© Gerald von Floris

Gier, Verrat, Hollywood

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WENN ES NACH UNS ginge, bekäme er sofort einen besonders schönen Stern auf dem Walk of Fame: Christof Weigold ist in diesem Frühjahr die Entdeckung schlechthin im Krimigenre. Seine Settings: Hollywood-Glamour in den nicht nur goldenen 1920er Jahren – Blicke hinter die Kulissen inklusive. Seine Charaktere: hardboiled wie einst in den besten Noir-Romanen. Und auf Dialoge versteht sich der erfahrene Drehbuchautor sowieso. Premiere für Hardy Engel, verhinderter Schauspieler, der sich als Privatermittler über Wasser hält.

© Gerald von Floris

Zu Ihren Karrierestationen gehört eine Kultinstitution des deutschen Fernsehens: die „Harald Schmidt Show“. Was sind Ihre schönsten Erinnerungen?
All die (ca. 40) Auftritte als Schauspieler in selbstgeschriebenen MAZen und auf der Bühne, mit und ohne Harald: Als Bertolt Brecht, Meister Proper, Sepp Herberger, Yeti (mit Reinhold Messner), Monica Lewinsky, Benito Mussolini, Pandabär, Heinz Rühmann, Benno Ohnesorg … Und die Stars hinter der Bühne: Falco. Grace Jones. Brigitte Nielsen. The Bangles u.v.m. Jeden Tag zwei. Mehr Glamour gab es in Deutschland nicht.

Gibt es auch unerfreuliche Erinnerungen?
Schrecklich war da nix, es war alles toll. Unsere Praktikantinnen waren Models und produzieren heute „Toni Erdmann“. Denkwürdig auch: Die Weihnachtsfeiern des Teams. Perfekte Recherche für das Hollywood der 20er, nur ohne Prohibition.

Sie sind als Drehbuchautor schon lange im Filmgeschäft. Hat Hollywood Sie je gelockt?
Den Drehbuchautor, den Hollywood nicht lockt, gibt es nicht. Aber man kann ja nicht auf Englisch schreiben. Also schreibt man am besten einen Hollywood-Roman auf Deutsch und guckt mal, was passiert …

Wie haben Sie Hollywood für Ihr Buchprojekt entdeckt?
Da war zuerst die Begeisterung für das Noir-Genre und dessen Stil. Dann die Entdeckung: Hollywood wurde von einem Deutschen mitgegründet, Carl Laemmle. Und meine Filmerfahrung: Man soll ja über etwas schreiben, das man kennt und wofür man brennt.

„… man starb
schneller
und jünger

1920, Aufbruch, legendäre Studios – was macht speziell diese Ära literarisch ergiebig?
Dass viele Produzenten vor hundert Jahren genauso hart und verschroben waren wie heute (und umgekehrt) … Geschrieben vor dem #MeToo-Skandal, doch brandaktuell! Andererseits war alles noch viel brutaler als heute. Man starb schneller und jünger.

Hollywood ist ein Mythos. Welches Bild hatten Sie im Kopf, als Sie sich an die Arbeit machten?
Hollywood ist natürlich noir und voller Lügen. Das von 1921 ist ja ein Dorf, das gerade Hollywood wird. Die meisten ikonischen Orte und Stars entstehen erst, das beschreibe ich.

Wer oder was waren Ihre ergiebigsten Recherchequellen?
Das Los Angeles Police Museum in Pasadena. Das Polizei-Handbuch, mit dem Raymond Chandler recherchiert hat, antiquarisch besorgt. Und das Hollywood Heritage Museum: Die Originalscheune, in der 1913 der erste Langfilm gedreht wurde, privat betrieben von Cineasten, die ALLES wissen!

Wie war Ihre wichtigste Regieanweisung, Ihr Anspruch an sich selbst als Romanautor?
Witzig, farbig und böse zu sein. Unvorhersehbare Wendungen. Und das alles in einem möglichst eigenen, fließenden Stil. Im (ersten) Roman ist das Wichtigste der Stil.

