Michael Krügers Europa

Geschätzte Lesezeit ca. 7 Minuten
© Joachim Hauser

„Wenn ich noch mehr Bücher staple, kann es sein, dass mir der ganze Goethe auf den Kopf fällt“, seufzte Michael Krüger unlängst. Seine Sorge ist nicht ganz unbegründet: Zu einer „der beeindruckendsten Verlegerpersönlichkeiten der Republik“ (Die Zeit) wurde der langjährige, bis Ende 2013 amtierende Leiter des Münchner Hanser Verlags und legendäre Entdecker von literarischen Hochkarätern nicht zuletzt als Leser – mit enormer „Bildung, Bücherlust, Begeisterung, ja Unersättlichkeit“ (David Grossman). Und mit einer entsprechend ausufernden Bibliothek der Weltliteratur, in der Goethe in bester Gesellschaft ist.

Auch selbst ein vielseitiger und vielfach ausgezeichneter Schriftsteller, ist sich Michael Krüger einig mit dem Dichterfürsten, den er gern zitiert: „Alle meine Gedichte sind Gelegenheitsgedichte. Sie sind durch die Wirklichkeit angeregt und haben darin Grund und Boden.“

 

„Erwachende Metropolen, verwunschene Gärten“

Michael Krüger

Und Anregungen findet Krüger reichlich, ob daheim in München vor der eigenen Haustür und im Englischen Garten oder auf seinen Reisen kreuz und quer durch Europa. Von Ende 2017 bis Anfang 2019 war er etwa in Leipzig und London, Marseille und Madrid, Oldenburg und Oxford, Salamanca und Sarajevo, Vomp und Versailles, Warschau und Wien, Zürich und der Zugspitzregion. Überall hat er Entdeckungen, Eindrücke und Erlebnisse festgehalten – eine Fülle von Notizen als Nährboden für sein aktuelles lyrisches Werk: „Mein Europa! Gedichte aus dem Tagebuch“ vereint in bilderreicher Sprachkunst persönliche und politische Standortbestimmungen und Streifzüge durch Städte und Dörfer, Natur- Kultur- und Seelenlandschaften – im Wechsel der Stimmungen und Jahreszeiten.

„Eine der beeindruckendsten Verlegerpersönlichkeiten der Republik“

Die Zeit

Im großen poetischen Panorama „Mein Europa. Gedichte aus dem Tagebuch“ laden wir Sie ein zu Entdeckungen aus den Kapiteln Frühling und Sommer:

Michael Krüger
„Mein Europa. Gedichte aus dem Tagebuch“
Haymon
24,00 €

Auch als eBook auf Hugendubel.de erhältlich

240 Lesepunkte sammeln

München

Es ist schon lange nach Mitternacht
Im leeren Glas sammeln sich Insekten
Zu einer summenden Andacht,
und ein heller Falter torkelt
aus dem bewegten Geflimmer des Ahorns
auf meine zitternde Hand.
Ein Sommer, der nicht zu entschlüsseln ist,
ein Monat der Kobolde, der Bosheit,
des barschen Gewitters,
das die Welt zerreißt und keine Kraft,
die Lücke zu füllen, den Riss.
Um die Flugbahn der Vögel zu kennen,
hat man eine Million von ihnen beringt.
Sie kauern vor mir in den Hecken
Und warten auf den Befehl zum Aufbruch.
Ich bleibe in der Dunkelheit sitzen, weil ich auf den Igel warte,
der mir im letzten Sommer versprach,
mich wieder zu besuchen.

Veröffentlicht in „Mein Europa. Gedichte aus dem Tagebuch“ © 2019 by Haymon

Segovia

Geht man hinter dem Alcázar
hinunter zum Flüsschen Eresma,
dann sieht man neben dem Kloster der Karmeliter,
erbaut aus den grauen Geständnissen der Inquisition,
den Durchschlupf zum Romeral de San Marcos,
einem der schönsten Gärten der Welt.
Am Eingang aus geflochtenen Träumen
und einem Schloss aus altem Blut
träumt ein Hagebuttenkönig den Traum der Pflanzen.
Du darfst ihn auf keinen Fall wecken.
Dann musst du blindlings den Eidechsen folgen,
sie sind, neben rotbauchigen Vögeln, die einzigen,
die den Weg kennen, der unter den Blättern der Palmen
zur Grotte des Leandro Silva führt.
Jedes eingerollte Blatt kennt seinen Namen.
Seine Ideen zur Natur sind eingelassen in den Stein,
den muss man mit wenigen Tropfen Wasser erweichen.
Um sechs bringen dich die rotbauchigen Vögel
zurück an die Pforte, dort endet die Freiheit.

Veröffentlicht in „Mein Europa. Gedichte aus dem Tagebuch“ © 2019 by Haymon

Madrid

Wie viele Schritte sind mir noch zugemessen
im Himmlischen Hauptbuch?
Und ist eine sanfte Landung geplant
oder ein Absturz? Ich will beides nicht mehr sein,
weder Beute noch Jäger.
Gib mir noch ein paar Meter, bitte zeig mir
die helle Spur des Weges bis dahin,
wo sie mich verliert und sich spaltet.
Ich weiß, Leben ist kein langfristiges Unternehmen,
seit wir die Gabe der Unsterblichkeit
verloren haben – aber mir scheint,
der unendlich hohe Einsatz
auf endlichen Gewinn ist zu hoch.
Also lass uns noch ein paar Meter gemeinsam
gehen, nimm meine tastende Hand,
denn wahrscheinlich sind wir uns näher,
als wir es je ahnten zu sein.

Veröffentlicht in „Mein Europa. Gedichte aus dem Tagebuch“ © 2019 by Haymon