© Sebastian Knoth

Neue Türen aufstoßen

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ALS ERSTE EUROPÄERIN implantierte Dr. med. Dilek Gürsoy 2012 erfolgreich ein künstliches Herz. Der Weg dahin: nicht ohne Herausforderungen. Voran brachten die Medizinerin nicht nur ihr Fleiß und ihre Beharrlichkeit, sondern vor allem ihre Leidenschaft. Dass sie sich einen Platz in der von Männern dominierten Welt der Herzchirurgie erarbeitet hat, reicht ihr nicht: Sie will mehr Frauen in der Medizin sehen – vor allem in den Führungspositionen! Und sie kämpft für ihren Lebenstraum: Die Kunstherztherapie zum Wohle der Patienten voranzubringen.

© Sebastian Knoth

Sie haben Ihr Buch Ihrer Mama gewidmet. Wie wichtig war bzw. ist sie für Ihren Lebensweg?
Sie ist sehr wichtig für mich, weil ihr Charakter und ihr Weg mich persönlich sehr geprägt haben. Ihre Beharrlichkeit und Standhaftigkeit imponieren mir am meisten.

Neben Ihrer Familie fanden Sie mehrfach zur rechten Zeit Menschen, die Sie gefördert und an Sie geglaubt haben. Welchen Stellenwert haben Ihre Kindergarten-Eltern, das Ehepaar Bispings?
Die Bispings haben mir die deutschen Werte wie Ordnung, Disziplin und Zielstrebigkeit verinnerlicht. Alles, was mich ausmacht.

Lassen Sie uns über „gesundes Selbstbewusstsein“ sprechen. Was empfehlen Sie jungen Mädchen und Frauen, um das zu erlangen?
Da appelliere ich vornehmlich erstmal an die unmittelbare Umgebung. Mein Selbstbewusstsein rührt aus meinem Umfeld, es entsteht durch Menschen, die an mich geglaubt und mich jederzeit gefördert haben, egal, in welcher Lebensphase ich mich befand. Damit meine ich die mentale Stärkung. Ein starker Rückhalt ist das A und O für ein gesundes Selbstbewusstsein.

„Rückhalt ist das A und O.“

Sie schreiben von Tugenden. Welche sind Ihnen besonders wichtig, so dass Sie auch in Ihrem Beruf daran festhalten?
Fleiß, Beharrlichkeit und Leidenschaft.

Wie empfinden Sie es, dass Ihr Name fast immer mit dem Hinweis „ … Tochter türkischer Gastarbeiter“ ergänzt wird, sogar in Veröffentlichungen, die sich eigentlich vorrangig Ihrem herausragenden Können widmen?
Am Anfang hat es mich genervt, weil ich/wir mehr sind als das. Aber besonders die aktuelle Lage in Deutschland/Europa zeigt auf, wie wichtig Rolemodels sind. Ich will zeigen, was man alles schaffen kann, wenn man die Chancen nutzt, die einem geboten werden.

Sie stellen sich vor mit: Dilek Gürsoy aus Neuss. Ihre Wurzeln nahmen Sie nie als hinderlich wahr, auf Alltagsdiskriminierung springen Sie offenbar nicht an?
Nein, das tue ich nicht. Ich bin damit nie wirklich konfrontiert worden, aber auch, weil ich an Diskussionen, die Diskriminierung thematisieren, nicht gezielt teilgenommen habe. Sicherlich gibt es die Ereignisse in Solingen, Mölln, Hanau, Halle etc., sicherlich macht mich das traurig und wütend. Aber ich gehe den Weg der Bildung und Aufklärung. Denn nur mit Bildung erreichen wir hier die Positionen, in denen unsere Stimme etwas wert sind.

„ … ich gehe den Weg der Bildung.“

Beruflich war 2012 für Sie ein besonderes Jahr: Als erste Europäerin haben Sie erfolgreich ein künstliches Herz implantiert. Was empfanden Sie, als dieses Herz zu schlagen begann?
Mir ist es nicht wichtig, ob „erste“ oder „Frau“. So ein Eingriff ist immer mit viel Ehrfurcht und Demut verbunden. Jedes Mal. Erst wenn der Patient die Klinik verlässt, kommt ein Gefühl von Genugtuung auf.

Würden Sie zustimmen, dass Sie mit Ihrem Impulsvortrag im Oktober 2017 auf der herCAREER-Messe ein Erweckungserlebnis hatten?
Frauen unterstützen ja doch Frauen! Das ist das, was mich erst überrascht und dann beeindruckt hat. Das kennt man als Herzchirurgin eigentlich nicht. Das gibt dir Rückhalt und stärkt dich, deshalb sind wir da auf dem richtigen Weg.

Sie erleben selbst, dass Frauen in den höheren medizinischen Positionen – bis zum Chefarzt – nur mit der Lupe zu finden sind. Woran liegt das Ihrer Erfahrung nach?
Die bereits stabilen Männernetzwerke sind ein großes Problem. Sie werden zum Hindernis für all die Frauen, die sich dazu durchringen, nach ganz oben zu wollen. Das ist ein Fakt. Und wenn man sich nicht verbiegen lassen möchte oder nichts vorschreiben lassen möchte, dann wird es noch schwieriger. Das ist Mann halt nicht gewohnt.

„Frauenquote ist ein Muss … leider.“

Was halten Sie persönlich von einer Frauenquote?
Die Frauenquote ist ein Muss … leider. Sonst bekommen wir diese Chancen nicht. Sind wir gut, werden wir uns auch durchsetzen, wo ist also das Problem?

