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10 Fragen an:
Benjamin Myers

Geschätzte Lesezeit ca. 14 Minuten
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Lalena Hoffschildt ist von Kindesbeinen an dem Lesen verfallen – die Ausbildung zur Buchhändlerin, die sie 1995 bei Hugendubel am Marienplatz antrat, war quasi zwingend. Aktuell ist Lalena im Filialleitungsteam am Stachus tätig – und auf Instagram unter @lalenaparadiso aktiv. Die Interview-Serie #ZehnFragenAn entstand mehr oder minder durch Zufall. Heute interviewt sie für uns den englischen Schriftsteller und Journalisten Benjamin Myers. Das englischsprachige Originalinterview finden Sie im Anschluß.

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1. Ich bin zutiefst verliebt in die beiden starken und unangepassten Hauptfiguren und den Humor deines neuen Romans. Verrätst Du mir, wie um alles in der Welt Du auf diese Typen und die Idee gekommen bist?
Im Sommer 2019 besuchte ich meine Eltern in Durham und ruhte mich ein wenig aus, da ich nach einer arbeitsreichen Zeit etwas erschöpft war (»The Offing«, die Originalausgabe von »Offene See«, stand im Vereinigten Königreich unmittelbar vor der Veröffentlichung), und ging in ein nahegelegenes Maisfeld, um Luft zu holen und meinen Geist zu beruhigen. Als ich dort stand, inmitten der Ernte und zugleich in den Feldern in der Nähe der Siedlung, in der ich meine Kindheit verbracht hatte, kam mir die Idee für diesen Roman in den Sinn. Sie war einfach da, fast vollständig ausgeformt. Es war, als hätte ich sie aus dem Kosmos heruntergeladen, oder vielleicht stieg sie aus meinem Unterbewusstsein auf. Ich dachte: »Zwei Männer gehen eines Abends hinaus, um einen Sommer lang Kornkreise zu schaffen. Sie heißen Redbone und Calvert.« Ich ging weiter, machte mir ein paar Notizen, ließ das Buch ein paar Monate liegen, und im Februar 2020 setzte ich mich hin und schrieb den gesamten Roman von Anfang bis Ende in 25 Tagen in einem abgelegenen Cottage in Schottland, sieben Meilen vom nächstgelegenen Laden entfernt. Ich beendete ihn einen Tag, bevor ich nach Hause zurückkehren musste und in England ein landesweiter Lockdown erlassen wurde. Es gibt keine rationale Erklärung dafür, wie das alles passiert ist. Aber es war so. Das Buch existierte bereits: Ich habe es einfach abgetippt.

2. Freundschaft ist ein Hauptthema deines Romans »The Offing« und auch in »The Perfect (Golden) Circle«. Was ist für Dich das Wesentliche einer tiefen Freundschaft?
Für mich bedeutet Freundschaft, dass man bei jemandem ganz man selbst sein kann – und umgekehrt. Wahre Freundschaften können auch wechselnde Zeiten und eine sich verändernde Welt überdauern. Es kann sein, dass man einen Freund jahrelang nicht sieht, aber wenn man sich wiederfindet und weitermachen kann wie bisher, dann ist das Freundschaft.

3. Die Natur, ein weiteres Deiner Themen. Glaubst Du, dass es noch Hoffnung gibt, dass wir mit und nicht gegen die Natur, auf diesem Planeten auskommen können?
In Bezug auf die Umwelt habe ich wenig Hoffnung, dass die Menschen die von uns verursachten Schäden in den nächsten Jahrhunderten wieder rückgängig machen können. Langfristig bin ich etwas optimistischer, da ich glaube, dass der Planet widerstandsfähiger ist als uns bewusst ist, auch wenn es vielleicht das Aussterben der Menschheit braucht, um ihn wirklich zu schützen. Für mich ist das in Ordnung: Nichts hält ewig. Es ist äußerst arrogant, davon auszugehen, dass wir immer da sein werden.

4. In Deinem Roman „The Offing“ wird viel über leckeres Essen gesprochen, kochst du gerne?
Ja. Ich habe einer bekannten Zeitschrift sogar mal die Idee unterbreitet, eine Kolumne über Restaurants zu schreiben. Der Redakteur fragte mich: »Welche Erfahrungen haben Sie mit Essen?«, und ich antwortete: »Nun ja, ich versuche, es fast jeden Tag zu mir zu nehmen.« Ich habe die Stelle nicht bekommen. Mein Repertoire ist zwar etwas begrenzt, aber das, was ich kochen kann, mache ich ganz gut.

