© Bjoern Kommerell

QUELLEN DER KRAFT

Geschätzte Lesezeit ca. 33 Minuten

Immun ist kaum jemand gegen Vorstellungen, die einen in Panik versetzen: Was, wenn ich scheitere? Wenn ich finanziell nicht mehr über die Runden komme? Wenn ich alles verliere? Wenn ich allein bleibe? Ursula Karven kennt solche SOS-Situationen, aber auch die Notbremse für das Gedankenkarussell. Die Schauspielerin und Yoga-Botschafterin schildert lebensnah, wie man innere Stärke gewinnt!

© Bjoern Kommerell

„So einfach stirbt man nicht“ war Ihr erster Film seit längerer Zeit. Wie ist es vorher zu der Drehpause gekommen?
Die Drehpause hätte ich mir ganz gerne erspart. Allerdings – retrospektiv – machen einen Schicksalsschläge meistens stärker. Das war in diesem Fall sicher auch so. Der Grund für die dreijährige Pause war ein schwerer Unfall – und die Geschichte, die sich daraus entwickelt hat. Meine Psyche hatte infolgedessen mit großen Ängsten und Panik zu kämpfen. Aber das wiederum ist der Grund für dieses Buch!

Im Hinblick auf den Film, was war da in der Rückschau das Gute?
Naja, ich bin natürlich Schauspielerin mit Leib und Seele und einer großen Leidenschaft. An dem Film hat mir besonders gut gefallen, dass es ein Ensemblestück mit toller Besetzung war und ich schon immer mal gerne mit Michael Gwisdek und Michaela May drehen wollte. Und es war dann irgendwie genau alles passend! Das Drehbuch enthielt eine leicht tragische Komik, die mir sehr gefiel – insofern war das perfekt. Und der Film war richtig erfolgreich. An einem sommerlichen Sonnentag hatten wir einen Marktanteil von 17,9 Prozent – das ist echt hoch.

Verkörpert haben Sie Dr. Lotte Lorenz, eine Hautärztin, die – neben dem Drama um ihre Eltern – irgendwo zwischen Ehe-Aus und Neuanfang schwebt. Was war für Sie persönlich das Spannende und Interessante an der Rolle?
Das Spannende ist immer, wenn eine Frau auf der Leinwand eine Entwicklung macht. Die Figur startet also anders, als sie endet. Und wenn das gut geschrieben ist, dann kann der Zuschauer an dieser Entwicklung teilhaben und im besten Sinne etwas für sich persönlich mitnehmen. Wenn ich Drehbücher lese, ist es mir sehr wichtig, darauf zu achten, dass nicht nur die Geschichte spannend ist, sondern dass die Figur das Potenzial für eine Entwicklung hat. Ich lese Drehbücher ganz klar nach diesem Strang der Entwicklung und versuche später auch, genau das bestens darzustellen. Dieser Aspekt war an dieser Lotte eben sehr verführerisch – und das hat mich gereizt.

Was sind Ihre wichtigsten Projekte, die Sie in letzter Zeit mit viel Herzblut in die Tat umgesetzt haben?
Meine Firma, die „Divine Flower“ heißt. Diesen Namen hat man mir nach einer sehr harten, spirituellen Yogaausbildung mal gegeben. Übersetzt lautet er „göttliche Blume“. Damals habe ich einen Anhänger in Form einer Blüte kreiert, den ich immer getragen habe. Und meine Fans und Follower haben mich immer wieder gefragt, wo es diese Blume gäbe. Irgendwann habe ich sie herstellen lassen – und daraus ist eine Firma geworden: www.ursulakarven.de. Unser Anspruch ist, der Welt zurückzugeben, was wir ihr nehmen. Wir produzieren ausschließlich fair unter ethischen Gesichtspunkten. Beispielsweise kreieren wir unsere Mode aus recyceltem Plastik. Unser Silber kommt aus zertifizierten Minen …

Wie würden Sie denn den gemeinsamen Nenner Ihrer Aktivitäten in Worte fassen?
Dieses ist mein sechstes Yoga-Buch. Ich habe auch schon zwei Kinderbücher und drei eher spirituelle Titel geschrieben … Ich denke, was mich ausmacht, ist, dass ich gerne teile. Was mich stärker macht, das teile ich auch gerne.

