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LETZTE SPUR: Malmö

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Tina Frennstedt gilt als renommierteste Kriminalreporterin Schwedens und wurde vielfach ausgezeichnet für ihre packenden Fernsehberichte. Inzwischen wird sie in ihrer Heimat auch als Shooting Star der Spannungsliteratur gefeiert. Kein Wunder, denn in ihr Debüt fließen fast 20 Jahre Profierfahrung ein, die sie ihrer Heldin mit auf den Weg gibt: Tess Hjalmarsson, bei der Stockholmer Polizei Leiterin der Abteilung Cold Cases. Ihren Einstand gibt die Ermittlerin mit einem der schwierigsten Fälle der schwedischen Kriminalgeschichte.

Tina Frennstedt; Photo: © Maria Östlin

Welche Kriminalfälle bewegen Sie am meisten?
Die ungelösten Fälle, die sich vor vielen Jahren ereignet haben. Solche Altfälle betreffen so viele Menschen: die Verwandten, Freunde, unschuldig in Verdacht Geratene, Polizeibeamte, mitunter ganze Ortschaften. Die Ungewissheit – ein Trauma, Jahr um Jahr.

Als Kriminalreporterin können Sie aus viel Stoff schöpfen. Warum haben Sie kein Sachbuch geschrieben, sondern eine Thrillerreihe gestartet?
2006 habe ich tatsächlich schon ein Sachbuch geschrieben: „Die Tochter des Diplomaten“, eine Dokumentation über Karolina Johnsson, eine Schwedin, die in Bangkok mit 6,8 Kilo Heroin gefasst wurde und zwölf Jahre in thailändischen und schwedischen Gefängnissen saß. Beim Schreiben wurde mir klar, dass ich eine Geschichte gerne weiter- und tiefergehend anlegen würde. Ich finde es spannend, die Freiheit zu haben, meine eigene Welt mit ihren Figuren zu erfinden, sie aber mit der Realität zu verbinden. Als Journalistin bin ich gewissermaßen ein Realitäts-Nerd, deshalb ist es mir wichtig, dass meine Fälle auf wirklichen Verbrechen beruhen.

„Sehr schwierig sind wirklich alte Fälle.“

Wie beurteilen Sie die Aussichten, solche unaufgeklärten Fälle doch noch zu lösen?
Es ist meist sehr schwierig, besonders bei wirklich alten Fällen, wo man sich einst nicht sorgfältig genug um Beweise gekümmert hat. Und dann sterben Zeugen oder sie vergessen immer mehr. Aber die Entwicklung der DNA-Verfahren ist unglaublich. Auf viele Fälle wirft das neues Licht und bringt die Ermittlungen weiter.

Was stand bei Ihrem Thrillerprojekt am Anfang?
Die erste Anregung war für mich der Fall Helena Andersson, die vor 26 Jahren verschwand und bis heute nicht gefunden wurde.

Als Thrillerautorin sind Sie nun auch Personalchefin und konnten sich Ihr Dream-Team zusammenstellen. Worauf haben Sie Wert gelegt, als Sie die Polizeiabteilung für Cold Cases besetzt haben?
Auf eine weibliche Hauptfigur, die ich mögen, aber auch in Schwierigkeiten bringen könnte. Und eine weitere Frau als Sidekick. Ich wollte ein weibliches Duo, ein bisschen wie in der britischen Fernsehserie „Scott & Bailey“.

Ihre Hauptperson ist Leiterin der Abteilung für Cold Cases: Tess Hjalmarsson. Wie würden Sie sie beschreiben?
Sie hat diese alten Fälle zu ihrer Lebensaufgabe gemacht, denn sie fühlt sich gegenüber den Hinterbliebenen der Mordopfer oder Vermissten verantwortlich. Tess kämpft unermüdlich – auch um mehr Wertschätzung und mehr Ressourcen für ihre kleine Abteilung. Sie ist lesbisch, hat aber ganz gewöhnliche Wünsche für ihr Leben: eine Partnerin und eine Familie, einen Hund und wahrscheinlich einen Volvo und ein Sommerhaus in Österlen, was sie sich aber nicht leisten kann.

„Ich wäre eine gute Ermittlerin!“

Wie viel hat Tess von Ihnen selbst mitbekommen?
Wir haben einiges gemeinsam: Wir sind beide lesbisch. Wie Tess habe mich viele Jahre nach einem Kind gesehnt. Voraus habe ich ihr, auch tatsächlich eines bekommen zu haben. Und ich glaube, auch ich wäre eine richtig gute Ermittlerin für Cold Cases.

