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Jung, blind, weiblich: Tödlich effektiv

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„BESSER ALS BOND“, findet Krimi-Kolumnen-Koryphäe Tobias Gohlis. „Grandios“, kommentiert Joachim Scholl. Elmar Krekeler: „Selten schlug in einem Hardcore-Thriller so ein feines Herz.“ Viel verdientes Lob für Ausnahmeautor Andreas Pflüger, der mit seiner Reihe um die blinde Elitepolizistin Jenny Aaron Maßstäbe in der Spannungsliteratur setzt. Ob Actionszenen, Atmosphäre atmende Schauplätze oder subtile Psychogramme – alles brillant. Nun hat der Meister des Dialog-Ping-Pongs seine Triologie nach „Endgültig“ und „Niemals“ vollendet mit „Geblendet“.

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Haben Sie schon mal probiert, sich mit verbundenen Augen eine Zigarette anzuzünden? Wie viele Versuche waren nötig? Wie war die Schadensbilanz?

Nie versucht. Aber ich bin mit verbundenen Augen Auto gefahren, auf einem Verkehrsübungsplatz. Bei Tempo 140 hat mein Beifahrer hyperventiliert.

Für Ihre erblindete Protagonistin Jenny Aaron ist es keine Option, um Feuer zu bitten. Lieber riskiert sie es, sich die Finger zu verbrennen, und übt, bis sie es eben doch schafft. Typisch, oder?

Sie ist eine Perfektionistin, in allem. Dabei hat Jean-Paul Belmondo gesagt: „Der Ehrgeiz ist der größte Feind des Glücks, denn er macht blind.“ Aber sie hat’s nicht so mit Belmondo.

Welcher Ideenfunke stand am Anfang der Aaron-Trilogie?

Die Autobiographie des blinden Philosophen Jacques Lusseyran. Er wurde von den Nazis nach Buchenwald deportiert und hat als Einziger seines Waggons überlebt. Sein Mut und sein Überlebenswille waren und sind eine große Inspiration für mich.

Sie mischen das Superhelden-Genre virtuos mit einer Ausnahmepolizistin auf. Warum ausgerechnet diese Herausforderung?

Ich würde Aaron nicht als „Superheldin“ bezeichnen, eher als „Superblinde“. Die gibt es durchaus auch in der Wirklichkeit. Zum Beispiel der blinde Extrembergsteiger Andy Holzer. Gereizt hat mich vor allem, dass ich für die Aaron-Romane eine für mich völlig neue Form des Schreibens erfinden musste, denn zumeist wird ja aus Aarons Perspektive erzählt. Ein Geburtsblinder, der aus der Sicht eines Sehenden schreiben müsste, stände in etwa vor derselben Herausforderung.

Auf der Karriere-Überholspur ist Jenny Aaron bei einer Eliteeinheit gelandet, die alle nur „Die Abteilung“ nennen. Was hat es damit auf sich?

Die Abteilung ist klein und fein, es gehören nur neununddreißig Männer dazu, und eben Jenny Aaron. Diese Größenordnung hat mir von Anfang an gefallen, denn meine Romane sind auch Familiendramen. Darum geht es im Grunde doch immer. Familie, Freundschaft, Liebe. Den Rest kann man streichen.

Jennys Arbeitsauffassung?

Das Gute ist der Feind des Besseren.

Wichtig für Jenny ist Bushidō. Erklären Sie doch bitte, welches Wertesystem und welche Lebensmaximen damit verbunden sind?

Es war die Philosophie der Samurai; wörtlich übersetzt bedeutet es „Der Weg des Kriegers“, ein Wertekanon, der Aarons Welt Struktur gibt. Im Zentrum stehen die sieben Tugenden: Aufrichtigkeit. Mut. Mitgefühl. Höflichkeit. Wahrhaftigkeit. Ehre. Pflicht. An jeder einzelnen dieser Tugenden ist Aaron gewachsen und schon einmal gescheitert.

„Der Bushidō gibt Aarons Welt Struktur.“

Wenn Sie Jenny Aaron durch einen symbolischen Gegenstand charakterisieren wollten: Was wäre das?

Es wäre ihr Stock. Sie beherrscht den Umgang damit nur unvollkommen, weil sie ihn hasst.

Sie bezeichnen sich als „Recherche-Junkie“. Wie haben Sie sich eingearbeitet in die Herausforderungen und Techniken wie z.B. Langstock, Klicksonar und Zungenschnalzen?

Ehe ich mit dem Schreiben anfing, habe ich ein Jahr nur gelesen, alles, was ich über Blinde in die Finger bekam. Aber Sie können so viel lesen, wie Sie wollen, das Wichtigste sind die Gespräche mit Menschen. Viele Blinde haben mit ihren Anregungen und Erzählungen zu den Romanen beigetragen. Daraus sind Freundschaften entstanden, ein großer Gewinn für mich.

So präzise wie die praktischen Dinge, so subtil und gnadenlos beschreiben Sie die Wahrnehmung und die Empfindungswelt von Jenny Aaron. Wie haben Sie sich eingefühlt?

Ich bin nur Aarons Chronist. Sie erzählt mir ihr Leben, und ich schreib es auf. Eine ganz einfache Sache.