„Angstfrei lebt es sich so viel besser.“

Der Unfall war also der konkrete Auslöser für dieses neue Buch?
Ja, es kann sicher jeder nachvollziehen, was Angst ist. Aber wie umfassend Angst das Leben bestimmen kann, das glaube ich, ist einem Menschen wie mir, der immer nach vorne geht, überhaupt nicht klar gewesen! Heute weiß ich, dass die Zahl der Angststörungen in unserer Gesellschaft rapide zunimmt – auch weil die Menschen überfordert sind und sich nicht mehr fühlen können. Ich hatte das große Glück, mit sehr guten Therapeuten zusammenzuarbeiten. Heute weiß ich, dass es sich bewusst und angstfrei viel besser lebt! Zumindest sollte man die Angst erkennen, denn dann ist sie nämlich schon lange nicht mehr so machtvoll. Auf diesem Weg kann man aus der Schwere heraustreten und in die Leichtigkeit gleiten. In meinem Fall bin ich da sehr tief eingetaucht in dieses Thema und dann war für mich auch klar, das muss ich teilen. Denn es gibt einen Weg aus der Angstspirale!

Wie haben Sie das Schreiben über diese Phase erlebt?
Ganz ehrlich: Das Schreiben ist ein anstrengender Prozess. Jedes Mal, wenn ich ein Buch fertig geschrieben habe, sage ich, das mache ich ganz sicher nie wieder! Weil die Idee des Schreibens und die Ausführung – das sind zwei so unterschiedliche Dinge, so viel mehr Arbeit, als man je für möglich hält. Ich für mich kann wirklich sagen, genießen tue ich diese Schreib-Phasen nicht wirklich. Ja, es ist ein Verarbeitungsprozess. Im Nachhinein über die Ängste zu schreiben, die ich überwunden habe, bringt mich zum Teil – natürlich – auch wieder dahin zurück. Und ehrlich gesagt, gibt es keinen Grund, dahin freiwillig wieder zurückzukehren – außer wenn man darüber ein Buch schreiben möchte.(LACHT) Das war ein zweischneidiges Schwert. Weil ich mich mit den Gefühlen wieder einen Hauch auf diese Vergangenheit einlassen musste. Aber letztlich ist das gegessen. Ich glaube, es ist mir gelungen, ein schönes narratives Sachbuch zu schreiben, dass vielen Menschen helfen kann!

„Ich habe keine Angst vor Offenheit.“

Sie haben sich nicht in die Maske begeben, sondern schildern Ihre Erfahrungen mit großer Offenheit und ungeschminkt. Macht einen das nicht zusätzlich verletzlich?
Ich glaube, es ist ein Geschenk meines Daseins, dass ich keine Angst vor Offenheit habe! Und es ist mir auch wirklich von meiner Urkraft geschenkt worden, dass ich immer wieder aufstehen und meine Erfahrungen schildern kann. Deshalb empfinde ich es auch als völlig normal, dass man nicht vorgibt, jemand anders zu sein, als man eben ist. Das war für mich ja keine Marketing-Geschichte, sondern es ist ein echtes, tiefes Bedürfnis, Erfahrungen zu teilen, die mir geholfen haben.

Der Buchtitel spielt nicht etwa auf Lampenfieber an, sondern auf unseren Alltag, auf Ängste, die einen nicht loslassen. Wie würden Sie Ihr Anliegen auf den Punkt bringen?
Es ist echt schwer, das in wenige Worte zu fassen. Vielleicht ganz verkürzt: Wenn man seine Angst erkannt hat, dann verliert sie ihre Macht. Der zentrale Punkt ist zu erkennen, dass und vor allem warum man Angst empfindet. Und dafür gibt es Hilfen, damit man das verstehen kann.

Wann bzw. wie haben Sie denn festgestellt, dass es für Sie jetzt höchste Zeit ist, Ihren Umgang mit den Ängsten zu ändern? Gab es einen Schlüsselmoment?
Absolut! Der Schlüsselmoment für mich war, als mir ein Arzt einen harmlosen Satz gesagt hat, der bestgemeint war. Meine Phantasie hat daraus aber eine Hölle kreiert. An dem Punkt wusste ich, dass ich Hilfe benötige und hier alleine nicht mehr raus komme. Und wenn man vor Angst nicht mal mehr schlafen kann, dann ist klar, jetzt muss man etwas unternehmen. Wenn der Schlaf angegriffen wird, verliert man alle Kraftreserven. Doch genau an dem Punkt benötigt man diese inneren Reserven am meisten, um überhaupt glücklich zu leben.

