Träume beim Schreiben.

Für „Der Kinderflüsterer“ wurden Sie mit Lob nur so überhäuft, auch von vielen Autorenkollegen. Was ist eigentlich Ihr eigener Anspruch gewesen? Welche Idealvorstellung von Spannungsliteratur setzen Sie um?
Ein guter Krimi oder Thriller muss eine Frage aufwerfen, die dringend nach einer Antwort verlangt, und er muss diese Lösung des Rätsels möglichst gekonnt hinauszögern. Und natürlich muss die Antwort, wenn sie endlich verraten wird, schlüssig und zugleich überraschend sein. Das ist für mich das Grundprinzip – und das absolute Minimum. Ein perfekter Krimi braucht außerdem interessante, vielschichtig lebendige Charaktere sowie Schauplätze mit Atmosphäre und nicht zuletzt Ideen und Themen, die ein Stück weit unter die Oberfläche reichen …

„Das Schreiben war teilweise ziemlich hart.“

Viele glauben, das zweite Buch eines Autors sei wesentlich schwieriger zu schreiben als das erste – vor allem bei einem Erfolgsdebüt wie Ihrem „Kinderflüsterer“. Wie ist es Ihnen beim Schreiben von „Der Schattenmörder“ ergangen?
Meine Hoffnung war, dass es einfacher werden würde. Aber die traurige Wahrheit ist: Dem ist nicht so. Und wahrscheinlich ist das auch gut so, denn dann bemüht man sich um so mehr, immer besser zu werden. „Der Schattenmörder“ zu schreiben, war teilweise ziemlich hart. Mein Manuskript durchlief mehrere Entwurfsphasen, bei denen ich den Erzählstoff aus verschiedenen Blickwinkeln in Angriff nahm. Aber der Ablauf wird immer routinierter. An bestimmten Stellen fühlte es sich an wie Markierungen an der Seite einer langen Straße, die der Orientierung dienen.

Welche Idee oder Frage war der Auslöser für „Der Schattenmörder“?
Wie viele Schriftsteller war ich fasziniert von dem Phänomen des „Slender Man“, einer fiktiven Schöpfung aus dem Internet, und von der Subkultur um diese Figur – nicht zuletzt, weil 2014 zwei Teenager in den USA ihm zu Ehren versuchten, Freunde umzubringen. Mich interessierte, was Menschen veranlasst, sich so auf eine Fantasiegestalt zu fixieren, dass es solche extremen Folgen hat. Das war der Ideenfunke für die Story, obwohl es in meinem Buch dann ganz anders ausging …

Als Ihr Protagonist Paul nach 25 Jahren in seine alte Heimatstadt zurückkehrt, werden auf Schritt und Tritt Erinnerungen an Ereignisse geweckt, die Paul lieber für immer vergessen hätte. Wogegen sträubt er sich so hartnäckig?
Ich glaube, hauptsächlich sträubt er sich dagegen, sich die Rolle einzugestehen, die er einst bei den verhängnisvollen Geschehnissen als Teenager spielte. Was damals in Gritten passierte, hat eine Narbe bei ihm hinterlassen. Dieses Trauma zu verdrängen statt sich damit auseinanderzusetzen, war leichter für ihn, aber nicht unbedingt gesünder. Mehr möchte ich nicht verraten …

In seinem früheren Kinderzimmer stößt Paul auf einen Karton mit Habseligkeiten aus seiner Jugend, darunter die Notizbücher mit seinen ersten literarischen Einfällen und Geschichten. Welche Talentproben haben Sie noch aus Ihrer Anfangszeit?
Gott sei Dank sehr wenige! Ich fing mit dem Schreiben sehr früh an und schickte schon mit 17 mein erstes Buch einem Literaturagenten. Natürlich wurde es abgelehnt – und über die Jahre erlitten weitere meiner Manuskripte dasselbe Schicksal. Im Nachhinein bin ich sehr froh darüber, denn damals hatte ich noch nicht genug Erfahrung, um meine Fähigkeiten einzuschätzen. Aber die Technik entwickelt sich so schnell, dass diese Manuskripte, falls sie noch existieren, auf Disketten gespeichert sind, die kein moderner Computer mehr laden kann, da sie mit einer Software geschrieben sind, die heute völlig veraltet ist. Wirklich der beste Platz für diese Jugendsünden!

