© Peter-Andreas Hassiepen

Ich wage, also bin ich

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DAS MARKENZEICHEN von Rüdiger Safranski sind meisterhafte Porträts von Größen der Kulturgeschichte und Epochen. In seinen Bestsellern, z.B. über Goethe und Nietzsche, erweist sich der hervorragende Experte und brillante Erzähler auch selbst als Poet. Er versteht sich auf „die hohe Kunst der Verständlichkeit und er steckt mit Erkenntnisfreude an“, so die Jury bei der Verleihung des Hölderlin-Preises. Diese typischen Qualitäten vereint auch sein hochaktuelles und zugleich zeitloses neues Buch „Einzeln sein“ über das Spannungsverhältnis zwischen Individualität und Gemeinschaft.

© Peter-Andreas Hassiepen

Bevor wir in die Philosophie eintauchen, wollen wir auf das zu sprechen kommen, was wohl im Moment den meisten Menschen spontan zum „Einzeln sein“ einfällt: die durch Corona erzwungene Vereinzelung. Wie haben Sie sie erlebt und wie hat sie die Arbeit an Ihrem Buch beeinflusst?
Der Plan zu diesem Buch bestand schon vor Corona. Aber wesentliche Teile habe ich während der Pandemie geschrieben. Da man in diesen Monaten auf neue Weise vereinzelt wurde, haben die Umstände sehr gut zum Thema gepasst.

Was hat Ihr Interesse – als Philosoph und als Privatmensch – am Einzeln-sein geweckt?
Natürlich freut man sich, wenn man mit anderen übereinstimmt.  Aber die Lebensgeister werden mindestens ebenso wachgerufen, wenn man als Einzelner sich behaupten muss, wenn man etwas Eigenes entdeckt und festhält. Seine Einzelheit annehmen, bedeutet, es bei sich selbst auszuhalten. Wer davor flieht, den wird auch die Gesellschaft nicht glücklich machen.

Wunderbare, auch ermutigende Beispiele.

„Einzeln sein“ umfasst die unterschiedlichsten Empfindungen und Interpretationen. Was war für Sie die Kernfrage oder das Erkenntnisinteresse bei der Arbeit an Ihrem Buch?
Jeder Mensch ist ein Einzelner, insofern gibt es nur Einzelne. Aber nicht jeder kann etwas damit anfangen. Viele fliehen vor ihrer Einzelheit. Dann gilt: Jeder ist wie der andere und keiner ist er selbst. Aber es gibt wunderbare, auch ermutigende Beispiele, das Einzeln-Sein anzunehmen und daraus das Beste zu machen. Davon erzählt das Buch und natürlich auch von den Problemen, die sich dabei ergeben.

Was kann nach Ihrer Idealvorstellung die Philosophie leisten, um mit unserem Alltag, aber auch mit den Überraschungen des Lebens besser zurechtzukommen?
Philosophie ist doch nichts anderes als Nachdenken über das Leben gerade dann, wenn es sich nicht von selbst versteht und man auf sich selbst zurückgeworfen wird. Wenn man sich also einzeln erfährt. Wenn man sich selbst auffällig wird, kann das Philosophieren beginnen. Man blickt dann anders auf die Welt und kann dabei wunderbare, aber auch weniger wunderbare Entdeckungen machen.

Im Untertitel kündigen Sie „Eine philosophische Herausforderung“ an. Wie lässt sie sich auf den Punkt bringen?
Konsens ist gut, Abweichung ist noch besser.

Die Lektüre könnte man vergleichen mit einer Pilgerreise durch die Kulturgeschichte – inklusive Orientierung durch das Hier und Jetzt. Wie würden Sie es nennen?
Pilgerreise ist ein wenig zu fromm. Sagen wir: eine Wanderung auf verschlungenen Wegen zwischen Sehenswürdigkeiten und Denkwürdigkeiten.

„Das hatte einen großen Zauber.

Ihr philosophischer Parcours beginnt an der Schwelle zur Neuzeit. Was spricht dafür?
Es ist ganz einfach so, dass in der frühen Neuzeit ein neuer, frischer Sinn für Individualität erwacht ist.  Das hatte einen großen Zauber, es war eine starke Ermunterung, sich selbst zu fühlen und zum Ausdruck zu bringen. Mit der Entdeckung der Individualität begann die atemberaubende Karriere des Westens.

Als Auftakt bringen Sie die oberitalienische Renaissance zum Strahlen. Was ist für Sie die treibende Kraft dieser einzigartigen kulturellen Blüte?
Zuvor waren die Nachahmung und die Nachfolge dominierend. Jetzt bekommt das Unnachahmliche und insofern Schöpferische den entscheidenden Wertakzent.

Das Menschenbild und die Selbstsicht von Leonardo da Vinci erschließen Sie nicht zuletzt aus seinem „Philosophischen Tagebuch“. Was offenbart es Ihnen?
Ein ungeheures Selbstbewusstsein. Leonardo wusste, dass er Leonardo war.

