© Bernhard Haselbeck

Romanwerkstatt auf Rädern

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INY LORENTZ – dahinter verbirgt sich Deutschlands meistgelesenes Autoren-Duo. Gemeinsam haben Iny Klocke und Elmar Wohlrath bereits über 50 Romane verfasst. Für die Hörbuchfassung von „Die Wanderhure“ wurden sie 2011 mit dem „Goldenen Hörbuch“ prämiert – für mehr als 100.000 Exemplare. Das produktive Duo bringt es auf 12 Romanseiten pro Tag und auf einen Bestseller nach dem anderen. Trotz sagenhaften Erfolgs sind die beiden bodenständig geblieben. Persönliche Einblicke gewähren sie in „Die Wander­schrift­steller“: Autobiografie, Reisereportage und zugleich Entstehungsgeschichte ihrer Werke.

©  Bernhard Haselbeck

Iny Lorentz gibt es nur im Doppelpack. Zwei Persönlichkeiten, die wie aus einem Mund antworten. Wie erleben Sie das selbst?
Wir sehen uns als Symbionten, die sich gesucht und gefunden haben, um sich gemeinsam Geschichten auszudenken.

Sie beide sind leidenschaftliche Leser. Wie haben Sie die Welt der Bücher für sich entdeckt?
In unserer Jugend war Lesen das Eintauchen in eine faszinierende Welt, in der wir häufig weilten und die in uns beiden schon bald den Wunsch hervorrief, eigene Geschichten zu entwickeln. Doch auch im Alter besitzt das Lesen für uns immer noch einen ganz besonderen Reiz.

„Dank „Der Herr der Ringe“ haben wir uns kennengelernt.“

Welche Ihrer Lektüren würden Sie als Schlüsselerlebnisse für Ihre Entwicklung als Autoren bezeichnen?
Uns hat die Gesamtzahl der Bücher geformt und kein einzelnes Buch. Herausheben kann man höchstens „Der Herr der Ringe“ von J. R. R. Tolkien, da es uns beide in den Fantasy-Club geführt hat, in dem wir uns kennengelernt haben.

In Weimar gibt es – unter anderem – das Goethe- und das Schillerhaus, in Lübeck das Buddenbrookhaus. Wenn irgendwann mal ein Iny-Lorentz-Haus eröffnet wird: Was wären die drei Herzstücke unter den Exponaten?
So etwas liegt außerhalb unseres Erwartungshorizonts. Wenn, wäre es das Haus, in dem wir leben. Als Herzstücke könnten wir uns die erste Kurzgeschichtensammlung vorstellen, in der wir beide vertreten waren, mit „Die Kastratin“ der erste Iny-Lorentz-Roman und eines der Lieblingsstücke aus unserer Sammlung, die wir auf unseren Reisen zusammengetragen haben.

Welcher Ihrer Romanfiguren wären Sie am liebsten wirklich begegnet?
Eigentlich allen zu einem Plausch bei Tee oder Kaffee.

Der Titel Ihres neuen Buches verspricht neben einem Wiedersehen mit Ihrer wohl bekanntesten Heldin „Die Wanderhure“ auch Einblicke in Ihr Autorenleben. Mit welcher Grundidee haben Sie sich ans Schreiben gemacht?
Die Anregung dazu kam von unserer Agentin. Sie hat sehr oft von unseren Reisen gehört und Bilder gesehen. Sie sagte, dass es unsere Leserinnen und Leser sicher interessieren würde zu erfahren, welche Reisen wir für unsere Romane unternehmen. Uns war es wichtig, sowohl die angenehmen wie auch die weniger angenehmen Aspekte dieser Reisen aufzuzeigen.

Für Iny Lorentz scheint das Reisen eine Existenzform zu sein, oder?
In unserer Jugend hatten wir kaum Gelegenheit zu reisen. Als wir zusammengezogen sind, wollten wir die Welt, die wir bislang nur aus Büchern kannten, selbst erkunden. Mittlerweile brauchen wir die Reisen für unsere Recherchen und können unterwegs auch am besten neue Romanstoffe entwickeln.

Fünf-Sterne-Hotel oder Zelten mit Blick auf den Nachthimmel? Was entspricht Ihnen mehr?
Die Zeit mit dem Zelt war schön. Inzwischen ziehen wir jedoch den Wohnwagen vor, da wir darin am besten arbeiten können. Bei Hotels ist es immer ein Vabanque-Spiel, ob wir, da Iny gehbehindert ist, mit der Örtlichkeit zurechtkommen oder nicht.

