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Der Nomade der Poesie – Matthias Politycki

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Hier geht es zu unserem Exklusiv-Interview mit Matthias Politycki.

Normalerweise ist es ein Abenteuer, Matthias Politycki zu erreichen. Wer ihn kontaktiert, erweitert nebenbei auch gleich den eigenen Horizont. So erging es uns zuletzt beim Interview zu seinem aktuellen Roman „Das kann uns keiner nehmen“. Wir erwischten den Autor in Äthiopien – wenn wir Glück hatten und die Verbindung klappte. Wenn er auf seiner Tour in der gebirgigen Region Amhara in einem größeren, technisch besser vernetzten Ort Station machte, beispielsweise in Gonder, der ehemaligen Hauptstadt mit reichem Kulturerbe. Politycki unterwegs in entlegenen Gegenden – typisch für den vielseitigen Schriftsteller, den viele Leser als Reiseliteraten kennen und schätzen. Aufhalten können ihn nur höhere Gewalten.

So ist er in Zeiten von Corona an seiner heimischen Adresse in Hamburg anzutreffen und wir telefonieren ausnahmsweise ohne Funklöcher oder sonstige Ausfälle. Diesmal interessiert uns am meisten der Poet Politycki – und bei dem rennen wir offene Türen ein. Lyrik ist seine große Leidenschaft, die er mit 16 entdeckt hat. Politycki (Jahrgang 1955) erinnert sich: „Während die meisten Gleichaltrigen schon in die Discos zogen, zog es meine Freunde und mich in die Wälder – mit einer Flasche Wein aus irgendeinem elterlichen Keller und berauscht durch Naturschwärmerei, unerfüllte Liebe und Lyrik“, einschließlich erster eigener Verse.

„Meine Gedichte wünschen sich ein Gegenüber.“

Damals hat er seine Empfindungen nur für sich selbst in Worte zu fassen versucht. Aber das änderte sich grundlegend, seit er Schriftsteller ist: „Wenn ich ein Gedicht schreibe, stelle ich mir immer auch schon den Leser vor, der es irgendwann liest. Meine Gedichte wünschen sich ein Gegenüber. Sie sind Gesprächsangebote. Für mich stiften Gedichte im besten Fall Kommunikation, eine Verbindung zum unbekannten Wahlverwandten.“ Mag die Welt komplex und das eigene Gefühlsleben auch noch so kompliziert sein – Politycki ist bekannt für seine besondere Begabung, Menschen unmittelbar anzusprechen und zu berühren. Jede Leserin und jeder Leser versteht es auf ganz persönliche Weise und steuert so den eigenen poetischen Beitrag bei – „wie in einem unendlichen Gespräch“.

„Matthias Politycki ist ein großer Lyriker, der die Vorstellung seines dichterischen Gesamtwerks in ein kleines Wunder verwandelt hat.“

NDR

Auf zur poetischen Entdeckungsreise! Die ganze Fülle von Matthias Polityckis Sprachkunst entfaltet sich in dem schön ausgestatteten Band „Sämtliche Gedichte 2017-1987“. Der Autor hat für uns zwei Gedichte ausgewählt und das erste extra für „büchermenschen“ mit einer kleinen Variation versehen.

Matthias Politycki
„Sämtliche Gedichte“
Hoffmann und Campe
32,00 €
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© Matthias Politycki

Geteilt haben

das vertrauen ineinander
die sorge umeinander
das lachen miteinander

dann gibt es nichts zu bereuen

Erstmals veröffentlicht in „Dies irre Geglitzer in deinem Blick“,© 2015 by Hoffmann und Campe, Hamburg. Natürlich ebenfalls enthalten in „Sämtliche Gedichte 2017-1987“, © 2017 by Hoffmann und Campe, Hamburg.

© Matthias Politycki

Irgendwo auf dieser wundersam weiten Welt

schlägt dein Herz –
in dieser Sekunde –
schlägt auch für mich.
Du fühlst es. Ich fühl‘ es.

jetzt! und jetzt! Und
so weiter, trotz allem.
Du weißt es. Ich weiß es.
Das ist alles.

Erstmals veröffentlicht in „Dies irre Geglitzer in deinem Blick“,© 2015 by Hoffmann und Campe, Hamburg. Natürlich ebenfalls enthalten in „Sämtliche Gedichte 2017-1987“, © 2017 by Hoffmann und Campe, Hamburg