© Sven Görlich

„Hühnersuppe der besonderen Art“

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FÜR MICH IST eine Hühnersuppe etwas ganz Besonderes, weil es bei uns zu Hause immer das Weihnachtsessen war. Wobei ich erst beim Recherchieren für mein Buch „Wo wir zu Hause sind“ verstanden habe, warum wir eigentlich zu Jesus‘ Geburt Hühnersuppe essen. Ich dachte nämlich, es habe damit zu tun, dass meine Mutter am Heiligen Abend nicht in der Küche stehen wollte und es deshalb äußerst praktisch fand, schon etwas Gekochtes fertig zu haben. Das mag auch so sein. Allerdings wies mich meine Großtante Susi darauf hin, dass es eben auch eine jüdische Tradition sei, an Chanukka, dem jüdischen Weihnachten, Hühnersuppe zu essen. Insofern scheint sich diese Tradition unbemerkt in unsere Familie geschlichen zu haben, wie so manches andere.

Zubereitung:

Da ich Rezepte eigentlich nicht mag, werde ich meins jetzt ziemlich unrezeptmäßig zum Besten geben. Zwei Dinge stören mich nämlich oft bei Rezepten: Diese Angeber-Sprache, in der ständig irgendwas pochiert oder blanchiert wird. Vor diesem hochnäsigen Koch-Vokabular kapituliere ich sofort. Die andere Sache ist die Trennung von Mengenangaben und Kochetappen, die ich völlig widersinnig finde.

Also, los gehts mit Leos Hühnersuppe, die so einfach zuzubereiten ist, dass man dafür eigentlich gar kein Rezept braucht. Es geht los mit einer Zwiebel und zwei Knoblauchzehen, die ich klein schneide und in einem großen Topf in Olivenöl anbrate. Ein Bund Suppengrün, deren Bestandteile ich mit dem Messer klein schneide, kommt dazu. Es ist übrigens völlig egal, wie klein man die Sachen schneidet, das ist der Vorteil von Suppen. Wenn auch das Suppengrün ein wenig angebraten ist, gebe ich lauwarmes Wasser dazu. Kommen viele Leute zum essen, ist es viel Wasser. Kommen wenige Leute, ist es eben weniger Wasser. Dann kommt ein Glas Hühnerfonds dazu. Da ich in Ostberlin aufwuchs, gab es keinen Hühnerfonds, sondern nur dieses salzige Maggi-Pulver, das schmeckt, als hätte man Knochenmehl in Hunde-Urin aufgelöst. Wenn Sie die Suppe also ganz authentisch im Style East Berlin wollen, nehmen Sie das Instant-Zeug, aber möglicherweise sterben Sie dann auch früher.

Jetzt ist der Moment des Huhns gekommen. Je fetter und größer das Huhn ist, um so besser. Ich lege das ausgenommene Huhn ins Kochwasser, das Huhn sollte vollständig von Wasser bedeckt sein. Dann gebe ich Gewürze dazu. Nehmen Sie einfach, was Sie so da haben. Zum Beispiel Pfeffer, Gewürzblätter, Majoran, Thymian und einen ordentlichen Schuss dicke Soja Sauce. Dann Deckel rauf und vierzig Minuten kochen lassen. Wenn die Hühnerbeine sich von allein lösen, ist es richtig. Ich nehme das Huhn aus dem Topf, lasse es abkühlen und zerschneide das Fleisch in bissgerechte Stücke. Die kommen dann wieder in die Suppe. Wenn richtig viele Leute zu Besuch kommen, können Sie noch Nudeln zur Suppe servieren. Ansonsten sind Sie jetzt fertig, sollten bitte kurz an Jesus, Moses und mich denken und Ihr Essen genießen.

Maxim Leo
„Wo wir zu Hause sind“
Kiepenheuer & Witsch
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Klar, es wirkte immer ein wenig nach Weltläufigkeit, Verwandte in aller Herren Länder zu haben. Und natürlich fand er es als kleiner Junge aufregend, wenn sich Besuch aus der Ferne ankündigte. Trotzdem: Irgendetwas vermisste Maxim Leo (Jahrgang 1971) – etwas wie ein Nest. Und überhaupt: Warum wohnten die anderen Leos nicht wie er und seine Eltern in Berlin? Um den Menschen und vielen offenen Fragen nachzuspüren, begab sich Maxim Leo auf Reisen. Wie Leitsterne waren ihm dabei drei Großtanten, die wegen ihrer jüdischen Herkunft oder kommunistischer Ideale von den Nazis verfolgt und vertrieben wurden: Ilse, die damals in Frankreich untertauchen konnte. Hilde, die es nach London verschlagen hatte. Und Irmgard, die in Israel unweit der Golanhöhen zur Mitbegründerin eines Kibbuz wurde. Die Nachkommen der drei besuchte Maxim Leo und sie kamen zu ihm nach Berlin – in die alte, verlorene Heimat, die vielleicht eine neue werden könnte. Bewegende Begegnungen und umfassende Recherchen sind die Basis dieses außergewöhnlichen Familienporträts, das zerstörte Lebensentwürfe und Neuanfänge, große Politik, persönliche Schicksale und existenzielle Erkenntnisse um Verlust und Zusammengehörigkeit stimmig verbindet. Ein großer erzählerischer Spannungsbogen – vom letzten unbeschwerten Kindheitssommer voll Lavendelduft bis zu versöhnlichen Erfahrungen, die fast als Happy-End gelten können. Einfühlsam und filmreif erzählt!