© Jan Steffen / IFM Geomar

RETTUNG IN LETZTER MINUTE

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UNSERE LETZTE Chance dürfen wir nicht verspielen: Daran besteht beim Blick auf die Fieberkurve unseres Planeten kein Zweifel für Mojib Latif, Meteorologe am GEOMAR-Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel und einer der weltweit führenden Klimaforscher. Unverkennbare Alarmzeichen sind für ihn z.B. die sich immer schneller überbietenden Hitzerekorde – 42,6 bei uns in Deutschland, sogar 49,9 Grad in Australien. Brandaktuelle Fakten, Lektionen aus der Corona-Krise und Rettungsstrategien vereint er in seinem neuen Buch „Heißzeit“.

© Jan Steffen / IFM Geomar

Mit Klimafragen und -forschung befassen Sie sich seit Ihrem Studium in den 1970er Jahren. Welche drei Schlagworte bezeichnen für Sie die gravierendsten Veränderungen beziehungsweise Klimagefahren seither?

Erderwärmung, Meeresspiegelanstieg, Wetterextreme.

Wie würden Sie die aktuelle Klimaproblematik auf den Punkt bringen?

Wir kommen nicht vom Wissen zum Handeln. Das Problem ist seit Jahrzehnten bekannt. Trotzdem steigt der weltweite CO2-Ausstoß. Seit 1990 ist ein Anstieg der Emissionen von ca. 60 Prozent zu verzeichnen. Anspruch und Wirklichkeit könnten kaum weiter auseinanderliegen als in der internationalen Klimapolitik.

„Allzeithoch von 42,6 Grad“

Welches Anliegen oder welche Hoffnung bewegt Sie zu ihrem enormen Engagement?

Klimaschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Niemand kann sich wegducken. Wir müssen die Menschen aber mitnehmen. Viele haben Angst vor Veränderung. Dabei können wir durch Klimaschutz so viel gewinnen.

Vor drastischen Veränderungen des Klimas und vor drohenden Katastrophen warnen Sie und viele weitere Experten schon lange, z.B. der Club of Rome seit Anfang der 1970er Jahre oder der frühere US-Vizepräsident Al Gore in seinem Film „Eine unbequeme Wahrheit“ über die globale Erderwärmung. Wie erklären Sie es sich, dass die effektive Wirkung immer noch auf sich warten lässt?

Das Problem ist abstrakt. CO2 kann man nicht sehen. Dabei hat das Gas schon Werte erreicht, die es seit Jahrmillionen nicht mehr gegeben hat. Eigentlich müssten deswegen die Alarmglocken schrillen. Es wäre anders, wenn sich der Himmel durch mehr CO2 bräunlich einfärben würde. Die Menschheit würde sofort handeln.

Sie sehen Parallelen zwischen der Klimaproblematik und der Corona-Krise. Welche hauptsächlich? Und was können wir daraus lernen?

Drei Dinge. Erstens, Krisen fallen nicht vom Himmel. Die Wissenschaft hat seit Jahren vor beiden Krisen ge-warnt. Zweitens: Globale Krisen können nur von den Ländern gemeinsam gelöst werden. Drittens: Die Populisten haben keinen Plan. Der amerikanische Präsident Donald Trump zum Beispiel hat dieCorona-Krise zunächst kleingeredet, was zu der beispiellosen Tragödie in den USA geführt hat. Er ist auch ein Klimaleugner. Auf solche Leute ist kein Verlass.

„2019 hatten wir einen neuen Allzeitrekord.“

„Heißzeit“ ist der Titel Ihres neuen Buches – das Wort des Jahres 2018. Was macht es für Sie aktueller denn je?

In Deutschland nehmen die „heißen“ Tage zu, d. h. Tage mit Temperaturen von 30 Grad und mehr. 2019 hatten wir einen neuen Allzeitrekord mit sage und schreibe einer Temperatur von 42,6 Grad im niedersächsischen Lingen. Noch sind solche Tage die Ausnahme. Wir steuern auf Verhältnisse zu, in denen unmenschliche Temperaturen die Regel wären, eben auf eine „Heißzeit“.

