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10 Fragen an:
   Helmut Krausser

Geschätzte Lesezeit ca. 5 Minuten
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Lalena Hoffschildt ist von Kindesbeinen an dem Lesen verfallen – die Ausbildung zur Buchhändlerin, die sie 1995 bei Hugendubel am Marienplatz antrat, war quasi zwingend. Heute ist Lalena als Sortimentsmanagerin am Stachus tätig – und auf Instagram unter @lalenaparadiso aktiv. Die Interview-Serie #ZehnFragenAn entstand mehr oder minder durch Zufall. Heute interviewt sie für uns den deutschen Schriftsteller, Dichter, Bühnenautor und Komponisten Helmut Krausser.

Helmut Krausser, Photo:: © Hagen Schnauss

1. Stimmt es, dass du in München mal eine Weile auf der Straße gelebt hast, und dich das inspiriert hat zu „Fette Welt“ – einem „Pennerroman“ wie vom Spiegel tituliert? Übrigens war das der erste Roman, den ich von dir gelesen habe – 1992 – und hin und weg war ich: Wie herrlich boshaft poetisch und verwirrend … Also, ist da Erfahrung eingeflossen?
Das stimmt. Ich hatte meine Bude verloren und keine neue gefunden, aber das war von Mai bis Oktober und deshalb mehr romantisches Abenteuer als existenzielle Erfahrung. Ich habe öfters mal im Kuppelgeschoß der Oper übernachtet, oder auch mal bei Freunden. Aber gelernt habe ich aus dieser Zeit schon einiges. Ich wurde zu diesem Thema auch öfters in Talkshows eingeladen, habe das aber immer verweigert. Die sollten lieber echte Obdachlose in Not befragen.

2. Mit den Feuilletons verbindet dich nicht gerade die große Liebe, oder? Und dann immer diese Vergleiche mit Houellebecq, also ich weiß gar nicht wie die darauf kommen, haha. Legst du es darauf an zu provozieren, oder muss das einfach raus? Kalkül oder schriftstellerischer Eigensinn?
Ich provoziere gar nicht so oft, ich verstecke mich nur nicht regelmäßig hinter dem Mainstream, wie viele Kollegen das machen. Das mit den Feuilleton ist eine rein persönliche Sache, ich habe mir da zwei, drei mächtige Feinde gemacht, weil ich mir nichts gefallen ließ. Auch habe ich mal eine Kritik der Kritik gefordert, ein jährliches Periodikum der besten wie auch schlechtesten Rezensionen. Das kam nicht gut an.

3. Die Liebe, ein wiederkehrendes Thema, und Sex, offensichtlich, warum hat das solch ein hohen Stellenwert in deinen Romanen?
Über die Liebe schreibt jeder Autor in irgendeiner Weise, und Sex war lange eines meiner bevorzugten Themen, gerade weil es viele Kollegen so sträflich vernachlässigt haben, wo er doch einer der wichtigsten – auch Macht-Faktoren unserer Zeit ist. Aber die Zeiten sind inzwischen expliziter geworden, dementsprechend fahre ich meine Drastik etwas zurück und setze auf die eher leisen Töne.

4. Ich habe gelesen, du bist ein hervorragender Schachspieler. Ist Schach auch kreativ? Oder nur logisch? Wäre das auch eine mögliche Berufslaufbahn gewesen?
Ich habe es bis zum oberbayerischen Meister gebracht, ohne ein nennenswertes Talent für das Schachspiel mitzubringen. Nichtsdestotrotz war es eine meiner größten Lieben und ich wäre gerne Großmeister geworden. Ob Schach auch kreativ oder nur logisch ist, kann ich nicht beantworten, vielleicht besteht jede Form von Kreativität im Herausarbeiten einer inneren Logik. Zu meinen besten Zeiten hätte ich vielleicht in der zweiten Bundesliga spielen können. Also: nein, Geld wäre damit keines zu verdienen gewesen.

5. Der Alltag eines Schriftstellers, das interessiert uns Leser immer besonders. Wie sieht deiner aus?
Ich werde mich hüten, dir zu sagen, wie mein Tag abläuft, schon damit du mich nicht für zu langweilig hälst, aber ich frage mich oft, wie würde mein letzter Tag auf Erden aussehen, wenn ich vom Ende wüsste? Er würde sich von meinem Alltag wohl gar nicht gravierend unterscheiden.