5. Warum wird »Der perfekte Kreis« zuerst in Deutschland veröffentlicht, früher als in jedem anderen Land?
Soweit ich das beurteilen kann, halten die Menschen im Vereinigten Königreich gerne viele Sitzungen ab, um weitere Sitzungen zu vereinbaren, in denen sie über die Durchführung von Dingen zu einem bestimmten Zeitpunkt in der fernen Zukunft diskutieren. In Deutschland hingegen legt man einfach los und macht die Dinge tatsächlich. In England gab es schon immer das Klischee, dass die Deutschen extrem organisiert und effizient sind, und ich freue mich, berichten zu können, dass dies zuzutreffen scheint. Ich habe noch nie einen Verlag erlebt, mit dem man so wunderbar zusammenarbeiten kann wie mit DuMont. Aber auch die Buchmärkte sind unterschiedlich, und im April 2021 habe ich eine Kurzgeschichtensammlung mit dem Titel »Male Tears« veröffentlicht, sodass es sinnvoll war, mit dem Erscheinen dieses Buches im Vereinigten Königreich noch etwas zu warten. Ich möchte die Leser*innen nicht überfordern. Zum Glück habe ich hier den besten Verlag, Bloomsbury. Sie haben J. K. Rowling veröffentlicht und wissen also, was sie tun.

6. Du bist nicht nur Romanautor, sondern auch Dichter. Welche Bedeutung hat das Lesen und Schreiben von Gedichten für dich?
Schreiben und Lesen sind beides eine Form der Magie. Mit nur 26 Buchstaben kann man Menschen – unabhängig von Ort und Zeit – erreichen und bewegen. Schreiben ist ein Weg, den Tod zu überlisten – zumindest für eine Weile …

7. Grollender und krachender Punk … das scheint das Gegenteil von Deiner offensichtlichen Liebe zur Natur zu sein. Was zeichnet die Verbindung aus, die Du hierhin zu haben scheinst?
Musik spielt in meinem Leben eine große Rolle – ich habe zwanzig Jahre lang als Musikjournalist gearbeitet, als Teenager in Bands gespielt, einige Jahre lang ein kleines Plattenlabel betrieben und viel Zeit damit verbracht, mit Musikern um die Welt zu reisen. Ich glaube, ich fühle mich eher von den Extremen verschiedener Genres angezogen, sei es Folk, Jazz, Psychedelic, Hip-Hop oder Punk, der mich besonders stark beeinflusst hat, als ich jünger war. Ich mag die Do-it-yourself-Mentalität des Punks, nie um Erlaubnis zu fragen und nie darauf zu warten, dass jemand vorbeikommt und die Bestätigung gibt. Punk wurde eher von Energie als von Talent angetrieben, und das Leben ist zu kurz, um es zu verschwenden. Ich glaube schon immer daran, dass man durch Übung lernt – deshalb hinterlasse ich eine Spur von vielen schrecklichen unveröffentlichten Romanen.

8. Ich bin immer sehr neugierig auf die aktuelle Lektüre eines Schriftstellers, was liest Du?
Einige Bücher, die mir in diesem Jahr gefallen haben, sind:
The Invisible Land von Hubert Mingarelli
My Phantoms von Gwendoline Riley
Bolt From The Blue von Jeremy Cooper
The Night Always Comes von Willy Vlautin
Heavy Light von Horatio Clare
Diary of a Film von Niven Govinden
Kitchenley 434 von Alan Warner
Men Who Hate Women von Laura Bates
Ten Thousand Apologies von Adelle Stripe
All In The Downs von Shirley Collins
Shooting Midnight Cowboy: Art, Sex, Loneliness, Liberation and the Making of a Dark Classic von Glenn Frankel