„Im Wohnwagen versinkt die Welt um uns herum“

In so einem Wohnwagen muss man ja auf engstem Raum miteinander klarkommen – es gibt keine Schmollecken, in die man sich beleidigt zurückziehen kann. Wie schaffen Sie beide es unter diesen Umständen, sich beim Plotentwickeln und Schreiben und Feilen immer zu einigen?
Im Wohnwagen hat jeder seine Ecke, in der er arbeitet. Wenn wir dort in unsere Geschichten eintauchen, versinkt die Welt um uns herum. Da reißt uns höchstens ein Rasenmäher aus der Konzentration, wenn er am Nebenplatz mit Vollgas den Rasen stutzt. Und im Gegensatz zu einem Hotelaufenthalt werden wir nicht von der Putzkolonne gestört. Außerdem haben wir dort genug Tee, Obst und etwas zum Naschen und müssen auf niemand anderen als uns selbst Rücksicht nehmen.

Welche Arbeitsweise hat sich bei Iny Lorentz bewährt? Gibt es eine bestimmte Aufgabenverteilung?
Wir entwickeln gemeinsam den Plot und machen unsere Reisen. Die weitere Recherche übernimmt hauptsächlich Elmar. Er verfasst nach vielen Gesprächen den Rohtext, den Iny dann in fünf weiteren Arbeitsschritten in die endgültige Fassung bringt.

„Gut zweimal um die Erde – um die 80.000 km“

Auf welchen gemeinsamen Kilometerstand bringen Sie es inzwischen als recherche- und reisefreudiges Autoren-Ehepaar?
Gut zweimal um die Erde. Die weiteste Recherchereise führte dabei nach Tahiti und auf etliche andere Südseeinseln. Mehrere andere Reisen brachten es mit allen Abstechern, die wir gemacht haben, auf je gut 10.000 Kilometer.

Wie würden Sie sich denn selbst in der Reisetypologie einordnen? Sind Sie eher spontan oder mögen Sie es lieber sorgsam geplant?
In unseren frühen Zeiten sind wir auch schon mal spontan aufgebrochen. Mittlerweile bedeutet Reisen zumeist auch Recherche, und da gilt es sorgsam zu planen, wo genau wir hinreisen und was wir dort alles anschauen müssen.

Warum ist Ihnen Vor-Ort-Recherche so wichtig? Was genau müssen Sie an Ort und Stelle einatmen oder erspüren oder ergründen?
Für uns ist es wichtig, die Landschaften, in der unsere Romane spielen, zu sehen und uns vorzustellen, wie sie in jener Zeit ausgesehen haben. Ein weiterer wichtiger Punkt sind regionale Aufzeichnungen und Chroniken, die man meist nur vor Ort erhält und die für die Ausarbeitung der Romane immens wichtig sind.

Einen prominenten Platz in Ihrem neuen Buch nimmt natürlich „Die Wanderhure“ samt Fortsetzungen ein. Wie würden Sie die Bedeutung der Romanreihe für Iny Lorentz auf den Punkt bringen?
Natürlich besitzt die Wanderhure für uns einen hohen Stellenwert, doch es ist nicht so, dass sie die Heldinnen unserer anderen Romane verdrängt. Für uns ist jede von ihnen wichtig. Der Wanderhuren-Reihe verdanken wir das, was wir heute sind. Es haben aber von Giulia über Lea, Lore, Nizhoni bis Klara alle anderen ebenfalls zu unserem Erfolg beigetragen.

Welche Schauplätze würden Sie reiselustigen Fans ans Herz legen?
Hiva Oa in der Südsee, Island mit seinen Gletschern und Vulkanen, die Stadt Zamość in Ostpolen, Apulien und in Deutschland die Gegend um Würzburg, die Heimat unserer Wanderhure, und das Thüringer Schiefergebirge.

Wie schaffen Sie es, der Wanderhure Marie Schärer und den weiteren Protagonisten immer neue Erzählstoffe zu entlocken und auf den Leib zu schreiben?
Wir haben das große Glück, dass kleine Anstöße genügen, um in uns Ideen auszulösen. Dadurch können wir innerhalb kurzer Zeit einen groben Ablaufplan entwickeln, der dann durch genaue Recherche in eine feste Form gegossen wird. Am leichtesten geht dies übrigens auf Reisen!