Einen schillernden Auftritt gewähren Sie Pico della Mirandola. Was ist für Sie das Interessante an seiner Persönlichkeit und Entwicklung als Einzelner?
Er hatte  die frappierende Idee, dass der Mensch gewissermaßen ein Halbfabrikat ist. Er muss sich erst noch fertig machen. Dieses Werk der Selbstvervollkommnung hat Gott also dem Menschen überlassen. Ein wunderbar frecher Gedanke – diese metaphysische Arbeitsteilung zwischen Gott und dem Einzelnen.

Nicht nur die Alpen, sondern Welten scheinen zu liegen zwischen der oberitalienischen Renaissance und Deutschland zu Zeiten Martin Luthers. Was prägte aus Ihrer Sicht das geistige Klima und das Leben der Einzelnen?
Luther war nun wirklich ein bärenstarker Einzelner, der, von Umständen begünstigt, schließlich eine ganze Welt, die Welt der Kirche, zum Einsturz brachte. Wodurch? Durch seine höchst persönliche Affäre mit einem höchst persönlichen Gott.

„Das Gefühl von Souveränität.

Mehr denn je hat es die Menschen in letzter Zeit in die Natur gezogen – zu Ausflügen oder Picknicks. Richtig ernst gemacht hat hingegen Henry David Thoreau. Was ist für Sie das Beeindruckende an ihm als Einzelnem und was das Inspirierende an seinem 1845 begonnenen Experiment?
Thoreau hat ausprobiert, auf wie viel er verzichten konnte und ob man von allen guten Geistern verlassen ist, wenn man auf sich selbst zurückkommt. Er fand heraus, dass er zwar nicht für immer, aber doch eine Weile lang an sich selbst genug haben konnte. Das erst gibt das Gefühl von Souveränität. Thoreau handelte nach dem Prinzip: Der Verzicht bereichert.

Ernst Jünger stellen Sie uns ebenfalls als „Waldgänger“ vor. Was hat es mit diesem Typus auf sich?
Ernst Jünger nimmt den Impuls von Thoreau auf. Auch ihm geht es um die Wiederherstellung von persönlicher Souveränität. Aber es kommt noch anderes dazu, partisanenhafte Militanz etwa und Spiritualität.  Eine Mischung, die nicht jedem gefällt. Aber was ein richtiger Einzelner ist, der will auch nicht jedem gefallen. Er muss nicht anschlussfähig sein. Man muss auch gelassen und selbstbewusst exklusiv sein können.

Einzeln sein hat viel mit dem Versprechen von Freiheit zu tun. Wer lebte das für Sie am eindrucksvollsten und mutigsten von Rousseau bis zu Hannah Arendt vor?
Montaigne, Diderot, Ricarda Huch und Hannah Arendt.

Im Vorwort schreiben Sie, dass Einzeln sein auch bedeutet, „womöglich auf Zustimmung verzichten zu können“. Wie sehr steht uns denn da Ihrer Einschätzung nach das Wetteifern um Likes, Klicks und Follower in der digitalen Welt im Weg?
Das sind tatsächlich schlechte Zeiten für die Lust, einzeln zu sein. Wer in der Blase bleibt, ist noch nicht richtig zur Welt gekommen, schon gar nicht als Einzelner. Ich jedenfalls bin vorsichtig, wenn der Herdentrieb angestachelt wird.

Zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft, individuellen und kollektiven Interessen kommt es mitunter zu heftigen Zerreißproben, wie sich gerade durch die Corona-Dispute gezeigt hat. Welcher konstruktive Lösungsansatz empfiehlt sich da?
Das oberste Prinzip ist nicht der Selbstschutz, sondern zu vermeiden, andere anzustecken. Für sich selbst mag man Risiken eingehen, nicht aber darf man andere mit Risiken belasten.

Montaigne ist lässig und gelassen.

Zweifelsfrei einer der unabhängigsten und lebendigsten Denker in ihrem Buch ist Michel de Montaigne. Was ist für Sie das Imponierende an ihm und was sagt er uns heute?
Montaigne ist auf radikale Weise nicht radikal. Er kultiviert sein Einzeln sein nicht im radikalen Rückzug, sondern bleibt unter den Leuten, aber mit Abstand. Er ist lässig und gelassen. Er ist der vollkommene Gegentypus zu jeder Spielart von Fanatismus und Fundamentalismus.

Was hat Sie bei der Arbeit an Ihrem Buch am meisten fasziniert? Was haben Sie für sich persönlich als größten Gewinn empfunden?
Ich war zu Gast bei so unterschiedlichen Einzelnen und habe von ihnen gelernt. Das hat mich bereichert und zuversichtlich gemacht. Gesellschaft ist unverzichtbar, aber sie ist nicht alles, man sollte sich nicht von ihr verschlingen lassen.

Welche Ermutigung würden Sie Ihren Lesern mitgeben für die alltäglichen und besonderen Herausforderungen des Einzeln-seins?
Probieren Sie es mal! Sie werden Ihr blaues Wunder erleben.