© Anette Dowideit

Alarmsignale

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PROBLEM ERKANNT  – Gefahr gebannt? Leider nein, wie die Investigativjournalistin Anette Dowideit bei Ihrer Recherche erfahren musste. Arbeitnehmer, die im Mittelstand Vollzeit arbeiten, erleben fortlaufend, wie der Wert ihrer Arbeitskraft sinkt, die Bezahlung der Leistung deutlich hinterherhinkt. Das deutsche Jobwunder hat gehörige Schwachstellen. Die Diplom-Volkswirtin spürt den fatalen Entwicklungen nach und hält der Politik wie auch uns Verbrauchern den Spiegel vor.

© Anette Dowideit

Woran würden Sie niemals sparen, wenn Sie einen Familienurlaub mit Ihren drei Kindern buchen? Und warum nicht?

Auch wenn es die Flugreise deutlich teurer macht: Ich würde nicht bei Ryanair buchen, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt – jedenfalls nicht, so lange die Billig-Airline sich bei den Anstellungsverhältnissen für ihre Mitarbeiter erfolgreich aus vielen Regeln herauswindet, die das deutsche Arbeitsrecht vorsieht.

Ihr Buch beginnt mit der Momentaufnahme aus dem Leben eines Piloten – einst ein Traumjob, aber … Was kann einem nun den Schlaf rauben?

Viele Piloten, die für die Billig-Airline arbeiten, erzählten mir während der Recherche für mein Buch: Sie seien lange Zeit nicht bei der Airline angestellt gewesen, sondern hätten als Ich-AG-Selbstständige arbeiten müssen. In der Konsequenz führte dieses unsichere Beschäftigungsmodell bei einigen offenbar zu einer völligen Überlastung. Manche von ihnen erzählten, sie seien zeitweise eigentlich viel zu erschöpft gewesen, um ein Flugzeug zu fliegen. Ich finde, das sollten Passagiere wissen.

Die Problemlage der Ich-AG-Piloten ist keine Ausnahme, wie Sie herausfanden. Für welche Entwicklung in der Arbeitswelt ist sie beispielhaft?

Die Arbeitsverhältnisse in vielen Branchen sind erschreckend unsicher geworden – und zwar auch und gerade in der Mittelschicht. Die neue Unsicherheit zieht sich durch viele Berufsbilder, die früher als erstrebenswert galten: Krankenschwester, Lehrer, Fachverkäufer im Einzelhandel und viele mehr.

„Es herrscht großer Frust“

Was hat Sie als Erstes auf bedenkliche Tendenzen aufmerksam gemacht und alarmiert? Was hat Ihnen bewusst gemacht, dass das nicht nur Thema für einen Artikel ist, sondern die Problematik locker Stoff für ein ganzes Buch liefert?

Egal, mit wem ich in den vergangenen Jahren über den deutschen Arbeitsmarkt gesprochen habe – im Bekanntenkreis, bei Interviews mit Forschern oder bei Recherchen in Unternehmen: Es herrscht großer Frust. Viele fühlen sich nicht mehr fair behandelt, nicht angemessen wertgeschätzt für das, was sie täglich bei der Arbeit leisten. Die einen, weil ihre Einkommen deutlich langsamer steigen als die Ausgaben, die sie bestreiten müssen – allen voran die Miete. Die anderen, weil sie mit befristeten Verträgen oder anderen minderwertigen Arbeitsverträgen abgespeist werden und ihr Leben deshalb nur schlecht planen können.

Wie war Ihr Rechercheradius?

Ich habe einen großen Teil dessen unter die Lupe genommen, was wir klassischerweise unter Mittelschicht verstehen: den Einzelhandel, Banken und Versicherungen, den öffentlichen Dienst, das Handwerk, Medienberufe. Die Probleme, die ich beschreibe – die Abstiegsangst, die aus der zunehmenden Unsicherheit am Arbeitsmarkt resultiert – ziehen sich durch all diese Branchen.