Sie sind nicht nur eine begnadete Herzchirurgin mit ruhiger Hand, sondern auch eine engagierte und erfolgreiche Forscherin. Wie wichtig ist Ihnen die Kombination beider Aspekte?
Das ist eine zwingende Symbiose. Ich will innovativ und aktiv in das Geschehen eingreifen können. Schön wäre es natürlich, wenn ich mehr Veröffentlichungen in Fachschriften hätte, aber niemand kann und darf mir meine handwerklichen Fähigkeiten und meine Erfahrungen absprechen, nur weil ich mich nicht auf Kongressen mit meinen Kollegen messen möchte. Das passiert nämlich sehr schnell und nicht nur mir.

„Frauen sind einfach gewissenhafter …“

Sie setzen sich für mehr Teamgeist auch im OP-Saal ein, trotz der vielen Männer (am Tisch). Und Sie glauben an die Fähigkeit, um Hilfe bitten zu können. Gelingt dies Frauen besser als Männern?Ja, wir Frauen sind einfach gewissenhafter und wissen sehr genau, was wir können und eben was wir auch nicht können. Das zeichnet uns meiner Meinung nach aus. Das liegt aber nicht am Frausein, sondern daran, dass wir permanent hinterfragt werden. Die Erziehung ist sicherlich auch ausschlaggebend. Was trauen deine Eltern dir zu? Ich habe noch keine Kollegin gesehen, die auf Kosten des Patienten ein Risiko eingegangen ist. Fehler passieren uns allen, ohne Frage. Nur der Umgang damit ist ein anderer.

Beim Lesen Ihrer Biografie fällt ins Auge, dass Dilek Gürsoy sich nicht als „Halbgöttin in Weiß“ sieht, sondern ihren Patienten (wie Kollegen) auf Augenhöhe und mit viel Empathie begegnet. Inwiefern unterstützt diese Herangehensweise den Gesundungsprozess?
Enorm. Wertschätzende Kommunikation und die Art, wie man miteinander arbeitet, schwappt automatisch auf den Patienten über. Es weckt Vertrauen in die Professionalität des behandelnden Ärzteteams.

2019 wurden Sie mit vom German Medical Club als „Medizinerin des Jahres“ gewürdigt. Mit dieser Auszeichnung wird u.a. besonderes Engagement und fortschrittliche Patientenversorgung gewürdigt. Welche Bedeutung hat diese Ehrung für Sie persönlich?
Eine sehr große Bedeutung einerseits, denn es motiviert, macht einen stolz und zeigt, dass du auf dem richtigen Weg bist. Anderseits ist es anscheinend auch ein Hindernis, denn Neid und Missgunst begegnen dir plötzlich häufiger: zum Beispiel die „Warum-sie-und-nicht-ich-Mentalität“ oder „Was hat das schon zu bedeuten, das ist ja kein Wissenschaftspreis.“ Damit meine ich das herabwürdigende Verhalten besonders von einigen meiner männlichen Kollegen. Das ist nicht uninteressant.

Trotz aller Bemühungen kann nicht jeder Patient gerettet werden. Wie gehen Sie mit dem Thema Tod um?
Das ist ein Fakt. Ich arbeite immer mit bestem Wissen und Gewissen und mit den besten uns dargebotenen Möglichkeiten. Ein wichtiger Punkt dabei ist, dass man immer ehrlich zu seinem Patienten ist.

Welche Hoffnungen verbinden Sie mit der Veröffentlichung Ihrer Geschichte?
Ich möchte aufzeigen, was man alles schaffen kann, wenn man es wirklich will und die Chancen nutzt, die vor einem auftauchen. Ich möchte die Gendermedizin zum Thema machen und besonders Frauen für die Herzchirurgie begeistern. Sie sollen Chefin werden wollen und einfach damit loslegen, ihr eigenes Netzwerk aufbauen und für die nächste Generation die Türen aufstoßen, die für uns noch eisern verschlossen sind. Natürlich möchte ich diese Plattform auch nutzen, um meine eigenen Träume weiter zu verwirklichen, denn ich erreiche mit dem Buch eine breitere Masse. Ich möchte die Kunstherzforschung fördern und vorantreiben.

„… unbedingt gelassen bleiben!“

Welche Eigenschaften sollten junge Mädchen und Frauen in sich stärken, um erfolgreich zu werden (egal in welchem Beruf)?
Keine Scheu haben, wirkliche Leidenschaft für eine Sache zu entwickeln. Fleiß. Ziele setzen! Und unbedingt gelassen bleiben!

Gibt es etwas, was Sie vor allem einem Mädchen oder einer jungen Frau aus einer muslimischen Familie raten, die aktuell noch keinen Mentor hat?
Sucht euch einen. Es gibt heutzutage so viele Möglichkeiten (Internet, Messen, Mentorenprogramme, Ministerien). Suchen, Fragen, Machen!

Verraten Sie uns, welchen Traum Sie sich noch erfüllen möchten?
Mein Traum? Eine Klinik für Kunstherzchirurgie. Ich würde gern gute Mediziner ausbilden. Ich wünsche mir menschlich nahbare, ehrliche, innovativ arbeitende Kollegen, die sich untereinander und besonders ihre Patienten wertschätzen. Ich würde gern Kollegen, die ihre Persönlichkeit formen und nicht ihr Ego profilieren möchten, weiter nach vorne bringen.