Sie plädieren für eine ganzheitliche Herangehensweise. Was spricht dafür?
Meiner Ansicht nach kann man Probleme immer nur ganzheitlich lösen. Das macht der Schmerztherapeut Dr. Jan-Peter Jansen bewusst. Erfahrungen hat er z.B. mit Menschen, die nach einer Rücken-Operation Angst haben, sich wieder zu bewegen, oder aus anderen Gründen Schwierigkeiten haben, sich wieder auf das normale Leben einzulassen. Dr. Jansen sagt, dass die Hälfte dieser Einschränkungen im Kopf stattfindet. Das heißt, die Befreiung von körperlichen Beschwerden sind nur zu 50 Prozent die Lösung für ein Problem. Wie bei allem im Leben gibt es nun mal keine halbe Antwort! Es geht immer nur so, dass man Körper und Geist oder Seele zusammen heilt, um eine ganze Antwort zu erhalten.

„Es kommt nicht ohne Grund.“

Die Unterscheidung zwischen begründeten und unbegründeten Ängsten ist gar nicht in Ihrem Sinn. Warum?
Angst ist schlicht Angst – ob begründet oder unbegründet. Und es ist eine Tatsache, dass im Körper, egal ob bei begründeten oder unbegründeten Ängsten, die selben chemischen Reaktionen stattfinden: Das selbe Adrenalin, das selbe Cortisol, die selben Hormone – die allesamt alles ins Ungleichgewicht kippen – werden ausgeschüttet. Der Mensch hat schlicht und einfach Angst. Der Herzschlag schnellt nach oben, man schwitzt usw. Egal, was die Ursache ist, Ängste sollte man folglich immer ernst nehmen und mit einer großen Demut auch angehen. Wischen Sie so einen Zustand nicht weg, sondern sagen Sie sich, es kommt nicht ohne Grund!

Welche Konsequenz ziehen Sie daraus?
Ich verneige mich vor dem, was da ist. Denn es ist ja ein Grund da, also muss ich mir den Grund ansehen und mich damit auseinandersetzen. Und zwar nicht in einer Genervtheit oder Arroganz oder Wut. Wobei ich die gefühlte Wut mehr als verstehen kann – deshalb heißt das Buch ja auch „Die verdammten Ängste“! Der Verstand weiß, die Angst ist unbegründet, ein Hirngespinst. Und dennoch kommt man aus dieser Spirale nicht oder nur schwer raus. Und an dem Punkt meine ich, bracht es immer die Selbstliebe, die sagt: Okay, ich sehe es, ich spüre es und werde jetzt mit Liebe und Demut schauen, wie ich damit umgehe. Und schauen, was ich ändern muss, um diesen Kreislauf durchbrechen zu können.

Sie haben sehr schön und offen und mutig geschrieben: „Mit 50 Single zu sein, war alles andere als mein Plan.“ Wie haben Sie es denn geschafft, diese Sorge aufzulösen und Ihre Lebensfreude wiederzufinden?
In dem Moment, in dem man es schafft, sich selbst zu lieben, ist das Leben wirklich viel lebenswerter. Und es passieren so viele schöne Sachen in dem Moment, in dem man sich aus der Abhängigkeit von anderen löst – man wird wieder frei und kann auch auf Menschen offen zugehen. Das erweckt oftmals wundersame Kräfte und das Schicksal hält viele Überraschungen für einen bereit

Sie schöpfen aus persönlicher Erfahrung, aus wissenschaftlichen Erkenntnissen und aktuellen Studien Was hat Sie geleitet bei der Verbindung von Theorie und Praxis?
Für mich persönlich ist Wissenschaft ein wunderschönes Feld, um Themen, die man instinktiv vielleicht weiß, doch noch einmal begründet zu sehen. Das braucht nicht jeder – ich schätze das jedoch sehr. Deshalb freut es mich beispielsweise, dass auch hinsichtlich Yoga inzwischen so viel wissenschaftliche Forschung betrieben wurde, die erklärt, was im Körper und im Geist hierbei vorgeht. Das rein Esoterische geht mir eher auf die Nerven. Ich bin ein Mensch, der gerne fühlt und im Idealfall auch noch eine fundierte wissenschaftliche Begründung heranzieht. Das ist für mein Leben und mich einfach das Allerbeste.

„Überlebensquelle Nummer 1!“

Welchen Stellenwert hat Yoga in Ihrem Leben?
Überlebensquelle Nummer 1!

Wie genau kann Yoga gegen Angst helfen und wie lässt es sich im Alltag integrieren, wenn die Angst plötzlich kommt und einen packt?
Erst einmal muss man sich den Ruck geben und auf die Yoga-Matte begeben. Meist ist es so, dass es uns irrsinnig schwer fällt, in diesem Moment uns selbst etwas Gutes zu tun. Ich weiß nicht, woran das liegt. Oft ist man wohl so entkräftet, dass man den inneren Schweinehund, der einen an die Couch fesselt, nur schwer überwinden kann. Das ist menschlich. Wenn man aber schon einmal weiß, dass dieser eine Ruck die Lösung ist, um auf die Yoga-Matte zu gehen und zu atmen. Dann schafft man es. Mit jeder Übung wird die Projektion auf die Vergangenheit sich zwangsläufig und automatisch auf eine Projektion auf die Zukunft fokussieren. Im Moment des Atmens hört das Gehirn wirklich auf, sich mit „Altem“ zu beschäftigen. Man verspürt sofort eine Linderung!

