© Katja Vogt

MAMMA MIA!

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MIT DREI KINDERN aktiv als Dipl.-Pädagogin und Familienbegleiterin, erfolgreich als Autorin von Büchern über geborgenes Aufwachsen und als Bloggerin? Wenn es um Balanceakte zwischen verschiedenen Aufgaben und die großen Fragen vieler Frauen um das Muttersein geht, dann kann Susanne Mierau aus eigener Erfahrung schöpfen. In ihrem neuen Buch widmet sie sich lebensnah dem Spektrum essenzieller Themen: Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf, Rollenverteilung und Familienmodelle sowie Körperbewusstsein von Müttern. „Mutter. Sein.“ ist ein engagierter Versuch, Frauen vom Druck der Selbstoptimierung zu befreien.

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Was hat Ihr Muttersein mehr geprägt: die berufliche oder die private Erfahrung?
Beides: Das Muttersein hat mir alle Höhen und Tiefen des Lebens mit Kindern gezeigt und mich die Theorie in der Praxis erleben lassen – und auch die Punkte, an denen es manchmal schwer ist, die Vorstellungen und pädagogischen Ansprüche selbst umzusetzen. Aber die berufliche Erfahrung hat mir einen breiteren Blick darauf geschenkt, wie vielfältig und unterschiedlich Mutterschaft ist. Diese berufliche Erfahrung ist sehr wichtig, um eigene Erlebnisse und Empfindungen nicht zu verallgemeinern.

Wie würden Sie Ihr Kernanliegen kompakt formulieren?
Mein Wunsch, als ich mit der Arbeit an dem Buch begann, war es, Entlastung für Mütter zu schaffen und sie von überholten Ansichten und einem zu großen Druck, der auf vielen Schultern lastet, zu befreien.

Sie zeigen auf, dass unser Mutterbild kulturell geformt und an die jeweilige Gesellschaft angepasst ist. Es unterliegt also einem laufenden Wandel?
Für die Generationenkonflikte gibt es viele mögliche Ursachen: Unser Mutterbild wandelt sich, aber auch das Bild von Kindheit ist heute anders und die Rahmenbedingungen, in denen Kindheit stattfindet, sowie die mögliche Zukunft der Kinder. Was in unserer Kindheit an zu lernenden Eigenschaften und Werten besonders wichtig war, wird in der Zukunft der heutigen Kinder wahrscheinlich anders sein. Beispielsweise, wenn wir uns den möglichen Arbeitsmarkt ansehen. Bestimmte Arbeiten werden durch Digitalisierung und Automatisierung verdrängt werden und Kinder sollten daher besonders Dinge lernen, die selbständiges Denken, Kreativität, Zusammenarbeit betreffen anstatt Anpassung und Ausführung von vorgegebenen Aufgaben. Darüber hinaus stehen Mütter heute unter einem hohen Druck zur Selbstoptimierung, damit verbunden vor einer Vielzahl von Aufgaben, die frühere Generation nicht kannten. Wir sollen nicht nur gute Mütter sein, sondern noch erfolgreich im Job, dabei gutaussehend, liebevolle und leidenschaftliche Partnerinnen, gute Freundinnen …

„Elternschaft wieder auf das Wesentliche reduzieren“

Wo liegt die Herausforderung heute?
Was Muttersein heute umfasst, ist zunehmend komplexer geworden und Mütter sind mit der Vielzahl an Aufgaben, die ihnen zugeordnet werden, überfordert, da es schlicht nicht machbar ist, all die Ansprüche in normale 24-Stunden-Tage zu bekommen. Es wäre gut, wenn wir Elternschaft wieder auf das Wesentliche reduzieren könnten: Den Kindern Liebe und Schutz zukommen zu lassen – unabhängig von der geschlechtlichen Zuordnung des Elternteils oder der Elternteile.

Die sozialen Medien haben für junge Menschen eine enorme Bedeutung – auch, wenn es um das Thema Kinder, Erziehung etc. geht. Könnten Sie jeweils einen Plus- und einen Minuspunkt benennen, der Ihnen besonders auffällt?
Ein großer Vorteil ist, dass sich in den sozialen Medien Eltern zusammenfinden können und Unterstützung und Begleitung durch andere finden – einen so genannten Onlineclan. Dies gerade dann, wenn es im Alltag vielleicht an Austausch, Unterstützung und liebevoller Begleitung fehlt, weil die Familie nicht vor Ort ist, wenig Zeit hat, Freunde und Bekannte ganz andere Erziehungsvorstellungen haben und es auch schwierig ist, im vollen Alltag Kontakte gut zu halten. Auf der anderen Seite bilden die sozialen Medien aber auch meistens nicht den Alltag in allen Facetten ab, sondern nur bestimmte, eher positive Aspekte. Das kann zu einem falschen Eindruck führen, wie Familienleben bei anderen aussieht, und damit einen großen weiteren Druck ausüben.

