© Kristina Malis

Erste Hilfe für SOS-Momente

Geschätzte Lesezeit ca. 6 Minuten

IN DER KRISE das Leben umarmen? Nicht leicht für Nicole Staudinger, als sie mit 32 die Krebsdiagnose bekam. Hatte sich die zweifache Mutter umsonst selbstständig gemacht, um mehr Zeit für ihre Familie zu haben? Ihre Karriere musste sie erst mal auf Eis legen. Aber zum Geburtstag ihres Sohnes gab sie trotz allem ein Gartenfest mit Hüpfburg – Tränen inklusive. Kapitulation? Keine Option für Nicole Staudinger. Inzwischen ist sie 35 und hat mit dem Bestseller über ihre Krebserkrankung vielen anderen Betroffenen Mut gemacht. Das gelingt ihr auch mit ihrem neuen Buch „Stehaufqueen“.

© Kristina Malis

Was hat Sie selbst zur „Stehaufqueen“ gemacht?
Das Leben, so wie es sich für mich dargeboten hat. Mit allem, was dazu gehört.

Hinter den im Untertitel erwähnten Herausforderungen stecken eine Reihe persönlicher Katastrophen: Erlebnisse, von denen wir eigentlich alle hoffen, dass sie uns erspart bleiben. Was macht es Ihnen so wichtig, genau diese Erfahrungen lebendig werden zu lassen?
Weil alles, was ich erlebt habe, etwas mit mir gemacht hat. Selbst die schlimmsten Dinge bringen irgendetwas Positives mit. Und das ist doch irgendwie so beruhigend, dass man das ruhig mal erzählen kann.

Wie haben Sie die schicksalhaften Geschichten eigentlich ausgewählt, die Sie uns nahebringen?
Einen Großteil habe ich bzw. meine Familie selber erlebt. Für die anderen Geschichten musste ich nur mal rechts und links gucken. Neben uns, unter uns, mit uns leben jede Menge Stehaufqueens, das ist äußerst inspirierend.

Mit Anfang 30 haben Sie Höhen und Tiefen fast zugleich erlebt: erst den sagenhaften Überraschungserfolg Ihrer Schlagfertigkeitstrainings, dann ausgerechnet an Ihrem 32. Geburtstag der Krebsverdacht, der sich am nächsten Tag bestätigte. Wer oder was hat Sie in dieser Situation vor dem Aufgeben bewahrt?
Ganz klar: Meine Kinder.

Ihr früheres Ich bezeichnen Sie als „Madame-ich-schaff-das-schon“ − eine Haltung, die Sie hinter sich gelassen haben. Was hat Sie verändert und warum ist das gut so?
Weil in dieser Aussage vor allem drinsteckt, dass ich es für Andere möglichst angenehm mache. Das ist ja toll, dass wir Frauen das können, aber manchmal vergessen wir uns selbst dabei. Ich schaffe heute auch vieles, aber noch mehr eben nicht. Und dabei fühle ich mich alles andere als schlecht!

Krisenmanagement wäre ein Stichwort, bei dem man Ihr Buch einsortieren könnte. Aber das trifft es nicht ganz genau, oder?
Das Leben läuft nicht linear nach oben und schon gar nicht nach Plan. Die Quintessenz wäre wohl, dass man seines so annimmt, wie es ist und wir das, was wir ändern können, ändern und den Rest lächelnd annehmen. Und wenn man das erkannt hat, wird man sich umgucken, wie viel wir doch selber in der Hand haben.

„Jeder trägt den
Schlüssel
für sein Glück in sich!“

Ihr Buch ist alles andere als ein konventioneller Ratgeber. So kommen Sie uns nicht mit generellen Ratschlägen. Worauf setzen Sie stattdessen?
Dass jeder den Schlüssel für sein Glück in sich trägt. In der „Stehaufqueen“ werden Bewältigungsmechanismen gezeigt, bei denen vielleicht ein Psychologe die Hände über dem Kopf zusammenschlägt. Aber: Sie haben der Person in dem Fall geholfen. Mit Ratschlägen kann ich so gar nicht: Es sind und bleiben eben auch Schläge! Durch das Lesen und das Mitempfinden werden vielleicht eigene Strategien neu erweckt. Und Lösungen, auf die ich selber komme, sind um sooo viel hilfreicher als all das, was uns so übergestülpt wird.