Fast jeder kennt es, dass man nicht auf Kommando zur Ruhe kommt und Entspannungsversuche dann schnell zu einem zusätzlichen Stressfaktor werden. Was tun?
Oh ja, das Kopfkino, der Mindfuck! Unser Gehirn liebt es und ist vermutlich stolz darauf, uns mit irren Geschichten zu unterhalten. Ich habe im Buch zwei herrliche Übungen! Meine banale und beste Übung – seien Sie versichert, die wirkt: Zählen Sie von 1000 auf Null rückwärts! Wenn man es schafft, sich wirklich darauf zu konzentrieren, dreht das Kopfkino zunehmend weniger, bis es sogar stoppt. Wer das übt, wird natürlich auch immer versierter im Zählen – und mit Routine schläft man vielleicht demnächst schon bei 947 ein. Ja, manchmal schiebt sich das Kopfkino wieder in den Vordergrund. Aber lassen Sie sich nicht beirren, bleiben Sie fokussiert auf Ihr Zählen.

Haben Sie noch so einen einfachen Tipp?
Aber ja: Versuchen Sie nicht, sich zu merken, was Sie am nächsten Morgen tun oder notieren wollen. Nehmen Sie sofort einen Block und notieren Sie jetzt gleich Ihre Idee oder den Gedanken. Dann ist das Thema auf dem Block gut aufgehoben. Das kann wie eine Schlafpille wirken.

Was war Ihr Ansatz dem Buch eine DVD beizulegen?
Die Yoga-DVD habe ich mit Prof. Jan-Peter Jansen und der Charité entwickelt. Und zwar für Menschen, die nach einer Operation zurück ins Leben finden müssen. Ein ganz sanftes Yoga-Programm. Diese DVD gibt es schon länger. Aber als mich Prof. Jansen darauf hingewiesen hat, dass uns zu 50 Prozent die Angstbestimmung vom Heilungsprozess abhält, dachte ich: Das ist doch perfekt für mein Buch! Auf der DVD ist eine Angst- und Schmerzmeditation, die man perfekt zur Heilung der Angst nutzen kann. Und so kommt es, dass die DVD als Geschenk in dem Buch beiliegt! Sie ist ein Mehrwert von meiner Seite, verbunden mit dem Angebot, sie sofort auszuprobieren! Nicht aufschieben, sondern anfangen! Ein Buch mit einer Akuthilfe, die man einlegt, und es einfach macht! Und so seinen Ängsten entwächst!!!

Für Horizonterweiterung sorgen Sie durch kleine, philosophische und poetische Exkurse, z.B. Geschichten aus Indien oder Tibet. Eines der schönsten Beispiele ist Kintsugi. Welche Symbolik birgt diese japanische Kunst für Sie?
Mich berührt daran, dass zerbrochene Gefäße, Seelen oder Herzen schöner werden, immer noch schöner und wertvoller werden, wenn man versucht, sie wieder zusammenzusetzen. Es ist – nicht nur in der japanischen Kultur – weniger förderlich, wenn man die Scherben einfach liegen lässt. Denn damit ist niemandem geholfen. Aber wer sich die Arbeit macht, das wieder zusammenzuführen, die „Narbe“ auch mit „Gold“ zu verschönern, der heilt den „Lebenskrug“ und die „Lebenszeit“ – ein wunderschöner Gedanke, oder?

Wozu möchten Sie Mut machen?
Das ist eine große Aufgabe, vor die Sie mich hier stellen. Den Mut zu finden, von seinem eigenen Lebensspiegel zwei Meter zurückzutreten und mit diesem Abstand zu versuchen, das ganze Bild zu sehen. Denn wenn man zu nah am Spiegel steht, sieht man nur ein verschwommenes Irgendwas! Den Mut zum Schritt zurück, die Distanz zu sich selber und das Betrachten in dem großen Ganzen – das wäre das, was ich gerne kommunizieren würde. Dass die Leser auch den Mut und die Kraft dazu finden, aus der eigenen Wahrnehmung zurückzutreten und das ganze Bild zu erkennen.

Und Ihr innigster Wunsch an Ihre Leser?
Ich wünsche mir, dass ich Hoffnung und Mut geben kann!