2018 war insgesamt ein Jahr der Schlagzeilen über Wetter und Klima. Welche Rekorde sind für Sie am bemerkenswertesten und aussagekräftigsten und was ist daraus zu schließen?

Der nicht enden wollende Sommer, der im April begann und bis weit in den Herbst anhielt. Dazu kam die Trockenheit. Wer hätte sich vorstellen können, dass man sich in Norddeutschland mal nach Regen sehnen würde. 2018 haben zudem Teile der Wirtschaft, die nicht wie die Landwirtschaft vom Wetter abhängen, erleben müssen, was der Klimawandel auch für sie bedeuten kann.

Was war für Sie der aktuelle oder akute Antrieb zu Ihrem neuen Buch?

Die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern sich gerade grundlegend. Das Aufkommen von Populismus und Nationalismus wie auch Fake News besorgt mich sehr. Die Wissenschaften verlieren völlig zu Unrecht einen Teil ihrer Glaubwürdigkeit. Klimaleugner, Impfgegner oder Anti-Corona-Demonstranten sind Symptome dafür. Politische Rattenfänger versuchen dies für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Wir müssen dieser Entwicklung Einhalt gebieten. Sonst gerät nicht nur das Klima aus dem Takt, sondern wir verlieren auch Frieden und Freiheit.

Welchen Anspruch haben Sie als Autor, um abstrakte Angelegenheiten begreiflich zu machen?

Ich versuche Beispiele aus dem Alltag zu finden. Außerdem möchte ich Zusammenhänge aufzeigen. So bin ich fest davon überzeugt, dass soziale Gerechtigkeit und Klimaschutz zusammengedacht werden müssen. Wenn man nicht weiß, wie man die Miete bezahlen soll, oder mehrere Jobs braucht, um über die Runden zu kommen, dann kann Klimaschutz schnell zu einem Reizwort werden.

Die Rede ist oft von Klimamodellen. Wie würden Sie einem Laien kurz, kompakt und möglichst anschaulich erklären, was es damit auf sich hat?

Ein Klimamodell ist im übertragenen Sinn eine Erde im Reagenzglas. Wir erschaffen uns ein Abbild des Planeten im Computer. Mit dieser virtuellen Welt können wir experimentieren und die Abläufe rund ums Klima simulieren.

„Auf die erneuerbaren Energien setzen!“

Sie betonen, dass wir die letzte Chance haben und es unbedingt jetzt zu handeln gilt. Warum je schneller, desto besser? Was genau macht es umso schwerer und verhängnisvoller, je länger wir warten?

Es gibt eine bestimmte CO2-Menge, die wir ausstoßen dürfen. CO2 entsteht hauptsächlich bei der Verbrennung der fossilen Brennstoffe – Kohle, Öl und Erdgas. Die Wirtschaft muss langfristig auf die erneuerbaren Energien wie Sonne und Wind setzen. In den Klimamodellen können wir den CO2-Ausstoß sofort auf Null setzen, in der realen Welt nicht. Wir müssen einen optimalen Weg beschreiten, der sowohl das Klima als auch die Wirtschaft schützt. Irgendwann ist es dafür zu spät.

Jeremy Rifkin nannte Deutschland einen Leuchtturm, was Bestrebungen zur Klimarettung anbelangt. Angela Merkel wurde respektvoll als „Klimakanzlerin“ bezeichnet. Silberstreifen am Horizont?

Auf jeden Fall. Deutschland hat die erneuerbaren Energien bezahlbar gemacht, weswegen sie heute überall auf der Welt boomen. Das ist ein Riesenverdienst. Außerdem hat Deutschland die CO2-Emissionen erheblich verringert, während sie global gestiegen sind. Wir zählen zu den Guten, das heißt aber nicht, dass wir uns jetzt zur Ruhe setzen können.

„Deutschland zukunftsfähig machen!“

Ich halte nichts von Heldenverehrung.Angenommen, Sie säßen an den Schalthebeln der Macht, etwa als Kanzler. Was wären Ihre ersten Amtshandlungen?