Wenn wir uns über das Mutterbild verständigen, dann fast immer basierend auf dem deutschen Kulturkreis. Wie erreichen wir die vielen, gerade auch jungen Mütter mit Migrationshintergrund?
Das Mutterbild hat viele Einflussfaktoren wie Religion und Patriarchat, die nicht nur speziell im deutschen Kulturkreis wirken. Ich habe mich in meinem Buch besonders auf den deutschen Kulturkreis bezogen, weil wir hier durch unsere Geschichte einen besonderen Schwerpunkt und Einfluss haben, der Mutterschaft noch einmal in ein anderes Licht rückt als beispielsweise im benachbarten Frankreich. Dennoch gibt es Aspekte, die eben auch eher global zu betrachten sind und die wir gemeinsam angehen sollten. Hierfür ist es notwendig, offen und allgemein über Mutterschaft zu diskutieren, über Bindung, Rollenerwartungen und Druck.

„Frauen unterstützen, ihre individuellen Wege zu gehen“

Welchen Weg sehen Sie, Mütter zu unterstützen?
Das Mutterbild leitet sich aus einem bestimmten Frauenbild ab. Wenn wir global über Mutterschaft diskutieren wollen, müssen wir zunächst über das Frauenbild sprechen: über Selbstbestimmung, Rollen, Erwartungen, Freiheiten. Wenn wir es schaffen, die Selbstbestimmung der Frau in den Mittelpunkt zu rücken, ergibt sich darüber die Möglichkeit, Mutterschaft individuell gestalten zu können. Es soll ja gerade nicht vorgeschrieben werden: Eine Mutter muss so und so sein und nur dann ist sie eine gute Mutter. Sondern es geht um die Vielzahl der möglichen Wege, es gut zu machen und die eigenen Bedürfnisse dabei zu wahren. Wir können Frauen nur darin unterstützen, ihre individuellen Wege zu gehen, wenn wir den Weg dafür bereiten, überhaupt individuelle Entscheidungen treffen zu können.

Die Schwangerschaft rückt u. a. auch einen ganz wichtigen Aspekt in den Vordergrund: die Frage nach Geburt und Hebamme. Welche Lösungen sehen Sie für das Drama, dass wir aktuell um diese Berufsgruppe erleben?
Gebärende haben nicht nur mit der schlechten Versorgungslage zu kämpfen, sondern erfahren nicht selten auch eine u. a. durch diese Rahmenbedingungen hervorgerufene Gewalt bei der Geburt, die sich auf die weitere persönliche, aber auch familiäre Entwicklung und Bindungsentwicklung auswirken kann. Die Lösung ist hier nur in einer absoluten Kehrtwende zu finden, die politisch herbeigeführt werden muss: Frauen brauchen das Recht auf selbstbestimmte Geburten mit einer 1:1-Betreuung und der Gewährleistung einer guten Wochenbettversorgung.

Seit 2012 ist Ihre Website „geborgen-wachsen.de“ online. Das Themenspektrum reicht von der Schwangerschaft bis zur Einschulung. Wie ist die Resonanz auf Ihre Seite?
Mein Blog mit allen Social-Media-Kanälen ist seit der Entstehung beständig gewachsen. Allein das Blog verzeichnet im Monat aktuell um die 400.000 Seitenaufrufe. Dazu kommen eine eigene App, eine Facebookseite mit 78.000 NutzerInnen und angeschlossener Facebook-Gruppen für einen Austausch zu Fragen, Instagram mit 58.000 NutzerInnen. Statistisch gesehen sind es überwiegend Frauen, die die Inhalte konsumieren: 4 Prozent Männer folgen mir laut Instagram, 15 Prozent lesen auf dem Blog. Frauen markieren unter bestimmten Artikeln oft ihre Männer auf Facebook, um diese Inhalte mit ihnen zu teilen. Obwohl Frauen im Netz allgemein unterrepräsentiert sind, sind Elternthemen eher durch Mütter besetzt, obwohl es auch eine steigende Anzahl von Blogs gibt, die von Vätern geschrieben werden. Aber allein die Autorenschaft trägt ja noch nicht dazu bei, dass Eltern gleichermaßen die Inhalte konsumieren. Hier bedarf es also weiterhin der Arbeit daran, Kinderthemen, wie sie auf Elternblogs vertreten werden, aus dem alleinigen Aufgabenbereich der Mütter zu holen.

Was macht Sie persönlich als Mutter und Familienmensch glücklich?
Zeit zu haben ohne Druck.