© Björn Lauer

Traumnacht bei Hugendubel

Geschätzte Lesezeit ca. 16 Minuten

WÄHREND WIR NORMALLESER am 3. September zur Bettlektüre griffen, erfüllte sich für Ilija Trojanow ein Traum: Der weit herumgekommene Schriftsteller und „Weltensammler“ ging eine ganze Nacht lang auf Entdeckungsreise ins Unbekannte: in unserer Frankfurter Buchhandlung am Steinweg. Was ihn lockte und wie Hugendubel eine besondere Bedeutung in seiner Biografie als Büchermensch bekam, verrät er uns hier.

© Björn Lauer

Bei Ihnen fällt den meisten Lesern „Weltensammler“ ein. Wie sehen Sie sich selbst?
Die Shona in Simbabwe sagen: „Mensch können dich nur die anderen nennen.“ Ich weiß über manches halbwegs Bescheid, am wenigsten aber über mich selbst.

Wo und wie sind Sie zum Leser geworden? Tatsächlich schon als Junge in der Bibliothek des Goethe-Instituts in Kenias Hauptstadt Nairobi?
Früher noch, als Schüler im Kenton College, einem sehr britischen Internat in Nairobi, Kenia. Die Schulbibliothek bot gerade so genug Leseproviant für die vier Jahre, die ich dort verbracht habe. Später, als Jugendlicher war es tatsächlich die Bücherei des Goethe-Instituts. Es war mir ein Anliegen, Bücher zu „retten“, also solche Werke auszuleihen, die noch keinen Stempel auswiesen, also ungelesen waren. Als ich nach zwanzig Jahren wieder hinging, hob derselbe Bibliothekar – etwas in die Jahre gekommen – seinen Kopf, erblickte mich und sagte wie selbstverständlich: „Hallo, Ilija.“

„Lies deine Feinde!“

Der Philosoph Alain de Botton spricht wohl vielen Lesern aus dem Herzen mit seiner Feststellung, dass man in Büchern Geistes- oder Seelenverwandte entdecken kann. Wie würden Sie die besondere Bedeutung auf den Punkt bringen, die Bücher für Sie haben?
Das erscheint mir eine etwas enge Auffassung von den Segnungen des Lesens zu sein. Bücher sind aufregend, weil sie mich mit anderen Seh- und Denkweisen konfrontieren, mit mir unbekannten und durchaus auch befremdlichen Perspektiven und Haltungen. Ich kann jedem nur raten: Lies deine Feinde, dann wird die Zahl deiner Feinde abnehmen.

Welche Bücher sind Ihnen zu Lebensbegleitern geworden?
Der Duden. Weil Deutsch nicht meine Muttersprache ist, muss ich öfter nachschlagen. Weswegen ich es manchmal genauer weiß als die Muttersprachler, die sich auf ihr Gefühl verlassen.
Ein Weltatlas. Mein Finger ist immer größer und breiter geworden, aber weiterhin gleitet er fasziniert über die Topografien dieses kleinen fragilen Planeten.
Büchner, Werke. Was für ein Genie: Das erschütterndste moderne Drama („Woyzeck“), die schönste Novelle („Lenz“), die bezauberndste Komödie („Leonce & Lena“) und ein frühdemokratisches Pamphlet von seltener humaner Größe („Der Hessische Landbote“). Hätte er nur zehn Jahre länger gelebt, er hätte Goethe überragt.
Trakl, Gedichte. Meine erste erotische Begegnung mit der deutschen Sprache und immer noch ein grenzenloses Staunen vor den Höhlen und Wolken dieses Dichters.

„Eindeutig ein eigenwilliger Verkoster“

Welcher Lesertyp sind Sie? Quer? Oder ganz genau von A bis Z? Speedreading?
Eindeutig ein eigenwilliger Verkoster, der hier und dort mal seinen Löffel eintaucht und oft zum nächsten Topf weiterzieht. Wenn die Aromen mich aber betören, löffle ich den ganzen Topf leer und schlecke ihn dann auch noch aus.

Wann und wie kamen Sie eigentlich auf die Idee, inmitten vieler Bücher zu übernachten? Ihr Jugendtraum?
Ja, ein uralter Traum. Das Paradies, gleich jetzt, heute Nacht.