9. Benjamin, darf ich Dich um eine Beschreibung Deiner täglichen Schreibroutine bitten?
Morgens: Widerwillig aufstehen. Dusche, Frühstück, Spaziergang auf den Hügel oder in den Wald mit meinem treuen Hund Cliff. Dann beantworte ich E-Mails und schreibe zwei oder drei Stunden lang. Nach dem Mittagessen versuche ich, entweder in einem nahe gelegenen Stausee zu schwimmen oder zu boxen, womit ich kürzlich begonnen habe. Also möglichst irgendetwas, das das Gegenteil vom Sitzen am Schreibtisch darstellt. Am späten Nachmittag und Abend schreibe ich dann weiter, immer unterbrochen von Kaffeepausen und Ablenkungen durch Social Media. Abends schaue ich gerne fern und unternehme mit meiner Frau einen Abendspaziergang. Das machen wir bei jedem Wetter und egal, wo wir sind. Dazwischen sitze ich mit Freunden in Cafés oder gehe manchmal zu Live-Musiksessions, aber hauptsächlich versuche ich, all den Verantwortlichkeiten eines erwachsenen Mannes im einundzwanzigsten Jahrhundert auszuweichen. Ich bin ein Mann mit Routine.

10. Stell Dir vor, Du triffst bei einem Spaziergang durch die Felder auf einen alten, weißbärtigen Mann, der ein wenig weltfremd wirkt. Er bietet an, Dir drei Wünsche zu erfüllen – was würdest Du Dir wünschen?
Ich würde gerne all die erwarteten Antworten geben: Weltfrieden, eine Umkehrung der Umweltkatastrophe, ein Heilmittel für Krebs, eine bessere Verteilung des Reichtums, das Ende der Armut für Kinder (und Erwachsene), das Ende aller Formen des Faschismus in der Welt. Aber eigentlich sollte ich realistisch sein. Das Gute ist, dass mir im Moment nichts einfällt, was ich persönlich will oder brauche, und ich bin froh, dass ich das sagen kann. Ich sehne mich nicht nach Reichtum oder Ruhm, und einer meiner Romane wird gerade von meinem Lieblingsregisseur Shane Meadows verfilmt, was sich schier unglaublich anfühlt. Ein Traum wird wahr.
Eine Sache, die dem Vereinigten Königreich jedoch sicherlich zugute käme, wäre die sofortige Absetzung unseres Premierministers und seines gesamten Kabinetts, die die hasserfülltesten und unfähigsten Politiker sind, die ich in meinem Leben gesehen habe. Ein einziger Wunsch würde genügen! Du kannst die anderen beiden Wünsche also gerne an jemanden weitergeben, wenn Du möchtest.

 

Benjamin Myers
„Der perfekte Kreis“
DuMont
22,– €

Auch als eBook und Hörbuch auf Hugendubel.de erhältlich

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English version

 

1. I am deeply in love with those two strong and non-conforming main characters and the humour of your new novel. Please tell me, how on earth did those guys and the whole idea pop up in your head?
In the summer of 2019 I was visiting my parents in Durham and was having a little rest as I was somewhat exhausted after a busy spell – Offene See was just about to be published in the UK – and I wandered out into the middle of a nearby cornfield to catch my breath and slow my mind down. While standing there, deep in the crop, in the fields close to the estate housing on which I spent my childhood, the idea for this novel arrived in my head. It just came, almost fully-formed. It was as if I had downloaded it from the cosmos, or perhaps it rose up from deep in my subconscious. I thought: “Two men walk out one evening to embark upon a summer of creating crop circles. They are Redbone and Calvert.” I went away, made some notes, left it for a few months, and then in February 2020 I sat down and wrote the entire novel from start to finish in 25 days in a remote cottage in Scotland, seven miles from the nearest shop. I finished it the day before I had to return home and enter a national lockdown due to Covid 19. There’s no rational explanation for how any of this happened. But it did. The book already existed: I just typed it up.

2. Friendship is a main topic of your novel “the offing” and again in “the perfect golden circle”. What is the essence of a deep friendship to you?
To me, friendship means you can be yourself with someone – and vice-versa. Also, true friendships can endure changing times and a changing world. You might not see a friend for years, but if you can reconnect and carry on as before, then that is friendship.

3. Nature, another of your topics. Do you think there is still hope that we could get along and not against nature on this planet?
Environmentally-speaking I have very little hope that humans will able to reverse the damage we have caused in the coming centuries. Long term, I’m a little more optimistic as I think the planet is more resilient than we realise, though it may take the extinction of humanity to truly protect it. That’s fine by me: nothing last forever. It’s supremely arrogant to assume that we will be always around.