Was ist der gemeinsame Nenner Ihrer Bestandsaufnahme querbeet durch die unterschiedlichsten Berufe?

Auf dem Papier geht es dem deutschen Arbeitsmarkt gut wie fast nie zuvor, die Arbeitslosenzahlen sind zurzeit extrem niedrig. Tatsächlich aber sind viele der Jobs, die in den vergangenen Jahren – vor allem durch die Agenda 2010 – entstanden sind, wahnsinnig schlechte Jobs. Millionen von Menschen im Land arbeiten in Vollzeit, brauchen aber trotzdem finanzielle Unterstützung vom Staat.

Welche Kreise zieht das Problem inzwischen? Was ist zu befürchten?

Der Arbeitsmarkt ist in eine bedenkliche Schieflage geraten. Und das ist ein Problem für unser Land. Denn einer Gesellschaft, in der so viele Menschen frustriert über ihre Arbeitsbedingungen sind, fehlt die Kraft, die anderen drängenden Probleme unserer Zeit anzugehen: den Klimawandel etwa – oder die Integration von Flüchtlingen. Das Fehlen eines verlässlichen, fairen Arbeitsmarkts ist also nicht nur eines unter vielen Problemen Deutschlands. Er wäre die notwendige Bedingung, damit vieles andere funktionieren kann.

Wie sehen Sie die Lage der Nation?

Viele der Konflikte, die unser Land heute beschäftigen, resultieren aus dieser neuen Dysfunktionalität unserer Arbeitswelt. Am deutlichsten sieht man das an der aktuellen Debatte über die Frage, ob große Wohnungskonzerne enteignet werden müssten. Die Zahl jener steigt, die mittlerweile deutlich mehr als ein Drittel ihres Nettoeinkommens für Miete ausgeben müssen – dieses Drittel galt bisher als Daumenregel in der Haushaltsplanung, damit das Geld bis zum Monatsende reicht. Dass diese Rechnung immer öfter nicht mehr aufgeht, liegt daran, dass die Einkommen im Schnitt nicht mit den Mieten mitziehen. Natürlich liegt die Unzufriedenheit mit dem Wohnungsmarkt auch daran, dass jene, auf deren Konten die hohen Mieteinnahmen landen, Aktionäre sind oder Investoren, die im Ausland sitzen. Würden die Mieter allerdings besser verdienen und in sichereren Arbeitsverhältnissen arbeiten, wäre die Empörung wahrscheinlich gar nicht so groß.

Eigentlich wird ja schon lange über Missstände wie die Unterbezahlung von Pflegekräften diskutiert und dagegen demonstriert. Das kommt Ihnen ein bisschen vor wie Tropfen auf heiße Steine. Was ist nötig?

Die Pflegebranche ist tatsächlich eines der größten Fragezeichen am Arbeitsmarkt. Seit Jahren suchen Krankenhäuser und Pflegeheime händeringend nach Fachkräften – eigentlich wären die Pfleger also in einer sehr guten Verhandlungsposition. Trotzdem bekommen sie es seit Jahren nicht hin, ihre Lohnforderungen durchzusetzen. Das liegt offenbar vor allem daran, dass ein typischer Altenpfleger ganz anders tickt als etwa ein typischer Unternehmensberater. Ein Unternehmensberater kalkuliert typischerweise kühl: Wie verhandele ich am geschicktesten, wie hole ich für mich das Beste heraus? Das ist ja völlig legitim. Eine Pflegerin dagegen – ich verwende hier bewusst die weibliche Form, weil in der Pflege überwiegend Frauen arbeiten und wir Frauen generell nicht so gut darin sind, Gehaltserhöhungen auszuhandeln – denkt in der Regel anders: Da spielen Überlegungen eine Rolle wie: Ich kann meine Kolleginnen nicht im Stich lassen, auch meine Patienten nicht. Pflegerinnen sind in diesen Beruf gegangen, weil sie empathisch sind. Und deshalb werden sie leider finanziell oft ausgenutzt.