6. Was beeinflusst dich beim Schreiben, dein Umfeld, Politik, Erlebnisse, Gelesenes?
Alles um mich her beeinflusst mich, ob ich es will oder nicht. Manchmal genügt ein Geruch, eine Erinnerung an die Kindheit, und ein neuer Stoff ist geboren. Die Politik ist für einen Romanschriftsteller keine gute Vorlagengeberin, denn es dauert mindestens ein Jahr, den Roman zu schreiben, dann ein weiteres, um ihn zu publizieren, bis dahin können sich die Verhältnisse komplett geändert haben.

7. Gerade habe ich direkt hintereinander deinen neuen Roman „Trennungen. Verbrennungen“ gelesen, gefolgt von dem 2012 und jetzt neu als Taschenbuch aufgelegten „Die kleinen Gärten des Maestro Puccini“. So unterschiedlich sind die beiden. „Trennungen. Verbrennungen“, da hast du so einen sarkastisch sezierenden Blick und bei Puccini bist du, naja poetisch, verhalten, ungewöhnlich leise, spöttisch auch, das ja. Wie kann ich mir deinen Schreibprozess vorstellen, eine Idee manifestiert sich und dann? Übernimmt der Stift das Kommando oder machst du dir einen Plan, den du befolgst?
Der Puccini spielt eben in einer anderen Zeit, in der Spätromantik, in der die Leute, selbst ein Puccini, nicht so abgebrüht und zynisch waren wie unserereins. Die Leute dachten, fühlten und sprachen anders. Pathos hatte einen ganz anderen Stellenwert. Ich finde, historische Romane, die dem keinen Tribut zollen, machen es sich viel zu einfach und kommen zu völlig oberflächlichen, oft schlaumeierischen Beurteilungen der Epoche. Zur Frage mit dem Schreibprozess – der ist völlig chaotisch, richtet sich ganz nach Art des Projektes. Manches schreibe ich schnell in einem durch, anderes wandert Jahrzehnte über immer wieder in die Schublade und wird am Ende doch noch gut – oder eben vernichtet. Einen Plan im Sinne eines Reißbretts habe ich nie, das kann gar nicht gutgehen, denn fast jeder Stoff entwickelt sich anders, als man ihn sich zu Beginn vorstellt.

8. Musik, immer wieder Musik, Klassische Musik! Erzähl mir mehr darüber, was bedeutet sie dir und warum – und, bist du schon in deiner Kindheit damit in Berührung gekommen?
Mit 46 Jahren habe ich doch noch beschlossen, professioneller Komponist zu werden. Bis dahin hatte ich fast ausschließlich im Pop-Bereich gearbeitet und musste mir nach und nach alles selbst beibringen, was andere auf der Akademie lernen. Klassische Musik ist mit das Wichtigste in meinem Leben, und dass ich in diesem Geschäft langsam Fuß fasse, macht mich ungeheuer stolz. Im Juni wird mein Bratschenkonzert in Zypern uraufgeführt, vom großen Nils Mönkemeyer – was für eine Ehre! Gerade beende ich meine erste Symphonie, und irgendwann werden sicher auch meine Opern aufgeführt. Übrigens ist es zum großen Teil Glücksache, ob man zur rechten Zeit mit der klassischen Musik in Berührung kommt. Bei mir war es mit 15 Jahren ein dritter Akt der Oper Turandot in der Arena di Verona, der mich umdenken ließ. Bis dahin hatte ich für das Gedudel nur Verachtung übrig. Diese Art von musikalischer Befruchtung sollte möglichst vor dem 20. Lebensjahr geschehen, sonst ist es dafür oft zu spät.

9. Archäologie, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte hast du studiert, was hat’s gebracht?
Im Grunde nicht viel. Ich habe nie etwas gelehrt bekommen, was ich mir, Interesse vorausgesetzt, nicht selber schneller und effektiver beigebracht hätte als irgendein Lehrapparat – jedenfalls, wo es die oben genannten Disziplinen betrifft. Immerhin hat mich das Archäologiestudium ein wenig zu meinem neuen Roman inspiriert, ist doch einer der Protagonisten Archäologieprofessor.

10. Letzte Frage, sehr interessante Frage: Stell’ dir vor, du hast 3 Wünsche frei, welche wären das?
Also ganz sicher, dass meine Oper „Am Rande der Nacht nach Friedo Lampe“ alsbald uraufgeführt wird. Ich glaube, das ist richtig interessante und euphorisierende Musik, die helfen könnte, das Museum, zu dem die Oper geworden ist, mit frischem Blut zu versorgen und ein neues Interesse im jungen Publikum zu entfachen. Im Übrigen natürlich ein langes Leben bei bester Gesundheit und Weltfrieden.

Helmut Krausser
„Trennungen. Verbrennungen“
Berlin Verlag
22,00 €

Auch als eBook auf hugendubel.de erhältlich

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