„Originale, wie alte Stadtpläne, zu finden, ist ein Geschenk“

In Hamburg haben Sie einen Glücksgriff gemacht – in Form eines Originalstadtplans aus dem Jahr 1810. Was macht ihn so wichtig für Sie?
Für uns war dieser Stadtplan ein Geschenk, da er Hamburg vor dem großen Stadtbrand von 1842 und damit zur Zeit unserer Romanreihe zeigt. Ähnliche Glücksgriffe hatten wir auch bei anderen Romanen. So gab eine Caracalla-Ausstellung im Römerkastell Aalen den Anstoß zu „Die steinerne Schlange“.

Wie sorgsam Sie zu Werke gehen, belegt beispielsweise der „Wandernde Heilkräuterpreis“, den Sie verliehen bekamen. Welche geschichtliche Besonderheit ist damit verbunden?
Der wandernde Heilkräuterpreis der Stadt Königsee wird an Personen und Organisationen verliehen, die die Traditionen in der Region des Thüringer Schiefergebirges aufrechterhalten. Wir erhielten ihn, weil wir die Erinnerung an die Buckelapotheker aus den ehemaligen Schwarzburger Fürstentümern mit unseren Romanen um „Die Wanderapothekerin“ einer deutschlandweiten Leserschaft nahegebracht haben.

Bei Ihren Recherchereisen stehen auf Ihrer Liste immer auch Sammlungen und Museen, die Sie noch gar nicht für ein konkretes Romanprojekt verwerten können. Was bringt es Ihnen, auf Vorrat zu recherchieren?
Wir finden auf diese Weise Schauplätze, Zeitepochen und auch Geschehnisse, die uns wiederum bei den Überlegungen für neue Romanprojekte zugutekommen. Auf diese Weise können wir neue Ideen rasch mit dem entsprechenden Handlungsrahmen und passenden Handlungsorten verbinden.

Wer sich bei Autoren ein Bohemeleben vorstellt, ist bei Ihnen beiden wohl auf dem Holzweg. Lange Zeit waren Sie sogar noch in Ihren alten Brotberufen tätig und mussten damit Ihre Schreibprojekte koordinieren. Was war die größte Herausforderung?
Unser Leben auf diese Weise zu führen, erforderte vor allem Disziplin und die Bereitschaft, sich einzuschränken. Neben der Arbeit und dem Schreiben blieb für Anderes kaum Zeit. Inzwischen sind wir hier etwas freier. Die Disziplin beim Schreiben behalten wir jedoch nach wie vor bei.

„Geschichten auszudenken ist ein Teil unseres Lebens“

Und was macht Ihnen das Schreiben so wichtig?
Uns Geschichten auszudenken ist seit unserer Jugend ein Teil unseres Lebens. Es nicht mehr tun zu können, wäre das Schlimmste, was uns passieren könnte.

Als Schriftstellerehepaar sind Sie nicht nur Iny Lorentz, sondern z.B. auch Eric Maron. Da könnte man jetzt mit Richard David Precht fragen: Wer sind Sie und wenn ja: wie viele? Welche Bedeutung haben die Pseudonyme für Sie?
Um die Spannung zum Schreiben historischer Romane zu erhalten, braucht Elmar gelegentlich Abwechslung, sprich den Wechsel in ein anderes Genre. Unsere Agentin bestand von Anfang an darauf, für jedes Genre und jeden Verlag ein anderes Pseudonym zu verwenden. Derzeit sind wir allerdings nur als Iny Lorentz unterwegs, doch wird sich dies irgendwann wieder ändern.

Womit belohnen Sie sich beispielsweise für das Goldene Hörbuch oder sonstige Erfolge?
Diese Erfolge sind Belohnung genug! Vor allem sind sie Ansporn, nicht nachzulassen und für unsere Leserinnen und Leser die Bücher zu schreiben, die sie sich von uns wünschen.

Wohin führen Sie Ihre nächsten Recherchereisen?
Unsere nächste Recherchereise wird durch Frankreich und Spanien bis nach Portugal führen. Inys kühnster Wunsch ist eine Reise nach Neuseeland, um unsere Südseerecherchen abzuschließen, während Elmar davon träumt, Australien von Norden nach Süden zu durchqueren.

Als Autorenduo planen Sie bekanntermaßen weit voraus: Welche Buchprojekte haben Sie aktuell in Arbeit?
Soeben ist ja „Der Fluch der Rose“ erschienen, für den wir mit dem Wohnwagen eine schöne Recherchereise nach Kärnten und Venetien gemacht haben. Jetzt arbeiten wir am Südseezyklus, dessen erster Band 2021 erscheinen wird.