„Er drückt ständig seine Nase an die Glasscheibe …“

Wie wichtig ist sein Jugendtraum, Schriftsteller zu werden, für den inzwischen 40-jährigen Paul? Und was hat es mit seinem Job an der Uni auf sich, wo er neben Englisch auch Kreatives Schreiben unterrichtet? Ein Broterwerb, aber nicht seine Berufung?
Ich glaube, sein derzeitiger Job ist ein Anzeichen für die Traurigkeit im Herzen seines Charakters. Als Teenager wollte er immer schreiben, aber die Umstände schienen ungünstig, es weiter zu versuchen. Aufgeben konnte er den Gedanken allerdings auch nicht ganz. So finden wir ihn viele Jahre später immer noch im Umkreis des seines Berufswunschs – ständig am Rand der Möglichkeit, was er hätte sein können. Ich nehme an, man könnte das als eine Art selbstauferlegte Strafe oder Folter sehen … Er drückt ständig seine Nase an die Glasscheibe, aber er schafft es nicht, hineinzugehen.

Um Pauls Erinnerungen an seine Jugend und bestimmte Schlüsselereignisse lebendig zu schildern, sind Sie tief in die Welt Heranwachsender eingetaucht. Was hat Sie am meisten interessiert? Wie haben Sie recherchiert?
Ich habe relativ wenig recherchiert, mich stattdessen nur erinnert und mich auf mein eigenes Lebensgefühl als Teenager gestützt. Meine Schulerfahrungen waren wesentlich angenehmer als die von Paul. Aber ich glaube, die meisten Teenager sind in derselben Gefühlslage: Man wäre gern älter, fühlt sich am falschen Platz in der Welt und unwohl in der eigenen Haut, die sich noch dazu ständig verändert …

„Nur ein bisschen verrückt?  Oder tatsächlich gefährlich?“

Der Rätselhafteste in Pauls Teenager-Clique ist definitiv Charlie. Was für ein Typ ist er in Ihren Augen? Welche Rolle haben Sie ihm zugedacht?
Charlie ist ein Außenseiter – und er ist es gern. Er kultiviert sein Image als düster und provokant. Von Anfang an weiß der Leser, dass Charlie einen Mord begehen wird, aber Paul weiß das natürlich noch nicht in den Rückblickspassagen. Und da sehen wir Charlie die meiste Zeit mit seinen Augen. Sicher hat Charlie etwas Finsteres, aber ist er nur ein bisschen verrückt oder tatsächlich gefährlich? Das ist es, womit sich Paul in der Gegenwart abmüht: Was er als Teenager getan hat und was er unterlassen hat, um Charlie aufzuhalten. An welchem Punkt hätte er einschreiten sollen? Im Nachhinein ist die Antwort natürlich leicht, aber bis es in der Vergangenheit so weit kam, haben sich die Dinge schleichend verschlimmert. Es dauert lange, bis Paul – und die Leserin oder der Leser begreifen, was wirklich in Charlies Kopf vorgeht.

Bei den gemeinsamen Unternehmungen der vier Jungen liegt Unheimliches in der Luft – erst einmal bei Ausflügen in den Wald. Gab es in Ihrer eigenen Jugend auch solche Orte, die Ihnen Gänsehaut verursachten und Sie zugleich anzogen?
Der Wald in Gritten und der Steinbruch in Featherbank beruhen beide auf realen Orten aus meiner Zeit als Teenager. Ich würde jedoch nicht behaupten, sie seien besonders gruselig oder magisch gewesen. Ehrlich gesagt verbrachten wir die meiste Zeit dort mit den alterstypischen Aktivitäten: mit Freunden abhängen und sich betrinken.