Warum eigentlich keine Stadt- oder Universitätsbibliothek? Warum vorzugsweise Buchhandlungen?
Weil ich in eine Bibliothek aus Notwendigkeit gehe, in eine Buchhandlung aus Lust.

„Sehr viel Zeit in Hugendubel-Häusern zugebracht.“

Und warum fiel Ihre aktuelle Wahl auf die Frankfurter Hugendubel-Buchhandlung am Steinweg? Was lockte Sie, ausgerechnet hier zu übernachten?
Als Student und später als Verleger in München habe ich sehr viel Zeit in den Hugendubel-Häusern zugebracht, als Jäger und Sammler. Zwischen den Etagen die bequemen Sitzplätze, wo ich unzählige Bücher angelesen habe, zur Prüfung, aber auch nur so, zum Reinschmecken, aus flüchtiger Neugier. In Kenia, wo ich aufwuchs, war der Zugang zu Neuerscheinungen extrem begrenzt, in München wurde ich in ein Füllhorn gelockt und fand dort ein neues Problem vor: die Qual der Wahl.

Auf Reisen legen Sie sich ja bekanntlich vorher gar nicht so genau fest, um nicht mit Tunnelblick durch die Gegend zu gehen. Wie ist das bei Ihrem Übernachtungsprojekt in der Buchhandlung? Machen Sie das nach Plan oder spontan?
Spontan, stets spontan!

Schaffen Sie es, in Ihren privaten Buchbeständen kontinuierlich Ordnung zu halten?
Penibel ordentlich, anhand einer bibliografischen Software, jedes meiner knapp 8000 – genauer gesagt: 7862 – Bücher ist erfasst.

Welche Abteilungen, Sortimente, Themen oder Stichworte locken Sie besonders?
Alle! Das ist der Vorteil einer Buchhandlung im Gegensatz zum Internet. Hier stoße ich vielleicht auf etwas, das ich gar nicht gesucht habe. Im Internet werde ich anhand meiner Interessen durch die unfassbaren Weiten des Netzes geleitet.

„Dann liegt Kalkutta … an der Isar.“

Werden Sie bei Hugendubel auch Bücher signieren? Was lassen Sie sich Spezielles einfallen?
Ich signiere oft eigenwillig und personenabhängig. Kalligrafisch oder kartografisch. Das bietet sich beim „Weltensammler“ besonders an, dann liegt Kalkutta auf einmal nicht am Ganges, sondern an der Isar.

Worauf freuen Sie sich am meisten vor Ihrer Frankfurter Hugendubel-Übernachtung?
Auf die Ruhe und Freiheit, niemand kann mich stören, das Paradies gehört mir allein – Begier enthält „Gier“, Neugier auch!

Ihre Liebe zu Buchhandlungen ist keineswegs einseitig, sondern Sie haben große Wertschätzung erfahren, als Sie 2018 den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels erhielten. Welche Bedeutung hat diese Auszeichnung für Sie? Was macht sie besonders?
Es gibt erstaunlich wenige Auszeichnungen durch den Buchhandel (der Friedenspreis des deutschen Buchhandels ist natürlich eine bedeutende Ausnahme), obwohl dieser beim wichtigsten kulturellen Gut unserer Zivilisation eine zentrale und entscheidende Mittlerfunktion innehält. Insofern ist so eine Auszeichnung etwas ganz Besonderes, zumal ein Buchhändler die Laudatio hielt. Neulich hat er mir stolz verkündet, dass er in seiner Innsbrucker Buchhandlung so viele Exemplare meines Buches „Nach der Flucht“ verkauft hat wie ganz Sachsen und Bayern zusammen (geschätzt): Er hat einfach jedem Kunden das Buch angetragen, mit Verve und Charme. Das ist doch großartig, so etwas gibt es im digitalen Raum nicht.

DONNERSTAG, 3. SEPTEMBER 2020, 20.15 Uhr: Heute ist alles anders – und auch nach Ladenschluss noch Leben auf den Etagen: Bevor er sich in den Feierabend verabschiedet, schaut sich unser Buchhändler Björn Lauer noch einmal um, ob der späte Besucher auch wirklich mit allem versorgt ist. Getränke? Proviant? Alles okay? Aber ja. Bestens. Lauer geht, Ilija Trojanow bleibt, um sich seinen Übernachtungstraum in bester Gesellschaft von Büchern zu erfüllen. Klar, dass wir gleich am 4. September gefragt haben, wie es war.