Am Anfang Ihres Buches schildern Sie den Wanderausflug zweier Freundinnen. Was macht diese Geschichte so aussagekräftig?
Nur weil mir dieses oder jenes geholfen hat, ist das kein universell gültiger Tipp. Weil eben jeder unterschiedlich ist. Ein scheinbar gleicher Weg ist eben nur von außen betrachtet „gleich“. Die Personen, die ihn gehen (müssen), sind sehr unterschiedlich. Und das gilt es anzunehmen, ohne sich schlecht zu fühlen.

Einer der Schlüsselbegriffe in Ihrem Buch ist Resilienz. Was genau verstehen Sie darunter?
An unvorhergesehenen Dingen im Leben wachsen.

Resilienz hat offenbar nicht jeder reichlich mit auf den Lebensweg bekommen. Was tun, wenn man eher zu Kummer und Kapitulation neigt?
Keine Person, mit der ich für das Buch gesprochen habe, hätte sich vor dem „Schlag“ als resilient beschrieben, aber alle haben gesehen: Sie sind es! Wenn wir aufhören, uns selbst zu bemitleiden, und erkennen, was in uns steckt, ist der erste Schritt geschafft. Und Selbstreflexion gehört schon auch dazu. Man darf sich auch mal die Frage stellen, warum man bisher zu Kummer und Kapitulation geneigt hat … hat ja vielleicht auch nen Grund …

Wie entscheidend es ist, Pläne zu machen, sich ganz konkrete Ziele zu stecken und darauf zu fokussieren, liest man fast überall. Bei Ihnen nicht. Warum sind Sie anderer Meinung?
Immer wenn ich einen Plan hatte, oder sowas wie konkrete Ziele, ging das aber sowas von in die Hose! Und was war ich da frustriert! Jetzt mache ich keine Pläne mehr und lasse alles auf mich zukommen, streng genommen bekomme ich also mein eigenes Scheitern nicht mehr mit. Das wirkt sehr entspannend auf mich.

Sie bezeichnen es als Wendepunkt in Ihrem Leben, dass Sie das Schreiben entdeckt haben. Wie kam es dazu?
Das passierte an einem Nachmittag auf der Couch, nach der zweiten Chemotherapie. Ich kann es tatsächlich nur als Eingebung bezeichnen. Und ich hörte nie mehr damit auf. Das Verrückte ist: Ich habe in keinem Buch rückwirkend je auch nur einen Satz geändert. Es fließt einfach so aus mir heraus, ob es gut ist, weiß ich nicht, das müssen andere entscheiden. Aber für mich ist es heute ein nicht mehr verzichtbares Ventil.

„Ich besteige die
Berge erst,
wenn sie da sind.“

Sie haben die Angewohnheit, sich aus Büchern die bedeutendsten Sätze herauszuschreiben und zu überlegen, wie Sie sie für sich nutzen können. Was ist zum allerbedeutendsten Satz für Sie geworden?
Aus dem Buch „Die Tänzerin von Auschwitz“, als die Protagonistin nach Auschwitz gebracht wird und sinngemäß sagt: „Jetzt gucke ich doch mal, was ich in dieser Welt so auf die Beine stellen kann.“

Und wie lautet für Sie der wichtigste Satz aus „Stehaufqueen“? Was ist die wichtigste Botschaft für Ihre Leserinnen und Leser?
Hui, da ist so vieles, was mir aus der Seele spricht. Meine Lebenseinstellung spiegelt sich am besten in: „Ich besteige die Berge erst wenn sie da sind!“ Ein zu frühes Besteigen sieht nämlich albern aus!

Bitte vollenden Sie folgenden Satz: Sie können den Wind nicht ändern, aber …
Die Segel, die setzen wir!

Wenn ich Trostspenderin bin, dann …
Organisiere ich Wein, Schokolade, heule ne Runde mit und frage dann: „Was brauchst Du?“

Sie äußern die Zuversicht, dass sich mitunter Wunder herbeizaubern lassen. Was ist Ihr Lieblingsbeispiel?
Naja, dass Sie mich das hier alles fragen, ist ein Wunder! Dass ich das alles machen darf, ist ein Wunder! Und das hat kein Krebs herbeigezaubert, das war ich zum größten Teil ganz allein!

Ihr Buch beruht nicht zuletzt auf der Überzeugung, dass in jeder Frau eine Stehaufqueen steckt. Was macht Sie so sicher?
Mich besuchten in den letzten Jahren mehrere zig-tausende von Frauen in Trainings, Seminaren, Lesungen und Shows. Glauben Sie mir, ich weiß es!