„HEUTE HIER, morgen dort“: Die Hymne von Hannes Wader vereint Generationen seiner Fans und bringt aufs Schönste die Lebensphilosophie zum Klingen, die der legendäre Liedermacher ein halbes Jahrhundert lang verkörpert hat. In Berlin, wo einst seine Laufbahn begonnen hatte, verabschiedete er sich 2018 von der Bühne – seine Lieder aber sprechen weiterhin für sich. Stimmigerweise hat sie Wader zu Herzstücken seiner Autobiografie gemacht, in der er lebendig werden lässt, was ihn und seine Musik geprägt hat. Eine Fülle persönlicher Einblicke und exklusiver Fotos!

Haben Sie heute schon gegärtnert?
Ja.

Was macht Sie dabei glücklich?
Das Gärtnern macht mich nicht glücklich. Glück ist für mich keine Kategorie, ich beanspruche kein Glück.

Darf man vom Gärtnern darauf schließen, dass Sie Wurzeln geschlagen haben?
Nein.

Was brauchen Sie, um sich heimisch zu fühlen?
Einen Garten.

Ihr Abschiedskonzert haben Sie entgegen der ursprünglichen Planung nicht in Hofgeismar, sondern in Berlin gegeben. Was sprach dafür?
In Berlin hat in den 60ern meine Bühnenkarriere begonnen, ich hielt es für eine gute Idee, sie dort auch zu beenden.

„Heute hier, morgen dort“ – welche Bedeutung hat dieses Lied für Sie?
Mein einziger „Hit“.

„Keine Sehnsucht nach der Bühne“

Und wie ergeht es Ihnen heute, nachdem Ihre Abschiedstournee schon ein Weilchen zurückliegt?
Keine Sehnsucht nach der Bühne.

„Trotz alledem“ – eines Ihrer bekanntesten Lieder und nun auch der Titel Ihrer Autobiografie. Entspricht das auch Ihrer Grundhaltung?
„Gewiss, dass auf der Welt kein Übel ewig währt – trotz alledem.“

Was hat Sie eigentlich bewegt, Ihre Autobiografie zu schreiben?
Es wurde immer wieder von außen ein Interesse daran geäußert. Für mich war es am Ende eine Herausforderung, der ich mich stellen wollte.

Besonders genau schildern Sie Ihre Kindheit, die alles andere als ein Kinderspiel war. Wie erging es Ihnen beim Vergegenwärtigen?
Es heißt ja, dass die Entwicklung eines Menschen weitestgehend in der Kindheit angelegt wird. Das habe ich beim Schreiben bestätigt gefunden.

Ihre Kindheit haben Sie im Twellbachtal bei Bielefeld verbracht. Was empfinden Sie, wenn Sie dorthin zurückkehren?
Vertrautheit, ohne den Wunsch, dorthin zurückzukehren und dort zu leben.

Zu welchen Anlässen kommt das vor?
Zum Beispiel zu meiner diamantenen Konfirmation und als ich mir im vergangenen Jahr eine Grabstelle auf dem Friedhof in Kirchdornberg gekauft habe. Außerdem habe ich in Hoberge und Umgebung noch ein paar alte Freunde.

„… als ob ich mich aktiv verweigere.“

Mussten Sie, als Kind einer musikalischen Familie, sich als Freigeist ihre Freiheit erkämpfen?
Ich habe immer versucht, den Ansprüchen von außen zu genügen, ich konnte es aber nicht. Das wurde von außen so wahrgenommen, als ob ich mich aktiv verweigere. Irgendwann habe ich dann aufgegeben, mich zu bemühen, den Erwartungen anderer zu entsprechen.

1963 wagten Sie den Sprung aus Ihrem kleinen Heimatort nach Berlin. Worin bestand der Kulturschock?
Das Tempo in Berlin war für mich von schockierender Hast geprägt.

Worin bestand der entscheidende Karrierekick?
Es gab keinen Kick, es gab eine Entwicklung und „plötzlich“ fand ich mich in der Philharmonie wieder.

Sie haben eine Fülle von Dichterzitaten parat, beispielsweise von Schiller. Inwiefern spricht Ihnen sein Marquis Posa aus dem Herzen?
Ich habe versucht, meinen Träumen treu zu bleiben.

„Burg Waldeck – eine lebenswendende Erfahrung“

Wie haben Sie Ihre ersten Auftritte in Erinnerung?
Mein erster Auftritt auf der Burg Waldeck 1966 war für mich eine lebenswendende Erfahrung.

Einen besonderen Stellenwert scheint Carl Michael Bellman für Sie zu haben. Was machte das Bellman-Projekt so bedeutsam für Sie?
Es war mir eine besondere – und seltene – Freude, die Bellman-Platte mit meinen Freunden Klaus Hoffmann und Reinhard Mey, die Bellman ebenso lieben wie ich, aufzunehmen.

Sie sind mit Künstlertemperamenten aufgetreten, die nicht unterschiedlicher hätten sein können. Gab es Kollegen, die Sie besonders beflügelt haben?
Sie haben mich nicht beflügelt, ich war nur dankbar, dass es sie gab – und bin das heute noch.

Sie gehören zur selben Generation wie Bob Dylan, Joan Baez und Mercedes Sosa. Geistes- oder Seelenverwandte für Sie?
Ich fühle mich niemandem verwandt. Ich habe eine hohe Wertschätzung für die von Ihnen genannten Kollegen und Kolleginnen.

„Lesen Sie Ihren Kindern vor!“

„Hans, der Träumer“ wurden Sie als Schulkind genannt. Was würden Sie jungen Träumern und Ihren Eltern zur Ermutigung sagen?
Lesen Sie Ihren Kindern vor und lassen Sie Ihre Kinder Bücher lesen. Lesen Sie selbst Bücher als Vorbild für Ihre Kinder.

Ist die Musikkultur der Liedermacher vom Aussterben bedroht?
Ich habe den Eindruck, dass sich immer wieder Leute ans Klavier setzen oder zur Gitarre greifen und musizieren, auch ganz junge Leute.

Bleiben wir bei den Gleichgesinnten. Das Schlusswort in Ihrer Autobiografie ist inspiriert von Jean Ziegler. Was macht ihn für Sie persönlich und politisch so bedeutsam?
Ich halte ihn für einen besonders scharfsinnigen und unerschrockenen Globalisierungs-, Kapitalismus- und Neoliberalismuskritiker.