Ich würde eine höhere CO2-Bepreisung einführen, aber gleichzeitig darauf achten, dass keine soziale Schieflage entsteht. Das Geld muss einerseits an die Menschen zurückfließen und andererseits in Infrastrukturprojekte investiert werden, die Deutschland zukunftsfähig machen. Der Ausbau der erneuerbaren Energien und der Netze muss forciert, Verkehr von der Straße auf die Schiene verlagert und neue Mobilitätskonzepte entwickelt werden.

Greta Thunberg wurde zur Symbolfigur eines neuen Kapitels im Umwelt- und Klimaschutz. Was versprechen Sie sich davon?

Auf jeden Fall. Deutschland hat die erneuerbaren Energien bezahlbar gemacht, weswegen sie heute überall auf der Welt boomen. Das ist ein Riesenverdienst. Außerdem hat Deutschland die CO2-Emissionen erheblich verringert, während sie global gestiegen sind. Wir zählen zu den Guten, das heißt aber nicht, dass wir uns jetzt zur Ruhe setzen können.

Bewegungen wie „Fridays for Future“ bringen die Klimaproblematik bei Demos und Kundgebungen unüberhörbar mitten in den Alltag der unterschiedlichsten Menschen. Welches Veränderungspotenzial sehen Sie?

„Fridays for Future“ hatte eine wichtige Signalwirkung. Die Zivilgesellschaft ist der Schlüssel zum Erfolg. Der Anstoß für die deutsche Wiedervereinigung beispielsweise kam aus der Mitte der Gesellschaft, nicht aus der Politik. Wenn die Menschen Klimaschutz wirklich wollen, dann wird es ihn auch geben.

In Ihrem Buch spiegeln Sie ein großes Spektrum an Positionen zur Klimaproblematik. Worauf komm es Ihnen dabei an?

Wir werden mit Informationen geradezu überflutet, seriöse und weniger seriöse. Immer mehr Menschen wissen nicht mehr, was sie glauben sollen. Das macht es den Populisten leicht, Zuspruch für ihre kruden Thesen zu bekommen. Das Vertrauen in die Wissenschaft und in die handelnden Personen muss gestärkt werden. Dazu gehört es, scheinbar plausible Argumente zu widerlegen und die Machenschaften bestimmter Lobbygruppen zu entlarven.

„Immer die Vorteile sehen!“

Ihre Appelle richten sich nicht nur an die politischen Entscheidungsträger, sondern auch an die Zivilgesellschaft. Was können denn Durchschnittsbürger wie du und ich ausrichten?

Es steht mir nicht an, den Menschen Vorschriften zu machen. Wir sollten keine Verzichtsdebatte führen, sondern immer die Vorteile sehen. Nehmen wir als Beispiel das Auto. Wenn man die Möglichkeit hat, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, dann will man sie nicht mehr missen.

Wie gelingt es Ihnen, Ihren eigenen Ansprüchen gerecht zu werden und sich möglichst klimaneutral zu verhalten?

Ich bin kein Heiliger, versuche aber trotzdem etwas zum Klimaschutz beizutragen. Ich habe beispielsweise mein persönliches Tempolimit und fahre nur 100 km/h auf der Autobahn. Das schont die Nerven und spart auch viel Geld, weil der Kraftstoffverbrauch sinkt. Für längere Strecken nehme ich die Bahn.

Was fällt Ihnen persönlich bei der klimafreundlichen Lebensführung besonders schwer?

Viele Dinge fallen mir schwer. Beispielsweise gelingt es mir nicht, Flüge zu vermeiden, weil Konferenzen oft auf anderen Kontinenten stattfinden. Auf den Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen möchte ich nicht verzichten.

Welche Pläne haben Sie für die Ferien?

Ich wohne am Meer. Da kann ich die Seele baumeln lassen und mit dem Fahrrad durch die Natur fahren. Wunderschön!

Wie lautet Ihr wichtigster klimafreundlicher Urlaubstipp?

Erholung first. Die kann man auch in Deutschland bekommen.