Warum wollten oder mussten Sie bei dem Übernachtungsprojekt unbedingt ganz allein sein? Ist es nicht eigentlich viel bereichernder und beglückender, Leseentdeckungen zu teilen und sich auszutauschen?
Ein Leidenschaftlicher teilt das Objekt seiner Begierde ungern mit anderen. Außerdem ermöglicht die Stille einen anderen Fokus, ohne Ablenkung. Für Austausch wäre eh keine Zeit gewesen, ich habe gut sieben Stunden gebraucht, um einigermaßen die Weiten des Bücherraums zu durchschreiten.

Was haben Sie als Erstes gemacht?
Ausgiebig mit dem Buchhändler Björn Lauer gesprochen und mich gestärkt.

Welchem Kompass sind Sie bei Ihrer Entdeckungsreise durch die Buchhandlung gefolgt?
Der Architektur der Buchhandlung folgend von oben nach unten, systematisch. Angefangen mit Sprache – Duden und Konsorten, aufgehört bei den fremdsprachigen Büchern.

Hatten Sie eine Prioritäten- oder Wunschliste?
Nein. 

„Etwas entdecken, wonach man gar nicht gesucht hat.“

Nach eigener Einschätzung sind Sie ein „eigenwilliger Verkoster“. Was hat Sie am meisten gelockt?
Das Beste an einer guten Buchhandlung: Etwas zu entdecken, wonach man gar nicht gesucht hat. 

Wonach haben Sie die angelesenen Bücher ausgewählt?
Wie immer: eine Mischung aus Zufall, Attraktivität des Covers oder des Titels oder aber Bildungsbeflissenheit. 

Wo in der Buchhandlung haben Sie Ihren Lieblingsplatz gefunden? Wo haben Sie vorzugsweise gelesen?
Stets dort, wo das Buch sich befand. Das Schöne bei Hugendubel ist ja, das sich Sitzgelegenheiten nie weit von einem entfernt befinden. Aber ich war meist in Bewegung, habe wie gewohnt oft im Stehen gelesen. 

Stecken Sie doch mal bitte den Radius Ihrer Entdeckungsreise ab: In welchen Epochen haben Sie sich bewegt? Und wo geografisch?
Ganz einfach: Alle Abteilungen, dort so viele Bücher wie möglich zumindest kursorisch betrachtet, mir Gedanken gemacht über die thematischen Schwerpunkte und die Gewichtung. Einzelne Bücher in die Hand genommen, hineingeschnuppert.

Was war Ihre schrägste Entdeckung?
Die Vielzahl an Corona-Büchern. Erstaunlich, wie schnell manche Zeitgenossen denken, analysieren und schreiben können.

„Gibt es in Deutschland mehr Krimis als Morde?“

Was hat Sie am meisten verblüfft oder erstaunt? Und was am positivsten überrascht?
Die Vielzahl an Krimis. Es gibt in Deutschland mehr Krimis als Morde! Die Qualität der fremdsprachigen Abteilung, Chapeau! 

Bei Büchern haben Sie ja einen ausgeprägten Ordnungssinn. Haben Sie entsprechend in der Buchhandlung interveniert?
Gelegentlich ein wenig Ordnung gemacht, aus Instinkt. Es gibt offenbar erstaunlich viele Kunden, die angelesene Bücher sonst wohin abstellen, zudem krumm, quer und schief.

Haben Sie Spuren oder Inspirationen oder Irritationen hinterlassen?
Ich habe mich natürlich bemüht, keine Spuren zu hinterlassen. 

Haben Sie sich einen Mitternachtsimbiss mitgebracht?
Die Gastfreundschaft von Hugendubel hat dafür gesorgt.

Wein oder Wasser? Was ziehen Sie beim Lesen vor?
Immer Wasser. Sehr viel Wasser. Die Quelle manch einer Buchhandlung ist daran versiegt. 

Was haben Sie mitgenommen? Ob Bücher im Rucksack beziehungsweise Rollkoffer oder neue Lesevorhaben?
Eine Tragetasche voller Schätze. Aber welche das sind, bleibt natürlich mein Geheimnis.