4. There is a lot of mouth-watering food talks in your novel „the offing“, do you like to cook?
I do. I actually once pitched the idea of writing a restaurant review column to a well-known magazine. The editor asked me ‘What experience do you have with food?’ and I replied ‘Well, I try and eat it most days’.  I didn’t get the job. My repertoire is a bit limited, but what I can cook, I do reasonably well.

5. Why is the perfect golden circle published first in Germany, earlier than in any other country?
As far as I can tell, people in the UK like to have lots of meetings to arrange further meetings in which to discuss doing things at some point in the distant future. Whereas in Germany, you just get on with it and actually do things. In England there has always been a stereotype that Germans are extremely organised and efficient, and I‘m pleased to report that this seems to be true. I’ve never encountered a publisher so wonderful to work with as Dumont.  But the book markets are different too, and in April 2021 I published a short story collection entitled Male Tears, so it made sense to wait a while before putting this book out in the UK. I don’t want to overwhelm readers. Fortunately I’m with the best publisher here, Bloomsbury. They have JK Rowling, so they know what they’re doing.

6. You are not only a novelist, but a poet all the same. What does writing and reading poetry mean to you?
Writing and reading are both a form of magic. With just 26 letters you can physically impact upon people, across the world, and across time itself. Writing is a way to out-run death – for a while at least…

7. Punk, roaring and growling… this seems to be the opposite of your obvious love for nature. What is the connection you seem to have here?
Music is a huge part of my life – I worked as a music journalist for twenty years, and also played in bands as a teenager, ran a small record label for a few years, spent a lot of time travelling the world with musicians. I think I tend to be attracted to the extremes of different genres, whether that is folk, jazz, psychedelia, hip-hop or punk, which was a particularly big influence on my when I was younger. I like the do-it-yourself mentality of punk; of never asking for permission and never waiting for someone to come along and offer validation. Punk was driven by energy rather than talent, and life is too short to waste. I always believe that you learn by doing – which is why I leave behind me a trail of many awful unpublished novels.

8. I’m always so very curious about a writers‘ current reads, what are yours?
Some books I have enjoyed this year would include:
The Invisible Land by Hubert Mingarelli
My Phantoms by Gwendoline Riley
Bolt From The Blue by Jeremy Cooper
The Night Always Comes by Willy Vlautin
Heavy Light by Horatio Clare
Diary of a Film by Niven Govinden
Kitchenley 434 by Alan Warner
Men Who Hate Women by Laura Bates
Ten Thousand Apologies by Adelle Stripe
All In The Downs by Shirley Collins
Shooting Midnight Cowboy: Art, Sex, Loneliness, and Making of a Dark Classic by Glenn Frankel 

9. Benjamin, may I ask you for describing your daily writing routine?
Morning: rise reluctantly. Shower, breakfast, walk up the hill o into the woods with my faithful dog Cliff. Then I answer emails and write for two or three hours. After lunch I try and either swim in a nearby reservoir or more recently I have taken up boxing. Anything that is the opposite to sitting at a desk. Then I write some more in the late afternoon and evening, always punctuated by coffee breaks  and social media distractions. At night I like to watch television and go for a late-night walk with my wife. We do this in all weathers, wherever we are. In amongst all this I sit in cafes with friends or sometimes see live music, but mainly I try and avoid all the responsibilities of being an adult male in the twenty-first century. I’m very much a man of routine.

10. Imagine while walking in the fields, you stumble over an old white bearded man, who seems a little bit otherworldly… He offers you three wishes granted – What would you wish for?
I’d like to offer all the expected answers: world peace, a reversal of environmental disaster, a cure for cancer, better wealth distribution, the end of poverty for children (and adults), the end of all forms of fascism around the world. But, really, I should be realistic. The good thing is, I can’t think of anything obvious that I personally want or need right now, and I feel lucky to be able to say that. I don’t crave wealth or fame and one of my novels is currently being filmed by my favourite film director, Shane Meadows, which feels almost unbelievable to me. A dream come true. One thing that would certainly benefit the UK however, would be the instant removal of our Prime Minister and his entire cabinet, who are the most hateful and inept I have seen in my lifetime. One wish is all it would take! So you can pass the other two wishes on to someone else if you like.