Die Gründungsgeschichte Hollywoods lieferte Ihnen die Starbesetzung quasi frei Haus, z.B. Universal-Gründer Carl Laemmle, Produzent Irving Thalberg und Skandalregisseur Erich von Stroheim. Waren diese festen Größen beim Schreiben eher Inspiration oder eher Komplikation?
Eher Inspiration. Sie hatten viele Macken. Laemmle mit seiner Hühnerfarm – unbezahlbar. Ansonsten bin ich damit recht frei umgegangen. Sie sind mehr oder weniger zwielichtige Gestalten in einem Noir-Krimi.

Welche der historischen Hollywood-Persönlichkeiten beeindruckt Sie am meisten und wodurch?
Carl Laemmle durch seine unglaubliche Pionierleistung – aber auch durch seine Sprunghaftigkeit. Das Kapitel mit den acht Filmmogulen ist eines meiner liebsten.

„Der Mann, der nicht mitspielt“ ist nicht nur ein Krimi, oder? Was sehen Sie in Ihrem Buch?
Das Sittenbild einer sich verändernden Stadt, die an dem Skandal beinahe zugrunde gegangen wäre.

Hollywood wird oft als Traumfabrik bezeichnet. Welche Biografien sind die ergiebigsten?
Die der „kleinen Filmleute“, der gescheiterten, hoffenden. Die großen Filmleute sind alle meist auf ähnliche, wenngleich farbig-krasse Weise getrieben und verdorben.

Das Motiv des Scheiterns scheint eine Hauptrolle zu spielen, oder?
Ja. Und es hängt eng zusammen mit den vielen Entscheidungen, die man in diesem Geschäft treffen muss, jeden Tag, ob man „mitspielt“.

Auf dem Buchumschlag liest man: „… wahres Sündenbabel zur Zeit der Stummfilme“. Worin sehen Sie die größten Sünden?
Menschen zu verbrauchen und zu verbrennen. Gier. Verrat. Lüge.

Wie erblickte Ihr Held Hardy Engel das Licht der Krimiwelt? Was ist er für ein Typ?
Die Geschichte eines gescheiterten Schauspielers und Privatdetektivs skizzierte ich schon 1986. Orientiert an Philip Marlowe und Hemingways Figuren. Unbeugsam. Geht bis zum Letzten. Durch die Hölle.

Welcher von Hardys Sätzen sagt am allermeisten über ihn aus?
Als es um ideale Richtlinien für Filmleute geht: „Niemanden umbringen. Niemanden vergewaltigen. Keine Drogen, kein Alkohol, kein Sex und niemals lügen. Ganz bestimmt werden Sie sich alle daran halten.“

Wer wäre bei einer Verfilmung die Idealbesetzung für Hardy Engel?
Der junge Jürgen Vogel. Und der perfekte Cast für Carl Laemmle: Christoph Waltz! Genau das Alter, das Lächeln, klein, verschroben, charismatisch.

Die Frauen im jungen Roman-Hollywood scheinen ihre Rolle neu zu deuten oder noch zu suchen. Oder die große Freiheit zu erproben. Wie schätzen Sie die „Flapper“-Bewegung ein?
Sie waren frech, forsch, selbstständig, insofern sehr modern. Doch das Alte wehrt sich. Daran u.a. stirbt Virginia Rappe. Es sind erst die Anfänge der 20er – die Frauen werden in diesem Jahrzehnt und in dieser Reihe eine Evolution durchmachen.

Alfred Hitchcock soll ja in jedem seiner Filme kurz aufgetaucht sein. Angenommen, Ihr Romanauftakt wird verfilmt: Wo und wie würden Sie Ihren Kurzauftritt am liebsten inszenieren?
Ich wäre der arbeitslose Schauspieler, an dem die Sahnentortenwürfe geprobt werden. Eine komische Nebenrolle, wie soeben in meinem echten Schauspiel-Debüt (mit 51!): „Der große Rudolph“ von Alexander Adolph, diesen Herbst in der ARD, u.a. mit Hannelore Elsner in Prag gedreht. Da hatte ich eine Stuntszene mit 60 Statisten.

Dies ist der Auftakt einer Reihe. Welche Pläne verfolgen Sie?
Band zwei schreibe ich gerade, 1922 entlang dem authentischen Mord an Regisseur William Desmond Taylor. Es geht auch um Charlie Chaplin, Flugpioniere, korrupte Polizisten und ein Erdbeben. Und Hardy Engel? Ist verliebt … und erscheint im Frühjahr 2019. Der Fall 1923 ist auch schon skizziert.