Ihre Arbeit lässt Tess eigentlich nie los. Die Mordopfer und deren Hinterbliebene begleiten sie überallhin. Welche Vorstellung steht dahinter?
Sie geht in ihrer Arbeit auf – und wenn man Erfolg haben will, muss man das auch. Aber ich hoffe, dass es in ihrem Leben demnächst mehr gibt als nur die Arbeit. Im nächsten Buch hat sie zumindest einen Hund. Ich selbst habe mir übrigens vor einigen Wochen einen niedlichen Welpen zugelegt.

Der Kollege, mit dem Tess auf den ersten Blick am wenigsten gemeinsam hat, ist wohl Ola Makkonen. Was verursacht das Spannungsverhältnis der beiden?
Makkonen ermittelt gegen Bandenkriminalität und wird dafür von Tess nicht besonders geschätzt. Er wiederum meint, dass Cold Cases nicht von besonderer Bedeutung sind. Die beiden haben ziemlich unterschiedliche Ansichten, was die Prioritätensetzung bei der Polizei in Malmö anbelangt. So spielt sich ein kleiner Machtkampf zwischen den beiden ab.

„Die beiden sind sehr verschieden.“

Tess’ Sidekick ist Marie Erling. Was macht sie beruflich zur perfekten Partnerin für Tess?
Die beiden sind grundverschieden. Marie Erling ist sehr direkt, Tess ist wesentlich diplomatischer und analytischer. Aber Marie erkennt Dinge in Tess, die diese selbst nicht sieht. Marie kann Tess auch in ihrem Privatleben voranbringen.

Marie hat unüberhörbar spezielle Musikvorlieben. Wie typisch ist das für ihre Persönlichkeit?
Es ist einfach Ausdruck von Maries aktueller Stimmung! Oder von verrückten Stimmungen, die sie ungebremst zum Ausdruck bringt – und ihres schrecklichen Geschmacks.

Was hat sich beim Schreiben als größte Herausforderung erwiesen?
Die Balance zu halten zwischen dem neuen und dem alten Fall. Ich stecke mehr in dem alten und eigentlichen Fall, aber die Handlung dreht sich um den neuen.

Schweden hat ja ein sagenhaftes Renommee, was Spannungsliteratur anbelangt. Was verbinden Sie mit dieser Tradition und mit den großen Namen von Maj Sjöwall und Per Wahlöö über Henning Mankell bis zu Liza Marklund?
Liza Marklund inspirierte mich mit „Olympisches Feuer“, weil sie sehr effektiv schreibt. Und wir hatten bei der Zeitung „Expressen“ ein Stück weit den gleichen Hintergrund. Sjöwall & Wahlöö waren fantastisch in ihrer humorvollen und spannenden Art, Polizeiarbeit zu schildern. Von Mankell hab ich die Geographie übernommen, Südschweden und Österlen. Ich nehme an, ich bin von ihnen allen beeinflusst.

Wen schätzen Sie selbst als Leserin von Krimis und Thrillern? Wer ist Ihnen da vielleicht sogar zum Vorbild geworden?
Jo Nesbø wegen seines Talents, fantastische und dramatische Szenen zu erfinden. Elizabeth George wegen ihrer Begabung, lebendige Charaktere zu erschaffen.

Zur Grundstimmung tragen die Wetterverhältnisse nicht unbeträchtlich bei. Worauf achten Sie beim Schreiben besonders, um Atmosphäre zu erzeugen?
Ich selbst hasse Stürme und starken Wind. Aber natürlich ist es ein guter Trick, um alles gleich dramatischer zu gestalten.

„Ich liebe diese Gegend Schwedens.“

Als Hauptschauplatz haben Sie nicht etwa Ihre Heimatstadt Stockholm gewählt, sondern Malmö. Was sprach dafür?
Ich bin im südschwedischen Lund und in Österlen aufgewachsen, wo ich immer noch ein Haus habe. Ich liebe diese Gegend Schwedens, hier fühle ich mich geborgen. Das ist mein Zuhause!

Was begeistert Sie in Südschweden besonders?
Die Natur, vor allem das Meer, zu dem es hier nirgends weit ist. Es ist eine schöne, aber auch sehr einsame Gegend Schwedens – außer zu Ostern und im Sommer. Die Einheimischen sehen es wahrscheinlich nicht so verklärt wie die Urlauber.

Wie beurteilen Sie die Zukunftsaussichten von Tess und Ihrer Abteilung?
Ich hoffe, sie bleiben noch lange und für viele Bücher am Leben. Ich sehe das Ganze als Fernsehserie, das ist meine große Hoffnung für sie.