© Jonas Opperskalski / laif

Bevor ihre Stimmen endgültig verstummen

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SO ANSCHAULICH und unmittelbar wie Zeitzeugen kann niemand historische Ereignisse lebendig werden lassen. Die Erzählungen ihrer subjektiven Erfahrungen sprechen uns unmittelbar an und spiegeln zugleich die Lebensbedingungen in vergangenen Zeiten. In diesen Berichten wird Geschichte für uns Nachgeborene nachvollziehbar und spürbar. Und manchmal geht sie sogar unter die Haut – wenn das dramatische Geschehen durch besondere Menschen wie Noah Klieger und den Autor Takis Würger übermittelt wird.

© Jonas Opperskalski / laif

Es gibt unzählige Fälle, in denen Überlebende der Shoah über Jahrzehnte nicht in der Lage waren, ihre Erlebnisse in Worte zu fassen. Ihre ganze Kraft benötigten sie für das tägliche Weiterleben – und jeder Überlebende versuchte sein Bestes, um die Dämonen in Schach zu halten. Glücklicherweise gelang es dennoch vielen Zeitzeugen, im späteren Verlauf ihres Lebens von ihren traumatischen Erfahrungen zu berichten. Tausende Schülerinnen und Schüler profitierten von Vorträgen, die Überlebende – Jüdinnen und Juden, Sinti, Roma u.a. – in deutschen Schulen hielten.

„Es war ein Leben wie ein Mosaik aus Trauer und Freude …“

Noah Krieger

Zu diesen Zeitzeugen gehörte auch Noah Klieger (geboren 1925 in Straßburg, verstorben 2018 in Tel Aviv). Sein Leben war aus verschiedenen Gründen außergewöhnlich! Gemeinsam mit seinem Bruder Jonathan wuchs er behütet in Belgien auf, die Familie war stolz, jüdisch zu sein. Seine Kindheit fand ein jähes Ende, als die Deutschen im Mai 1940 Belgien besetzten. Dank seines besonderen Gedächtnisses lernte der 13-Jährige Listen mit Namen und Adressen auswendig. Diesen Familien brachte der Junge gestohlene Lebensmittelmarken zum Überleben. Bald schon war er ein Teil einer kleinen Gruppe, die Kinder in die sichere Schweiz schmuggelte. Kurz bevor er sich selbst in Sicherheit bringen wollte, wurde er von der Gestapo geschnappt. Der eher schmächtige 17-Jährige wurde schon bald nach Auschwitz gebracht. „Noah sah in einem Teil des Lagers Schornsteine. Nebel verhüllte die Gebäude. Frost lag darüber.“ Das war Noah Kliegers erster Eindruck vom KZ Auschwitz. Wie er die Jahre bis zu seiner Befreiung durch die Rote Armee im Januar 1945 überlebte – das muss man selber lesen.

Sein Ziel nach der Befreiung: Palästina, weil dort ein jüdischer Staat entstehen sollte. Erneut forderte ihn das Schicksal heraus, denn er hatte sich auf der „Exodus 1947“ eingeschifft. Doch auch dieses Drama hat er überlebt und konnte schließlich den Aufbau Israels als Bürger dieses Landes mitgestalten.

Noah Klieger wünschte sich zu seinem 80. Geburtstag noch viele Lebensjahre. Denn er fühlte eine Aufgabe für sich: „Erzählen, all denen, die mir zuhören wollen, ganz unwichtig, wie viele Personen es sind.“ Und genau das tat er unermüdlich. Takis Würger hat Noah Klieger auf einem Vortrag an einem Gymnasium in Bayern gehört und kennengelernt. Die beiden haben es geschafft, in kürzester Zeit ein ganz außergewöhnliches Verhältnis aufzubauen, offensichtlich getragen von Vertrauen einerseits und der Bereitschaft zuzuhören andererseits. Noah Klieger hat erzählt, Takis Würger hat zugehört. Noah wusste sicher um die Bedeutung seines Namens: Der, der „Trost schafft“, „Der Ruhebringer“. Im Dezember 2018 starb Noah Klieger. Er hat sein Möglichstes getan, um gegen das Vergessen anzugehen.

„Ich vermisse ihn jeden Tag.“

Takis Würger