Von Chagall-Werken über Chanel-Kollektionen bis zur Waffenreinigung mit einer Kinderzahnbürste: Sie scheinen auf den unterschiedlichsten Gebieten aus dem Vollen zu schöpfen. Ihr Anspruch als Autor an sich selbst?

Ich bin chronisch neugierig. Und zudem mit einem fotografischen Gedächtnis geschlagen. Vermutlich eine unglückliche Kombination (lacht).

In „Endgültig“, dem Auftaktband der Trilogie, spielt Chagalls „Traumtänzer“ eine Rolle. Welches Kunstwerk berührt Sie besonders?

Die Zeichnung des Auschwitz-Häftlings Yehuda Bacon, die seinen dort ermordeten Vater darstellt.

Ob Bilder von Chagall und Cranach oder Baukunst wie die Sagrada Familia und Notre Dame: Sie schwelgen nicht einfach in schöngeistigen Betrachtungen, sondern es steckt mehr dahinter. Worum geht es Ihnen?

In einem Roman darf ein Bild nie nur ein Bild, ein Bauwerk nie nur ein Bauwerk sein. Wenn es nicht mit dem Drama verbunden ist, interessiert es mich nicht.

 

Gemeinsamkeiten – die Grundlage jeder guten Beziehung.

Richtig oder falsch geraten, dass Jenny Aaron die Begeisterung für Bücher von Ihnen hat? Nach welchen Kriterien haben Sie die Literaturhinweise von Döblin bis Capote ausgewählt?

Aaron und ich haben viele Gemeinsamkeiten – die Grundlage jeder guten Beziehung. Es geht mir nicht darum, nur ein Zitat unterzubringen. Alle Zitate erzählen etwas über meine Hauptfigur und gehören auch zu meinem Leben.

Auch Max Frischs „Mein Name sei Gantenbein“ steht bei Jenny Aaron im Regal. Was macht ihn so bedeutsam?

Er ist bis heute mein Lieblingsautor. „Gantenbein“ bringt sein Credo auf den Punkt: „Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“

Max Frisch bzw. Lektüre allgemein ist nicht zuletzt ein Kriterium beim Männertypus, den Jenny Aaron bevorzugt. Ein Idealmann-Profil, mit dem Sie als Frauenversteher punkten können. Woher haben Sie Ihr Wissen?

Ich und ein Frauenversteher? Meine Frau wäre anderer Meinung (lacht).

Ihre Arbeit an einem Buch betrachten Sie nicht als erledigt, wenn Sie den Punkt hinter den letzten Satz getippt haben und das Feilen mit dem Lektor beendet ist. Was hat es Ihnen so wichtig gemacht, beim Erscheinungsbild nicht nur ein Wörtchen mitzureden?

Ich bin genauso ein Perfektionist wie Aaron. Darum habe ich „Geblendet“ selbst gesetzt.

Ein guter Roman ist immer Kopfkino.“

Sie bringen jede Menge Erfahrung als Drehbuchschreiber mit, z.B. durch „Tatort“. Wie wirkt sich das beim Thrillerschreiben aus?

Ein Drehbuchautor wird dafür bezahlt, dass er einen noch nie dagewesenen Film mit geschlossenen Augen sehen kann. Und ein guter Roman ist immer Kopfkino.

Je halsbrecherischer die Actionszenen, desto mehr Know-how braucht man. Woher nehmen Sie es? Welche Studien betreiben Sie?

Studium von Hochleistungssportlern, vor allem Turnern. Kampfsporterfahrung. Angeeignetes medizinisches Wissen. Unzählige Gespräche mit Fachberatern.

Ihr Spektrum reicht von Meditation bis zu Verfolgungsjagd und Nahkampf. Nach welcher dramaturgischen Faustregel gehen Sie vor?

Beim Leser das Adrenalin hochkitzeln, bis der Scheitelpunkt erreicht ist – und ihn dann wieder entspannen lassen.

„Gewalt bleibt Gewalt. Und es gibt Grenzen.

Sie pendeln zwischen poetisch und brutal. Gibt es etwas, wovor Sie zurückschrecken?

Manche Gewalt kann Poesie besitzen, das lote ich immer weiter aus, ohne sie zu verherrlichen. Denn Gewalt bleibt Gewalt. Und es gibt Grenzen. Ich werde nie eine Vergewaltigung beschreiben, dafür habe ich keine Worte.

Wenn man Ihre Jenny-Aaron-Trilogie der Reihe nach von Band 1 bis 3 liest, dann könnte man sie auch als Entwicklungsroman deuten. Entspricht das Ihrem Masterplan? Oder halten Sie es für einen Holzweg?

Es ist ganz sicher ein Entwicklungsroman. Dennoch habe ich keinen Masterplan. Ich lasse es einfach geschehen.

„Besser als Bond“ lautete eine der Lobeshymnen zum Auftakt ihrer Trilogie. Wie treffend finden Sie den Vergleich?

Ich verstehe, dass es als Kompliment gemeint ist. Aber literarisch lasse ich mich ungern mit Ian Fleming vergleichen.

Gemeinsam mit den Bond-Ausstattern haben Sie das Faible für Gimmicks. Was hat Ihnen beim Erfinden besonderes Vergnügen bereitet?

Das transparente Mikro, das Aaron sich unters Kinn klebt.

Welche persönlichen Leidenschaften sind in die Trilogie eingeflossen?

Meine Harley, meine Reiselust, meine Abneigung gegen Fisch.