„Arbeit ist Selbstverwirklichung!“

Sie lenken die Aufmerksamkeit auf das Wertesystem der Arbeitswelt. Ihre schmerzlichste Diagnose?

Unsere Arbeitskraft ist eines der wertvollsten Dinge, die wir zu geben haben. Arbeit ist Selbstverwirklichung, wir definieren uns über sie. Arbeit macht uns aus. Wenn dieses wertvolle Gut dann aber vom Gegenüber, vom Arbeitgeber, nicht angemessen geschätzt wird – dann ist das fast dasselbe wie enttäuschte Liebe.

Welche Trends erscheinen Ihnen am gefährlichsten?

Ein Trend, der sich gerade rasant ausbreitet, ist das Arbeiten in der sogenannten Gig-Economy: Immer mehr von uns – sowohl in der Unter- als auch der Mittelschicht – arbeiten nicht mehr in einem festen Beschäftigungsverhältnis. Stattdessen arbeiten viele von uns als Solo-Selbstständige und verkaufen ihre Arbeitskraft von einem Auftrag zum nächsten – „Gigs“ eben – über Vermittlungsportale im Internet. Das gilt für meinen Berufsstand der Journalisten ebenso wie für IT-Experten, Marketingleute, Vertriebler. Das große Problem ist, dass wir dabei häufig mit anderen Selbstständigen auf der ganzen Welt konkurrieren, die den Gig viel billiger anbieten. Das drückt auf unsere Stundenlöhne – und das wiederum führt dazu, dass viele von uns keine Rücklagen fürs Alter bilden können. Deshalb kommt eine riesige Welle künftiger Ruheständler auf Deutschland zu, die altersarm sein werden. Die Frage ist: Wer wird sie künftig alle versorgen – wenn doch immer mehr Menschen im Land entweder solo-selbstständig sind oder in unsicheren Anstellungsverhältnissen arbeiten?

Wie würden Sie den Stellenwert von Arbeit in eigener Sache formulieren?

Ich definiere mich absolut über meine Arbeit – wahrscheinlich noch deutlich mehr als andere. Als Investigativjournalist lebt und atmet man seine Arbeit. Wir sehen es in unserem Berufsstand so: Wir sind kleine Rädchen, die dazu beitragen, die Demokratie am Laufen zu halten.

Sie klopfen die Rahmenbedingungen ab, z.B. Globalisierung und Digitalisierung. Welche Herausforderungen sehen Sie da für die Verantwortlichen, was die Neuorganisation der Arbeitswelt anbelangt?

Das klassische Arbeitsverhältnis – es gibt einen Arbeitgeber und einen Arbeitnehmer – stirbt langsam aus. Und damit auch das klassische Versorgungsmodell in der Sozialversicherung. Wenn ich mich als Solo-Selbstständiger als Marke etablieren muss und meine Aufträge übers Internet erhalte, egal, ob ich nun Lieferando-Fahrer bin oder Handwerker, der über myhammer.de seine Aufträge bekommt oder Programmierer, der sich von einem Internet-Gig zum nächsten hangelt: Es gibt keinen festen Arbeitgeber mehr, der meine Sozialbeiträge zahlt. Das schafft eine große Lücke, zum Beispiel in der Altersvorsorge.

Wie lautet Ihre Kernbotschaft?

Diesen enormen Umwälzungen am Arbeitsmarkt, der neuen Arbeitswelt in der Gig Economy, müssen unsere Politiker mit grundlegend neuen Konzepten begegnen. Ich stelle im Buch ein Konzept vor, das eine Lösung sein könnte: In diesem Modell würde der Konsument einer Dienstleistung – etwa der Lieferando-Kunde – direkt mit seiner Rechnung per Smartphone einen kleinen Betrag auf das Sozialversicherungskonto des Boten einzahlen. Das Modell ließe sich auf die meisten Branchen übertragen.