Das wohl abenteuerlichste Projekt, das Charlie anstiftet, führt in die Welt der Träume. Wie kamen Sie auf diese Idee?
Ich war schon immer von Klarträumen fasziniert, d.h. wenn beim Träumen „aufwacht“, aber weiterschläft und alles unter Kontrolle behält. Klar, was daran so anziehend ist: In der Theorie kann man sich vorstellen, überall hinzugehen und alles zu tun. Es kommt einem völlig real vor – hat aber keine Auswirkungen, weil es ja nur im Traum ist. Man muss dabei aber auch an das mathematische Verhältnis denken: Wenn man zwei Stunden in einer Nacht träumt, verbringt man einen beträchtlichen Teil seines bewussten Lebens im Schlaf. Das wäre eine Menge Zeit, die man da verschwendet. Aber vor allem schienen mir Träume bestens geeignet als Nährboden für meine Geschichte. Ich konnte mir gut vorstellen, dass Teenager Träume als Möglichkeit zur Flucht aus ihrer tristen Umgebung nutzen. Und dass die Dinge sich sehr schnell schlimm entwickeln könnten, wenn einer von ihnen die anderen manipulieren würde.

„Ich habe ziemlich viel mit Träumen experimentiert.“

Haben Sie selbst wie die vier Experimente mit Träumen gemacht? Vielleicht sogar für Ihr Buch? Was waren Ihre bemerkenswertesten oder spektakulärsten Erfahrungen?
Über die Jahre hin habe ich ziemlich viel mit Träumen experimentiert, aber nie mit dem gleichen Engagement wie die Jungs in meinem Roman – und zum Glück nie mit so verheerenden Resultaten. Zeitweise habe ich ein Traumtagebuch geführt. Aber letztlich empfand ich das als ein bisschen zu viel Aufwand. Von Zeit zu Zeit habe ich immer noch Klarträume, aber heute sind das eher gelegentliche nette Überraschungen als etwas, dem ich aktiv nachgehe.

Über die Kunst des ersten Satzes werden ganze Bücher verfasst. Viele Autoren zerbrechen sich gewaltig den Kopf darüber. Sie auch? Oder ist Ihnen Ihr perfekter Einstieg eher zugeflogen?
Ich zerbreche mir da nicht den Kopf. Natürlich will man den Leser und die Leserin gleich von Anfang an fesseln, aber meine Bücher durchlaufen ja viele Entwurfsstadien – und da hoffe ich, dass sich etwas Geeignetes ergibt. Beim „Schattenmörder“ ist die erste Zeile das Echo einer Zeile vom Ende des Buches. Es war also einer der letzten Sätze, die ich schrieb!

Pauls Mutter findet wohl zu Recht als erste Person überhaupt im Roman Erwähnung. Was sprach für Sie dafür? Welche Bedeutung hat diese kleine Frau mit dem großen Mut im Leben ihres Sohnes und im Buchkonzept?
Den Prolog habe ich erst sehr spät geschrieben – und es war, als hätte ich einen Schlüssel für die Geschichte gefunden. Vorher hatte ich Pauls Mutter nur als Randfigur geplant. Eigentlich sollte sie ihren Sohn nur zur Polizeiwache chauffieren. Was sie tatsächlich geschafft hat, überraschte mich ebenso sehr wie Paul. In dem Moment rückte sie in den Vordergrund. Mir wurde klar, dass sich die Geschichte genauso sehr um sie dreht wie um die Figuren, die auf den ersten Blick scheinbar mehr im Geschehen stehen. Die Opfer, die sie ihr ganzes Leben über gebracht hat und ihre bedingungslose Liebe zu Paul sind ein wesentlicher Teil der Geschichte. Weil er das jetzt, als Erwachsener, allmählich versteht, ist es vielleicht an der Zeit, dass er es zurückerstattet.

„Sich so zu akzeptieren, wie sie ist.“

Wie Paul trägt auch die Polizistin Amanda Beck persönliche Lasten mit sich herum. Auch in diesem Punkt hält sie sich an das Vorbild Ihres – inzwischen verstorbenen – Vaters. Nicht eben die beste Taktik, oder?
Das hängt wahrscheinlich von dem Beispiel ab, das man betrachtet. Amandas Problem ist – zumindest glaubt sie das – dass ihr Vater ein großer Mann und ein brillanter Polizist war. Deshalb glaubt sie, seinen Erwartungen entsprechen zu müssen: sich an ihm zu messen und sich so zu verhalten, wie sie meint, dass es sein Wunsch gewesen wäre. So kann man aber nicht durchs Leben gehen. Ich glaube, ihr Weg im Buch ist nicht so sehr, ihren Vater loszuwerden, sondern sich so zu akzeptieren, wie sie ist. Den Ratschlägen unserer Eltern können wir zwar folgen, aber letztlich müssen wir unsere eigenen Entscheidungen treffen.

Amanda kann sich am besten konzentrieren, wenn sie nachts im Büro sitzt und nur der Computerbildschirm die Dunkelheit erleuchtet. Wie ist es bei Ihnen selbst? In welcher Atmosphäre sind Sie am produktivsten?
Wenn ich das nur wüsste, dann würde ich es viel öfter so einrichten! Mein Standardverfahren bestand darin, meinen Sohn an der Schule abzusetzen, ins Fitness-Studio zu gehen, danach in eine Kneipe, um dort den Nachmittag über zu schreiben. Unter den gegenwärtigen Umständen geht ja nichts davon. Im Augenblick tue ich mein Bestes in der kurzen Zeit, die ich für mich selbst habe.

„Antiquarische Bücher haben etwas Romantisches.“

Nicht zuletzt geht es in „Der Schattenmörder“ immer wieder um das Lesen und um bestimmte Bücher. Welche besondere Bedeutung messen Sie Büchern da bei? Wofür steht in Ihrem Buch Stephen King?
Ich erinnerte mich, dass ich als Teenager wie Paul alles von Stephen King gelesen habe, was mir in die Hände fiel. Es war aber auch, weil „Friedhof der Kuscheltiere“ thematische Anklänge an meinen „Schattenmörder“ hat: nämlich die Vermutung, wenn man sich weigert, mit den Tragödien der Vergangenheit zu leben und sie zu akzeptieren, würde das zu einer noch größeren Tragödie führen. Ich glaube, die in meinem Roman erwähnte alte Sammlung von Horrorgeschichten symbolisiert eine Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart. Und ich fand immer, dass antiquarische Bücher etwas Romantisches haben. Aber es geht hier auch um die Verbindung zwischen Menschen. Schließlich ist das Geschenk eines geliebten Buchs etwas sehr Persönliches. 

Wie würden Sie sich selbst als Leser charakterisieren? Was war für Sie das wichtigste Leseerlebnis in letzter Zeit?
Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit zum Lesen. Mein Stapel von Büchern, die darauf warten, gelesen zu werden, wird demnächst einstürzen. Ich habe Phasen, in denen ich mehrere Romane in wenigen Tagen schaffe, aber dann folgen Phasen, in denen ich nur online unterwegs bin oder Sachbücher lese. Eine Buch, das mir den Weg wies, war „Der sechste Klon“ von Michael Marshall Smith. Ich habe es gleich nach der Veröffentlichung gelesen (Anmerkung d. Red.: OT: „Spares“, 1996) und komme bis heute immer wieder darauf zurück. Es ist wahrscheinlich mein Lieblingsbuch, aber es gibt so viele Bücher, die ich sehr schätze, dass es mich fast ein bisschen schmerzt, nur ein einziges zu nennen.